Rudolf Staechelin (geboren am 8. Mai 1881 in Basel; gestorben am 3. Januar 1946 ebenda) war ein Schweizer Unternehmer und Kunstsammler. Die von ihm begründete private Familien-Stiftung stellte Teile seiner Sammlung mehrere Jahrzehnte dem Kunstmuseum Basel und dem Musée d’art et d’histoire in Genf als Leihgabe zur Verfügung. Seit den 1960er Jahren wurden eine Reihe von Kunstwerken – darunter mehrere Hauptwerke der Sammlung – von den Erben verkauft. Eine Auswahl der im Besitz der Familien-Stiftung verbliebenen Werke befindet sich seit 2019 in der Fondation Beyeler in Riehen.Dominique Spirgi: Basler Kunstsammler Ruedi Staechelin: «Auch eine Privatsammlung ist sterblich». In: Aargauer Zeitung. 18. September 2019, abgerufen am 2. September 2024 (Interview).
Leben Rudolf Staechelin kam als Sohn des Maurermeisters und Bauunternehmers Gregor Staechelin und von dessen Frau Emma, geborene Allgeier, in Basel zur Welt. Die Familie des Vaters stammte ursprünglich aus Istein in Deutschland.Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 9. Im Alter von 19 Jahren übernahm er bereits leitende Aufgaben in den beiden Familienunternehmen Staechelin & Co. Liegenschaftsverwaltungen und G. Staechelin Söhne & Co., einer Finanzierungsgesellschaft. Zu seinen Aufgaben gehörte der Ausbau des Kraftwerks Pissevache bei Vernayaz. Nach dem Verkauf des Elektrizitätswerks an die Lonza AG übernahm er dort 1914 die Position des Vizepräsidenten des Verwaltungsrats. Seit 1922 war Staechelin mit Emma Mina Finkbeiner (1883–1949) verheiratet. Aus dieser Ehe entstammt der Sohn Peter G. Staechelin (1922–1977). mini|Grabplatte der Familie Staechelin
Staechelin trug ab 1914 eine bedeutende Kunstsammlung zusammen, die neben Arbeiten von Schweizer Künstlern vor allem Werke des französischen Impressionismus und Post-Impressionismus umfasste. Er war seit 1922 Mitglied der Kommission des Basler Museums für Völkerkunde, 1923 wurde er Mitglied der Kunstkommission der Öffentlichen Kunstsammlungen der Stadt.Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 23.
Ab 1924 sammelte Staechelin zudem ostasiatische Kunst. Die Kunstsammlung überführte er 1931 in die Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung. Bei dieser handelte es sich nicht um eine gemeinnützige Stiftung, sondern sie sollte der «Familie den materiellen Wert … [der] Sammlung als Notreserve» sichern.Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 25. Staechelin zeigte die Bilder wiederholt in Ausstellungen und bewahrte sie ansonsten an seinem Wohnsitz im Schloss Ebenrain in SissachRudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 43. und in seiner Basler Wohnung am Mühlenberg auf.Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 41.
Rudolf Staechelin starb am 3. Januar 1946 im Alter von 64 Jahren in Basel.Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 42. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof am Hörnli in Riehen.
Kunstsammlung Die ersten dokumentierten Erwerbungen von Kunstwerken durch Rudolf Staechelin datieren auf das Jahr 1914. Zu dieser Zeit kaufte er in der Genfer Galerie Maison Moos eine Gruppe von Bildern von Westschweizer Künstlern, darunter Arbeiten von Emile Bressler, Gustave François und Édouard Vallet.Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 11. Es folgten 1915 fünfzehn Aquarelle und neun Zeichnungen von Maurice Barraud, die Staechelin ebenfalls in der Genfer Galerie erwarb.Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 16. Von derselben Galerie kaufte er zwischen Mai und Oktober 1917 bedeutende Werke des französischen Impressionismus und Post-Impressionismus. Hierzu gehörten Le Sentier du Village von Camille Pissarro, Les Harengs saurs von Vincent van Gogh, Nafea faa ipoipo von Paul Gauguin, Paysage avec deux figures von Pierre-Auguste Renoir und Le village des Sablons von Alfred Sisley. Es folgten 1918 sechs weitere Bilder von Renoir, darunter zwei mit dem Motiv der Gabrielle. Darüber hinaus erstand er 1917 drei Bilder von Kees van Dongen.Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 155. Zudem kaufte Staechelin 1918 in der Galerie Maison Moos acht Gemälde von Ferdinand Hodler, darunter Le Grammont après la pluie, La malade, La morte, Le Mont-Blanc, Le Mont-Blanc aux nuages roses.Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 144–145. Einige Jahre später kam Hodlers Bild Passage de Montana hinzu.Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 153. Über die Zürcher Kunsthandlung von Gustav Tanner erstand Staechelin 1917 ein Selbstporträt (heute Carnegie Museum of Art, Pittsburgh) Hans-Joachim Müller: Die Sammlung des Baslers Rudolf Staechelin. S. 382. von Paul CézanneRudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 159. und eine Version der La Berceuse (heute Metropolitan Museum of Art, New York)Colin B. Bailey, Joseph J. Rishel, Mark Rosenthal: Masterpieces of Impressionism & Post-impressionism: The Annenberg Collection. Philadelphia Museum of Art, Philadelphia 1989, ISBN 0-87633-079-0, S. 190. von Vincent van Gogh.Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 160. Kurz darauf folgte der Kauf einer Version von van Goghs Jardin de Daubigny durch Vermittlung von Paul Vallotton. In Paris kaufte er zwischen Oktober 1917 und Mai 1918 drei Gemälde von Paul Cézanne in der Kunsthandlung Bernheim-Jeune. Neben Pommes et verre und Maison du docteur Gachet kam so auch das Porträt Victor Chocquet (heute Virginia Museum of Fine Arts, Richmond) in die Sammlung.Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 18. Darüber hinaus erstand er von Bernheim-Jeune das Gemälde Blonde au chapeau de paille von Pierre-Auguste Renoir und die Pastelle Femme à sa toilette und La lettre von Edgar Degas.Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 162.
Über die Frankfurter Kunsthandlung Ludwig Schames kaufte Staechelin im Juni 1917 das Gemälde Flusslandschaft mit Dampfboot von Maurice de Vlaminck. Dieselbe Kunsthandlung verkaufte dem Sammler im Februar 1918 Temps calme, Pourville von Claude Monet, zwei Motive Paysage du midi von André Derain und ein Bild Badende von Max Pechstein. Weitere neun Werke von Pechstein kamen 1919 über die Frankfurter Kunsthandlung Goldschmidt & Co. in die Sammlung. Weitere in der Sammlung vertretene Künstler aus dem Umfeld der Münchener Neuen Secession waren Gustav Jagerspacher, Helene Jagerspacher-Haefliger, Franz Heckendorf, Rudolf Sieck, Adolf Schinnerer, Rudolf Großmann und Edwin Scharff. Ebenfalls über die Galerie Goldschmidt & Co. kamen die Gemälde Portrait du peintre Jules Lunteschütz von Gustave Courbet und das Le jugement de Pâris von Henri Fantin-Latour in die Sammlung.Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 20. Hinzu kam 1917 über die Münchner Galerie Caspari das Gemälde Les deux frères aus der Rosa Periode von Pablo Picasso.
Besonders intensiv war das Verhältnis zum Kunsthändler Heinrich Thannhauser, aus dessen Münchner Galerie ab 1917 und aus der Zweigniederlassung der Galerie in Luzern ab 1921 Staechelin einen Grossteil seiner Gemälde erwarb. Hierzu gehörten Olevano, La Serpentara von Jean-Baptiste Camille Corot, Chien mort von Eugène Delacroix, La sente du Chou, Pontoise, Une rue à l’Hermitage, La carrière, Pontoise und Le monument Henri IV von Camille Pissarro, Tête de femme von Édouard Manet, Portrait d’un veillard à haute-forme von Claude Monet, Nature-morte – poisson von Alfred Sisley, Tête de femme von Vincent van Gogh und Entre les lys von Paul Gauguin. Weitere bedeutende Ankäufe waren Paysage au toit rouge von Gauguin aus unbekanntem Vorbesitz,Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 156. Arlequin au loup von Pablo Picasso, das Staechelin im Entstehungsjahr 1918 im Kunstsalon Bollag in Zürich erstand, Arlequin assis von Picasso, das 1923 über den Pariser Kunsthändler Paul Rosenberg in die Sammlung kamRudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 157., und Madame Matisse au châle de Manille von Henri Matisse, das er 1943 über die Galerie Rosengart in Luzern erwarb.Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 169. Zu den letzten Ankäufen von Staechelin gehörten mehrere Werke des Schweizer Künstlers René Auberjonois.Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 167.
Staechelin verband eine enge Beziehung zum Kunstmuseum Basel, dessen Kunstkommission er seit 1923 angehörte. Zwar hatte er seine Kunstsammlung 1931 in eine Familienstiftung überführt, jedoch zugleich festgehalten: «Der langgehegte Wunsch, die von mir gesammelten Kunstwerke dereinst unseren Basler Museen anzuvertrauen, kann vielleicht später erfüllt werden.»Notiz von Rudolf Staechelin auf dem Vorblatt des Protokollbuchs seiner Stiftung, die jedoch rechtlich nicht bindend ist. In: Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 34. Eine rechtliche Verfügung war damit jedoch nicht verbunden. Als das Kunstmuseum Basel 1936 seinen Neubau eröffnete, stellte Staechelin zehn Werke seiner Sammlung als Leihgabe zur Verfügung. Es handelte sich um die Werke Tête de femme von Édouard Manet, Le Sentier du Village von Camille Pissarro, Olevano. La serpentara von Jean-Baptiste Camille Corot, Portrait de l’artiste und Verre et pommes von Paul Cézanne, Nafea faa ipoipo und Entre les lys von Paul Gauguin sowie La Berceuse, Tête de femme und Le jardin de Daubigny von Vincent van Gogh.Rudolf Staechelin’sche Familienstiftung Basel: Nafea. Die Sammlung Rudolf Staechelin. S. 40. Als die Bestände des Museums im August 1939 im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges evakuiert wurden, gelangten die Leihgaben zurück an den Sammler.