mini|Kirche von Südost Die Evangelisch-reformierte Kirche in Ober-Hörgern, einem Stadtteil von Münzenberg im Wetteraukreis (Hessen), wurde im Jahr 1729 anstelle eines mittelalterlichen Vorgängerbaus errichtet. Beibehalten wurde der im Kern gotische Flankenturm an der Nordseite, der in den Jahren 1777/1778 einen neuen Helmaufbau erhielt. Die Saalkirche ist ortsbildprägend und hessisches Kulturdenkmal.

Geschichte mini|Wappenfeld mit Inschrift über dem Westportal Eine Kirche ist für das Jahr 1271 bezeugt. In kirchlicher Hinsicht war Ober-Hörgern Filial von Gambach und im Sendbezirk Gambach dem Archidiakonat von St. Maria ad Gradus im Erzbistum Mainz zugeordnet. Mit Einführung der Reformation unter Graf Ernst zu Solms-Lich wechselte die Kirchengemeinde um 1556 zum protestantischen Bekenntnis. Für das Jahr 1566 ist ein Pleban nachgewiesen.Müller: Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde Ober-Hörgern. 1985, S. 105. Im Zuge der „Zweiten Reformation“ unter Graf Konrad von Solms-Braunfels wurde am 7. September 1582 auf der Hungener Synode ein Wechsel zum reformierten Bekenntnis beschlossen, das in Ober-Hörgern im Jahr 1606 eingeführt wurde. Die Kirchengemeinde blieb nach der Reformation Filial von Gambach, wurde aber von 1612 bis 1620 Filial von Eberstadt, da Graf Hermann Adolf von Solms-Hohensolms-Lich dem Schulmeister von Eberstadt den Dienst am Wort Gottes übertrug. Für eine weitere Periode von 1624 bis 1648 wurde Öber-Hörgern nochmals von Gambach gelöst und Eberstadt zugeschlagen, um nicht wie Gambach lutherisch zu werden, als es 1624 von Philipp III. von Hessen-Butzbach in Besitz genommen wurde. In dieser Zeit fungierte der Eberstädter Lehrer als Pfarrer für Ober-Hörgern. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde die Gemeinde wieder mit Gambach vereinigt.Diehl: Pfarrer- und Schulmeisterbuch für die hessen-darmstädtischen Souveränitätslande. 1930, S. 158, 197. Ober-Hörgern hatte von 1691 bis 1718 und von 1758 bis 1783 eine „Kaplanei“ als geistliche Stelle inne, eine zweite Pfarrstelle („Diakonat Ober-Hörgern“). Der zweite Pfarrer wohnte in Ober-Hörgern. Von 1718 bis 1758 und von 1783 bis 1804 wurde diese Stelle durch die Pfarrer aus Eberstadt versehen.Müller: Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde Ober-Hörgern. 1985, S. 110–111. Die Kaplanei war bis 1824 mit der Pfarrstelle Hausen verbunden und dann aufgehoben.Diehl: Pfarrer- und Schulmeisterbuch für die hessen-darmstädtischen Souveränitätslande. 1930, S. 198.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war die Kirche „zu klein und sehr baufällig“. In Oberwetz und Niederkleen wurde 1727 Bauholz gekauft, das von dem Zimmermann Johann Rupert Mulch bearbeitet wurde. Weiteres Holz stammt aus dem Solms-Braunfelser Land und den umgebenden Gemeinden, Tannenholz aus Frankfurt am Main. Die Dorfbewohner brachen Steine im Eberstädter Feld. Sandsteinplatten wurden aus Bobenhausen geliefert. Der Sandstein für die Portalumrahmung stammt aus Aulendiebach.Schunk-Larrabee: „Der Stein, den die Bauleute verwarfen.“ 2004, S. 170–171. Das abgängige Kirchenschiff wurde in den Jahren 1729 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Die Grundsteinlegung erfolgte am 22. April 1729, die Einweihung am 11. Oktober desselben Jahres. Architekt war Baumeister Rockstroh aus Lich.Schütte (Hrsg.): Kirchen und Synagogen in den Dörfern der Wetterau. 2004, S. 473. Für das Jahr 1729 war Johannes Spieß junior Baumeister. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 2669 Gulden, 16 Albus und 2 Pfennige.Schunk-Larrabee: „Der Stein, den die Bauleute verwarfen.“ 2004, S. 165. Der mittelalterliche Turmschaft wurde im unteren Bereich beibehalten, die Turmuhr 1772 erneuert. Das obere Mauerwerk wurde 1777 unter Rockstroh neu aufgeführt und erhielt 1778 eine neue Haube. Ein Kupferschmied aus Friedberg fertigte Turmknopf, Wetterfahne und Stern an, die vom Licher Maler Daniel Hisgen vergoldet wurden.Müller: Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde Ober-Hörgern. 1985, S. 116.

Die Fenster erhielten 1834 neue Scheiben, die der Glasmeister Keck aus Lich anfertigte. Eine Renovierung fand im Jahr 1841 durch Maler Hisgen aus Lich statt. Im Jahr 1861 vergoldete der Licher Maler Georg Hisgen, Enkel von Daniel Hisgen, Knopf, Fahne und Stern für 50 Gulden neu. In diesem Zuge wurde das Dach, das beim Herabnehmen der Bekrönung Schaden gelitten hatte, für 82 Gulden repariert.Müller: Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde Ober-Hörgern. 1985, S. 119–120. Während der Vakanzzeit 1890–1892 beantragte die Gambacher Gemeinde, Ober-Hörgern Eberstadt zuzuschlagen, was am Widerstand in Eberstadt scheiterte. Der Turm wurde 1905 renoviert. Eine Innenrenovierung der Kirche folgte 1922 durch Kirchenmaler Velte. 1930 erhielt der Turm eine neue Uhr und die Kirche einen neuen Ofen, der 1939 durch einen Heißluftofen ersetzt wurde. In den Jahren 1952 und 1967/1968 folgten Innenrenovierungen, Außenrenovierungen 1957 und von 1983 bis 1985.

Im Jahr 2015 zählt die Kirchengemeinde 226 Mitglieder und ist pfarramtlich mit Gambach verbunden. Die Gemeinde gehört im Kirchspiel Gambach zum Dekanat Wetterau in der Propstei Oberhessen in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Architektur mini|hochkant|Vorhalle (1746) vor dem Westportal mini|hochkant|Helmaufbau von 1778 Der in etwa geostete Saalbau auf rechteckigem Grundriss ist längsgerichtet inmitten des alten Friedhofs am östlichen Ortsrand errichtet. Kirche und Turmschaft sind verputzt und haben Eckquaderung, wodurch die beiden Baukörper als architektonische Einheit erscheinen.muenzenberg.de:

Die Kirche wird durch ein steiles, verschiefertes Walmdach mit reich profilierten Dachgesimsen bedeckt, dessen Ecken von zwei kleinen Spitzen mit Kugeln verziert werden. Sie wird im Westen durch ein rechteckiges Hauptportal mit Doppelflügeltüren in profiliertem Gewände aus rotem Sandstein erschlossen. Erhalten sind die barocken Türblätter.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. 2008, S. 632. Die hölzerne, barocke VorhalleBackes (Red.): Dehio-Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Hessen. 1982, S. 668. aus dem Jahr 1746 mit verschiefertem Walmdach ruht auf vier verzierten Holzpfosten, die auf quaderförmigen Steinbasen stehen. Die kleine Vorhalle diente im Jahr 1924 dem hölzernen Vorbau des Westportals der Evangelisch-reformierten Kirche Nonnenroth als Vorbild.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 329. Über dem Portal ist aus Sandstein in bunten Pastellfarben ein Wappenfeld des Grafenpaars Friedrich Wilhelm von Solms-Lich und Wilhelmina Magdalena angebracht, das das Recht zur Kollatur besaß. Das Wappen wurde von Philipp Mörs aus Büdingen bearbeitet. Das Doppelwappen unter einer gemeinsamen Krone wird von Akanthusranken mit Voluten flankiert. Darunter sind auf einer Schrifttafel die vollständigen Namen und das Baujahr 1729 zu lesen: „FRIEDRICH WILHELM GRAF ZU SOLMS HOHENSOLMS LICH / UND TECKLENBURG HERR ZU MÜNZENBERG WILDENFELS UND / SONNEWALD etc. etc. UND WILHELMINA MAGDALENA GRÆFIN ZU SOLMS HOHENSOLMS / LICH UND TECKLENBURG FRAU ZU MÜNZENBERG WILDENFELS UND SONEWALT etc. / GEBORNE GRÆFIN ZU YSENBURG UND BÜDINGEN ANNO MDCCXXIX.“Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1935, S. 231.

An der Westseite sind unterhalb der Traufe zwei ovale Fenster eingelassen. Die Ostseite hat zwei kleine Rechteckfenster mit geradem Sturz, über denen zwei ovale Fenster angebracht sind,Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 346. während die Südseite durch vier Rundbogenfenster belichtet wird. Die Nordseite hat im Westen nur zwei rundbogige Fenster derselben Größe wie an der Südseite, da an der östlichen Nordseite der Turm an das Kirchenschiff grenzt. Das rechteckige Nordportal mit Sandsteingewände dient als Nebeneingang. Eine hölzerne Vorhalle stammt wie die im Westen von 1729. Sie wird östlich fortgeführt und überdacht dort den steinernen Treppenaufgang zum Turm.Müller: Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde Ober-Hörgern. 1985, S. 117. Die sechs Pfosten mit Kopfbändern tragen ein flaches, verschiefertes Walmdach.

Der ungegliederte, gotische Turmschaft auf quadratischem Grundriss ist aus Bruchsteinmauerwerk massiv aufgeführt. Er hat im Erdgeschoss an der Ost- und Nordseite je ein kleines Spitzbogenfenster mit Fase, ansonsten nur Schlitz- oder kleine Rechteckfenster mit Fase. Die Turmhalle dient heute als Sakristei und ist durch ein spitzbogiges Portal mit Fase vom Kirchenschiff her zugänglich. Ein konkav geschweiftes Pultdach leitet zum zweifach gestaffelten, verschieferten Helmaufbau von 1778 über, der noch vom Barock geprägt ist. Das mittlere Dach ist kräftig ausgebaucht, die obere, geschwungene Haube wird von einem Gesims unterbrochen.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 347. Die beiden Geschosse werden aus Vierecken mit abgestumpften Ecken gebildet. Im ersten Geschoss sind rundbogige Schalllöcher für das Geläut angebracht, im Obergeschoss die Ziffernblätter für die Turmuhr. Der Helm hat einen ungewöhnlichen bekrönenden Abschluss: Der Turmknauf hat die Form eines Kelches, aus dem vergoldete Früchte herausragen, die Wetterfahne trägt die Jahreszahl 1778 und der Stern hat sieben spitze Zacken.

Ausstattung mini|links|Innenraum mit Blick nach Osten mini|hochkant|Kanzel von 1729 Der Innenraum wird von einer Flachdecke abgeschlossen, die mit einem Stuckspiegel und Medaillons verziert ist. Das Inventar stammt weitgehend aus der Erbauungszeit der Kirche. Die dreiseitig umlaufende, hölzerne Empore mit kassettierter Brüstung, die ursprünglich mit Blumenornamenten bemalt war, ruht auf bauchigen, rot marmorierten Rundsäulen. Die hohen oktogonalen Basen und oktogonalen Kapitelle mit je zwei kurzen Kopfbändern sind grau bemalt. Nur die Südseite, an der die Kanzel aufgestellt ist, bleibt frei. Der Fußboden ist mit roten Sandsteinplatten belegt, das Kirchengestühl steht auf Holzdielen. Die Wangen des barocken Gestühls sind nach oben mehrfach geschwungen und haben an den Seiten T-förmige Füllungen. Einschließlich der Empore hat die Kirche etwa 200 Sitzplätze.

Die hölzerne Kanzel stammt aus dem Jahr 1733 und bildet in der schlichten und bilderlosen Kirche das Schmuckstück. Das verwendete Lindenholz stammt aus Niederkleen und Nieder-Weisel, das Eichen- und Birnbaumholz vom Schreiner Johann Adam Jäger aus Münzenberg.Schunk-Larrabee: „Der Stein, den die Bauleute verwarfen.“ 2004, S. 171. Die Kanzel besteht aus dem Aufgang mit Balustrade, dem achteckigen Kanzelkorb und dem mit geschnitztem Rankenwerk verzierten und reich profilierten, achteckigen Schalldeckel. Die Füllungen in den Kanzelfeldern zwischen gedrehten Ecksäulen wurden erst 1738 von Johann Melchior Holtzknecht aus Homburg vor der Höhe mit den bunten, figürlichen Darstellungen der vier Evangelisten und ihren Evangelistensymbolen bemalt. Die freistehenden Säulen stehen auf kleinen Konsolen, die mit vergoldeten Akanthusblättern belegt sind, und haben kunstvoll geschnitzte, vergoldete, korinthisierende Kapitelle.Müller: Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde Ober-Hörgern. 1985, S. 118.

Entsprechend reformierter Tradition verfügt die Kirche über keinen Altar, sondern über einen Abendmahlstisch, auf dem die Bibel liegt. Der hölzerne Tisch aus spätgotischer Zeit steht auf gedrehten Füßen.

Orgel mini|Prospekt der Bernhard-Orgel von 1839 mini|Spieltisch der Orgel Bereits in der Vorgängerkirche war eine Orgel aufgestellt, wie Kirchenrechnungen bis 1695 belegen. Für den Neubau wurde offensichtlich eine neue Orgel mit acht Registern ohne Pedal angeschafft, da im Jahr 1729 dem Orgelbauer Konrad Grieb 135 fl als Rate für eine neue Orgel und 3 fl für Abbruch und Wiederaufstellung wohl eines Interimsinstruments gezahlt wurden. Johann Georg Bürgy wurde 1828 eine Reparatur vergütet.Bösken, Fischer: Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins. 1988, S. 711.