mini|Nachbau der Arche Noah im Ark Encounter, einem kreationistischen Themenpark im Grant County (Kentucky). Die Betreiber des Parks vertreten die These, Dinosaurier hätten gleichzeitig mit Menschen existiert, seien sogar auf der Arche gewesen, und erst nach der Sintflut ausgestorben. Kreationismus (von „Schöpfung“) bezeichnet die religiöse Auffassung, dass das Universum, das Leben und der Mensch buchstäblich so entstanden sind, wie es in den Heiligen Schriften der abrahamitischen Religionen und insbesondere in der alttestamentlichen Genesissiehe geschildert wird. Als bedeutende Strömung trat der Kreationismus im frühen 20. Jahrhundert im Bereich des Evangelikalismus in den USA auf, wo er bis heute auch seine größte Verbreitung besitzt. In seiner strengsten Form postuliert er ein Erdalter von einigen Tausend Jahren und geht von der Existenz einer Sintflut aus, bei der die meisten Menschen und Tiere umgekommen seien. Ebenfalls kennzeichnend ist die Ablehnung der Evolutionstheorie.

Anhänger findet der Kreationismus vor allem bei der religiösen Rechten. Diese befürwortet teilweise, seine Auffassung zum Inhalt des Biologieunterrichts zu machen. Da die US-amerikanische Verfassung jedoch ein Verbot religiöser Inhalte im Schulunterricht vorsieht, wird der Kreationismus von manchen seiner Verfechter als wissenschaftliche Theorie bezeichnet („Intelligent Design“). Damit soll ein Konflikt mit der Verfassung vermieden werden. Die US-Rechtsprechung hat sich dieser Auslegung jedoch nicht angeschlossen. In seinen verschiedenen Formen bewegt sich der Kreationismus zwischen Religionslehre und Pseudowissenschaft.Jochem Kotthaus: Propheten des Aberglaubens. Der deutsche Kreationismus zwischen Mystizismus und Pseudowissenschaft. LIT Verlag, Münster 2003.Zum Problem der Zuschreibung des Begriffs „Pseudowissenschaft“, insbesondere für die Kritiker des 19. Jahrhunderts vgl. Ronald L. Numbers: The Creationists: The Evolution of Scientific Creationism. Harvard University Press, veränderte Neuauflage 2006 (orig.: Alfred A. Knopf, New York, 1992) auf Seite 12, Ralph O’Connor: Young-Earth Creationists in Early Nineteenth Century Britain? Towards a reassessment of „Scriptural Geology“. History of Science 45 (4), 2007.

Im Islam vertritt heute u. a. Harun Yahya den Kreationismus, im Judentum sind es vor allem Anhänger orthodoxer Richtungen.

Abgrenzung Der Kreationismus in seiner modernen, heute einflussreichen Form geht auf amerikanische Autoren des frühen 20. Jahrhunderts zurück. Sie griffen Ansichten von Autoren des 17. bis 19. Jahrhunderts auf, die vorher sowohl in der wissenschaftlichen wie auch in der theologischen Fachdebatte keine Rolle mehr spielten. Als grundlegend gelten das 1923 erschienene „The New Geology“ von George McCready Price und, dieses popularisierend, „The Genesis Flood: The Biblical Record and Its Scientific Implications“ von John C. Whitcomb und Henry M. Morris (1961).Ronald L. Numbers: Creationism since 1859. Chapter 56. In: Garry B. Ferngren (general editor): The History of Science and Religion in the Western Tradition. An Encyclopedia. Taylor and Francis, New York, London, 2000, ISBN 0-8153-1656-9.David R. Montgomery: The evolution of creationism. GSA today 22 (11), 2012, S. 4–9. Eine unabhängige Tradition in Europa existierte nur in den Niederlanden im auf Abraham Kuyper zurückgehenden Neocalvinismus.Abraham C. Flipse (2012): The Origins of Creationism in the Netherlands: The Evolution Debate among Twentieth-Century Dutch Neo-Calvinists. Church History 81 (1): 104–147. doi:10.1017/S000964071100179X Der übrige moderne europäische Kreationismus geht auf die amerikanischen Autoren zurück. Die Anti-Evolutionisten, die die Evolutionstheorie Charles Darwins im 19. Jahrhundert ablehnten, nannten sich nicht Kreationisten. Der Begriff taucht allenfalls als abwertende Zuschreibung in privater Korrespondenz aus dieser Zeit gelegentlich auf.

Viele Menschen, die eine Schöpfung vertreten, sehen dies als Teil ihres religiösen Glaubens und als vereinbar mit der Naturwissenschaft oder davon grundsätzlich unabhängig.Oberkirchenrat und Publizist Joachim Schmidt, Leiter Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, in Echt Glaube kompakt: Verdrängungswettbewerb abgerufen am 29. März 2008. Darunter fallen viele große Konfessionen, einschließlich der katholischen und vieler protestantischer Kirchen, sowie auch manche islamische Glaubensgemeinschaften. Sie lehnen die durchgängig wörtliche Interpretation der Heiligen Schrift und der darin beschriebenen Schöpfungsgeschichte grundsätzlich ab.Die Interpretation der Bibel in der Kirche. In: vatican.va, 15. April 1993 (Standpunkt der katholischen Kirche zur historisch-kritischen Methode in der Päpstlichen Bibelkommission).Zur evangelischen Theologie siehe Ratsbericht der Synode (PDF; 125 kB). Sie wird als Text verstanden, der kritisch im historischen Zusammenhang seiner Verfasser gelesen werden muss (historisch-kritische Methode). Viele religiöse Menschen verstehen sie auch als Metapher, die eine Bedeutung lediglich außerhalb der Naturwissenschaft hat.

Solche Standpunkte werden manchmal in eine breitere Definition des Begriffs Kreationismus mit aufgenommen, werden aber besser unter dem Stichwort theistische Evolution gefasst. Der Kreationismus im engeren Sinn vertritt jedoch die Ansicht, dass wissenschaftliche Aspekte für eine wörtliche Interpretation des im Buch Genesis (bei Christen und Juden) oder im Koran (bei Muslimen) beschriebenen Schöpfungsberichts sprächen. Diese Auffassung der Irrtumslosigkeit und wörtlichen Interpretation der Bibel (evangelikale Exegese, fundamentalistische Hermeneutik) findet sich vorrangig in evangelikalen und in fundamentalistischen Bewegungen des Christentums sowie mitunter im Islam.

Obwohl der hebräische Urtext so ausgelegt werden kann, dass er die Schöpfung aus dem Nichts (creatio ex nihilo) implizit bestreitet, sehen einige Juden und Christen die Genesis als Stütze für den Absolutheitsanspruch ihres Schöpfungsglaubens. Sie gehen davon aus, dass die Schrift faktisch zutreffende Aussagen aus der Perspektive Gottes enthalte und ein Augenzeugenbericht über den Ursprung der Dinge sei.

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse (als eine empirische Informationsquelle über die Naturgeschichte) stehen jedoch weitestgehend im Widerspruch zu dieser wörtlichen Interpretation der Bibel. Einige Kreationisten sind daher der Auffassung, dass die Sichtweise der Naturwissenschaft und ihre Grundannahmen unvereinbar mit dem religiösen Glauben seien und sich diesem unterordnen sollten. Kreationisten lehnen oft die Sichtweise der Naturwissenschaft im Allgemeinen und bestimmte wissenschaftliche Theorien im Besonderen ab. Dies bezieht sich vor allem auf die darwinsche Evolutionstheorie und ihre Bedeutung für die moderne Evolutionsbiologie. Die meisten Kreationisten bestreiten auch die naturwissenschaftlichen Theorien über den Ursprung des Lebens und der menschlichen Spezies, die geologische Erdgeschichte, die Evolutionsgeschichte, die Entwicklung des Sonnensystems und den Ursprung des Universums.

Kreationismus im weiteren Sinn durchzieht die gesamte Religionsgeschichte. Im Allgemeinen jedoch wird damit Bezug genommen auf die Zeit ab den ersten Widersprüchen zwischen Erkenntnissen moderner Naturforscher und Vertretern einer wortgetreuen Bibelauslegung bei der Datierung der Größenordnung des Erdalters, in deutlicherer Form dann mit der Aufstellung der Evolutionstheorie durch Charles Darwin. Andere Definitionen beziehen sich dagegen auf die Einführung der Evolutionstheorie im Schulunterricht.

Vorgeschichte Antike: Die heiligen Bücher Eine der Wurzeln des Kreationismus liegt in den Kosmogonien, den seit antiken Zeiten aufgeschriebenen Erklärungsmodellen zur Entstehung der Welt. Die Schriften zur Schöpfung in den Buchreligionen wurden in der Bibel und im Koran gesammelt und durch die Schriftform fixiert. Beide Werke verarbeiten die Ansichten der abrahamitischen Religionen zu Welt- und Naturgeschichte. Arabische bzw. muslimische Gelehrte ergänzten ihre Ansichten zur Schöpfung weiterhin durch Verwendung von griechischen Texten. In der Antike selbst ist eine dem Kreationismus vergleichbare Weltanschauung quasi unbekannt. Die antiken Philosophen der Schulen der Platoniker und Neuplatoniker, der Stoa und der Epikureer betrachteten übereinstimmend die Lehre von den Göttern als dunkles und schwieriges Problem, über das der Mensch kaum sichere Kunde besitze.vgl. etwa Marcus Tullius Cicero: De natura deorum („Vom Wesen der Götter“). Aufgabe der Philosophen sei es, durch Nachdenken zum Kern der Probleme vorzudringen. Die mythischen Erzählungen zum Weltursprung und zu den Göttern wurden in unterschiedlichem Maße ernst genommen, meist aber als allegorische Fabeln für das ungebildete Volk abgetan. Auch die auf der Schwelle zum Mittelalter stehenden Kirchenväter lehnten wortinspirierte Lesungen der Bücher weitgehend ab. Der bis in die Neuzeit immens einflussreiche Augustinus von Hippo besaß eine profunde philosophische Bildung und war stark vom Neuplatonismus Plotins beeinflusst. Seiner Ansicht nach hatte die antike Philosophie durch reines Nachdenken die meisten (wenn auch nicht alle) der Glaubenswahrheiten der Bibel unabhängig von Gottes Offenbarung entdeckt. Für ihn waren die wesentlichen Wahrheiten über den Menschen und die Welt allerdings innerlich. Eine zu starke Beschäftigung mit den Angelegenheiten der Welt galt zwar nicht ausgesprochen als sündhaft, lenke aber doch eher von den Dingen ab, auf die es wirklich ankomme. Augustinus schrieb, in verschiedenem Alter, fünf Abhandlungen über das Buch Genesis, ohne zu einem abschließenden Urteil zu kommen. Er warnt aber davor, die Aussagen der Schrift zu wörtlich zu nehmen und gegen die Texte der Philosophen auszuspielen, da alle Wahrheit in der Natur letztlich ebenfalls von Gott stamme. Der Sinn von vielem in den Texten müsse durch allegorische Auslegung enträtselt werden. Ein direkter, wörtlicher Glaube könne zwar der Seele nie schaden, es sei aber theologischen Denkern erlaubt, darüber hinaus zu forschen.Kurt Flasch: Augustin: Einführung in sein Denken. Reclam-Verlag, 2. Auflage 1994.Kenneth J. Howell: Augustine of Hippo. Chapter 24. In: Garry B. Ferngren (general editor): The History of Science and Religion in the Western Tradition. An Encyclopedia. Taylor and Francis, New York, London, 2000, ISBN 0-8153-1656-9.

Mittelalter Im Mittelalter (ca. 600 n. Chr. bis 1500 n. Chr.) galt seit al-Ghazālī (gestorben 1111) im islamischen Kulturraum die Beschäftigung mit den Werken der Philosophen über die Natur als unnötig und tendenziell schädlich; sie wurde in den Medressen nicht mehr gelehrt. In der davor liegenden philosophischen Blütezeit war aber vor allem das Werk des Aristoteles rezipiert und umfassend ausgelegt worden. Nur durch islamische (und im islamischen Kulturkreis lebende jüdische) Denker ist dieses im Abendland, das jede Kenntnis davon verloren hatte, wieder zugänglich geworden. Dem frühen Mittelalter im Okzident waren davor nur anekdotische, meist stark allegorisch geprägte, im weitesten Sinne naturkundliche Werke zugänglich, die Bestiarien genannt werden. Die hochmittelalterliche Scholastik strebte eine Synthese zwischen dieser nun neu zugänglichen (antiken) Naturphilosophie und der Theologie (die erst jetzt, durch Petrus Abaelardus neu begründet wurde) an. Als maßgeblich an den neu entstehenden Universitäten galt vor allem die Lehre des Thomas von Aquin (gestorben 1274).vgl. William A. Wallace: Thomas Aquinas and Thomism. Chapter 25. In: Garry B. Ferngren (general editor): The History of Science and Religion in the Western Tradition. An Encyclopedia. Taylor and Francis, New York, London, 2000, ISBN 0-8153-1656-9.