mini|240px|Die Ringstraße beim Parlament, ca. 1900

Ab dem Jahr 1858 wurde die Wiener Stadtbefestigung demoliert und die Wiener Stadterweiterung durchgeführt. Dabei wurden die Ringstraße und der Franz-Josefs-Kai angelegt sowie 850 Gebäude errichtet. Im Gegensatz zu anderen Städten wurde die Stadterweiterung nicht von einer einzelnen Person oder Institution geplant. Sie erfolgte vielmehr durch jahrzehntelanges Planen, Umplanen und Optimieren durch viele Akteure, wobei auch der Zufall eine tragende Rolle spielte.

Vorgeschichte mini|240px|Wien im Jahr 1843, vor der Stadterweiterung

Die Stadt Wien war seit dem frühen Mittelalter von Stadtmauern umgeben, die eine Erweiterung der Stadt unmöglich machten und zu Wohnungsnot führten. Durchschnittlich lebten 1827 in jedem Haus 37 Menschen, 1857 waren es bereits 54; in diesem Jahr hatte die Stadt 471.442 Einwohner. Die dichte Verbauung führte auch dazu, dass es innerhalb der Stadtmauern keine einzige Grünfläche gab. Durch das Schleifen der Stadtbefestigung würde am Glacis eine große Fläche zur Bebauung zur Verfügung stehen. Das Glacis hatte eine Fläche von genau 2 Mio. m²; davon waren 1,3 Mio. m² Grün- und Freiflächen, 533.000 m² Verkehrsflächen, 74.000 m² verbaute Flächen, und 96.000 m² machte der Wienfluss aus. Die Breite des Glacis lag zwischen 280 m und 450 m.

Bereits im 18. Jahrhundert tauchen Pläne für eine Erweiterung der Stadt Wien auf. Im Jahr 1716 schrieb die Engländerin Mary Wortley Montagu in einem Brief: „Hielte es der Kaiser für angebracht, die Stadttore niederlegen zu lassen und die Vorstädte mit Wien zu vereinigen, so hätte er eine der größten und schönsten Hauptstädte Europas“. Ab den 1810er-Jahren wurden dann von diversen Experten detaillierte Projekte für eine Stadterweiterung erstellt, darunter auch 1825 von Erzherzog Johann. Das Glacis sollte verbaut werden, an ein Schleifen der Stadtmauern war jedoch noch nicht gedacht. Das änderte sich nach der Revolution von 1848: die Stadtbefestigung hatte sich als ein großes Hindernis für die Niederschlagung der Revolution herausgestellt.

mini|hochkant|Ludwig Förster

In den Jahren 1839 bis 1856 entwickelt der Architekt Ludwig Förster acht Projekte für eine Stadterweiterung. Im selben Zeitraum entstanden Pläne von Carl Roesner, Paul Sprenger, Leopold Ernst und Anton Ortner. Ab 1850 tagten zahlreiche Kommissionen, die aber zu keinerlei Ergebnissen kamen. Hauptgrund dafür war der permanente Konflikt zwischen den Militärbehörden einerseits und dem zivilen Ministerrat andererseits, die sich gegenseitig blockierten. Der Wiener Gemeinderat beteiligte sich nicht an dem Disput, sondern beschloss lediglich eine Verschönerung des Glacis.

Noch vor der Stadterweiterung und der Errichtung der Wiener Ringstraße wurde deren erstes Bauwerk erstellt, die Votivkirche. Am 18. Februar 1853 entging Kaiser Franz Josef einem Attentat. Kurz darauf entwickelte ein Bruder des Kaisers, Erzherzog Ferdinand Max (der spätere Kaiser Maximilian I. von Mexiko), die Idee, als Votivgabe eine „Votivkirche“ bauen zu lassen. Die Kosten sollten vom Volk durch Spenden aufgebracht werden. Der Plan fand allgemeine Zustimmung, und sofort wurde ein Bauplatz gesucht; angedacht wurden Plätze beim Belvedere, beim Getreidemarkt, beim Donaukanal und andere.

Zu dieser Zeit arbeitete der Architekt Ludwig Förster in Eigeninitiative unermüdlich an Plänen für eine Stadterweiterung. Er schlug vor, die neue Kirche am Glacis zu errichten. Im Mai 1855 erhielt Heinrich Ferstel den Auftrag für den Bau der Kirche, und er erhielt die Genehmigung, sich selbst einen Bauplatz am Glacis auszusuchen. Seine Wahl fiel auf eine Fläche vor dem Schottentor, zwischen Alser Straße und Währinger Straße. Am 25. Oktober 1855 genehmigte der Kaiser den Bau, obwohl am Glacis ein militärisches Bauverbot bestand; dieses wurde am 25. Februar 1856 rückwirkend aufgehoben. Der Bau der Votivkirche im Sperrbereich war ein Präjudiz, durch das die Stellung des Militärs entscheidend geschwächt wurde.

1856 wurde mit dem Bau der Votivkirche begonnen. Im selben Jahr veröffentlichte Philipp Draexler von Carin, Kanzleivorstand der Obersthofmeister-Amtes, Pläne für den Bau eines neuen Hoftheaters und einer neuen Hofoper am Glacis.

Ursprünglich war geplant, vor der Votivkirche ein großes Denkmal für Admiral Wilhelm von Tegetthoff zu errichten. Der Stadterweiterungsfonds schenkte 1876 der Stadt Wien den Platz vor der Votivkirche, damit diese eine Grünfläche anlegen könne, in deren Mitte das Denkmal stehen würde. Die Grünfläche wurde angelegt, aber das Tegetthoff-Denkmal wurde letztlich am Praterstern aufgestellt. Kritiker haben in späteren Jahren bemängelt, dass der Vorplatz zu weitläufig sei, wodurch die Votivkirche etwas verloren wirke.

Stadterweiterung mini|hochkant|Alexander von Bach

Im Jahr 1850 wurden die Vorstädte bis zum Linienwall und die Leopoldstadt zu Wien eingemeindet. Dadurch wurde die Stadtbefestigung noch mehr zum Hindernis zwischen der Inneren Stadt und den neuen, sie umgebenden Bezirken. In der Folge beschloss Innenminister Alexander von Bach, die Stadterweiterung handstreichartig zu erzwingen. Da Bach die Bedeutung der öffentlichen Meinung erkannte, lancierte er zunächst zahlreiche Zeitungsartikel, in denen die Raumnot in Wien und die Sinnlosigkeit der Glacis' kritisiert wurden. Anfang 1857 gelang es Bach, Kaiser Franz Josef für eine radikale Stadterweiterung zu gewinnen, wobei aber zunächst strengste Geheimhaltung vereinbart wurde. Bach befürchtete wohl zu Recht, dass bei einem zu frühen Bekanntwerden des Projekts etliche Politiker und Militärs seine Pläne boykottieren würden.

1857 wurden in kleinem Kreis die Grundzüge des Ringstraßenbaus festgelegt. Der Abriss der Stadtbefestigung sollte beim Schottentor beginnen und von dort in beide Richtungen fortgeführt werden. Für die anzulegende Prunkstraße wurde eine Gesamtbreite von 40 Klafter (75,9 Meter) bestimmt. Weiters wurde festgelegt, welche öffentliche Gebäude zu errichten wären, wobei diese Planung später stark verändert wurde.

Es wurde auch diskutiert, ob in der Ringstraßenzone Juden Grund erwerben dürften. Da Alexander von Bach enge Beziehungen zur jüdischen Familie Todesco hatte, befürwortete er dies; 1860 wurde ein Gesetz über die Zulassung der Juden zum Grundbesitz erlassen.

Schließlich entwarf Bach ein Schreiben, in dem der Kaiser die Schleifung der Stadtbefestigung und den Bau der Ringstraße anordnet. Die tatsächliche Formulierung besorgte Franz von Matzinger, ein enger Mitarbeiter Bachs im Innenministerium. Das „Handschreiben“, das offiziell vom Kaiser stammt und an Bach adressiert ist, wurde am 25. Dezember 1857 veröffentlicht.

→ Das Handschreiben im Wortlaut

Im Handschreiben wird der Abbruch der Stadtbefestigung angeordnet. Ferner wird der Bau von etlichen öffentlichen Gebäuden explizit erwähnt: ein Opernhaus, ein Reichsarchiv, eine Bibliothek, ein „Stadthaus“, ein militärisches General-Kommando, eine Stadtkommandantur sowie nicht näher spezifizierte Museen und Galerien.

Der Wettbewerb mini|hochkant|Der Vorsitzende der Jury, Josef Lasser von Zollheim

Sofort mit Jahresbeginn 1858 wurde der „Concurs“ vorbereitet, die damalige Bezeichnung für einen Architektenwettbewerb. Die Einladung zum Wettbewerb wurde am 31. Jänner 1858 in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Zeitgleich wurde damit begonnen, das Glacis genau zu vermessen. Am 2. März 1858 traf der erste Wettbewerbsbeitrag ein, in den folgenden Monaten wurden 85 Projekte eingereicht. Es nahmen sowohl namhafte Architekten teil als auch Amateure. Alle Projekte wurden im Herbst 1858 öffentlich ausgestellt.

Ab dem 27. Oktober 1858 tagte die Jury. Sie bestand aus Generalmajor Julius von Wurmb von der Militärkanzlei, Ministerialrat Franz Thun vom Unterrichtsministerium, Sektionsrat Valentin Streffleur vom Finanzministerium, Regierungsrat Eduard Hohenbruck von der Polizei, Hofrat Hermenegild von Francesconi vom Eisenbahnwesen, Anton Edler von Dück von der Handelskammer, Schlosshauptmann Joseph Lang von dem Hofbehörden, Professor Rudolf Eitelberger von der Akademie der Bildenden Künste, Ministerialrat Joseph von Lasser vom Innenministerium, Sektionsrat Franz Matzinger vom Innenministerium, Sektionsrat Moritz Löhr vom Handelsministerium, Statthaltereirat Franz von Žigrovič von der Niederösterreichischen Statthalterei, Bürgermeister Johann Kaspar von Seiller von der Gemeinde Wien, Stadtbauamtsadjunkt Joseph Melnitzky von der Gemeinde Wien, Architekt Leopold Ernst, Architekt Heinrich Ferstel, Architekt Theophil Hansen, Architekt Johann Romano und Hofbaumeister Anton Ölzelt.

Die Jury prüfte in den folgenden Wochen alle Projekte, wobei die Einreicher anonym blieben. Beim Projekt Nr. 51 wurde die um die Innenstadt zu legende Straße „Ringstraße“ genannt, was sofort gefiel. Besonders intensiv wurde über Projekt Nr. 59 beraten, das der Jury ebenfalls gefiel. Da Ludwig Förster schon zuvor Pläne für eine Stadterweiterung erstellt hatte, war seine Urheberschaft leicht zu erraten. Auch am Projekt Nr. 85 fand die Jury gefallen – immerhin stammte es vom Jury-Mitglied Moritz Löhr. Projekt Nr. 53 stammte vom Jury-Mitglied Streffleur.

Am 11. Dezember 1858 veröffentlichte die Jury ihre Entscheidung. Sie hatte sich nicht auf einen Sieger festlegen können, sondern drei Erste Plätze vergeben, nämlich an Ludwig Förster, an Friedrich August von Stache sowie an das Team Sicardsburg und van der Nüll. Die vorgeschlagene Verbauungsdichte war bei den einzelnen Projekten sehr unterschiedlich. Die dichteste Verbauung schlug das siegreiche Team Sicardsburg / van der Nüll vor, nur 12,3 % der Grünfläche waren vorgesehen. Die meiste Grünfläche, 37 %, wurde im sechstplatzierten Projekt von Peter Joseph Lenné vorgeschlagen, dem Direktor der preußischen Hofgärten in Berlin. Bei diesem Projekt wären statt der Ringstraße mehrere Gehwege angelegt worden, die sich durch Gärten schlängelten.

mini|Der vom Kaiser 1859 genehmigte Plan der Stadterweiterung

Ab dem 17. Jänner 1859 kamen die Sieger sowie zahlreiche Beamte mehrmals zusammen, um die drei Entwürfe miteinander zu verschmelzen. Dies gelang nicht, aber alle drei Preisträger modifizierten ihre Pläne und näherten einander an. Auf dieser Basis erstellte das Innenministerium einen Plan, der dem Kaiser am 17. Mai 1859 vorgelegt wurde. In diesem „Grundplan“ wurde aus wirtschaftlichen Gründen die Breite der Ringstraße von den ursprünglichen 40 auf 30 Klafter (56,9 Meter) festgelegt. Durch den Krieg in Oberitalien erging die Antwort des Kaisers erst am 1. September 1859. Mitte September 1859 erhielt die „dreißig Klafter breite, mit doppelten Baumreihen besetzte Straße, welche nach dem Stadterweiterungs-Plane gleich einem regelmäßigen Gürtel um die Stadt gezogen werden wird, […] den officiellen Namen Ringstraße“.

Dem Kaiser gefiel vor allem ein Detail nicht: Das Siegerprojekt von Friedrich August von Stache hatte die Rossauer Kaserne dort vorgesehen, wo sich heute der Schottenring befindet. Kaiser Franz Josef wünschte, dass die Ringstraße bis zum Donaukanal geführt werden solle. Nach der Erfüllung dieses und einiger kleiner weiteren Wünsche erhielt der Plan der Stadterweiterung am 8. Oktober 1859 die kaiserliche Genehmigung. Der Grundplan war noch stark von militärischen Gesichtspunkten geprägt. Im Umkreis von 2.000 Meter um die Hofburg sollten acht Kasernen liegen.

Innenminister Alexander von Bach war bislang die treibende Kraft des Ringstraßenbaus gewesen. Im Sommer 1859 verlor Österreich die Schlachten von Magenta und Solferino, und in der Folge den Krieg, was zu einem politischen Schock führte. Mehrere Regierungsmitglieder wurden entlassen, darunter am 21. August 1859 auch Innenminister Bach. Die Leitung der Stadterweiterung ging auf Joseph von Lasser und Franz von Matzinger über.

Der Stadterweiterungsfonds mini|hochkant|Franz von Matzinger