mini|Jean Moulin (1937) mini|Denkmal für Jean Moulin in Les Clayes-sous-Bois (Yvelines) Jean Moulin [] (* 20. Juni 1899 in Béziers, Département Hérault; † 8. Juli 1943 bei Metz, Département Moselle) war ein wichtiger Leiter der französischen Résistance während des Zweiten Weltkriegs.
Zu Beginn des Westfeldzugs war Moulin Präfekt des Départements Eure-et-Loir, wurde aber nach der Besetzung Frankreichs entlassen. Daraufhin schloss er sich dem französischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer an, der lange in zahlreiche Lager zersplittert blieb. Dem Beamten Moulin gelang es, die Untergrundkämpfer zu einen – was ihn zu dem von den deutschen Besatzern und dem Vichy-Regime meistgesuchten Widerstandskämpfer machte.Ulrike Rückert: Die Armee im Schatten. In: Der Zweite Weltkrieg. Teil 2: 1943–1945. GEO Epoche, Nr. 44, Gruner + Jahr, Hamburg 2010, S. 34–35, hier: S. 34. Im Juni 1943 wurde Moulin von der Gestapo verhaftet. Er starb an den Folgen der Folter in Haft.
Leben Vorkriegszeit Jean Moulin wurde als Sohn von Blanche geb. Pègue (1867–1947)Alan Clinton: Jean Moulin, 1899–1943. The French Resistance and the Republic. S. viii. (link.springer.com, abgerufen am 16. September 2018). und Antoine Moulin (1857–1938) in Béziers geboren. Sein Vater war Erdkundelehrer und engagierte sich politisch, war Mitglied im Bund der Freimaurer, des Parti Radical Socialiste und der Liga für Menschenrechte. Sein Vorbild beeinflusste den Sohn, der sich für Geschichte und die großen politischen Debatten seiner Zeit interessierte. Er schrieb sich an der Universität Montpellier für das Fach Rechtswissenschaften ein. Gleichzeitig arbeitete er dank der Unterstützung seines Vaters im Kabinett der Präfektur des Département Hérault. Jean Moulin wurde im April 1918 zur französischen Armee eingezogen, aber der Erste Weltkrieg war zu Ende, bevor er an einer Kampfhandlung teilnehmen musste. Nach dem Krieg nahm er das Jura-Studium wieder auf und erreichte 1921 seinen Abschluss. 1922 wurde er Kabinettschef (chef de cabinet) des Präfekten des Départements Savoie. Von 1925 bis 1930 bekleidete er das Amt des Unterpräfekten von Albertville. Er war zu dieser Zeit der jüngste Unterpräfekt in Frankreich.
Im September 1926 heiratete er Marguerite Cerruti (* 1907), von der er sich aber bereits 1928 wieder scheiden ließ.
mini|Karikaturportrait Georges Mandel von Moulin alias Romanin 1930 wurde er Unterpräfekt von Châteaulin. Im Dezember 1932 wurde er von seinem Freund, dem Minister Pierre Cot, einem Pazifisten, mit dem er die Leidenschaft für das Skifahren teilte, in das Kabinett des Auswärtigen Dienstes berufen. Ein Jahr später ging er als Unterpräfekt nach Thonon-les-Bains. Gleichzeitig wurde er von Cot 1933 bis 1936 während der Volksfrontregierung in das Luftfahrtministerium berufen. Seine wichtigste Aufgabe war die Nationalisierung der Luftfahrtgesellschaften, d. h. die Schaffung der Air France. 1934 nahm er die Funktionen des Generalsekretärs der Präfektur Somme in Amiens ein. Daneben reiste er im Auftrag von Cot mehrmals nach Spanien, um Hilfe für die Bürgerkriegsflüchtlinge zu organisieren. Moulin organisierte auch während des Waffenembargos die Lieferung leichter französischer Kriegsflugzeuge an die spanische linksgerichtete Regierung im Auftrag von Cot und unter stillschweigendem Einverständnis von Regierungschef Léon Blum.Dierk Ludwig Schaaf: Jean Moulin, Begründer der Résistance – Der französische Widerstand gegen Gestapo und Nazi-Herrschaft. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2022, ISBN 978-3-95558-324-8, S. 22.
Während dieser Zeit schrieb er politische Satiren und zeichnete Karikaturen unter dem Pseudonym Romanin in der Zeitschrift Le rire (das Lachen).
Im Januar 1937 wurde er in Rodez im Département Aveyron der jüngste Präfekt Frankreichs. Er war ein für die damalige Zeit ziemlich ungewöhnlicher Präfekt, da er sportliche Aktivitäten wie Tennis, Segeln, Schwimmen, Radfahren und Skifahren ausübte.
Die Résistance 1939 wurde er zum Präfekten des Départements Eure-et-Loir (Hauptstadt Chartres) berufen. Anfangs wollte er als Unteroffizier der Reserve zur Armée de l’air, aber der Innenminister benötigte ihn dringender in der Zivilverwaltung und kommandierte ihn persönlich nach 13 Tagen aus dem 117. Bataillon zurück auf seinen Posten als Präfekt. Nachdem am 10. Mai 1940 die deutsche Armee die Somme- und Aisne-Front durchbrochen hatte und zahlreiche Flüchtlinge nach Chartres strömten, wurde Chartres im Juni 1940 bombardiert. In dieser Zeit hatte er die Unterbringung der Flüchtlinge nicht ohne Schwierigkeiten zu organisieren. Im Juni 1940 wurde er Mitglied im Bund der Freimaurer.Douglas Johnson: The Mystery of Jean Moulin. In: Los Angeles Times. 1. September 2002. (articles.latimes.com, abgerufen am 22. November 2012).Daniel Ligou: Dictionnaire de la Franc-maçonnerie. 1998, ISBN 2-13-048639-8.
Am 9. Juni 1940 wurde Amiens besetzt. Die deutschen Besatzer verhafteten ihn noch im gleichen Monat, weil er – nachdem er gegen den Mord an einer französischen Zivilistin bei einer Wehrmachtsstelle protestiert hatte – sich trotz Schlägen weigerte, ein deutsches Dokument zu unterzeichnen, in dem fälschlich senegalesische Angehörige der Französischen Armee für ein angebliches Massaker an der Zivilbevölkerung in Saint-Georges-sur-Eure verantwortlich gemacht wurden. In Wirklichkeit waren es Opfer des deutschen Bombardements. Die Nationalsozialisten verdächtigten ihn außerdem, Kommunist zu sein. Im Gefängnis unternahm er, wohl in der Vorstellung, seine Peiniger würden ihn zu Tode prügeln, wenn er nicht unterschreibe, einen Selbstmordversuch. Er versuchte, sich die Kehle mit einer Glasscherbe aufzuschneiden. Dies hinterließ später eine Narbe, die er mit einem Schal verdeckte.
Am 2. November 1940 befahl das Vichy-Regime allen Präfekten, alle Bürgermeister der Linken in Städten und Dörfern zu entlassen. Als Moulin sich weigerte, wurde er selbst aus dem Amt entlassen. Er lebte seitdem im elterlichen Haus in Saint-Andiol (Département Bouches-du-Rhône). Nach Diskussionen mit Henri Frenay, der die Kampfgruppe Combat gegründet hatte, und Pierre Villon, der die Kommunisten zum Widerstand zu organisieren versuchte, trat er der Résistance bei. Schnell erkannte Moulin die Notwendigkeit, die Résistance im Inneren mit de Gaulles Komitee für ein freies Frankreich in London (France libre) zu vereinen.
Am 21. August 1941 erschoss ein junger Militanter, der sich Colonel Fabien (Oberst Fabien) nannte, in der Pariser Métro-Station Barbès Rochechouart den Offiziersanwärter der deutschen Kriegsmarine Alfons Moser von hinten. Dieses Attentat wirkte wie ein Fanal: Die Gestapo und die Polizei des Vichy-Regimes verstärkten ihre Anstrengungen, den Widerstand zu brechen, während gleichzeitig junge Militante sich zum Maquis zusammenschlossen, um Sabotageakte vorzubereiten.
Mit Hilfe eines amerikanischen Diplomaten in der unbesetzten Zone reiste Moulin im September 1941 über Spanien und Portugal unter dem Decknamen Joseph Jean Mercier nach London und traf neben André Dewavrin und anderen Exilfranzosen auch General Charles de Gaulle, den er über den Umfang und die Bedeutung eines integrierten inneren Widerstands durch eine im Oktober 1941 verfasste Studie mit dem Titel The Activities, Plans and Requirements of the Groups formed in France aufklärte. Anfangs unentschieden, wem unter den Exilfranzosen und Briten er vertrauen konnte, überzeugte ihn die patriotische Haltung de Gaulles. Dieser entsandte ihn daraufhin als seinen persönlichen Beauftragten in die unbesetzte Zone, um die Zersplitterung der verschiedenen Widerstandsgruppen zu überwinden und zur Résistance zu vereinigen. In der Nacht vom 1. auf den 2. Januar 1942 sprang er mit dem Fallschirm in den Alpilles nahe Avignon ab. Er brachte ein Funkgerät und eine große Summe Geldes mit, die er u. a. für den Aufbau einer Widerstandspresse verwendete, und lernte Georges Bidault und Albert Camus kennen. Sein Hauptquartier errichtete Moulin in Lyon. Dabei wurde er von Laure Diebold, Daniel Cordier und Hugues Limonti unterstützt.
Er lebte fortan unter zwei Legenden: Unter der eines Landwirts in St.-Andiol erhielt er Rationierungsmarken. Die andere Legende, unter der er eine Kunstgalerie mit seinem früheren Pseudonym Romanin in Nizza betrieb, erlaubte ihm zu reisen. Unter den Kampfnamen Rex und ein Jahr später Max traf er die verschiedenen Leiter der rivalisierenden, paramilitärischen Widerstandsgruppen in der südlichen, unbesetzten Zone: seinen Freund Henri Frenay vom Combat, der in den ersten Monaten noch als Chef der Abwehr des Vichy-Regimes fungiert hatte, Emmanuel d’Astier de la Vigerie von Libération Sud, Jean-Pierre Lévy von Franc-Tireur.
Nachdem sie ihn anfangs als autoritär abgelehnt hatten, konnte er sie zur Vorbereitung der Landung der Alliierten von der Notwendigkeit der Vereinigung in der Armée secrète (geheime Armee) überzeugen.
Am 22. Oktober 1942 erhielt Moulin ein Schreiben de Gaulles, in dem er zum Präsidenten des Koordinierungskomitees ernannt wurde, was ihn offiziell von Seiten der Exilregierung de Gaulles zum Organisator des Widerstandes in Frankreich machte. Die Landung der Alliierten am 8. November 1942 in Marokko und Algerien (Operation Torch) beschleunigte die Vereinheitlichung der Résistance.
In einem zweiten Schritt fusionierten Charles Delestraints Armée secrète mit Pierre Villon (Front National) und Pierre Brossolette (Comité d’action socialiste) zu den Mouvements unis de la Résistance (MUR; dt. Vereinigten Bewegungen der Résistance).
In einem dritten Schritt gelang ihm die Vereinigung mit den wichtigsten Widerstandsbewegungen im nördlichen, besetzten Teil Frankreichs: Organisation civile et militaire (OCM), Libération Nord, Ceux de la Résistance, Ceux de la Libération.
Auf einer Konferenz des Koordinierungskomitees (26. Januar 1943) lenkte Moulin alle Gruppen und überwand den Widerstand von Frenay, der als Kommissar für Militärische Angelegenheit seinen eigenen Standpunkt durchzusetzen und Kontrolle über General Charles Delestraint, den Chef der neuen Armée secrète, zu erlangen versuchte. Moulin unterstützte Delestraint in seiner Absicht, sofort direkte Aktionen zu unternehmen, was Frenay als verfrüht und zu riskant ablehnte.
Vom 13. Februar bis zum 20. März 1943 reiste Moulin mit Delestraint nach London, um den Exilfranzosen um de Gaulle den Gedanken nahezubringen, eine Art Untergrundparlament zu schaffen. Wie viele andere Mitglieder der Résistance hielt er die aus der Dritten Republik tradierten französischen Parteien für überlebt. Aber er wusste, wenn sich die liberalen und linken Kräfte nicht in den politischen Prozess integrierten, würde eine französische Nachkriegsregierung ohne ihre Beteiligung und die der Résistance sich etablieren. Umgekehrt gelang es de Gaulle durch den Integrationsprozess der Résistance immer mehr, die Bedeutung seiner Exilregierung in London aufzuwerten.
Am 21. März 1943 kehrte Moulin als persönlicher Beauftragter de Gaulles für ganz Frankreich mit dem Auftrag zurück, den CNR, den Conseil National de la Résistance (Nationaler Widerstandsrat), zu bilden. Er sprang unerkannt aus einem Flugzeug über dem südfranzösischen Gebirgsmassiv Alpilles ab. In diesem neuen Widerstandsrat sollten alle acht bewaffneten Widerstandsgruppen und die wiedererwachten französischen Parteien und Gewerkschaften mitwirken – eine schwierige Aufgabe, weil jede Gruppe ihre politische Unabhängigkeit zu bewahren versuchte. Das erste Treffen des CNR fand am 27. Mai 1943 in der Rue du Four 48 in Paris statt, bei dem sich la France Combattante („das kämpfende Frankreich“) trotz der Ablehnung durch Henri Frenay der Führung de Gaulles unterstellte, der damit seinen bei den US-Amerikanern beliebteren Rivalen, den ranghöheren General Henri Giraud, politisch übertraf. Gemeinsames politisches Ziel aller Gruppen im CNR wurde: aktiv gegen die deutsche Besatzung zu kämpfen,