Von Missbrauch in der Psychotherapie kann gesprochen werden, wenn die therapeutische Beziehung im Sinne der Bedürfnisse des Therapeuten ausgenutzt wird oder wenn das Handeln des Therapeuten gegen ethische Grundsätze verstößt. Oft handelt es sich um emotionalen, narzisstischen oder andere Formen des Missbrauchs ohne sexuelle Komponente, es kann jedoch auch zu sexuellen Übergriffen kommen. Machtmissbrauch in der Psychotherapie hat in der Regel das Scheitern der Therapie zur FolgeTheo Piegler: Macht, Ohnmacht und Machtmissbrauch in psychotherapeutischen Beziehungen. In: Psychotherapie Forum. Band 11, Heft 3, 2003, S. 106–112. und kann daher als grober „Kunstfehler“ betrachtet werden, denn die Ausbildung von Psychotherapeuten ist auch darauf ausgerichtet, die therapeutische Beziehung ausschließlich auf die Bedürfnisse des Patienten auszurichten und möglichen Missbrauch zu erkennen.

Der Begriff der Macht Machtausübung wird im Hinblick auf die Psychotherapie meist im Sinne von Max Weber verstanden: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.“ Die Machtstellung des Therapeuten ist zunächst vergleichbar mit der Stellung des Arztes in der Arzt-Patient-Beziehung, allerdings im Rahmen einer Psychotherapie handelt es sich in der Regel um eine sehr subtile Manipulation.

Im Hinblick auf die psychotherapeutische Beziehung ist auch die Rolle der Patientin oder des Patienten zu berücksichtigen, denn hier „haben wir es mit einem System zu tun, das sich zirkulär wechselseitig bedingt.“ Bei Patienten reinszenieren sich für gewöhnlich frühkindliche Erfahrungen und in Folge wird dem Therapeuten eine übermäßige Idealisierung, Abhängigkeit, erotische Übertragung entgegengebracht oder ihm eine unverhältnismäßige Autorität zugesprochen. Es besteht also eine Wechselwirkung zwischen dem unbewussten Beziehungsmuster, das der Patient versucht zu inszenieren, und dem Therapeuten, der dieses Beziehungsmuster für seine eigenen Bedürfnisse missbrauchen kann.

Können solche Beziehungsmuster nicht aufgelöst werden, verharrt der Patient in der Rolle des abhängigen, hilflosen und machtlosen Menschen, was insbesondere dazu führen kann, dass Eigenverantwortung, Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit nicht adäquat erlernt werden können.

Macht und Missbrauch Die Annahme, dass der Patient an einer seelischen Störung leidet, führt zu einer bestimmten Rollenverteilung in der therapeutischen Beziehung. Der Therapeut kommt in eine mächtige Position.Christoph J. Schmidt-Lellek: Narzisstischer Machtmissbrauch in der Psychotherapie. In: Christoph J. Schmidt-Lellek, Barbara Heimannsberg (Hrsg.): Macht und Machtmissbrauch in der Psychotherapie. Köln 1995.

Diese Macht beziehungsweise die situative Überlegenheit des Therapeuten kann als heilsamer therapeutischer Faktor in der Therapie genutzt werden. So können langgehegte Wünsche und Gefühle, die der Patient stellvertretend auf den Therapeuten richtet, eine wichtige Rolle in der Psychotherapie spielen. Dies ermöglicht dem Patienten, sich damit auseinanderzusetzen und neue Beziehungsformen zu lernen.Barbara Heimannsberg: Gleichheit und Differenz. Der doppelte Boden der therapeutischen Beziehung. In: Christoph J. Schmidt-Lellek, Barbara Heimannsberg (Hrsg.): Macht und Machtmissbrauch in der Psychotherapie. 1995, S. 16. Dabei ist der moralisch integere und wissende Psychotherapeut in der Lage, auf die Erfüllung eigener Wünsche durch den Patienten zu verzichten, und sollte der Versuchung nach zerstörerischer Machtausübung widerstehen.

Patienten kommen oft mit Selbstzweifeln und unter hohem Leidensdruck in die Psychotherapie. Sie treffen auf einen Psychotherapeuten, dem sie Kompetenz und seelische Gesundheit unterstellen, den sie unter Umständen idealisieren und in die Rolle des Retters bringen. Psychotherapie vollzieht sich daher grundsätzlich im Rahmen einer permanenten „narzisstischen Versuchung“, die einen professionellen Umgang durch den Therapeuten erforderlich macht.

Die Gefahr für Psychotherapeuten, dieser Versuchung zu erliegen, ist seit langem bekannt. Die Psychoanalytiker C. G. Jung und W. Schmidbauer beschreiben Psychotherapeuten als „verwundete Heiler“Christel Hafke: Macht, Ohnmacht und Machtmissbrauch in therapeutischen Beziehungen. Opladen 1996. beziehungsweise „hilflose Helfer“.Wolfgang Schmidbauer: Wenn Helfer Fehler machen. Reinbek 1997, ISBN 3-498-06319-7. Leseprobe Der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth schreibt dazu: „Ihre früh entwickelte Sensibilität und ihre ausgeprägte Begabung, sich in die Gefühlslage ihrer Mitmenschen einzufühlen, prädestiniert sie zwar für einen helfenden Beruf, macht sie jedoch zugleich anfällig dafür, sich entweder von anderen narzisstisch missbrauchen zu lassen oder auch umgekehrt, andere zur Stabilisierung des eigenen Selbstwertgefühls zu funktionalisieren.“Hans-Jürgen Wirth: Narzissmus und Machtmissbrauch in der Psychotherapie. In: Psychoanalytische Familientherapie. 8(1), Nr. 14, 2007, S. 85–98, zit. nach: https://www.psychosozial-verlag.de/29079 (10. Februar 2015)

Formen des Missbrauchs Ein Machtmissbrauch in der Psychotherapie kann sich schleichend entwickeln. Er liegt grundsätzlich in einer Grenzverletzung. Dabei wird die persönliche Integrität der Patientin oder des Patienten missachtet. Eine solche Grenzverletzung kann auf mehrfache Weise geschehen, z. B. als manipulative Indoktrination, wenn der Therapeut sein eigenes Weltbild und sein Realitätsverständnis absolut setzt, durch immer wiederkehrende diffamierende Bemerkungen, Duzen von erwachsenen Patienten ohne deren Einverständnis, durch maßlose Schwarzmalerei, wenn der Patient überlegt, die Therapie abzubrechen, durch schwarz abgerechnete Honorare, durch die Missachtung der Abstinenzregel und viele weitere Arten emotionaler (verbaler) oder struktureller Gewalt. Die Abstinenzregel besagt, dass Beziehungsphantasien und -wünsche der Patienten als Ausdruck des Übertragungsgeschehens zu verstehen und als solche zu deuten sind, der Therapeut durch diese Wünsche und Phantasien nicht als Person, sondern als Übertragungsfigur angesprochen wird und sie daraus folgend nicht in konkretes Handeln umzusetzen sind. Freuds Postulat „Die Kur muss in der Abstinenz durchgeführt werden“ ist eine grundlegende Orientierung des therapeutischen Settings und schließt neben der Abstinenz während der Behandlungsstunde private, berufliche und ökonomische Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Klient und Therapeut aus.Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT e.V.): . Stand: 30. September 2016, abgerufen am 25. Februar 2018.

Wenn private und therapeutische Beziehungen sich miteinander vermischen, wird Machtmissbrauch auf verschiedenen Ebenen der therapeutischen Beziehung evident.Mia Schubert: Machtmissbrauch in der Psychotherapie. Meine Erlebnisse bei einer „Psychotherapeutin“ (HPG). Norderstedt 2009, ISBN 978-3-8391-0965-6. Ein typisches Merkmal solcher fehlgeleiteten therapeutischen Prozesse ist eine Rollenkonfusion (englisch: role-trading), die dadurch charakterisiert ist, dass der Therapeut die Rolle des Patienten annimmt und seine Bedürfnisse und Wünsche in den Fokus rücken.Kenneth S. Pope, Jacqueline C. Bouhoutsos: Sexual intimacy between therapists and patients. Praeger, New York, 1986, S. 3 ff. Folge hiervon ist, dass die Rolle der Klienten für diese zunehmend uneinschätzbar wird, da zusätzlich zur Rolle des Hilfesuchenden z. B. die Rolle des Zuhörers, der attraktiven Frau etc. zugeschrieben wird.Kenneth S. Pope, Jacqueline C. Bouhoutsos: Sexual intimacy between therapists and patients. Praeger, New York 1986, S. 6 ff.

Eine Steigerung erfährt die Missbrauchsmöglichkeit, sofern Behandlungsmethoden angewendet werden, die entweder von vorneherein in ethischer Hinsicht nicht den allgemein anerkannten Standards entsprechen oder die mit Mitteln arbeiten, durch die die Beeinflussbarkeit von Patienten signifikant erhöht wird. Im ersten Fall kann es sich um eine weltanschaulich einseitige Ausrichtung des therapeutischen Verfahrens handeln,Hansjörg Hemminger: Das therapeutische Reich des Dr. Ammon. Eine Untersuchung zur Psychologie totalitärer Kulte. Stuttgart 1989, ISBN 3-7918-2341-8. im zweiten Fall zum Beispiel – wie etwa bei der so genannten Psycholytischen Psychotherapie – um die Verwendung von psychoaktiven Substanzen, sofern diese nicht einer verbindlich geregelten Kontrolle unterliegt und weltanschauliche Neutralität wahrt.Hans-Peter Waldrich, unter Mitarbeit von Gabriele Markert: Gehirnwäsche oder Heilverfahren? Erfahrungen mit drogengestützten Psychotherapien. Hamburg 2014, ISBN 978-3-8495-7632-5.

Sexueller Missbrauch Nach einer Schätzung des Instituts für Psychotraumatologie Freiburg/Köln, welche die neuesten nationalen und internationalen Forschungsergebnisse berücksichtigt, muss in der Bundesrepublik Deutschland jährlich mit mindestens 300 bis 600 Übergriffen gerechnet werden. Das statistische Risiko liegt nach dieser Minimalschätzung unter einem Prozent.Deutsches Institut für Psychotraumatologie: Sexuelle Übergriffe in Psychotherapie, Psychiatrie, und psychologischer Beratung. 10. Februar 2015. In großen amerikanischen Untersuchungen an 1000 Psychiatern und der gleichen Zahl an Psychologen räumten allerdings jeweils etwa 12 Prozent der Befragten sexuelle Kontakte mit ihren Patienten ein. Selbst im Hinblick auf namhafte Psychoanalytiker oder Psychotherapeuten sind grenzverletzende Beziehungen zu Patienten bekannt.Wolfgang Martynkewicz: Sabina Spielrein und Carl Gustav Jung – eine Fallgeschichte. Berlin 1999, ISBN 3-87134-287-4. Auch im Hinblick auf die psychoanalytische Ausbildung wird von sexuellem Missbrauch durch Lehrtherapeuten berichtetHelmut Kaiser: Grenzverletzung. Macht und Missbrauch in meiner psychoanalytischen Ausbildung. Zürich / Düsseldorf 1996, ISBN 3-530-40024-6. und die machtförmige Organisation des Ausbildungsbetriebs kritisiert.Johannes Cremerius: Lehranalyse und Macht. Die Umfunktionierung einer Lehr-Lern-Methode zum Machtinstrument der institutionalisierten Psychoanalyse. In: Christoph J. Schmidt-Lellek, Barbara Heimannsberg (Hrsg.): Macht und Machtmissbrauch. 1995, S. 99–122. Im Jahr 2007 haben Psychoanalytiker mit der Herausgabe eines Sammelbandes unter dem Titel Entgleisungen in der Psychoanalyse auf ihre Auseinandersetzung mit Einzelfällen und dem Problem insgesamt reagiert. Es werden verschiedene Facetten des Problems dargestellt und prominente Fälle aus der britischen Community aufgearbeitet. Darüber hinaus werden ethische Fragen diskutiert und im Anhang der Ethik-Kodex der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung sowie die Psychoanalytische Berufsethik der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung beigefügt.