mini|Schmuck einer Berberfrau (Musée du quai Branly, Paris)
Berberschmuck (Tamazight: ⵉⵇⵇⵛⵓⵛⵏ ⵉⵎⴰⵣⵉⵖⵏ, iqchochne imazighne) meint die traditionellen, meist silbernen Schmuckstücke der Berber (Eigenbezeichnung Imazighen). Der Begriff fasst das Schaffen von Silberschmieden verschiedener Bevölkerungsgruppen vor allem der Maghrebstaaten Marokko, Algerien, Tunesien sowie in Teilen von Libyen, Ägypten und einigen Staaten südlich der Sahara zusammen.
Im Laufe langer sozialer und kultureller Traditionen schufen Silberschmiede in Marokko, Algerien und den Nachbarländern vielfältige Schmuckstücke mit deutlichen regionalen Variationen. Frauen der Berber gaben ihren Schmuck als sichtbares Element ihrer ethnischen Identität von Generation zu Generation weiter. Berberschmuck umfasst charakteristische dreieckige Fibeln, die ursprünglich paarweise als Schließen für Kleidungsstücke dienten. Daneben trugen die Frauen Halsketten, Armbänder, Ohrringe und ähnlichen Schmuck. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Tradition des Berberschmucks im Maghreb allmählich zugunsten anderer, meist aus Gold gefertigter Schmuckstücke aufgegeben.
Da die Berber in Marokko im Vergleich zu Algerien und den noch kleineren Gemeinschaften in Tunesien oder anderen Gebieten bis heute am zahlreichsten sind, entsprechen auch die Anzahl und Vielfalt ihres ethnischen Schmucks dieser demografischen Verbreitung.
Ähnlich wie andere kunstgewerbliche Gegenstände der traditionellen Kulturen im Maghreb, wie Teppiche, Keramik, Kleidungsstücke und Haushaltsgegenstände hat Berberschmuck seit dem 20. Jahrhundert Eingang in private und öffentliche Sammlungen gefunden.Bereits in den 1950er Jahren, am Ende seiner Einführung in den Band Bijoux arabes et berbères du Maroc, beklagte der Ethnograf Jean Besancenot, dass mit wenigen Ausnahmen in Südmarokko die Produktion von traditionellem Schmuck „aufgegeben oder bis zur Ungültigkeit bastardisiert“ worden sei, da leichte und schnell hergestellte moderne Stücke von lokalen Kunden bevorzugt wurden". Besancenot 1953, S. XIII–XVI. Zeitgenössische Variationen des Berberschmucks, zum Beispiel das Symbol einer Hand, werden heute auch als künstlerische oder rein kommerzielle Modeprodukte weiterentwickelt.Rabaté, Goldenberg und Thau 1999, S. 131–132.
Geschichtlicher und soziokultureller Hintergrund mini|hochkant|Berberfrau mit Schmuck und Gesichtstätowierung aus der Umgebung von Tafraoute, Marokko (um 1950) In ihrer dokumentierten Geschichte, die bis in die prähistorische Zeit zurückreicht, haben die verschiedenen indigenen Berbervölker Nordafrikas einen ständigen Wandel in Lebensstil und Kultur durchgemacht.J. Desanges: The proto-Berbers. In: General History of Africa. vol. II: Ancient Civilizations of Africa. UNESCO, Paris 1990, S. 236–245, besonders S. 237. Vor allem die arabischen Eroberungen brachten ab dem späten 7. Jahrhundert große Veränderungen mit sich. Im Laufe der Zeit passten sich die Bevölkerungen des kulturell vielfältigen Gebiets in Nordafrika an äußere Einflüsse und deren Kultur an. Vor allem in größeren Städten, die in von Berbern bevölkerten Regionen entstanden, vermischten sich Berber mit Arabisch sprechenden Menschen anderer ethnischer Herkunft und brachten allmählich städtische, islamisierte und teilweise arabisierte Gesellschaften hervor. Dabei entwickelten sich in Marokko bedeutende Dynastien und Städte, wie die Almoraviden und Almohaden mit Marrakesch und im heutigen Algerien, Tunesien und Libyen florierten die Dynastien der Ziriden, Hafsiden und Zianiden mit den Städten Tlemcen, Bejaïa, Constantine, Tunis und Tripolis.mini|links|hochkant|Silberschmied in seiner Werkstatt, Tiznit, Marokko, vor 1950In ländlichen Gebieten waren Berber traditionell Bauern und lebten in Bergen, Ebenen oder Oasen wie der Siwa-Oase in Ägypten, wohingegen andere, wie die Tuareg und Zanata der südlichen Sahara, fast ausschließlich als Nomaden lebten. Einige Gruppen, wie die Chaouis, praktizierten teilweise bis in die Gegenwart ein halbnomadisches Leben (Transhumanz) und durchstreiften während einiger Monate des Jahres das Land mit ihren Viehherden (Esel, Schafe, Ziegen oder Kamele) auf der Suche nach fruchtbaren Weiden. Schmuck war dabei leicht zu transportieren und wurde von den Frauen auf den Wanderungen mitgeführt. In einer Welt, die vollständig oder weitestgehend ohne Geld auskam, spielte Schmuck für sie auch eine wichtige Rolle als veräußerbares Kapital in Notsituationen; so wurden auch häufig Münzen an Halsketten, Armreife usw. angelötet – sie konnten bei Bedarf abgebrochen werden, wobei ihr Wert jedoch nur im reinen Materialwert bestand.Scheutz und Scheutz, 2019, Teil 1: Marokko.
Während die arabisch und städtisch geprägte Welt Nordafrikas Goldschmuck bevorzugte, hielten die Berber über Jahrhunderte am Silberschmuck fest, wobei dies vor allem auf die Landbevölkerung zutraf. Dies ist auch durch die Handwerksbetriebe der Silberschmiede in größeren Dörfern (Ksur) und mittleren Städten, wie Midelt oder Sefrou in Marokko oder in der Kabylei in Algerien, bezeugt. In den meisten Siedlungen betrieben Schmiede kleine, familiengeführte Werkstätten. Aufgrund ihrer Fähigkeiten im Umgang mit den vier Elementen Feuer, Luft, Wasser und Metallen, welche aus der Erde entnommen wurden, waren diese Berufe oft nicht sehr angesehen, was zum Teil auf abergläubische Überzeugungen zurückzuführen war, die diesen Fähigkeiten zugeschrieben wurden.
Marokko, Algerien und Tunesien mini|Berberschmuck aus der Kabylei, AlgerienIm Süden Marokkos, vor allem in den heutigen Regionen Drâa-Tafilalet und Souss mit dem bedeutenden Marktplatz Tiznit, waren bis zu ihrer Auswanderung in den späten 1950er Jahren vor allem jüdische Berber, die seit Jahrhunderten dort lebten,Vgl. Zafrani 2010, S. 23, 29–30. als Silberschmiede für ihre traditionellen Erzeugnisse bekannt. Da Schmuck in Form der fünf Finger einer Hand nicht nur für Muslime, sondern auch für Juden als „Hand der Miriam“ Schutz vor Unheil darstellt, wurden solche Stücke auch mit Davidstern hergestellt.Rabaté, Goldenberg und Thau, 1999, S. 182–189 und im Abschnitt "Juifs et Berbères" in Draguet 2020, S. 66–79.
In Algerien wurde besonders in den Dörfern der Beni Yenni und Ouadhiyas in der Großen Kabylei östlich von Algier sowie im Nordosten des Landes von den Chaoui-Berbern in der Bergregion des Aurès typischer Schmuck aus Silber, Emailapplikationen und Korallen hergestellt. Im Süden Tunesiens war neben anderen Orten die Insel Djerba ein traditionelles Zentrum der Schmuckherstellung, wobei hier im Unterschied zu den Traditionen in Marokko und Algerien überwiegend figürliche Motive (Pflanzen, Fische, Vögel) und teilweise auch Gold anstelle von Silber verwendet wurden.Gargouri-Sethom, 1986, S. 97–102.
Schmuck der Tuareg und in Mauretanien mini|Das Kreuz von Agadez in 21 modernen Variationen, Niger, 2019
Eine besondere Tradition der ebenfalls zu den Berbern zählenden Tuareg, die in Gebieten der Sahara noch bis in die Gegenwart teilweise als Halbnomaden leben, stellen Schmuckstücke aus Silber, Eisen, Glassteinen und anderen Materialien dar. Hierzu gehört das sogenannte „Kreuz von Agadez“, wobei nur wenige dieser Schmuckstücke wie ein Kreuz aussehen. Die meisten werden sowohl von Frauen als auch Männern als Anhänger, zum Beispiel für Halsketten, mit unterschiedlichen Formen getragen, die entweder einem Kreuz (tanaghilt) oder einer Schildform (talhakim) ähneln. Historisch waren die ersten bekannten Exemplare aus Stein oder Kupfer, danach jedoch verwendeten die Schmiede der Tuareg in der Regel Silber und das sogenannte Wachsausschmelzverfahren, ohne das Metall jemals zu hämmern. Diese Schmuckstücke werden heute für Touristen auch in anderen Ländern hergestellt, wobei die traditionellen Formen oft abgewandelt werden.
Tuareg-Schmuck wurde mit ähnlichen Stilen aus dem Südwesten Marokkos, der westlichen Sahara und Mauretanien verglichen, wie dem Kreuz von Trarza, welche traditionell von Berbern hergestellt und getragen werden, die Hassania-Arabisch sprechen und als Mauren oder Bidhan bezeichnet werden. Im Vergleich von Tuareg- und mauretanischem Schmuck ist letzterer meist stärker verziert und trägt gelegentlich typische pyramidenartige Aufsätze. Exemplare mauretanischen Schmucks, darunter schwere silberne Fußreifen, wurden auch in dem Buch Berber Women of Morocco veröffentlicht.Becker 2014, S. 75, 94.
Formen, Materialien und Verwendung Der oft schwergewichtige Berberschmuck besteht hauptsächlich aus Silber, dem allgemein eine segenspendende Kraft (baraka) nachgesagt wurde. Je nach Region und Verwendungszweck wurden auch Email, Korallen, Bernstein, farbiges Glas, Elfenbein und Halbedelsteine verwendet. Neben Fuß- oder Armreifen, Ohrringen, Diademen, und Anhängern für Halsketten oder Kopfschmuck nehmen Fibeln als traditionelle Schließen für Kleidungsstücke einen besonderen Platz ein. Neben ihrem ästhetischen Charakter hatten sie auch eine praktische Funktion, da sie lange, nicht vernähte Textilstücke zusammenhalten mussten. Zwischen den beiden Fibeln befand sich oft eine Kette, die an je einem Ring am unteren Ende der paarweisen Fibeln befestigt wurde. Da Fibeln aus der Bronzezeit und später als römische und westgotische Schmuckstücke bekannt sind, wird angenommen, dass Fibeln im Maghreb seit der Antike verwendet wurden.Rabaté, Marie-Rose: Les fibules: deux mille ans en Afrique du Nord; arts et symboles. Paris 2013.Laut Camps-Fabrer (1973) sind Fibeln im Maghreb seit der Bronzezeit bezeugt. links|mini|hochkant|Khmissa-Amulett mit der Form eines SalamandersTypische geometrische Ornamentformen sind Dreiecke und Rauten sowie das sogenannte Chamsa-Handsymbol (Khmissa in der lokalen Aussprache, Tafust in der Sprache der Berber), dem eine unheilabwehrende (apotropäische) Wirkung zugesprochen wird. Diese Formen finden sich auch in Ornamenten an traditionellen Lehm- oder Steinhäusern, über Türen, auf Keramik und in Teppichen etc. Auch die historisch häufigen Tätowierungen der Frauen oder die zu besonderen Anlässen bis heute aufgetragenen Henna-Ornamente sind in diesem Zusammenhang zu erwähnen.Ethnologen und Kunsthistoriker wie Camps-Fabrer 1973 haben diese Art von Schmuck oder ästhetischer Muster nicht als islamische Kunst, sondern mit Bezug auf ältere mediterrane Traditionen interpretiert.