Der französische Verein Points Cœur entsendet Freiwillige in benachteiligte Stadtviertel, um leidenden und einsamen Menschen durch Freundschaft beizustehen. Der Verein wurde 1992 gegründet und war ursprünglich der katholischen geistlichen Gemeinschaft „Association privée de fidèles Points-Coeur“ zugehörig, die 2020 kirchenrechtlich aufgelöst wurde. Seither besteht er als zivilrechtliche NGO ohne institutionelle Verbindung zur katholischen Kirche.

Geschichte

Gründung Der Verein Points Cœur wurde 1992 als zivilrechtlicher Rahmen für die Aktivitäten der gleichnamigen Gemeinschaft gegründet, die auf einen inneren Ruf zurückgeht, den Thierry de Roucy nach eigenen Angaben am 4. Januar 1990 empfangen hatte. Die ersten beiden Häuser entstanden bereits 1990 in Brasilien und Argentinien. Zwischen 1992 und 1999 erweiterte sich der Freiwilligendienst auf weitere 15 Länder. 1997 wurde das erste Haus in Frankreich eröffnet.

Im Jahr 2000 wurde die gleichnamige geistliche Gemeinschaft durch Erzbischof Karlic von Paraná kirchenrechtlich als private Vereinigung von Gläubigen anerkannt. 2001 erhielt sie das Anerkennungsdekret vom Päpstlichen Rat für die Laien. Zur Geschichte der geistlichen Gemeinschaft, ihrer Auflösung und der damit verbundenen Missbrauchsvorwürfe gegen den Gründer siehe Points Cœur (geistliche Gemeinschaft).

Points Cœur hat seit 2005 einen beratenden Status beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC).

Wachstum und Auflösung der kirchlichen Strukturen Zum 28. Jahrestag seiner Gründung im Jahr 2018 verfügte das Werk über 40 Häuser in 26 Ländern und hatte mehr als 2.000 Freiwillige entsandt. Zu diesem Zeitpunkt zählte es 87 geweihte Laien, 40 Ordensschwestern und Postulantinnen sowie 20 Priester der Fraternité Molokaï.

Ab Beginn der 2000er Jahre erreichten die kirchlichen Behörden erste Zeugenaussagen über interne Missstände bei Points Cœur. Eine 2014 abgeschlossene kanonische Untersuchung unter dem Dominikaner Loïc-Marie Le Bot stellte ein „Risiko der Selbstbezogenheit“, „Misstrauen gegenüber der Kirche“ und „Mängel in der Ausbildung“ der Mitglieder fest. Nach der Verurteilung und Laisierung des Gründers Thierry de Roucy wurden alle kirchlichen Zweige zwischen 2017 und 2020 aufgelöst. Im April 2020 beschloss die geistliche Gemeinschaft mit einer Dreiviertelmehrheit ihre eigene Auflösung.

Das Bistum Fréjus-Toulon stellte daraufhin fest, dass der zivilrechtliche Verein „eine unabhängige NGO geworden ist, über die die Kirche keine Macht mehr hat und weder Begleitung noch Kontrolle gewähren kann“.

Freiwilligendienst Laut eigenen Angaben entsendet der Verein Freiwillige im Alter von 18 bis 30 Jahren für 14 bis 24 Monate in benachteiligte Stadtviertel in 16 Ländern auf vier Kontinenten. Die Freiwilligen leben zu viert bis sechst in Gemeinschaft. In Frankreich betreibt der Verein ein Ausbildungszentrum für Freiwillige in Vieux-Moulin sowie Wohngemeinschaften für junge Berufstätige in Paris und Villejuif. Nach Angaben aus der Zeit des aktiven Bestehens der Gemeinschaft besuchten die Freiwilligen wöchentlich Gefängnisse, Krankenhäuser, Waisenheime und Obdachlosenhäuser in den damals 26 Einsatzländern.

Nach eigenen Angaben beruht die Arbeit der Freiwilligen auf drei Säulen: einem Leben des Mitgefühls (Compassion), dem Gemeinschaftsleben und dem Streben nach persönlichem Sinn.

Kirchliche Reaktionen Nach der Auflösung der kirchlichen Strukturen 2020 traten Points Cœur und verwandte Organisationen nach Ansicht kirchlicher Stellen weiterhin als kirchliche Vereinigungen auf. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin wandte sich daher im August 2023 in einem Brief an den Präsidenten der französischen Bischofskonferenz, Éric de Moulins-Beaufort. Parolin stellte fest, dass Points Cœur „keinerlei kanonische Verbindung zur Kirche“ mehr habe, und forderte die Diözesanbischöfe auf sicherzustellen, dass der Verein sich nicht als kirchliche Gemeinschaft präsentiere und keine Aktivitäten kirchlicher Natur anbiete.

Zwei Schweizer Bischöfe reagierten mit konkreten Verboten: Der Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg, Charles Morerod, untersagte im März 2024 die Werbung für Points Cœur in der Seelsorge sowie die Nutzung kirchlicher Netzwerke für Spendenaufrufe. Der Bischof von Sitten, Jean-Marie Lovey, erließ im August 2024 gleichlautende Verbote und erklärte, das Bistum lehne bei Problemen, die jungen Katholiken durch ein Engagement bei Points Cœur entstünden, jede rechtliche, kanonische und menschliche Verantwortung ab. Auch die Erzdiözese Wien stellte in ihrem Diözesanblatt von Januar 2024 klar, dass Points Cœur nicht Teil der katholischen Kirche sei.

Partnerorganisationen Nach der Auflösung der kirchlichen Vereinigung führten die bestehenden zivilrechtlichen Vereine in verschiedenen Ländern ihre Arbeit fort, darunter der deutsche Verein Offenes Herz. Die folgende Übersicht zeigt die aus dem Netzwerk hervorgegangenen Vereine, soweit bekannt. Die Angaben basieren auf verschiedenen Quellen und können voneinander abweichen.

+ Aus Points Cœur hervorgegangene zivilrechtliche Vereine Land Vereinsname Website Argentinien Puntos Corazón puntoscorazon.org.ar Brasilien Presença e Amizade presencaeamizade.org Chile Puntos Corazón puntoscorazon.cl Costa Rica Puntos Corazón – Deutschland / Österreich Offenes Herz e.V. offenesherz.de Ecuador Puntos Corazón – El Salvador Puntos Corazón – Frankreich Points Cœur pointscoeur.org Griechenland ΣΠΙΤΙ ΤΗΣ ΚΑΡΔΙΑΣ – Honduras Puntos Corazón – Indien Heart's Home – Italien Punto Cuore puntocuore.org (nicht mehr erreichbar) Japan 心の港 – Heart's Home Japan – Kuba Puntos Corazón – Peru Misión y Compasión misionycompasion.org.pe Philippinen Tahanan ng Puso – Polen Domy Serca domyserca.pl Rumänien Puncte Inimă puncteinimaromania.org Senegal Points Cœur – Thailand Points Cœur – Ukraine Дім серця – Uruguay Puntos Corazón – USA Con-solatio con-solatio.org

Einzelnachweise

Kategorie:Freiwilligendienst Kategorie:Verein (Frankreich)