mini|hochkant|Claude Garamond Claude Garamont (geboren zwischen 1490 und 1510, gestorben 1561 in Paris), heutige Schreibweise meist Claude Garamond, war ein in der französischen Hauptstadt ansässiger Stempelschneider und Schriftgestalter, der kurzzeitig auch als Buchdrucker und Verleger tätig war. Garamond war ein angesehener Graveur von Schriftmatrizen. Die auf ihn zurückgehenden Garamond-Schriften zählen bis heute zu den verbreitetsten Schriftarten. Darüber hinaus gelten sie als das Parademodell der französischen Renaissance-Antiqua. Typografiexperten sowie Fachhistoriker des 20. Jahrhunderts räumen Garamond in Bezug auf die Entwicklung der Druckschriften eine überragende Bedeutung ein.

Garamonds in den Besitz unterschiedlicher Stempelschneider und Schriftgießereien übergegangene Hinterlassenschaft löste im 19. und 20. Jahrhundert mehrere Kontroversen aus bezüglich der Originalgetreue der noch vorhandenen Muster und Matrizen. Ungeachtet dessen erlebten Garamond-Schriften seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine bis heute anhaltende Renaissance. Ausdruck dieses anhaltenden Interesses sind die zahlreichen im Einsatz befindlichen Garamond-Computerschriften, wie beispielsweise die im klassischen Buchsatz weitverbreiteten Schriften Sabon, Stempel Garamond und Adobe Garamond.

Leben Herkunft und Ausbildung Claude Garamond stammte vor allem mütterlicherseits, aber auch auf der Vaterseite aus einer Familie von Druckern. Seine Eltern waren Yvon Garamont (oder: Garamour) und seine Frau Françoise Barbier.La famille de Garamont, garamond.cuture.gouv.fr, aufgerufen am 27. Mai 2024 (französisch) In welchem Jahr er geboren wurde, ist unklar. Als mögliche Geburtsjahre werden Jahreszahlen zwischen 1480 und 1510 genannt (siehe unten). Es ist auch nicht bekannt, in welchem Zeitraum Garamond zum Stempelschneider ausgebildet wurde.

Garamond absolvierte seine Ausbildung im Druckereibetrieb der Familie Estienne. Als Ausbilder firmierte der Pariser Drucker und Stempelschneider Antoine Augereau.Wolfgang Beinert: Garamond, Claude typolexikon.de, aufgerufen am 27. Mai 2024 Mit in sie involviert war der eng mit dem Betrieb Estienne verbundene Drucker und Stempelschneider Simon de Colines. In dieser Zeit blühte das Buchdrucker-Gewerbe im historischen Quartier Latin unweit der Sorbonne auf.Joep Pohlen: Letterfontäne. Das ultimative Handbuch zur Typografie. Taschen, Köln 2015, ISBN 978-3-8365-5450-3, S. 544 f: Garamond, Claude.

mini|hochkant|links|Robert Estienne mini|Franz I. und seine Schwester Margarete von Navarra besuchen die Druckerei von Robert Estienne (Gemälde, 1899) mini|hochkant|Büste von Aldus Manutius

Die dominierende Dynastie in diesem aufstrebenden Gewerbe war die Familie Estienne. Der Gründer des Familienunternehmens, Henry Estienne, verstarb 1520. Bereits fünf Jahre zuvor hatte sein Sohn Robert Estienne die Weiterführung des Betriebs übernommen. Henrys Frau Guyone Viart heiratete nach Henrys Tod Simon de Colines und erweiterte – im Zug der verbreiteten Eheschließung aus ökonomischen Erwägungen heraus – das Familiengefüge des Unternehmens. Der voranschreitende Ausbau des Estienne-Unternehmens war sowohl politisch als auch im Hinblick auf die Weiterentwicklung der damaligen Antiqua-Schriften von Bedeutung. Politisch standen die maßgeblichen Akteure der Pariser Buchdruckerlandschaft dem Humanismus nahe.Olivier Pot: Robert Estienne Dictionaire Historique de Suisse, 9. November 2004, aufgerufen am 27. Mai 2024 (französisch) Maßgeblicher Theoretiker war der 1480 in Bourges geborene Buchdrucker und Gelehrte Geoffroy Tory. In seinem Werk Champfleury (1529) entwickelte Tory ein frühes System der Proportionsgestaltung von Zeichen; darüber hinaus war er einer der frühen Mentoren Garamonds und stand bezüglich fachlicher Fragen mit diesem in Austausch.

Stilistisches Vorbild für Augereau, de Colines und später Garamond waren die venezianischen Schriften von Francesco Griffo und Aldus Manutius; als Vorbild für Kursivschriften fungierten Vorlagen von Schreibmeistern wie Ludovico degli Arrighi. Aufgrund personeller Verbindungen war der Zugang zu den Schriften der italienischen Drucker zwar niedrigschwellig.Nicholas Fabian: Garamond, idirect.com, Stand 1998 (archivierte Webseite, englisch). Ungeachtet dessen bemühten sich die französischen Stempelschneider, das Bild der Antiqua klarer zu gestalten und von den spätmittelalterlichen Resten der Inkunabelzeit zu befreien. So entstand die französische Renaissance-Antiqua.Wolfgang Beinert: Französische Renaissance-Antiqua typolexikon.de, aufgerufen am 27. Mai 2024

Politisch gerieten die Buchdrucker im Quartier Latin zunehmend in Konflikt mit der katholischen Orthodoxie – konkret: dem Rektorat der Pariser Universität, kirchlichen Würdenträgern und schließlich auch dem Königshaus. Franz I. sowie seine – Franz weiter in diese Richtung beeinflussende – Schwester Margarete von Navarra standen dem humanistischen Gedankengut zunächst aufgeschlossen gegenüber. Das Verhältnis zwischen Humanisten und Obrigkeit war allerdings von Spannungen geprägt – nicht zuletzt aufgrund der rigide praktizierten Zensur.Aufschwung des Protestantismus in Frankreich (1520-1562), museeprotestant.org, aufgerufen am 27. Mai 2024 Der latent schwelende Konflikt eskalierte 1534 im Zug der sogenannten Plakataffaire. Anlass war ein Aushang, welcher in Paris sowie einigen größeren Städten verbreitet wurde, und dessen Inhalt den Machtmissbrauch der Katholischen Kirche in scharfen, teils polemischen Worten kritisierte. Möglicher Auslöser für die mit der Plakatffäre einhergehende Wende des Königshauses war der Umstand, dass ein Plakatexemplar direkt im königlichen Schloss sichergestellt wurde. Die Plakataffäre verhärtete nicht nur die Fronten zwischen Königshaus und den – sich zu diesem Zeitpunkt immer unübersehbarer formierenden – Anhängern der Reformation.18 octobre 1534: L'Affaire des placards, herodote.net, 28. April 2023, aufgerufen am 27. Mai 2024 (französisch) Unter den im Zug der Affäre Hingerichteten befand sich auch Claude Garamonds Ausbilder Antoine Augereau. Unweit des Seine-Ufers auf dem Place Maubert wurde Augereau am 24. Dezember 1534 gehenkt und mit seinen Büchern auf dem Scheiterhaufen verbrannt.Jürgen Siebert: 100 beste Schriften (2) fontblog.de, 23. Januar 2007, aufgerufen am 27. Mai 2024Anne Cuneo: Garamonds Lehrmeister, Limmat Verlag, aufgerufen am 27. Mai 2024

Stempelschneider und Schriftgestalter In den 1530er Jahren wurde Garamond als Stempelschneider in eigener Regie tätig. Er arbeitete für teils hochangesehene Auftraggeber und machte mit außergewöhnlichen Schrift-Fertigungen von sich reden. 1530 erstellte er eine erste Schrift für das Unternehmen von Robert Estienne – eine Cicero, größentechnisch also etwa 12–14 heutige Punkt große Type. Fachleute attestieren dieser Schrift erkennbare Einflüsse seines Lehrmeisters Augereau. Weitere Stempelanfertigungen erfolgten für die Druckerei von Simon de Colines, der 1526 eine eigene Druckerei begründet hatte. 1533 schnitt er eine Cicero für die Druckerei von Claude Chevallon – einen weiteren Pariser Drucker, in dessen Werkstatt er bis 1540 arbeitete. Garamonds Meistertitel wird auf das Jahr 1538 datiert.Isabelle de Conihout: Claude Garamont. 1499? Ou 1510? – Paris, automne 1561 francearchives.gouv.fr, aufgerufen am 27. Mai 2024 (französisch) Auszugehen davon ist, dass er zu jener Zeit bereits in eigener Regie arbeitete – als Graveur von Stempeln, die für das Erstellen von Bleilettern vonnöten waren. Von der Position her gehörte er so zu jeder Minderheit im Buchgewerbe-Metier, die sich erfolgreich spezialisiert hatten und sich allein auf die Produktion von Schrift-Vorlagen kaprizierten – anstatt als Arbeitnehmer an eine bestimmte Druckerei gebunden zu sein.

mini|Eine mit den Grecs du Roi gedruckte Bibel von Robert Estienne mini|Garamond-Schriften in einem Druck von 1592

Die 1530 für Estienne gefertigte Schrift erwies sich als die erste Blaupause für „die“ Garamond, wie sie in späteren Jahrhunderten verstanden wurde. Garamonds Schriften – zunächst noch in der Tradition der aldinen Schriften aus Venedig stehend – näherten sich mehr und mehr jenem Stil, der für seine Schriften später als charakteristisch galt. Ein Meilenstein für Garamonds Reputation waren die Grecs du Roi – drei griechische Schriftschnitte, welche er 1540 im Auftrag des königlichen Bibliothekars und Ratgebers Pierre Duchâtel erstellte. Mit 225 Livre betrug das Entgelt mehr als das übliche Jahreseinkommen eines Stempelschneiders. Die Grecs du Roi fanden erstmals 1543 in einer von Robert Estienne verlegten Bibelausgabe Verwendung. Sie begründeten Garamonds Ruf als einer der besten Stempelschneider Frankreichs.

Ab 1540 avancierte der Pariser Drucker Pierre Gaultier zu einem von Claude Garamonds Hauptauftraggebern. In erster Ehe heiratete Garamond dessen Tochter Guillemette Gaultier, die 1550 allerdings verstarb. Kurzzeitig – 1545 und 1546 – versuchte Garamond, sich auch als Buchverleger zu etablieren. Der Grund war, dass ihm das Arbeiten als Dienstleister und Schriften-Zulieferer für andere Druckereien ihm zu wenig lukrativ erschien. Der Verlag hatte seinen Sitz in der Werkstatt von Pierre Gaultier. Die Buchexemplare, die Garamond – oder: Garamond zusammen mit Gaultier – fertigte, waren vor allem an ein wohlhabendes Publikum adressiert. Stilistisch orientierten sie sich an den Buchdrucken von Aldus Manutius. Die Gestaltung war klar gehalten, die haptische Ausstattung der einzelnen Bücher hochwertig.

Als weiterer bedeutsamer Auftraggeber hinzugekommen war seit den 1530er-Jahren der Antwerpener Druckereibesitzer und Verleger Christophe Plantin. In Sachen Größe sowie Langlebigkeit des Betriebs war die Familiendynastie Plantin durchaus vergleichbar mit derjenigen der Estiennes.Pohlen, Letterfontäne. S. 566–567. Um 1550 begründete Garamond eine Werkstatt in der Rue des Carmes im Quartier Latin. Als Partner fungierte der Stempelschneider Guillaume Le Bé, der unter anderem Spezialist für hebräische sowie arabische Schriften war. Zusammen bildeten Garamond und Le Bé eine Reihe Lehrlinge aus – darunter den aus Lyon stammenden Stempelschneider Jacques Sabon.

Ökonomisch tragfähig wurde der Betrieb vor allem durch die Produktion und den Verkauf von Typenmatrizen für Antiqua-Schriften in klassisch-römischer (sprich: renaissancehafter) Art. 1550 fertigte Garamond eine Kursivschrift, die große Anerkennung erfuhr, als Ideal-Ergänzung für seine 1530 geschaffene Antiqua angesehen wurde und auf Anregung von Jean de Gagny, dem seinerzeitigen Rektor der Sorbonne entstand.

1551, ein Jahr nach dem Tod seiner ersten Frau, heiratete Garamond die vergleichsweise wohlhabende Ysabeau Le Fèvre. Die zweite Ehe brachte ihm neben mehreren Weingärten ein Haus in der Rue Saint-Denis am rechten Seine-Ufer. Seit der Eröffnung seiner Werkstatt in der Rue des Carmes unter dem Namen Le Boulle agierend, verstarb Claude Garamond – kinderlos – in der zweiten Hälfte des Jahres 1561.

Nachlass mini|hochkant|Christophe Plantin (Peter Paul Rubens, 1612–1616) mini|hochkant|Christian Egenolff

Claude Garamonds Testamentabfassung erfolgte am 23. September 1561, die von Guillaume Le Bé vorgenommene Inventarisierung der Gießerei-Bestände am 18. November. Die von Ysabeau Le Fèvre vollzogenen Verkäufe der Bestände gestalteten sich im Wesentlichen wie folgt:

Ein kleiner Teil des Typenrepertoires überging in den Besitz von Guillaume Le Bé. Von dessen Nachfolgern zunächst an die Erben von Christophe Plantin veräußert, gelangten sie im 18. Jahrhundert in den Besitz der Pariser Druckerfamilie Fournier.James Mosley: Garamond or Garamont? Typefoundry Blog, 1. April 2011, aufgerufen am 27. Mai 2024 (englisch) Die meisten originalen Matrizen und Stempel wurden von Christophe Plantin erworben. Nach Liquidierung des Plantin’schen Unternehmens im 19. Jahrhundert gingen sie in den Besitz des Plantin-Moretus-Museums in Antwerpen über.