mini|hochkant=2.5|Übersichtsplan des antiken Siedlungsgeländes mini|hochkant=2.5|Modellabbildung von Legionslager/Canabae im Vordergrund und Zivilstadt oben rechts mini|Büste des Septimius Severus im Museum Carnuntinum mini|Anthropomorphes Gefäß, das eine Frau in norischer Tracht darstellt (2. Jahrhundert; gefunden in einem Töpferofen des Auxiliarkastells)

Die Zivilstadt Carnuntum oder Karnuntum lag direkt am pannonischen Limes, entwickelte sich parallel zum Legionslager und war seit Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. Verwaltungszentrum der römischen Provinz (Ober-)Pannonien. Sie zählt zu den bedeutendsten und am umfangreichsten erforschten antiken Ausgrabungsstätten in Österreich und liegt auf den Gemeindegebieten von Petronell-Carnuntum und Bad Deutsch-Altenburg, Bundesland Niederösterreich.

Die Region um ein noch nicht lokalisiertes keltisches Siedlungs- und Machtzentrum, das der Historiker Velleius Paterculus als „Carnunto, qui locus regni Norici“ (Carnuntum im Königreich Norikum) bezeichneteVelleius Paterculus: Historia Romana 2, 109, 5., wurde ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. zu einem der zentralen Sammelpunkte für die Expansion der Römer ins freie Germanien (Barbaricum). An den Ausläufern der Kleinen Karpaten entwickelte sich bald einer der wichtigsten Siedlungs- und Verteidigungsschwerpunkte in den nördlichen Provinzen des Reiches. Ihren rasanten Aufstieg verdankte die Stadt unter anderem ihrer günstigen Lage am Kreuzungspunkt zweier transkontinentaler Handelsrouten sowie an den beiden Militärlagern, in denen zeitweise bis zu 6500 Mann stationiert waren. Die Stadt stand während der römischen Herrschaft über Pannonien wiederholt im Mittelpunkt bedeutender historischer Ereignisse.

Carnuntum bestand aus mehreren Siedlungsbereichen, dem Legionslager, einer Militärsiedlung (canabae legionis) und der sogenannten Zivilstadt, die sich außerhalb einer Sicherheitszone von 2,2 km (entspricht einer keltischen Leuge) vom Legionslager aus gegen Westen ausbreitete. Die ältesten archäologischen Zeugnisse aus römischer Zeit datieren in die Mitte des 1. Jahrhunderts. In der Regierungszeit des Claudius entstand parallel zu einem festen Holz-Erde-Lager mit angeschlossenem Lagerdorf die Zivilsiedlung. Zu Beginn des 2. Jahrhunderts lebten dort bereits rund 50.000 Menschen. Unter Trajan stieg sie zur Provinzhauptstadt von Oberpannonien auf. Sein Nachfolger Hadrian gewährte ihr in weiterer Folge das Recht zur Selbstverwaltung. Während der Markomannenkriege führte Kaiser Mark Aurel von dort aus seine Feldzüge in die Stammesgebiete nördlich der Donau. Ende des 2. Jahrhunderts wurde dort der oberpannonische Statthalter Septimius Severus von den Donaulegionen zum Kaiser ausgerufen und die Zivilstadt danach in den Rang einer Kolonie erhoben. Dies hatte einen erneuten, langanhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt zur Folge. 308 n. Chr. hielten die Tetrarchen dort die Kaiserkonferenz von Carnuntum ab. In der Mitte des 4. Jahrhunderts verwüstete ein schweres Erdbeben die Region. Diese Naturkatastrophe im Verbund mit der stetigen Reduzierung der Grenztruppen und den Auswirkungen der Völkerwanderung leiteten schließlich den wirtschaftlichen und demografischen Niedergang der Stadt ein. Im späten 4. Jahrhundert diente der schon weitgehend verlassene Ort Kaiser Valentinian I. als Heerlager für einen Feldzug gegen transdanubische Stammesverbände. Im Laufe des 5. Jahrhunderts wurde Carnuntum von seinen romanischen Bewohnern endgültig aufgegeben. Zwischen Limes- und Bernsteinstraße liegt das sogenannte Heidentor, ein Triumphalmonument aus dem 4. Jahrhundert und heute das Wahrzeichen der Region Carnuntum.

Name Der Name Carnuntum wurde von der keltischen Vorgängersiedlung übernommen und würde damit auf die keltische Gottheit Cernunnos in einer seiner Namensformen hinweisen, da die gemeinsame Wurzel der Namen carn ‚Horn‘ bedeutet.Bernard Maier: Dictionary of Celtic Religion and Culture. Alfred Kröner, 1994; Boydell, 2000, S. 69. Seit der Zeit Kaiser Hadrians (117–138) ist auf den diesbezüglichen Inschriften die Abkürzung „M.A.K.“ für Municipium Aelium Karnuntinum zu lesen. Seit der Herrschaft des Elagabal (204–222) wird das Kürzel „C.S.A.A.K.“, für Colonia Septima Aurelia Antoniniana Karnuntum verwendet.Peter Pleyel 2002, S. 69; Kurt Genser 1986, S. 598; Werner Jobst 1983, S. 124.

Lage mini|Nordwest-Pannonien im 1. Jahrhundert n. Chr. Die antike, zehn Quadratkilometer große, besiedelte Gesamtfläche Carnuntums reichte im Westen von Petronell-Carnuntum bis zum Pfaffenberg bei Bad Deutsch-Altenburg im Osten. Dieser Siedlungsbereich setzte sich aus den beiden Kastellen sowie der Lager- und der Zivilstadt zusammen. Die Zivilstadt erstreckte sich ursprünglich über die heutigen Gemeindegebiete von Petronell-Carnuntum und Bad Deutsch Altenburg. Ein besonderer Glücksfall im Gegensatz zu den meisten anderen römischen Fundstellen in Österreich ist, dass sie, abgesehen von einer kurzen Zeitspanne im frühen Mittelalter, in den nachfolgenden Jahrhunderten nicht mehr überbaut wurde.

Keimzelle der städtischen Entwicklung war das Areal um das Legionslager. Westlich davon, 1,5 römische Meilen (2,2 Kilometer) entfernt, entstand nach italischem Vorbild im Laufe der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. eine Straßensiedlung für Händler und Handwerker. Sie galt anfangs rechtlich noch als vicus, da sie etwa eine gallische Leuge (2200 Meter) außerhalb des geschützten Lagerareals stand. Bei der eigentlichen Stadtgründung im 2. Jahrhundert lag mit ziemlicher Sicherheit bereits ein Bebauungsplan vor. Er wies, zumindest für den später von der Stadtmauer umgebenen Bereich, eine ovoide Mischform aus Rechteck und Ellipse (1150 zu 525 Meter; Seitenverhältnis ungefähr 2 : 1) mit teilweise genau ostwestlich gerichteten geraden und abschnittsweise gewunden verlaufenden Hauptstraßen sowie leicht schräg und teilweise gebogen verlaufenden Nebenstraßen (cardines). Die Ost-West-Ausdehnung betrug etwa zwei, die von Norden nach Süden etwa 1,5 Kilometer. Im Westen reichte ihr Areal bis etwa 1,5 Kilometer westlich des heutigen Petronell-Carnuntum in Richtung Wildungsmauer, Flur Gstettenbreite. Im Norden war sie durch den Steilhang der Donau mit ihren nur schwer zugänglichen Auwäldern und ihrer Flussarme begrenzt. Im Süden reichte die Bebauung in etwa bis zur heutigen Ortsumgehung an der Landesstraße B 9 (Amphitheater II).Franz Humer 2009, S. 4.

Carnuntum wurde unter Tiberius Pannonien angegliedert. Nach Zweiteilung der Provinz in Pannonia superior (Oberpannonien) und Pannonia inferior (Unterpannonien) unter Trajan kam der Ort zunächst zu Pannonia Superior und gehörte ab der Reichsreform des Diokletian zum neu gegründeten Pannonia Prima (Diözese Illyrien). Ihr Territorium umfasste in etwa das heutige Ostösterreich. Das Stadtterritorium Carnuntums reichte ursprünglich von den nördlichen Höhen des Wienerwaldes, später vom Fluss Schwechat bis ins Steinfeld. Es schloss auch das Leithagebirge und das nördliche Ufer des Neusiedler Sees fast bis an die heutige ungarische Staatsgrenze mit ein.Peter Pleyel 2002, S. 76; Kurt Genser 1986, S. 575.

Fernverkehrsverbindungen mini|Strecke zwischen Vindobona und Carnuntum auf der Tabula Peutingeriana

Das Carnuntiner Lager, das Lager in Vindobona und das Hilfstruppenkastell von Arrabona sicherten die Bernsteinstraße und die Donausüdstraße sowie die Endpunkte stark frequentierter Fernstraßen, von denen zwei bei der Savaria aufeinandertrafen und von dort weiter nach Italien führten. Keramikfunde auf dem Staatsgebiet der Slowakei lassen annehmen, dass Carnuntum auch direkt mit dem Waagtalgebiet verbunden war. Ihre Trasse führte wahrscheinlich über die östlichen Hänge der Kleinen Karpaten vom Donauübergang bei Bratislava bis nach Trnava.Werner Jobst 1983, S. 37 f.; Jaroslav Nikodem Makovsky 1993, S. 50.

Forschungsgeschichte mini|hochkant=2.0|Zivilstadt Carnuntum im Modell Die Bereiche des antiken Stadtareals direkt am Steilufer der Donau sind im Laufe der Jahrhunderte durch Erosion in den Fluss gestürzt. Durch die Flussregulierung am Ende des 19. Jahrhunderts sind diese Hangrutschungen jedoch weitgehend zum Stillstand gekommen. Weite Teile des antiken Stadtareals werden heute ausschließlich landwirtschaftlich genutzt und bieten die idealen Bedingungen für großflächige archäologische Prospektionsvorhaben, wie geophysikalische Messungen und insbesondere luftbildarchäologische Untersuchungen. Seit den 1960er-Jahren besitzt das Luftbildarchiv des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien mehr als 1500 Senkrecht- und Schrägaufnahmen aus der Region Carnuntum. Deren Auswertung erbrachte eine große Menge an Informationen zur antiken Bebauung und Infrastruktur der Zivilstadt.

13. bis 18. Jahrhundert mini|Abbildung des Schlosses Petronell von Matthäus Merian (1656), auf ihm sind im sogenannten Küchelgarten und im Tiergarten auch die Überreste der römischen Zivilstadt deutlich erkennbar mini|Der 1774 mit römischem Steinmaterial erbaute Schüttkasten, in seiner Fassade sind zahlreiche antike Grabsteine und Reliefs eingemauert

Der früheste Hinweis auf die Ruinen der Römerstadt ist in der Descriptio Theutoniae enthalten, die ein Colmarer Dominikanerchronist im 13. Jahrhundert niederschrieb und in der das Heidentor als Grabmal des Riesen Theuto bezeichnet wird. Zwischen 1265 und 1291 verfasste ein Passauer Domherr die Vita S. Maximiliani und war der Meinung, dass man in der Ruinenstätte Celegia oder Celeia wiedergefunden habe. Bis ins 15. Jahrhundert dürften unter anderem noch große Teile der Amphitheater und alle vier Pfeiler des Heidentores aufrecht gestanden haben. Der bayerische Theologe und Chronist Veit Arnpeck absolvierte sein Studium an der Wiener Universität und besuchte in dieser Zeit auch Petronell, wo er „…eine große Menge von Marmor und anderen Steinen“ vorfand. Johannes Cuspinian identifizierte erstmals die Ruinen korrekt als das römische Carnuntum. 1534 nahmen die Gelehrten Peter Apian und B. Amantius erstmals eine Inschrift aus Carnuntum in ihr Verzeichnis Inscriptiones sacrosanctae vetustatis auf. Johannes Fuchsmagen ließ antike Münzen aus Carnuntum nach Wien schaffen. Wolfgang Lazius beschrieb in seinem Werk Commentatorium rei publicae Romanae Viennensium commentarii in quattuor libros distincti die Überreste von Carnuntum und fertigte Zeichnungen von dort gefundenen Inschriften an. Wolf von Unverzagt ließ im Winter 1599 im Auftrag von Erzherzog Maximilian III. das Ruinengelände nach Schätzen durchwühlen und die Ausbeute in die Burg von Wiener Neustadt bringen. Wie in vielen Bereichen des antiken Stadtareals blieben auch im Spaziergarten des Petroneller Schlosses die römerzeitlichen Ruinen über eine lange Zeit sichtbar. Sie sind unter anderem auf Radierungen des 17. Jahrhunderts – die die Besitzungen des Grafen Abensberg-Traun in Petronell darstellen (geschaffen 1656 von Matthäus Merian) – deutlich erkennbar.