mini|Rudi Carrell (1980) Rudi Carrell, bürgerlich Rudolf Wijbrand Kesselaar (* 19. Dezember 1934 in Alkmaar; † 7. Juli 2006 in Bremen), war ein niederländischer Showmaster, Sänger und Schauspieler, der im niederländischen und deutschen Fernsehen mit zahlreichen Fernsehshows Erfolge hatte und der ab 1965 mit Unterbrechungen in Deutschland lebte. Seine größten Erfolge im deutschen Fernsehen hatte er zwischen 1965 und 1992 in der ARD mit den Samstagabendshows Die Rudi Carrell Show (1965–1973), Am laufenden Band (1974–1979), Die verflixte 7 (1984–1987) und Die Rudi Carrell Show – Laß Dich überraschen (1988–1992).
Leben Kindheit im Zweiten Weltkrieg Rudi Carrell war fünf Jahre alt, als die Niederlande im Mai 1940 von Nazi-Deutschland besetzt wurden. Als Zehnjähriger trug er 1944 in seiner Heimatstadt Alkmaar die Widerstandszeitung Het Parool aus, seine Eltern versteckten vorübergehend eine Jüdin auf dem Dachboden.Christoph Driessen: Geschichte der Niederlande. Von der Seemacht zum Trendland. Regensburg 2022, S. 253. Er hatte jedoch auch ein positives Erlebnis mit einem deutschen Lokführer, der ihm im Hongerwinter ein geheimes Koksversteck zeigte.Christoph Driessen: Geschichte der Niederlande. Von der Seemacht zum Trendland. Regensburg 2022, S. 253.
Als Amateur Den ersten Bühnenauftritt hatte Carrell am Tag vor seinem 14. Geburtstag. Bei einem Schulabend für Schüler, Eltern und interessierte Alkmaarer führte er als Conférencier durch das Programm. Es war ein so großer Erfolg, dass er alle weiteren Schulabende präsentieren durfte. Bei einer Aufführung von Het gulden Vlies (Das goldene Vlies) durch die Schultheatergruppe im Alkmaarer Theater 1949 wurde Carrells Spiel von der Lokalzeitung Alkmaarsche Courant mit „höchster Professionalität“ beschrieben. Darauf gestattete der Direktor des Theaters Carrell, alle Aufführungen kostenlos von einer hochgelegenen Balustrade aus zu verfolgen.Ein Leben für die Show, Kapitel 2 Conférencier Kesselaar
Mit 15 Jahren verließ Carrell die Schule, er arbeitete zunächst als Erntehelfer, um sich einen dreimonatigen Paris-Besuch leisten zu können, wo er vor allem die Passanten auf den Straßen beobachtete. Beeindruckt hatte ihn, wie im Lido eine einzige Dekoration variiert wurde, indem man eine Tanzfläche von oben hinzufügte oder einen Wasserfall ergänzte. Im Februar 1951 begann Carrell eine Lehre bei der Hoornschen Crédit- und Effektenbank in Alkmaar, die er nicht beendete.
Im November 1952 wechselte er zu seinem Vater André Carrell, einem Komiker und Conférencier, und war für dessen Ensemble als Sekretär und Assistent tätig. Gelegentlich absolvierte er dabei schon kleine Auftritte.
Anfänge als Berufskünstler mini|hochkant|Rudi Carrell im Olympiastadion Amsterdam, 1960 mini|Rudi Carrell mit seinem Vater 1960 Bei Veranstaltungen Als Berufskünstler trat Carrell erstmals am 17. Oktober 1953 im Arnheimer Konzertsaal Musis Sacrum auf. Ursprünglich wurde André Carrell für eine Betriebsveranstaltung angefragt, war aber für den Tag schon gebucht, deswegen schlug Rudi am Telefon vor, er könne alles von seinem Vater auswendig und das Engagement übernehmen. André stimmte zu mit den Worten: „Na, dann mach mal“, woraufhin Rudi erstmals unter dem Namen Rudi Carrell auftrat. Es wurde ein so großer Erfolg, dass der Theaterkritiker seinen Ausführungen die Überschrift gab: „Rudi Carrells Kabarett amüsiert das Personal der Gemeindebetriebe“.
Der Erfolg veranlasste Carrell, umgehend ein eigenes Ensemble zu gründen, das er Rudi Carrell’s Cabaretgezelschap (Rudi Carrells Kabarettgesellschaft) nannte und mit dem er 1953 noch sechs Mal auftrat. Die ersten Kritiken bemängelten noch, dass das Programm sehr an André Carrell erinnere, aber im Laufe des Jahres 1954 gelang es Rudi, einen eigenen Stil zu finden. Carrell präsentierte auch gerne Jazzveranstaltungen, da er selbst Jazzfan war. Im Jahr 1954 hatte Carrell bereits 37 Auftritte mit seiner Gruppe, 36 Auftritte mit seinem Vater, 27 Kindervorstellungen und drei Engagements im Radio.
Zum Radio kam Rudi Carrell durch die Vermittlung seines Vaters; der erste Auftritt fand im Sommer 1954 in Leeuwarden statt. Dort trat er beim Bonte Dinsdagavondtrein (Bunter Dienstagabendzug) auf, einer populären Unterhaltungssendung des Senders AVRO.Ein Leben für die Show, Kapitel 3 Von Alkmaar nach Hilversum
Carrell & Matron Huub Matron (1923–2005Piet Hein Honig: Acteurs – en Kleinkunstenaarslexicon. Eigenverlag, Diepenveen 1984, ISBN 90-90-00511-0.) war Teil eines bekannten Komikerduos, das sich aufgelöst hatte. So suchte er im August 1956 einen Partner, um die noch bestehenden Verträge erfüllen zu können, darunter ein Radio- und ein Fernsehauftritt. Carrell sagte sofort zu, da er die Chance sah, schnell bekannt zu werden. Die Zusammenarbeit funktionierte nicht, aber Radio und Fernsehen nahmen beide als Solokünstler. So stand Carrell am 29. September 1956 erstmals vor einer Fernsehkamera mit einer Solonummer als Fernsehdebütant. Die große Bekanntheit führte dazu, dass er mittlerweile die dreifache Gage verlangen konnte.
Krantenjongen Zur Radiosaison 1956/57 erhielt Carrell von der AVRO einen Festvertrag für den Bonte Dinsdagavondtrein, mit seinen 21 Jahren als jüngster Künstler. Dort spielte er vier Jahre lang und über 200-mal den Krantenjongen (Zeitungsjunge), wobei er zu aktuellen Themen mit selbstgeschriebenen Texten und Liedern Gags machte. Dabei wurde er so bekannt, dass die Presse schon einmal vom Rudi „Krantenjongen“ Carrell sprach. Sein Versuch, mit einer eigenen Show ins Fernsehen der AVRO zu gelangen, scheiterte aber, seine eingereichten Konzepte fanden keine Beachtung. So blieb es bei gelegentlichen Auftritten und im Juni 1959 endete die Zusammenarbeit.
Wechsel zur VARA mini|Rudi Carrell mit Annie Palmen mini|hochkant|Rudi Carrell beim Vorentscheid in Hilversum Im Oktober 1959 startete Carrell mit einer eigenen Radioshow beim Sender VARA, die sich Week uit, week in (Woche aus, Woche ein – in Umkehrung der gebräuchlichen Redewendung) nannte. Dafür schrieb Carrell auch Musik, wobei er keine Noten lesen konnte und deswegen mit seinen Einfällen stets einen befreundeten Komponisten besuchen musste. Die Show war ein großer Erfolg, ein Fernsehengagement ließ dennoch auf sich warten.
Grand Prix Eurovision de la Chanson Die Komponisten Willy van Hemert und Dick Schallies boten Carrell an, ihn mit ihrem Titel Wat een geluk (Was für ein Glück) für den Eurovision Song Contest 1960 vorzuschlagen. Die beiden hatten den letzten Siegertitel geschrieben. Die Vorauswahl übertrug die AVRO am 9. Februar 1960 live im Fernsehen. Jedes Lied wurde von zwei Interpreten gesungen, Carrells Titel auch von Annie Palmen, und Carrell durfte nach London zum Festival reisen. Die Teilnahme brachte ihm eine große Bekanntheit. Und nachdem er Zweitletzter geworden war, machte er sich im Radio darüber lustig, was sehr gut ankam. Beides zusammen führte zu Fernsehangeboten von KRO und VARA.Ein Leben für die Show, Kapitel 4 Wat een geluck
Als Fernseh-Showmaster mini|Rudi Carrell mit Sandra Reemer und deren Bruder Franky in der Rudi Carrell Show, 1962 Rudi Carrell Show
Carrell schlug Angebote des Senders KRO aus und blieb bei der VARA. Er bestritt eine einzelne Sendung mit seinem Vater André Carrell und bekam daraufhin eine eigene Sendereihe, die er ganz nach seinen Wünschen gestalten durfte. De Rudi Carrell Show geriet zu einem großen Erfolg und wurde von 1961 bis 1965 sowie von 1967 bis 1968 auf VARA ausgestrahlt.
Für das deutsche Fernsehen adaptierte Carrell die Show und sie lief unter dem Titel Die Rudi Carrell Show von 1965 bis 1967 und von 1968 bis 1973 mit ähnlich großem Erfolg im deutschen Fernsehen.
Silberne Rose von Montreux
In der Saison 1963/64 ließ Carrell seine Rudi Carrell Show pausieren, um beim Wettbewerb Rose d’Or teilzunehmen. Es handelte sich um die 40-minütige Sendung De Robinson Crusoë Show, welche mit der Silbernen Rose tatsächlich einen der drei Hauptpreise gewann. In Montreux lernte Carrell Mike Leckebusch von Radio Bremen kennen. Es kam zu einem Vertrag mit Radio Bremen über 9 Ausgaben einer deutschen Rudi Carrell Show, die von 1965 bis 1967 ausgestrahlt wurden. Nach einem einjährigen Intermezzo bei der VARA folgten weitere 18 Ausgaben.
Der goldene Schuß (nicht verwirklicht)
Nachdem sich das ZDF von Lou van Burg getrennt hatte, suchte man für die Show Der goldene Schuß einen neuen Moderator. Dabei ging es besonders um die prestigeträchtige nächste Ausgabe, die erste ZDF-Unterhaltungssendung in Farbe. Der Produzent Werner Schmid überredete Carrell bei einem abendlichen Trinkgelage zur Übernahme und informierte umgehend die Presse. Carrell hielt es schon am nächsten Morgen für einen großen Fehler und vermied beim anschließenden Senderbesuch, einen Vertrag zu unterschreiben. Er bat den Leiter seines niederländischen Senders, Jan de Troye, er solle etwas von einem – erfundenen – Exklusivvertrag berichten, und so lautete eine Zeitungsschlagzeile: „Holländisches Fernsehen verbietet Carrell die Übernahme vom Goldenen Schuß“. Rückblickend glaubte Carrell, dass diese Show seine Karriere in Deutschland „zu Grabe getragen hätte“.Gib mir mein Fahrrad wieder, Kapitel 6. Tag
Am laufenden Band mini|Rudi kan het niet laten, 1980
Von 1973 bis 1974 fand der Übergang der Rudi Carrell Show zu Am laufenden Band statt, einer Spielshow mit Kandidaten, die nun 90 Minuten anstatt 60 Minuten Sendezeit hatte und mit riesigem Erfolg bis 1979 ausgestrahlt wurde. Mit der letzten Sendung setzte sich Carrell vorübergehend zur Ruhe. Im November 1980 erschien aber schon Rudi kan het niet laten, Liedjesprogramma im Programm der VARA. Es handelte sich um eine 40-minütige Sendung aus den Fundushallen des niederländischen Fernsehens, in der Carrell seine aktuellen Lieder sang, darunter Liebling, die Deutschen sterben aus in deutscher Sprache. Als Sketchpartner fungierten Ab Hofstee (1919–1985), der einen Lageristen spielte, und eine Schulklasse, die zur Besichtigung kam. Man zeichnete auch eine deutsche Version auf; sie lief am 1. Januar 1981 um 20:15 Uhr unter dem Titel: Rudi kann’s nicht lassen, Geschichten und Lieder mit Rudi Carrell.Hamburger Abendblatt vom 31. Dezember 1980.
Rudis Tagesshow mini|Rudis Tagesshow, 1987
Im Herbst 1981 startete Rudis Tagesshow, eine 30-Minuten-Sendung, deren Erfolg Carrell dazu bewog, erneut eine große Samstagabend-Show zu präsentieren. Rudis Tagesshow endete 1987 auf Carrells Wunsch hin, obwohl der Sender gerne eine weitere Staffel produziert hätte.
Die verflixte 7
Den Wiedereinstieg in die große Abendshow vollzog Carrell mit einer erfolglosen Generationsshow, Unter dem Regenbogen, die zu Silvester 1983 um 20.15 Uhr lief.Ein Leben für die Show, Kapitel 10 König des Samstagabends Es folgte eine Staffel De 1, 2, 3 Show für eine Spendenaktion im niederländischen Fernsehen, deren immenser Erfolg zum deutschen Pendant Die verflixte Sieben führte. Es handelte sich um eine Spielshow, welche die Ideen von Am laufenden Band teilweise wieder aufgriff. Sie war in Deutschland ein großer, aber kein überwältigender Erfolg.
Herzblatt
Hatte Carrell bislang Rudis Tagesshow als kleinere Show neben der großen Samstagabend-Unterhaltung gemacht, so folgte nun die Verkuppelungsshow Herzblatt. Diese führte zu Einschaltzahlen, wie sie am Vorabend sonst unbekannt waren, so dass sie nach Carrells Ausstieg von anderen Moderatoren weitergeführt wurde. Ein Jahr nach dem Start von Herzblatt übernahm Carrell im Film Starke Zeiten die Rolle des Moderators eines ähnlichen Formats und veralberte die Kandidaten.
Die Rudi Carrell Show – Laß Dich überraschen
Mit der Rudi Carrell Show – Laß Dich überraschen, die meist nur als Überraschungsshow bezeichnet wurde, konnte Carrell wieder einen ebenso großen Erfolg erzielen wie mit Am laufenden Band. Zeitweise lagen die Zuschauerzahlen über jenen von Wetten, dass..?. Die Show endete aufgrund Carrells Engagement beim Privatsender RTL und war seine letzte Samstagabend-Show.