Die Waldvöglein (Cephalanthera) sind eine Pflanzengattung innerhalb der Familie der Orchideen (Orchidaceae).
Beschreibung mini|Illustration aus Abbildungen der in Deutschland und den angrenzenden gebieten vorkommenden grundformen der Orchideenarten, Tafel 57 des Weißen Waldvöglein (Cephalanthera damasonium) mini|Unreife aufrecht Kapselfrucht des Langblättrigen Waldvöglein (Cephalanthera longifolia)
Vegetative Merkmale Die Waldvöglein-Arten sind schlanke, ausdauernde krautige Pflanzen. Das Rhizom ist kurz, kriechend und oft verzweigt. Die Wurzeln stehen gebüschelt, sind bei den autotrophen Arten zahlreich und teilen sich in senkrecht stehende, dickere Speicherwurzeln und waagrecht stehende verpilzte Wurzeln auf.
Der Stängel ist aufrecht, unverzweigt, zylindrisch, gerillt, bei den autotrophen Arten grün, beblättert, kahl oder am oberen Ende behaart, mit einer oder wenigen etwa kahnförmigen bis zylindrischen Blattscheiden am Grund. Die sitzenden Laubblätter sind grund- und wechselständig in spiraliger Anordnung. Die einfachen Blattspreiten sind eiförmig bis lanzettlich oder linealisch, längs gefaltet, längsnervig ohne erkennbare Quernerven, ganzrandig, grün, ungefleckt, mit verschmälerter Spreitenbasis, die den Stängel umscheidet; bei den mykotrophen Arten sind Blätter weiß und zu häutigen Scheiden zurückgebildet.
Generative Merkmale Der endständige, traubige Blütenstand mit gerader, aufrechter, in etwa zylindrischer Achse enthält locker angeordnet viele bis wenige Blüten, selten nur eine Blüte. Die Tragblätter der unteren Blüten sind meist blattähnlich, aber nicht scheidig, und überragen die Blüten meist, die der oberen Blüten sind viel kürzer.
Die Blüten sind um 180° verdreht, ziemlich aufrecht, mehr oder weniger sitzend. Die zwittrigen Blüten sind zygomorph, wenig geöffnet und glockenförmig, selten weit geöffnet. Die Blütenfarben sind weiß, rosafarben oder gelb. Der Fruchtknoten ist leicht verdreht und kahl. Die Kelchblätter (Sepalen) sind frei, einander ähnlich und etwa gleich groß. Die seitlichen Kronblätter (Petalen) sind etwas kürzer als die Sepalen und neigen mit diesen mehr oder weniger stark nach vorne zu einem Helm zusammen. Die Lippe ist am Grund der Säule angewachsen; sie ist zweigliedrig, selten einfach. Der hintere Abschnitt (Hypochil) ist konkav und besitzt zwei aufrechte Seitenlappen, die die Säule umhüllen. Es ist am Grunde ausgesackt oder hat einen kurzen Sporn; Nektar wird nicht angeboten. Der vordere Abschnitt (Epichil) ist von fester Struktur, ausgebreitet, eiförmig-elliptisch mit stumpfem oder spitzem oberen Ende, die Oberseite besitzt drei bis sieben Längslamellen. Die Säule ist aufrecht, meist mit zwei schmalen, seitlichen Flügeln. Das Staubblatt ist aufrecht, herabklappbar, zweifächerig, mit zwei jeweils zweiteiligen, körnig-mehligen, ungestielten Pollinien, denen die Klebdrüsen (Viscidien) fehlen. Die Narbe ist konkav und gerundet, ohne ausdifferenziertes Rostellum.
Die Kapselfrüchte sind aufrecht, länglich und enthalten viele Samen. Die Samen sind flach und netznervig mit verbreiterten Maschen.
Ökologie Bei Cephalanthera-Arten handelt es sich um autotrophe oder voll myko-heterotrophe Rhizom-Geophyten. Über Adventivknospen kann eine vegetative Vermehrung erfolgen.
Einige Arten sind selbstbestäubend.
mini|Cephalanthera austiniae mini|Cephalanthera falcata mini|Cephalanthera longibracteata mini|Cephalanthera ×schulzei
Systematik und Verbreitung Taxonomie Die Gattung Cephalanthera wurde im Jahr 1818 durch den französischen Botaniker Louis Claude Marie Richard in Mémoires du Museum d'Histoire Naturelle, Band 4, Seite 51 aufgestellt. Der Gattungsname Cephalanthera setzt sich aus den altgriechischen Wörtern κεφαλή kephalē für „Kopf“ und ἀνθηρός anthērós für „blühend“ zusammen und weist darauf hin, dass die Anthere der Columna wie ein Kopf aufsitzt. Synonyme für Cephalanthera sind: Callithronum , Dorycheile , Eburophyton , Lonchophyllum , Tangtsinia , Xiphophyllum
Arten und ihre Verbreitung Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich hauptsächlich in Nordafrika und Eurasien. Eine von drei mykotrophen Arten kommt aus dem westlichen Nordamerika.
Die Gattung Cephalanthera enthält seit 2023 etwa 20 Arten:
Europa, Nordafrika und Vorderasien Kaukasisches Waldvöglein (Cephalanthera caucasica ): Es kommt vom Kaukasusraum bis zum nordwestlichen Iran vor. Kretisches Waldvöglein (Cephalanthera cucullata ): Dieser Endemit kommt nur im zentralen sowie östlichen Kreta vor. Weißes Waldvöglein (Cephalanthera damasonium ) Gesporntes Waldvöglein (Cephalanthera epipactoides ): Es kommt von den Ägäischen Inseln des nordwestlichen Griechenland bis zu westlichen sowie nördlichen Türkei vor. Kotschys Waldvöglein (Cephalanthera kotschyana ): Es kommt von der Türkei bis zum Kaukasusraum vor. Kurdisches Waldvöglein (Cephalanthera kurdica ): Es kommt von der Türkei bis zum Iran vor. Langblättriges Waldvöglein oder Schwertblättriges Waldvöglein (Cephalanthera longifolia ) Rotes Waldvöglein (Cephalanthera rubra )
Ostasien Cephalanthera alpicola : Sie kommt nur in Taiwan vor. Sie wird auch als Synonym zu Cephalanthera longifolia gestellt. Cephalanthera calcarata : Sie kommt nur im nordwestlichen Yunnan vor und ist mykotroph. Cephalanthera erecta : Sie ist im gemäßigten Ostasien bis zum östlichen Himalaya verbreitet. Cephalanthera ericiflora : Sie wurde 2008 aus Laos erstbeschrieben. Cephalanthera exigua : Sie kommt im nördlichen Thailand und in Laos vor. Cephalanthera falcata : Sie ist in Japan, im südlichen Korea und im südlichen China verbreitet. Cephalanthera gracilis : Sie kommt nur im nordwestlichen Yunnan vor und ist mykotroph. Cephalanthera humilis : Sie wurde 2011 aus Yunnan erstbeschrieben. Cephalanthera longibracteata : Sie ist vom Russlands Fernem Osten bis Korea, Japan und Laos weitverbreitet. Cephalanthera nanchuanica (Syn.: Tangtsinia nanchuanica ): Sie kommt in Sichuan vor. Cephalanthera pusilla : Sie kommt vom südlichen China bis Myanmar. Cephalanthera yintiaolingensis : Sie wurde 2023 aus Chongqing erstbeschrieben.
Nordamerika Cephalanthera austiniae : Sie gedeiht in Höhenlagen von 0 bis 2200 Metern im westlichen Nordamerika im kalifornischen British Columbia und in den US-Bundesstaaten Washington, Kalifornien, Idaho sowie Oregon und sie ist mykotroph.
Naturhybriden Cephalanthera ×mayeri (Cephalanthera damasonium × Cephalanthera rubra) Cephalanthera ×otto-hechtii (Cephalanthera longifolia × Cephalanthera rubra) Cephalanthera ×renzii (Cephalanthera caucasica × Cephalanthera longifolia) Cephalanthera ×schaberi (Cephalanthera epipactoides × Cephalanthera longifolia) Cephalanthera ×schulzei (Cephalanthera damasonium × Cephalanthera longifolia) Cephalanthera ×taubenheimii (Cephalanthera damasonium × Cephalanthera kotschyana)
Bildergalerie
Quellen 40003906 Charles J. Sheviak, Paul M. Catling: In Cephalanthera Richard. - textgleich online wie gedrucktes Werk. M. L. Alarcón & Carlos Aedo: Cephalanthera. In Helmut Baumann: Cephalanthera. In: Arbeitskreise Heimische Orchideen (Hrsg.): Die Orchideen Deutschlands, Verlag AHO Thüringen, Uhlstädt – Kirchhasel 2005, ISBN 3-00-014853-1, S. 242. Xinqi Chen, Stephan W. Gale, Phillip J. Cribb: In: (Cephalanthera Richard. - textgleich online wie gedrucktes Werk). Ronald A. Coleman, Dieter H. Wilken & William F. Jennings, 2012: Datenblatt Cephalanthera In: Jepson Flora Project (Hrsg.): Jepson eFlora.
Weiterführende Informationen Literatur Fritz Füller: Epipactis und Cephalanthera (Orchideen Mitteleuropas, 5. Teil). 4. Auflage (unveränderter Nachdruck der 3. Auflage von 1986). Westarp Wissenschaften, Hohenwarsleben 2005 (Die Neue Brehm-Bücherei, Band 329), ISBN 3-89432-310-8. Rudolf Schlechter: Die Orchideen 4 Bd. & Regist. 3. Auflage (überarb. Senghas, K., 1985–2003). Hans Sundermann: Europäische und mediterrane Orchideen. 2. Auflage. Brücke-Verlag, Hildesheim 1975, ISBN 3-87105-010-5. J.G. Williams et al.: Orchideen Europas mit Nordafrika und Kleinasien. BLV Verlag, München 1979, ISBN 3-405-11901-4.
Weblinks
Orchideen der Südsteiermark Cephalanthera Waldvögelein.