SOS-Kinderdorf ist eine nichtstaatliche, politisch und konfessionell unabhängige Organisation, die sich für die Bedürfnisse von Kindern einsetzt, hauptsächlich indem sie sogenannte Kinderdörfer betreibt. Die einzelnen, nationalen SOS-Kinderdorf-Organisationen sind im Dachverband der SOS-Kinderdorf International (engl. SOS Children’s Villages International) mit Sitz in Innsbruck zusammengeschlossen, mit Aktivitäten in 137 Ländern und 40.000 Mitarbeitern. Nach eigener Aussage ist die zentrale Aufgabe, „Kindern ein sicheres Zuhause zu geben“. 65.000 Kinder werden beherbergt, die Einnahmen aus Spenden betragen 1,4 Mrd. Euro.Britta Schultejahns: Schwerer Verdacht gegen SOS-Kinderdorf. Leipziger Volkszeitung, 9. Oktober 2021, S. 32. Wesentliches Standbein der Finanzierung ist der Münchner Verein SOS-Kinderdörfer weltweit – Hermann-Gmeiner-Fonds Deutschland.

Untersuchungen ab 2021 ergaben, dass Kinder in SOS-Kinderdörfern in 20 Ländern in Afrika und Asien in den vergangenen 30 Jahren Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch geworden sind, betroffen sind Kinder in rund 50 von 3000 SOS-Kinderdorf-Projekten. Ein Untersuchungsbericht aus dem Jahr 2023 zeigte Verschleierung und Beweisvernichtung.SOS-Kinderdorf vertuschte laut Bericht jahrzehntelang Missbrauch, auf zeit.de. Abgerufen am 18. September 2024. 2025 wurden mehrere Vorwürfe des Missbrauchs an Kindern in SOS-Kinderdörfern in Österreich publik.

Leitbild und Allgemeines mini|50 Jahre SOS-Kinderdörfer: Deutsche Sonderbriefmarke von 1999

Vier Prinzipien kennzeichnen das SOS-Kinderdorf: Jedes Kind braucht eine Mutter und wächst am natürlichsten mit Geschwistern in einem eigenen Haus innerhalb einer Dorfgemeinschaft auf.

Zum Leitbild der SOS-Kinderdörfer gehört es auch, Kindern zu ermöglichen, gemäß ihrer eigenen Kultur und Religion zu leben.

Die Rechtsform von SOS-Kinderdorf ist von Land zu Land unterschiedlich und oft ein Verein oder eine Stiftung. Während in den SOS-Kinderdörfern in Entwicklungs- und Schwellenländern vorwiegend Waisenkinder leben, betreut SOS-Kinderdorf in Industriestaaten heute mehrheitlich sog. „Sozialwaisen“, d. h. Kinder, deren leibliche Eltern ihre Erziehung nicht wahrnehmen können und die auf Vermittlung des Jugendamts im SOS-Kinderdorf untergebracht werden. SOS steht für „Societas Socialis“, was „soziale Gemeinschaft“ heißt.

Geschichte Die Idee Hermann Gmeiners, verwaisten und verlassenen Kindern in der Nachkriegszeit ein neues Zuhause zu geben, wurde im Jahr 1949 mit der Gründung des Vereins SOS-Kinderdorf und der Errichtung des ersten SOS-Kinderdorfes in Imst in Tirol umgesetzt. Als Vorbild diente das hauptsächlich für Kriegswaisen in den Jahren 1944 bis 1946 entstandene Schweizer Kinderdorf in Trogen AR, das nach dem Schweizer Philanthropen und Pädagogen „Kinderdorf Pestalozzi“ benannt wurde. Eröffnet wurde das erste Haus („Haus Frieden“) am 15. April 1951. Hermann Gmeiner investierte sein gesamtes Vermögen von 600 Schilling in die ersten Spendenaufrufe, die dazu aufforderten, den Verein mit einem Schilling monatlich zu unterstützen. Diese Aufrufe fanden eine unerwartete Resonanz.

Erste Kinderdorfmutter war die Burgenländerin Maria Weber (1919–2011), die 1957 in das Kinderdorf in die Hinterbrühl wechselte.Kinderdorf-Mutter Maria Weber gestorben auf ORF-NÖ vom 2. Dezember 2011, abgerufen am 4. Dezember 2011.

Im Jahr 1953 fuhr Hermann Gmeiner zum ersten Mal mit ca. 25 Kindern an den Caldonazzosee, um dort die Ferien zu verbringen. Mit der Zeit wurde dies zu einer Tradition, das „SOS-Feriendorf“ wurde immer größer und es fuhren immer mehr Kinder aus ganz Europa nach Caldonazzo, sodass mittlerweile über 1000 Kinder ihre Ferien jedes Jahr am Caldonazzosee verbringen.

1954 wurde in München der erste deutsche SOS-Verein mit Sitz im Stadtteil Nymphenburg gegründet. SOS-Kinderdorf e. V. ist heute vorrangig mit den 16 deutschen SOS-Kinderdörfern und den zahlreichen Zusatzeinrichtungen befasst. Weiterhin unterstützt der deutsche Verein auch die internationalen SOS-Einrichtungen. Als 1963 in Korea das erste außereuropäische SOS-Kinderdorf in Bau ging, kam es zur Gründung von SOS-Kinderdörfer weltweit, Hermann-Gmeiner-Fonds Deutschland – dieser zweite deutsche SOS-Förderverein finanziert bis heute SOS-Programme in aller Welt.

Die erste bedeutende Mäzenin in Deutschland war die deutsche Industriellengattin Béatrice von Boch-Galhau, die 1959 das erste Kinderdorf in Deutschland aus ihrem Vermögen finanzierte und ihre politischen und geschäftlichen Verbindungen nutzte, um die Idee aktiv zu unterstützen. So konnte gemeinsam mit der Gemeinde Merzig dank der Kooperation mit Landrat Kurt Matthias Linicus das Kinderdorf in Merzig-Hilbringen trotz anfänglicher politischer Bedenken errichtet werden. Zu den Gästen der Einweihungsfeier gehörte schließlich auch Wilhelmine Lübke, die Gattin des damaligen Bundespräsidenten.

Das weltumspannende Kinderhilfswerk hilft in 134 Ländern bedürftigen Kindern, Jugendlichen und Familien mit knapp 2500 Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen, Jugendwohngemeinschaften, Feriendörfern, Berufsausbildungsstätten, Sozialzentren, medizinischen Zentren, Nothilfeprogrammen und über 550 SOS-Kinderdörfern.

Im Jahr 1985 wurde Helmut Kutin noch zu Lebzeiten Hermann Gmeiners von diesem zu seinem Nachfolger ernannt. Die Präsidentschaft übernahm Kutin nach dem Tod Gmeiners im Jahr 1986. Kutin war von 1986 bis Juli 2012 Präsident des Dachverbandes SOS-Kinderdorf International. Zu seinem Nachfolger wurde 2012 der Inder Siddhartha Kaul gewählt, dessen Nachfolge übernahm wiederum 2021 der Äthiopier Dereje Wordofa.

Im Jahr 1995 wurde SOS-Kinderdorf International als „NGO mit beratendem Status (Kategorie II) im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen“ eingestuft. Am 19. Juni 2009 beging SOS-Kinderdorf seine 60-Jahr-Feier mit einem großen Festakt in Imst.

Präsidenten International

bis 1986 Hermann Gmeiner (1919–1986) 1986–2012 Helmut Kutin (1941–2024) 2012–2021 Siddhartha Kaul (* 1954) seit 2021 Dereje Wordofa seit 2025 Domenico ParisiSOS-Kinderdorf. Dachverband für Null-Toleranz-Politik. ORF, 9. November 2025Chair of the International Board. Domenico “Mimmo” Parisi. sos-childrensvillages.org, abgerufen am 9. November 2025

Struktur SOS-Kinderdorf International schließt im Jahr 2025 seine Innsbrucker Verwaltungseinheit.SOS-Kinderdorf schließt Standort Innsbruck. SOS-Kinderdorf International schließt seine Innsbrucker Verwaltungseinheit ORF-Tirol, 25. Juni 2025Umstrukturierung. SOS-Kinderdorf schließt Standort Innsbruck - 85 Mitarbeiter betroffen. Oe24, 26. Juni 2025

Finanzierung der Fördervereine Der in München beheimatete Förderverein SOS-Kinderdörfer weltweit ist der weltgrößte SOS-Förderverein. Er finanziert rund die Hälfte aller internationalen SOS-Einrichtungen. Gemeinsam mit SOS-Fördervereinen und SOS-Stiftungen in aller Welt zeichnen die beiden deutschen SOS-Vereine für den Bau und Erhalt der SOS-Projekte auf vier Kontinenten verantwortlich. Die Einnahmen der Organisation setzen sich etwa hälftig aus Spenden, Patenbeiträgen, Schenkungen, Erbschaften, Unternehmenskooperationen, Stiftungen einerseits, und Öffentlichen Mitteln andererseits zusammen.

Laut den Leistungsberichten der beiden deutschen SOS-Vereine beliefen sich die Einnahmen im Jahr 2012 wie folgt: SOS-Kinderdörfer weltweit: 130 Mio. Euro, SOS-Kinderdorf Deutschland: 119 Mio. Euro aus Spenden, Nachlässen etc., plus 103 Mio. Euro aus Öffentlichen Mitteln.

Die Spenden an die Organisation sind zweckgebunden. Die „Bearbeitungsgebühr“ für Verwaltung, Marketing und PR liegt bei 10 Prozent, d. h. 90 Prozent werden für den eigentlichen Zweck verwendet.http://www.sos-kinderdoerfer.de/helfen/patenschaft/kinderdorf-patenschaft-faq FAQ zu Spenden für ein SOS-Kinderdorf

In Österreich ist die Organisation Träger des Spendengütesiegels. Die beiden deutschen SOS-Kinderdorf-Vereine sind Träger des Spenden-Siegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI).

Im Jänner 2024 hatte SOS-Kinderdorf International 15 Prozent der 690 Stellen abgebaut. Für das erste Quartal 2025 wurde ein Abbau von weiteren 20 Prozent angekündigt.

SOS-Kinderdörfer in der Welt Nach eigenen Angaben gibt es derzeit weltweit folgende SOS-Einrichtungen (Stand 2016): Kinderdörfer: 567 Jugendeinrichtungen: 675 Kindergärten: 216 Schulen: 183 Ausbildungsstätten: 96 Sozialzentren und Projekte der SOS-Familienhilfe: 672 Medizinische Zentren: 79 Nothilfeprogramme: 25

Derzeit betreut die Organisation weltweit rund 1,5 Mio. Kinder und deren Angehörige.

Asien In Südkorea wurde im Jahr 1963 das erste außereuropäische SOS-Kinderdorf gebaut. Heute gibt es in Asien 128 SOS-Kinderdörfer und rund 350 SOS-Zusatzeinrichtungen. Über 224.000 Menschen erhalten dort Hilfe zur Selbsthilfe. In Indien findet sich die weltweit höchste Zahl an SOS-Kinderdörfern, 39, von denen in 8 Kinderdörfern ausschließlich tibetanische Flüchtlingskinder leben.http://www.sos-kinderdorfinternational.org/Wo-wir-helfen/Asien/Pages/default.aspx In Syrien wurden SOS-Übergangsheime eröffnet, die unbegleitete Flüchtlingskinder und Bürgerkriegswaisen aufnehmen, das erste davon 2014 in Damaskus.

Amerika und Karibik Beinahe zeitgleich zu Asien begann im Jahr 1963 auch das Engagement in Südamerika, wo in Argentinien das erste SOS-Kinderdorf des Kontinents entstand. Heute gibt es in Südamerika und der Karibik 122 SOS-Kinderdörfer und 330 SOS-Zusatzeinrichtungen. In El Alto (Bolivien) findet sich das höchstgelegene SOS-Kinderdorf der Welt (4000 m über dem Meeresspiegel).http://www.sos-kinderdorfinternational.org/Wo-wir-helfen/Amerika/Pages/default.aspx

Afrika Im Jahr 1970 entstand an der Elfenbeinküste das erste afrikanische SOS-Kinderdorf. Heute gibt es in 46 afrikanischen Staaten insgesamt 134 SOS-Kinderdörfer und über 300 SOS-Zusatzeinrichtungen.http://www.sos-kinderdorfinternational.org/Wo-wir-helfen/Afrika/Pages/default.aspx

Europa SOS-Kinderdorf Österreich ist der Gründungsverein (1949) und unterhält in allen Bundesländern von Österreich Einrichtungen. SOS-Kinderdorf Deutschland: Es gibt mit Stand 2025 38 SOS-Kinderdörfer, ein SOS-Mütterzentrum in Salzgitter und die „Botschaft für Kinder“ in Berlin. Das erste SOS-Kinderdorf in Deutschland wurde 1956 in Dießen am Ammersee (Bayern) erbaut. Im Jahr 2005 wurde das erste städtische Kinderdorf Europas in Berlin-Moabit eröffnet. Dort leben die SOS-Familien in Wohnungen inmitten einer Großstadt. Zu SOS-Kinderdorf Deutschland gehören auch Einrichtungen wie Dorfgemeinschaften für Menschen mit Behinderungen, Berufsausbildungszentren für die Ausbildung sozial benachteiligter Jugendliche, SOS-Mütterzentren, Jugendwohngruppen und ambulante Jugendhilfen. Die Stiftung SOS-Kinderdorf Schweiz wurde 1964 gegründet. Sie übernimmt die Finanzierung von Kinderdörfern und Zusatzeinrichtungen in der ganzen Welt,SOS-Kinderdorf in der Schweiz betreibt in der Schweiz selbst aber kein Dorf, da dort die ältere und als Vorbild dienende Einrichtung Kinderdorf Pestalozzi zu Hause ist. SOS-Kinderdorf Liechtenstein, 2019 gegründet, ist der jüngste nationale Verein im deutschsprachigen Raum. Das erste osteuropäische SOS-Kinderdorf entstand 1970 im tschechoslowakischen Doubí. In Ungarn wurde das erste Kinderdorf 1983 in Battonya nahe der rumänischen Grenze errichtet. 1990 gingen in Kecskemét und kurz darauf in Kőszeg zwei weitere Dörfer in Betrieb. Weiters gibt es hier noch vier SOS-Jugendeinrichtungen, einen SOS-Kindergarten sowie ein SOS-Sozialzentrum.SOS-Kinderdörfer in Ungarn, abgerufen am 6. Juni 2011. Im italienischen Caldonazzo wurde von Hermann Gmeiner 1953 ein Feriencamp errichtet, in dem jedes Jahr mittlerweile über 1000 Kinder, die meisten davon aus SOS-Kinderdörfern aus ganz Europa, ihre Sommerferien verbringen. In Finnland existieren sechs Kinderdörfer, das erste wurde 1962 eröffnet. In Vihanti besteht seit 1982 ein SOS-Kinderdorf.

Vorwürfe und Missbrauch Kinderrechtsverletzungen