mini|Die Anfangsstadien der menschlichen Embryogenese.
Unter Ontogenese oder Ontogenie (οντογένεση; Kompositum aus und , ‚Entstehung‘) wird die Entwicklung eines Einzelwesens bzw. eines einzelnen Organismus verstanden, in Abgrenzung zur Stammesentwicklung (Phylogenese). Der zeitliche Verlauf der Individualentwicklung wird auch Entwicklungsgeschichte genannt. Diese beschreibt die einzelnen Stadien der Entwicklung, beginnend mit der Keimesentwicklung bis zum voll entwickelten Lebewesen im adulten Stadium, und schließt auch die Stadien der altersbedingten Rückbildung mit ein.Ontogenese. In: Norbert Boss (Hrsg.): Roche Lexikon Medizin. 2. Auflage. Urban & Schwarzenberg, München 1987, ISBN 3-541-13191-8, S. 1273.Ontogenese, Ontogenie. In: Willibald Pschyrembel: Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch. 154.–184. Auflage. Walter de Gruyter & Co., Berlin 1964, S. 629.Ontogenese. In: Helmut Ferner: Entwicklungsgeschichte des Menschen. 7. Auflage. Reinhardt, München 1965, S. 12.Ontogenie. In: Zetkin-Schaldach: Wörterbuch der Medizin. dtv, München 1980, ISBN 3-423-03029-1, S. 1008. Die beiden Begriffe gehen auf Ernst Haeckel (1866) zurück, der sich bereits einige Jahre vor dem Erscheinen seines Buches mit der Lehre Charles Darwins befasst hatte und diese mit in sein Werk aufnahm.
Mehrzeller und Einzeller Die Individualentwicklung beginnt bei den Metazoa, zu denen auch der Mensch gehört, mit der befruchteten Eizelle und endet mit dem Tod. Eine besondere Fragestellung ergibt sich für die Entwicklung anderer Lebewesen, insbesondere der Einzeller, vgl. dazu die Systematik der Biologie. Die frühere Einteilung in Metazoa und Protozoa ist heute überholt, sie wurde durch neue Einteilungen abgelöst (→Reiche). Einzeller können sich in der Regel unendlich fortpflanzen. Da die Mutterzelle bei der Zellteilung in den Tochterzellen aufgeht, bleibt kein sterblicher Elternorganismus übrig. Darum besteht bei Einzellern eine potenzielle Unsterblichkeit. Bei Organismen, die sich an der Schwelle von der Ein- zur Mehrzelligkeit befinden (siehe Volvox), endet der individuelle Lebenszyklus mit dem Tod. Ernst Haeckel sprach nicht von Mehrzellern, sondern von der Entwicklungsgeschichte organischer Individuen (1906, S. 165).Beginn des Daseins bei mehrzelligen Lebewesen. In: Otto Grosser, bearb. von Rolf Ortmann: Grundriß der Entwicklungsgeschichte des Menschen. 6. Auflage. Springer, Berlin 1966, S. 1. Ontogenese bedeutet daher in der von Haeckel naturwissenschaftlich verstandenen Auffassung nicht etwa die Entstehung des Lebens überhaupt, wie die Wortbedeutung etwa vermuten lassen könnte. Der Begriff bezieht sich vielmehr auf bereits vorhandenes Leben (Einzeller als mindestes Stadium der Entwicklung). Die ersten wissenschaftlich-ontogenetischen Experimente wurden daher 1888 von Wilhelm Roux an Froscheiern im zweizelligen Furchungsstadium durchgeführt.Wilhelm Roux: nach: Dietrich Starck: Embryologie. Stuttgart: Thieme-Verlag 1955.Friedrich Vogel: Allgemeine Humangenetik. Springer, Berlin 1961, S. 232.
Philosophie Von Ernst Haeckel (1834–1919) wird auch die Philosophie auf das Prinzip der Entwicklung gegründet. Haeckel fasste seine Lehre als Monismus zusammen. Es gibt für ihn keine a priorischen Erkenntnisse, sondern nur durch Erfahrung früherer Generationen konstitutionell gewordene Fähigkeiten.ontogenetisch. In: Georgi Schischkoff (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch. 21. Auflage. Alfred-Kröner, Stuttgart 1982, ISBN 3-520-01321-5, S. 503 (zum Lemma „Haeckel, Ernst“, S. 254). Der Monismus sollte jedoch insbesondere auch zum besseren Verständnis der Ontogenese beitragen. In den dargestellten Entwicklungsprozessen, die Haeckel auf vergleichendem und „genetischem“ Wege gewann, erkannte er ein allgemeines Lebensprinzip. Haeckel verstand „genetisch“ nicht im Sinne der Mendelschen Regeln, obwohl Gregor Mendel als „Vater der Genetik“ seine Ergebnisse im gleichen Jahr (1866) veröffentlichte wie auch Haeckel seine „Generelle Morphologie“. Haeckel verstand unter „genetisch“ vielmehr die aus der vergleichenden Zusammenstellung vieler einzelner Erfahrungen induktiv „ableitbaren“ allgemeinen Gesetze und Erkenntnisse, daher sein Buchtitel Generelle Morphologie. Diese Erkenntnisse gewann er aufgrund biologisch verwandten und somit ähnlichen Beobachtungsmaterials. Mit August Schleicher diskutierte er Analogien in der Linguistik, die dieser in seinen sprachvergleichenden Untersuchungen festgestellt hatte.August Schleicher: Die Darwinsche Theorie und die Sprachwissenschaft. Offenes Sendschreiben an Herrn Dr. Ernst Haeckel. H. Böhlau, Weimar 1863. Haeckel war überzeugt, dass seine „Gesetze“ nicht nur auf Pflanzen und Tiere, sondern insbesondere auch auf den Menschen und das menschliche Seelenleben übertragen bzw. generalisiert werden konnten (1909, S. 27–29). Diese Sicht wurde beispielsweise von Konrad Lorenz (1903–1989) aufgegriffen (siehe unter Posthume Rezeption).
Wird Entwicklung mit Schöpfung gleichgesetzt, so ergibt sich damit der Gedanke der Epigenese.Friedrich Ludwig Boschke: Die Schöpfung ist noch nicht zu Ende. Econ-Verlag, 1962. Mit der Dissertation Theoria generationis führte der Physiologe Caspar Friedrich Wolff die Epigenese zum Sieg über die Evolution in Bezug auf das Wachstum durch Vermehrung von Bläschen oder Kügelchen.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 30.
Psychologie Gestaltpsychologie Entsprechend dem umfassenden Geltungsanspruch der Haeckelschen Lehre (Materialistischer Monismus) hat sich u. a. die Gestaltpsychologie mit dem Prinzip der Entwicklung befasst. Dabei nahm man an, dass es durch Differenzierung zu einer Spezialisierung durch Ausgliederung von eher diffusen Teilfunktionen kommt und durch Zentralisierung zu einer Neuordnung und Vereinheitlichung von gestaltgebender Organisation durch Aufbau und Abbau. Anstelle eines Monismus hat die Gestaltpsychologie den vereinheitlichenden Begriff des Feldes vertreten.Entwicklung. In: Peter R. Hofstätter (Hrsg.): Psychologie. Das Fischer Lexikon. Fischer-Taschenbuch, Frankfurt am Main 1972, ISBN 3-436-01159-2, S. 102, 164 f.
Psychoanalyse Die von Sigmund Freud (1856–1939) begründete Psychoanalyse ist verständlicherweise schon aus zeitgeschichtlichen Gründen dem Gedanken der Entwicklung aufgeschlossen. Seit 1874 war Freud mit naturwissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt. Nach einer ersten zoologischen Arbeit bei Carl Claus im Jahr 1876 promovierte Freud unter der Leitung von Ernst Wilhelm Brücke am Physiologischen Institut in Wien mit einer neurophysiologischen Arbeit.Sigmund Freud: Über das Rückenmark niederer Fischarten. Promotionsarbeit bei Ernst Wilhelm Brücke, Wien 1879. Über seine Ausbildung und seine Beziehung zum Beruf des Arztes schreibt Freud:
Freud hat selbst für die individuelle Entwicklung jedes Menschen als Einzelwesen vier charakteristische Phasen herausgearbeitet. Sie sind Bestandteil seiner Lehre von der infantilen Sexualität.
Granville Stanley Hall (1846–1924) war einer der ersten Psychologen, welche die Psychoanalyse als wissenschaftliches Forschungsprogramm anerkannten. Das psychogenetische Grundgesetz wurde 1904 von ihm beschrieben. Er bezog sich dabei auf das biogenetische Grundgesetz von Ernst Haeckel. Während sich Haeckel auf die biologische Stammesgeschichte bezieht, beruft sich Hall auf die Völkerkunde (Ethnologie). Hall war Schüler von Wilhelm Wundt (1832–1920), der bereits Werke über die Völkerpsychologie verfasst hatte.Wilhelm Wundt: Völkerpsychologie. Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythos und Sitte. 10 Bände. Engelmann, Leipzig 1900–1920.
Analytische Psychologie Carl Gustav Jung (1875–1961) verwendete den Begriff „ontogenetisch“, um damit die Kollektivpsyche zu verdeutlichen. Er sah das Unbewusste nicht nur als Produkt der Verdrängungsmechanismen an, sondern auch als schöpferische Instanz. Nimmt man an, dass die Entwicklung der Gehirne in der Menschheit einen gewissen durchschnittlichen Grad an Differenzierung erreicht hat, so kann dies nicht nur als Resultat der Ontogenese betrachtet werden, sondern muss auch als Ergebnis der Phylogenese angesehen werden. Es handelt sich um Entwicklungsstufen, die der Menschheit kollektiv gemeinsam sind. Bereits die äußere Ähnlichkeit der Gehirne als Organe lässt diese Annahme vermuten. Die Kollektivpsyche stellt somit den festen, sozusagen automatisch ablaufenden, ererbten und überpersönlichen Anteil der individuellen Seele dar. Es handelt sich um das, was Pierre Janet (1859–1947) als die „unteren Anteile“ () der psychischen Funktionen dargestellt hat. Die oberen Anteile der seelischen Funktionen () werden durch das Bewusstsein und das persönliche Unbewusste wahrgenommen.Pierre Janet: Les Névroses. 1909Carl Gustav Jung: Zwei Schriften über Analytische Psychologie. Gesammelte Werke. Walter-Verlag, Düsseldorf 1995, Paperback, Sonderausgabe, Band 7, ISBN 3-530-40082-3; (a) S. 155, § 235; S. 284, § 455 – zu Stw. „ontogenetisch“; (b) S. S. 92, § 130 – zu Stw. „Abgrenzung der analytischen und synthetischen Methode“.
Jung war allerdings auch bemüht, die methodischen Unterschiede zwischen verschiedenen Richtungen der Psychotherapie und zugleich ihre Gemeinsamkeiten zu erfassen. Insbesondere während der Zeit des Dritten Reichs und der politischen Ausgrenzung der Psychoanalyse fühlte er sich dazu veranlasst. Es kam ihm dabei entgegen, dass er seit 1934 als Vorstandsmitglied der schweizerischen Gruppe der Internationalen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie tätig war. In seiner Begrüßungsansprache zum 10. Internationalen Ärztlichen Kongress für Psychotherapie in Oxford im Jahre 1938 gab Jung bekannt, dass das schweizerische Komitee des Verbandes versuchte, alle jene Punkte aufzustellen, in denen alle Psychotherapeuten übereinstimmen, die nach den Richtlinien der psychologischen Analyse arbeiten. Unter diesen Punkten waren gemäß Zentralblatt des Verbands 1933 genannt: 1. ärztliches Vorgehen, 2. Psychogenese, 3. Diagnose, 4. Exploration, 5. Material (sprachliche und nichtsprachliche Ausdrucksformen), 6. Ätiologie, 7. das Unbewusste, 8. Fixierung, 9. Bewusstmachen, 10. Analyse und Deutung, 11. Übertragung, 12. die ontogenetische Reduktion, 13. die phylogenetische Reduktion, 14. Therapie.Zentralblatt für Psychotherapie und ihre Grenzgebiete. IX/1–2, Leipzig 1933, S. 2.
Die ontogenetische Reduktion als Rückführung von Befinden auf zeitlich zurückliegende Ereignisse der Lebensgeschichte ist damit als wichtige Methode der Psychotherapie herausgestellt.Carl Gustav Jung: Zivilisation im Übergang. Gesammelte Werke. Walter-Verlag, Düsseldorf 1995, Paperback, Sonderausgabe, Band 10, ISBN 3-530-40086-6; S. 619, § 1072, Fußnote 1 Zu den methodischen Unterschieden sei auf den von Jung beschriebenen Reduktionismus der Psychoanalyse verwiesen, der durch synthetische Betrachtungsweisen Jungs ergänzt wurde (vgl. a. → Deutung auf der Objektstufe).
Entwicklungsbiologie