mini|Mary Anderson als Hermione, Aufnahme von Henry Van der Weyde, 1887 Das Wintermärchen (frühneuenglisch The Winters Tale) ist ein Schauspiel von William Shakespeare. Es handelt von den Folgen der Eifersucht des Königs Leontes gegenüber seiner Ehefrau Hermione, umfasst eine erzählte Zeit von ca. 16 Jahren und spielt in Sizilien und in einer pastoral wirkenden Phantasiewelt, die in dem Stück Böhmen genannt wird. Shakespeares Hauptquelle ist Robert Greenes Roman Pandosto, or the Triumph of Time aus dem Jahre 1588. Das Werk entstand vermutlich um 1610, für das Jahr 1611 ist die erste Aufführung dokumentiert, und es erschien erstmals in der First Folio von 1623 im Druck. Wegen seines glücklichen Ausganges wurde das Wintermärchen ursprünglich den Komödien zugeordnet. In neuerer Zeit wird es zusammen mit anderen Werken wegen der diese Stücke prägenden eher düsteren Grundkonflikte zur Gruppe der Romanzen gerechnet.

Handlung Leontes, König von Sizilien, verdächtigt seine schwangere Frau Hermione der Untreue mit ihrem gemeinsamen Freund Polixenes, dem König von Böhmen. Er beauftragt Lord Camillo damit, Polixenes, der zu Besuch in Sizilien weilt, zu vergiften; Camillo verspricht zwar Gehorsam, offenbart dann aber seinem Opfer den Plan und beide fliehen aus Sizilien.

Derweil lässt Leontes seine Frau ins Gefängnis werfen. Um sich ihrer Schuld zu vergewissern, lässt er das Orakel von Delphi befragen. In der Zwischenzeit bringt Hermione im Kerker ein kleines Mädchen zur Welt, welches Leontes jedoch nicht als sein eigenes Kind anerkennt. Stattdessen befiehlt er Lord Antigonus, es in der Wildnis auszusetzen. Leontes leitet ein Gerichtsverfahren gegen seine Frau ein, in dem sie wegen Ehebruchs und Verschwörung in Zusammenhang mit der Flucht Polixenes’ und Camillos angeklagt wird. Er erklärt seine Frau für schuldig und verhängt die Todesstrafe, als die (angebliche) Antwort des Orakels eintrifft, die Hermione, Polixenes und Camillo mit atypischer Eindeutigkeit entlastet, Leontes aber als einen eifersüchtigen Tyrannen darstellt, der ohne Erbe bleiben werde, solange das, was verloren wurde, nicht wiedergefunden wird. Unmittelbar nach Verkündigung des Orakelspruchs ereilt den König die Nachricht vom Tod seines kleinen Sohnes Mamilius. Hermione bricht zusammen und wird für tot erklärt.

Derweil hat Antigonus Hermiones kleine Tochter an der böhmischen Küste ausgesetzt, wo sie von einem Schafhirten und seinem Sohn gefunden wird. Antigonus selbst wird von einem Bären getötet, bevor er das Schiff erreichen kann, das ihn zurück nach Sizilien bringen soll.

Sechzehn Jahre vergehen. Die Tochter von Leontes und Hermione wächst unter dem Namen Perdita bei den böhmischen Schäfern auf. Das junge Mädchen und Polixenes' Sohn Florizel sind ineinander verliebt, er hält die unstandesgemäße Liebschaft aber vor seinem Vater geheim. Auf einem Schafschurfest, auf dem auch der lustige Taschendieb und Balladensänger Autolycus sein Unwesen treibt, werden die beiden Liebenden jedoch von den verkleideten Polixenes und Camillo beobachtet. Nachdem der zornige Vater sich zu erkennen gegeben hat, beschließt Florizel, mit Perdita nach Sizilien zu fliehen. Als die Flucht entdeckt wird, folgen ihnen sowohl Polixenes als auch der alte Schäfer, Perditas vermeintlicher Vater. An Leontes’ Hof werden nun die Umstände von Perditas Auffinden bekannt. Leontes erkennt in ihr seine vermisste Tochter und versöhnt sich mit Polixenes. Paulina, die Witwe von Antigonus, führt alle Anwesenden zu einer (vermeintlichen) Marmorstatue Hermiones, welche jedoch plötzlich zum Leben erwacht, indem Hermione vom Sockel steigt: Das sizilianische Königspaar ist wieder vereint.

Literarische Vorlagen und kulturelle Bezüge mini|Die Statue Hermiones wird lebendig – Zeichnung von Henry Stacy Marks, Mitte des 19. Jahrhunderts Shakespeares Hauptquelle war die zur damaligen Zeit sehr beliebte Prosaromanze Pandosto. The Triumph of Time, auch bekannt als The History of Dorastus and Fawnia, von Robert Greene, die erstmals 1588 veröffentlicht wurde und anschließend in fünf weiteren Auflagen vor der Entstehung von The Winter’s Tale erschien. Shakespeare kannte dieses Werk vermutlich seit längerem, nutzte für sein Stück allerdings nicht die seinerzeit letzte Auflage von 1607, was sich anhand der Wortwahl an verschiedenen Stellen nachweisen lässt.

In seiner Dramatisierung der Romanze von Greene ändert Shakespeare die meisten Namen, strafft das Geschehen und vertauscht die Schauplätze Böhmen und Sizilien, wobei mit Ersterem nicht das mitteleuropäische Land, sondern eine pastorale Fantasiewelt am Mittelmeer gemeint ist. Im Gegensatz zur Vorlage, der Shakespeare im Ganzen recht eng folgt, lässt er die Königin am Ende jedoch nicht sterben, sondern bedient sich einer Täuschung der Dramenfiguren und der Zuschauer mit einer Falschmeldung. In Greenes Romanze ist der König jähzornig, bösartig und von seinen Leidenschaften beherrscht. Er versucht sogar, seine ihm unbekannte Tochter Fawnia dazu zu zwingen, ihm zu Willen zu sein, und tötet sich am Ende selbst. In Shakespeares Stück ist Leontes demgegenüber von tiefer Reue über seine Eifersucht erfüllt. Auf diese Weise werden bei Shakespeare durch die schließliche Versöhnung mit Hermione nicht nur die beiden Zeit- und Handlungsebenen des Stückes miteinander verknüpft, sondern auch durch innere Konsequenz verflochten. Zugleich vermeidet Shakespeare mit dem Überleben der Königin und der Wiedervereinigung am Ende den verwickelten und wenig überzeugenden Schluss der Vorlage, in der der König trotz des glücklichen Ausgangs Selbstmord begeht. Darüber hinaus schafft Shakespeare mit der von ihm erfundenen Statuenszene im letzten Akt einen außergewöhnlichen theatralischen Effekt und schließt sein Stück mit einer komödiengerechten und zum Leitgedanken der Versöhnung passenden Schlussszene ab.

mini|Pygmalion and Galatea, Ölgemälde von Jean-Léon Gérôme, 1890 In seinem Werk nutzt Shakespeare das Potenzial der teils durch die Handlung der Romanze Greenes vorgegebenen, teils von ihm selbst geschaffenen plötzlichen Wendungen, um dem Publikum in seiner Dramatisierung eine Fülle von spektakulären Überraschungs- oder Enthüllungsszenen zu präsentieren. Der dramatische Höhepunkt in der letzten Szene des Stückes, in der anders als in Greenes Vorlage Hermiones Standbild als Denkmal lebendig wird, erzielt seine starke theatralische Wirkung nicht allein aus der Überraschung, sondern ebenso als Erfüllung einer Reihe unterschwellig durch zahlreiche verbale Signale zuvor genährten Erwartungshaltung. Die Belebung der „Statue“ Hermiones greift nicht nur ein typisches Motiv der höfischen Maskenspiele auf, sondern stellt gleichzeitig eine neue Variante des antiken Mythos von Pygmalion und der von ihm geschaffenen und durch Aphrodites Gnade belebten Elfenbeinstatue der schönen Galatea dar. Zu Shakespeares Zeit war diese mythenhafte Erzählung durchaus bekannt und populär als Sinnbild für die Illusionskraft der Kunst, die die Wirklichkeit neu zu erschaffen vermag. Neben dem sensationellen Effekt stößt Shakespeare in der letzten Szene seines Stückes damit gleichermaßen eine Diskussion über das Verhältnis von Kunst und Leben an.

Während in Greenes Erzählung die Ereignisse an entscheidenden Stellen ausschließlich dem Zufall überlassen werden, ist Shakespeare bemüht, das Handlungsgeschehen zumindest teilweise durch Kausalität zu verbinden. So wird beispielsweise Perdita nicht wie Fawnia in einem Boot auf dem offenen Meer ausgesetzt, sondern von Antigonus mit Absicht nach Böhmen gebracht. Umgekehrt werden Florizel und Perdita nicht zufällig durch einen Sturm nach Sizilien verschlagen, sondern von Camillo bewusst dorthin gelenkt. Im Unterschied zu Greene, der das Misstrauen Pandostos gegenüber Bellerina durch verschiedene Details glaubhaft macht, verzichtet Shakespeare allerdings auf eine Motivation für die Eifersucht des Protagonisten. Während die Eifersucht des Königs >Leontes> (die Figuren haben in der Quelle anderslautende Namen) bei Greene nicht völlig unbegründet ist und nicht plötzlich entsteht, da >Hermione< und >Polixenes> in seiner Romanze zwar keinen Ehebruch begehen, aber in einem missdeutbaren Vertrauensverhältnis stehen, wird Shakespeares Leontes von seiner Eifersucht wie von einer Krankheit befallen. Für das Publikum und die Mithandelnden ist er von einem Augenblick zum nächsten eine andere Person; seine Eifersucht ist einfach ohne ersichtlichen Grund als handlungsbestimmendes Moment existent.Vgl. soweit Ina Schabert (Hrsg.): Shakespeare Handbuch. Kröner, 5. rev. Ausgabe, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-38605-2, S. 468 f. und 470. Siehe auch Michael Dobson, Stanley Wells (Hrsg.): The Oxford Companion to Shakespeare. Oxford University Press, 2. Ausgabe, Oxford 2015, ISBN 978-0-19-870873-5, S. 379. Vgl. ferner Ulrich Suerbaum: Der Shakespeare-Führer. Reclam, Ditzingen 2006, ISBN 3-15-017663-8, 3. rev. Auflage 2015, ISBN 978-3-15-020395-8, S. 204 f. und S. 207. Siehe ebenso Jonathan Bate und Eric Rasmussen (Hrsg.): William Shakespeare Complete Works. Macmillan Publishers 2008, ISBN 978-0-230-20095-1, S. 698 ff.

In struktureller Hinsicht vergrößert Shakespeare zugleich die Bühnengesellschaft durch eine Reihe von Figuren unterhalb der königlichen Familie und erweitert die Rolle von Camillo, um so den königlichen Hauptfiguren, die bei Greene hauptsächlich in gestelzten Reden über sich selbst sprechen, geeignete Gesprächspartner und Bezugspersonen zu liefern. Auf diese Weise stehen die selbstherrlichen Edikte oder Urteile des Königs nicht mehr in einem kontextlosen sozialen Raum, sondern betreffen alle Charaktere, die entweder mit Widerstand oder mit Gehorsam reagieren. Vgl. detaillierter Ulrich Suerbaum: Der Shakespeare-Führer. Reclam, Ditzingen 2006, ISBN 3-15-017663-8, 3. rev. Auflage 2015, ISBN 978-3-15-020395-8, S. 204.

Trotz der weitläufigen Handlung legt Shakespeare seinem Werk im Unterschied zu Greene zudem eine strenge Symmetrie zugrunde. Anfangs verfällt Leontes in blinde Raserei; später gerät Polixenes in Wut, als sein Sohn ohne seine Einwilligung die Schäferstochter heiraten will. Ähnlich wie bei Lears Zornesausbruch gegenüber seiner Tochter Cordelia treibt ihn gekränkte Eitelkeit, nicht aber Standesdünkel, als er die armen Schäfer, bei denen Perdita aufwuchs, mit dem Tode bedroht, da er annimmt, sie hätten seinen Sohn in ihren Bann gezogen.

Zwischen den durch ihre Leidenschaft beherrschten Männern steht Camillo als Vertreter der Vernunft, der sowohl bei Leontes als auch bei Polixenes das drohende Unheil verhindert. Den männlichen Hauptcharakteren stehen zudem drei Frauen gegenüber, die drei moralische Prinzipien verkörpern. Hermione zeigt sich als die unwandelbar treue und geduldige Liebende, die dem zur damaligen Zeit populären Griseldis-Typus entspricht; Perdita verkörpert das archetypisch unschuldige Mädchen und Paulina repräsentiert die tatkräftige Frau, die sogar dem König Paroli bietet.

Das in The Winter’s Tale im Zentrum der Handlung stehende Eifersuchtsmotiv wird auf diesem Hintergrund schließlich nicht tragisch durch einen Zusammenprall, sondern romanzenhaft durch Trennung und spätere Wiedervereinigung gelöst. Dabei fungiert wie in As you like it die idyllische pastorale Sphäre als das heilende Medium, in dem die Wiederherstellung der gestörten Ordnung möglich wird.