mini|Chinesische Kulis; um 1871

Als Kuli () wurden überwiegend chinesische und südasiatische ungelernte Lohnarbeiter im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts bezeichnet, die für ein Unternehmen als Kontraktarbeiter oder Tagelöhner arbeiteten. Ihr Einsatz erfolgte überwiegend auf Plantagen, in Kohleminen, als Lastenträger oder für andere gering bezahlte körperliche Tätigkeiten.

Die Anwerbung der Kulis erfolgte oft unter Zwang und mittels Methoden, die dem Sklavenhandel entsprachen. Die Mehrzahl der Betroffenen wurde in britische Kolonialgebiete Südostasiens sowie Mittel- und Südamerikas verbracht. Aufgrund der erzwungenen Ab- und Ausgrenzung in den Zielländern entwickelte sich die Diaspora der Überseechinesen.Berliner und Pommerscher Evangelischer Gesamtverein für die Chinesische Mission: Evangelischer Reichsbote. Band 23. Wiegandt und Grieben, 1873, S. 87.Jochen Kleining: Überseechinesen zwischen Diskriminierung und ökonomischem Erfolg. Konrad-Adenauer-Stiftung e. V., 2008, S. 1.

Das Wort Kuli hat sich in verschiedenen Ländern als Bezeichnung für Gepäckwagen (Kofferkuli) auf Bahnhöfen erhalten. Auf Personen bezogen kann es abwertend verstanden werden.

Etymologie Nach dem Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache geht das Wort Kuli über englisch coolie und Hindi कुली kulī „Lastträger“ auf den Namen einer Ethnie im nordwestindischen Gujarat zurück, deren Angehörige sich oft als Lohnarbeiter verdingten. Auch eine mögliche Herkunft vom tamilischen கூலி kūli, „Lohn, Tagelohn“, wird vorgeschlagen.Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold, 25. Auflage, De Gruyter, Berlin/Boston 2011, Stichwort „Kuli1“.

Eine andere Theorie vermutet den Ursprung in einer Turksprache, dem Tschagataischen, die Sprache Baburs, der im 16. Jahrhundert Nordindien eroberte. Darauf deutet das türkische Wort kul mit der Bedeutung „Knecht, Sklave“ hin. In diesem Fall hätte sich das Wort über Urdu qulī in weitere Sprachen Indiens verbreitet.

Ins Chinesische ist das Wort erst später gelangt. Dort sieht es in der Form , wie eine chinesische Zusammensetzung aus. Die Bedeutung von „“ ist nämlich „bitter, hart“ und „“ kann als „Arbeitskraft“ aufgefasst werden. Deshalb ist der Ursprung des Wortes gelegentlich im Chinesischen vermutet worden.

Niederländisch koelie war gleichfalls die Bezeichnung für die Vertragsarbeiter (niederländisch contractarbeiders) in Niederländisch-Indien zwischen etwa 1820 und 1941.

Geschichte mini|Anlegeplatz in Macau um 1900, von wo aus viele Kulis verschifft wurden; vermutlich 1900–02 mini|Chinesische Arbeitskräfte beim Bau der First Transcontinental Railroad; USA um 1865 hochkant|mini|Chinesischer Kuli während der Amerikanischen Kolonialzeit auf den Philippinen; 1899 mini|Der chinesische Fotograf Lai Afong (um 1839–1890) inszeniert in der britischen Kronkolonie Hongkong in einer Studioaufnahme drei chinesische Kulis; vor 1890.

Seit dem Wiener Kongress 1814 war der Sklavenhandel weltweit verboten, in den USA erst 1864. Dadurch fehlten in den überseeischen Kolonien die schwarzen Sklaven als billige Arbeiter. Die entstandene Lücke wurde schnell durch Blackbirding und in enormen Dimensionen durch das sogenannte Indentured Labour, ein 1806 durch die Briten weltweit eingeführtes System der Kontraktarbeit, geschlossen. Betroffen waren indische, ab 1840 größtenteils chinesische Arbeitskräfte, die auf Basis der Indenturverträge die Bezeichnung Kulis erhielten.Reinhard Sieder: Globalgeschichte 1800–2010. Böhlau Verlag, 2010, S. 102.

Die Beschaffung der Kulis war häufig mit Verschleppung verbunden und erfolgte zu einem großen Teil über Hauptumschlagsplätze wie Hongkong, Kanton und insbesondere Macau. Überwiegend junge Männer wurden unter häufig falschen Versprechen, unter Zwang und teilweise durch Entführung in „gefängnisartige, niedrige Baracken“ (Barracoons) gesperrt und später verschifft. In diesen Depots waren „die Kulis in einer Weise untergebracht, die ohne Übertreibung als unmenschlich bezeichnet werden müssen“, wie das deutsche Konsulat noch 1902 nach Berlin berichtete.Sebastian Conrad: Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich. C. H. Beck, 2010, S. 179. Die Insassen der Barracoons gelangten, nicht selten unter Anwendung von Gewalt, auf meist überfüllte Dampfschiffe. Die Bedingungen der Unterbringung, Verpflegung und Überfahrt waren häufig so unerträglich, dass es nicht nur zu zahlreichen Todesfällen, sondern wiederholt zu Revolten und Meutereien kam.Berliner und Pommerscher Evangelischer Gesamtverein für die Chinesische Mission: Evangelischer Reichsbote. Band 23. Wiegandt und Grieben, 1873, S. 87.Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt: eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. C.H. Beck, München, 2009, ISBN 978-3-406-61481-1, S. 246 ff.

An dem Kulihandel waren nahezu alle Nationen beteiligt, die Handel in Ostasien trieben. Von Hongkong und Macau wurden Hunderttausende Arbeitskräfte nach Singapur verbracht, wo sich im Laufe des 19. Jahrhunderts eine große chinesische Diaspora etablierte. Singapur entwickelte sich zum wichtigsten „Kuli-Umschlagplatz“. Von dort wurden die „Auswanderer“ in offiziell sogenannten Kulipassagen nach Afrika, Nord-, Mittel- und Südamerika und ganz Südostasien verschifft. Den Transport der Menschen von China nach Singapur beherrschten fast ausschließlich britische Reedereien in Linienschifffahrt.

Unter den 289 Dampfern, die in einem regelrechten Dauerbetrieb beispielsweise im Jahr 1890 chinesische Arbeiter nach Singapur brachten, befand sich nur ein chinesisches Schiff. Allerdings beteiligten sich keine zehn Jahre später Chinesen, die in Singapur die britische Staatsangehörigkeit erworben hatten, an dem „Kuli-Export“ und richteten unter britischer Flagge eigene Dampferlinien ein. Der größte Bedarf an billigen Arbeitskräften bestand in britischen und französischen Kolonien. Auch deutsche Unternehmer warben Kulis für die Arbeit in einzelnen deutschen Kolonien an.Sebastian Conrad: Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich. C. H. Beck, 2010, S. 211 f.

Der Transport nach Nord- und Südamerika erfolgte mit amerikanischen, überwiegend jedoch ebenfalls mit britischen Schiffen und brachte den Händlern und Kapitänen die höchsten Gewinne. Viele Chinesen starben bei der Überfahrt. Für diejenigen, die das Zielland erreichten, hatte dieses oft nicht mehr zu bieten als China selbst.Peter Haberzettl, Roderich Ptak: Macau. Geographie, Geschichte, Wirtschaft und Kultur. Otto Harrassowitz Verlag, 1995, S. 10. Kulis wurden häufig zu harten Arbeiten auf den Plantagen, in Bergwerken oder in Amerika vor allem bei dem Bau der Eisenbahn und in kalifornischen Minen herangezogen. Sie hatten einen „Kuli-Vertrag“ zu unterschreiben, durch den sie sich unter strengen Auflagen an das jeweilige Unternehmen banden (Indentur). So musste ein Kuli mindestens zehn Stunden am Tag arbeiten und durfte nicht ohne vorherige Erlaubnis die Arbeitsstätte verlassen.

Auch junge Frauen und Kinder wurden entführt. Der Anteil verheirateter Frauen, die den Weg ins Ausland fanden, lag Schätzungen zufolge bei weniger als 15 Prozent. Das heißt, fast 85 Prozent der deportierten Frauen waren junge Mädchen, die gezielt als Prostituierte mit verschifft wurden, da die „Gelbe Rasse“ unter sich bleiben sollte. Die Angst vor der „Rassenmischung“ vereinte alle Kolonialmächte. In den USA und Australien hatte die xenophobe Propaganda der „Gelben Gefahr“ bereits eine längere Geschichte; in Europa begann die fremdenfeindliche Konjunktur erst in den 1890er Jahren. Es handelte sich dabei um ein US-amerikanisches und gesamteuropäisches Ressentiment gegen ostasiatische Völker, insbesondere gegen Chinesen.Sebastian Conrad: Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich. C. H. Beck, 2010, S. 184.

Während die Mehrzahl europäischer Forscher in der neueren Historiografie die illegalen Methoden bei der Rekrutierung der chinesischen Arbeiter nicht verleugnet, behaupten nicht wenige US-amerikanische Historiker, ohne dies belegen zu können, dass „Chinesen, die nach Nordamerika gingen, dies fast ausnahmslos als freie Männer mit landwirtschaftlicher, handwerklicher oder kaufmännischer Berufserfahrung taten und nicht als Kulis“; sie räumen aber ein, dass „die chinesischen Einwanderer in den USA vor dem Hintergrund der anti-chinesischen Propaganda der Zeit häufig abwertend als Kulis bezeichnet wurden“.David M. Brownstone: The Chinese-American Heritage, New York, Oxford (FactsOnFile) 1988, ISBN 0-8160-1627-5

Tatsächlich haben sich amerikanische Unternehmen mit Billigung der US-Regierung aktiv an dem Menschenhandel beteiligt. Dokumentiert sind unter anderem zeitgenössische Angaben des Kapitäns der Messenger, ein amerikanisches Schiff, das regelmäßig Kulipassagen zwischen San Francisco und Hongkong anbot. Beispielsweise vermerkte der Kapitän am 5. Oktober 1859 im Logbuch: „500 Kulis an Bord, von denen die meisten, wenn nicht alle, in den Küstenregionen entführt wurden.“Gregory Yee Mark: Political, Economic and Racial Influences on America's First Drug Laws. University of California, Berkeley, 1978, S. 183.

Nachweislich gelangten allein über San Francisco zwischen 1870 und 1882 jährlich rund 18.000 Chinesen in die USA. Der Chinese Exclusion Act schränkte ab 1882 zwar die Immigration stark ein, konnte jedoch umgangen werden, wenn die Schiffe zuerst Häfen in Zentralamerika anliefen. Während und nach dem Philippinisch-Amerikanischen Krieg, bei dem etwa eine Million Filipinos ums Leben kamen, setzte die neue amerikanische Kolonialmacht ungezählte chinesische Kulis als billige Arbeitskräfte in den Kolonien und Protektoraten der Vereinigten Staaten ein. Auch über Hawaii und Kuba lief der Kulihandel amerikanischer Firmen weiter, wo Tausende Chinesen für die Arbeit auf Zuckerrohrplantagen eingesetzt wurden.Sebastian Conrad: Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich. C. H. Beck, 2010, S. 179 f.

In die internationale Seemannsprache ging die gewaltsame Rekrutierung der Arbeitskräfte als Schanghaien ein. Seinen Höhepunkt erreichte der Kulihandel zwischen 1890 und 1911. Der weitaus größte Teil der chinesischen Kulis gelangte in die britischen Straits Settlements sowie britischen Kolonien in der Südsee und Australien. Allein schon bis 1858 sollen nach Australien rund 40.000 Chinesen verschifft worden sein, nachdem die britische Regierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts keine Strafgefangenen mehr nach „Down Under“ deportierte, weshalb ein Mangel an Arbeitskräften speziell in der australischen Wollproduktion bestand.

Nach der Jahrhundertwende erfolgte die Verschiffung vieler Kulis nach Südafrika. In der Folge des Zweiten Burenkrieges fehlten in den dortigen Goldminen billige Arbeiter, so dass die britische Regierung den Transport indischer und chinesischer Kulis überwiegend nach Transvaal forcierte. Allein zwischen Juni 1904 und November 1906 kamen 63.296 chinesische Kulis in der Transvaal-Kolonie an.

Der Kulihandel brach erst nach Gründung der Republik China zusammen, nachdem Sun Yat-sen 1912 für Menschenhandel in China konsequent die Todesstrafe durchsetzte – auch das ein Beleg dafür, dass bis dahin die Mehrzahl der Auswanderungen nicht freiwillig erfolgte.Eberhard Panitz: Treffpunkt Banbury. Das Neue Berlin, 2003, S. 33 f.

Zeitzeugnisse mini|hochkant|Kulis in einem britischen Bergwerk in China; 1913 mini|hochkant|Chinesische Kulis beladen mit Tee; 1908 mini|Assamesische Kulis bei der Ablieferung von Tee an britischen Kolonialherren; um 1903 mini|Von Japanern angeworbene chinesische Kulis; um 1904 mini|Kuli beim Setzen von Teepflanzen; Britisch-Indien; um 1907

Ein bemerkenswertes Zeitdokument stellt ein Bericht pommerscher Missionare dar, der unter der Überschrift Der Kulihandel – Ein Aufruf an die Menschheit des 19. Jahrhunderts am 1. November 1873 in der Zeitung Evangelischer Reichsbote erschien (Auszüge, gekürzt):