mini|Rainer Zitelmann (2026) Rainer Zitelmann (* 14. Juni 1957 in Frankfurt am Main) ist ein deutscher Historiker und Buchautor, der sich mit der Zeit des Nationalsozialismus und der Reichtumsforschung beschäftigt. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig und tritt in Talkshows auf. Er ist Mitglied der FDP. Insbesondere seine Arbeiten zum Nationalsozialismus riefen kontroverse Reaktionen hervor und wurden zum Teil der Neuen Rechten zugeordnet.
Leben Rainer Zitelmann wurde 1957 als Sohn des Schriftstellers und evangelischen Theologen Arnulf Zitelmann und dessen Frau Dietlinde, geb. Hock, einer Kindergärtnerin, in Frankfurt am Main geboren. Einer seiner Großväter war der Chemiker Lothar Hock. Durch den Beruf seines Vaters wuchs Zitelmann in mehreren evangelischen Pfarrhäusern Hessens auf.
Jugend und Ausbildung Zitelmann war nach eigenen Angaben als Schüler Maoist und von 1978 bis 1986 als Student der Geschichte und Politikwissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt (Erste 1983 und Zweite Staatsprüfung 1987 für das höhere Lehramt) zunächst Marxist.Dieter Stein: Interview mit Rainer Zitelmann. In: Junge Freiheit, Juli/August 1993, S. 3.
Bei der Vertiefung in sein Forschungsgebiet, die Grundlagen des Nationalsozialismus, entfernte er sich von der orthodoxen marxistischen Sicht des „deutschen Faschismus“ und befasste sich mit der freudomarxistischen Theorie über die Ursachen des historischen Erfolgs der Nationalsozialisten, die der marxistische Psychoanalytiker Wilhelm Reich 1933 in seinem Buch Massenpsychologie des Faschismus vorgelegt hatte.vgl. Zitelmanns Notiz in: wilhelm-reich-blätter (Nürnberg), Heft 1/78 (Februar 1978), S. 27. 1986 wurde er in Darmstadt bei Karl Otmar von Aretin mit einer durch das Evangelische Studienwerk Villigst geförderten Studie über Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs „summa cum laude“ promoviert.
Berufliche Tätigkeit Von 1987 bis 1992 war Zitelmann wissenschaftlicher Assistent bei Jürgen W. Falter an der Freien Universität Berlin.
Anschließend arbeitete er bei verschiedenen konservativen Verlagen. Zunächst wurde er von 1992 bis 1993 Cheflektor der Verlage Ullstein und Propyläen und Mitglied der Geschäftsleitung. Bald darauf ging er zur Tageszeitung Die Welt, wo er die Leitung des Ressorts Geistige Welt übernahm. Später wechselte er in den Bereich Zeitgeschichte, dann in das Ressort Immobilien.
1994 und 1995 initiierte Zitelmann gemeinsam mit Klaus Rainer Röhl, Ulrich Schacht und Heimo Schwilk zwei zentrale Appelle, innerhalb des rechtskonservativ, neurechten Spektrums, so den Berliner Appell (1994) und den Appell 8. Mai 1945 – gegen das Vergessen.
Im Jahr 2000 gründete er die Dr. ZitelmannPB.GmbH, die er 2016 verkaufte.Holger Friedrichs übernimmt Dr. ZitelmannPB. In: Immobilien Zeitung, 10. Februar 2016. Ab 2011 veröffentlichte er mehrere Bücher über Zielsetzung, Erfolg und Finanzen. In elf Sprachen übersetzt wurde das Buch Setze dir größere Ziele. Zudem veröffentlichte er die Bücher Reich werden und bleiben, Worte des Erfolges und Erfolgsfaktoren im Kraftsport. Er schreibt Kommentare zu Themen aus Wirtschaft, Politik und Finanzen in Medien wie Wall Street Journal, National Interest, Washington Examiner, Daily Telegraph, City AM, Neue Zürcher Zeitung, Welt, Focus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, wallstreet:onlineDr. Rainer Zitelmann als Autor bei wallstreet:online. und The European.Dr. Rainer Zitelmann als Autor bei The European. Wöchentlich schreibt er Kolumnen auf Le Point und Linkiesta.
2016 wurde Zitelmann bei Wolfgang Lauterbach an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam mit der Dissertation Persönlichkeit und Verhaltensmuster der Vermögenselite in Deutschland zum Dr. rer. pol. (magna cum laude) promoviert. Die Studie erschien 2017.Rainer Zitelmann: Psychologie der Superreichen. Das verborgene Wissen der Vermögenselite. FinanzBuch Verlag, München 2017. Im selben Jahr veröffentlichte er seine Autobiografie Wenn du nicht mehr brennst, starte neu!, in der er die verschiedenen Stationen seines Lebens (Historiker, Journalist, PR-Unternehmer, Investor) sowie seine Wandlung vom Maoisten zum Nationalliberalen darstellt.Rainer Zitelmann: Wenn Du nicht mehr brennst, starte neu! Mein Leben als Historiker, Journalist und Investor. FinanzBuch Verlag, München 2017.
Geschichtswissenschaftliche Veröffentlichungen Hitlers Selbstverständnis als Revolutionär In seiner ersten Dissertation bemühte sich Zitelmann um den Nachweis, dass die Sozialpolitik in der Zeit des Nationalsozialismus (am bekanntesten wohl durch die Massenorganisation Kraft durch Freude) nicht, wie bis dahin gemeinhin angenommen, reine Propaganda zur Ruhigstellung der unterdrückten Arbeiterschaft gewesen sei. Vielmehr sei es Hitler auch um die Verbesserung der Lage der Arbeiterschaft, um die Überwindung des Klassenkampfs, um Chancengleichheit und soziale Mobilität gegangen. In diesem Sinne habe er sich selbst als Sozialrevolutionär verstanden. Die vor allem im Begriff des Revolutionärs implizierte Behauptung, der Nationalsozialismus habe nicht nur durch die von ihm ausgelöste Zerstörung, sondern aktiv und konstruktiv zur Modernisierung der deutschen Gesellschaft beitragen wollen, vertiefte Zitelmann einige Jahre später in dem Sammelband Nationalsozialismus und Modernisierung.
Seine Thesen lösten unterschiedliche Reaktionen aus. Positive Besprechungen seiner Arbeit auch in führenden historischen Fachzeitschriften und in der überregionalen Tagespresse würdigten insbesondere die umfassende und sorgfältige Auswertung zuvor unberücksichtigt gebliebenen Quellenmaterials und die vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit dem Thema, die in wesentlichen Aspekten deutlich über den bisherigen Stand der Hitler-Forschung hinausgegangen sei.Siehe z. B. John Lukacs: Hitler. Geschichte und Geschichtsschreibung, Luchterhand, München 1997, die Rezensionen von Andreas Hillgruber (Die Welt vom 30. Mai 1987), Klaus Hildebrand (Süddeutsche Zeitung vom 29. September 1987), Jost Dülffer (FAZ vom 7. Juli 1987), Reinhard Bollmus (Die Zeit vom 22. September 1989) und Peter Krüger (Historische Zeitschrift 247, 1988) sowie Franciszek Ryszka (Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 4/1988) Kritiker hielten Zitelmann entgegen, dass die Löhne zumeist auf dem extrem niedrigen Niveau der Weltwirtschaftskrise blieben und dass die sozialpolitischen Wohltaten, die es gab, häufig nur symbolischen Charakter hatten und zudem nur für Menschen galten, die als rassisch einwandfrei durchgingen. Der Hitlerbiograph Ian Kershaw verwies zum Beispiel darauf, dass es Hitler im wesentlichen um Rasse und nicht um Klasse, um Eroberung und nicht um wirtschaftliche Modernisierung gegangen sei – statt gesellschaftlicher Modernisierung vermag er bei Hitler also nur reaktionäre Motive wie Imperialismus und Rassismus zu erkennen. Peter Longerich attestierte der Dissertation methodische Schwächen, Behauptungen von Unwahrheiten sowie Fehlinterpretationen: „Neben dem Einwand, daß zuweilen auch Unwahrheiten mit größter Ausdauer behauptet werden, muß an Zitelmanns Methode vor allem kritisiert werden, daß er die Authentizität der in ‚internen‘ Äußerungen Hitlers überlieferten Absichten überschätzt. Bei einer Interpretation Hitlers muß stets berücksichtigt werden, daß der Diktator gerade im Gespräch unter vier Augen ein virtuoser Überredungskünstler, ein Meister des Verstellens und Täuschens war.“Peter Longerich: Adolf Hitler – ein Revolutionär?. In: Die Zeit vom 2. Oktober 1987.
Historisierung des Nationalsozialismus Ebenfalls kontroverse Reaktionen rief Zitelmann mit dem von ihm gemeinsam mit Eckhard Jesse und Uwe Backes 1990 herausgegebenen Sammelband Schatten der Vergangenheit hervor. Darin bemühten sich die Herausgeber, der von Martin Broszat 1985 erhobenen Forderung nach Historisierung des Nationalsozialismus zu folgen. Sie sahen sich laut Klappentext als Angehörige einer „jüngeren Generation“, die sich anschicke, die „Tabus“, „Legenden“ und „Mythen“ einer „volkspädagogisch“ und von „Bewältigungs-Ritualen“ besetzten Geschichtsschreibung mit ihrer „wissenschaftlichen Historisierung“ zu brechen. Ziel des Unternehmens war, wie die Herausgeber in ihrer Einleitung betonen, die „Versachlichung der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit. […] Erst eine betont nüchterne, von moralisierenden Anklängen freie Geschichtsschreibung schafft die Grundlage, um die historische wie politisch-moralische Tragweite der durch den Nationalsozialismus verübten Massenverbrechen zu ermessen.“
Zu dem Band trugen Autoren wie Ernst Nolte, der sich noch einmal zum Historikerstreit äußerte, oder Imanuel Geiss bei, ein Schüler Fritz Fischers. Die Aufsätze behandeln Probleme des Diktaturvergleichs und neuere Forschungen zum Nationalsozialismus (wobei besonders die Beiträge über die Beteiligung der Bevölkerung des Baltikums an der Shoa sowie Werner Wegners Widerlegung des Leuchter-Reports hervorstechen), sind aber teilweise eher polemische Stellungnahmen zu Fragen der Vergangenheitsbewältigung.
Der Neuzeithistoriker Wolfgang Wippermann und der Politologe am Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, Alfred Schobert, ordneten 1996 den Sammelband der Neuen Rechten zu. Wippermann: „Tatsächlich reden Backes, Jesse und Zitelmann einer Geschichtspolitik das Wort. Sie streben nach einer kulturellen Hegemonie, die nur dann zu erreichen ist, wenn der Nationalsozialismus seiner Funktion als Negativfolie enthoben und ihm progressive und moderne Aspekte bescheinigt werden.“ Wippermann sah hier die Absicht, aus den „Schatten der Vergangenheit“ heraustreten zu wollen. Dabei stehe nicht die Methode der Historisierung, wie Broszat sie formuliert habe, in der Kritik, sondern die Zielsetzung, der die Ergebnisse dienen sollten.Wolfgang Wippermann: „Revisionismus light“. Die Modernisierung und „vergleichende Verharmlosung“ des „Dritten Reiches“. In: Brigitte Bailer-Galanda, Wolfgang Benz, Wolfgang Neugebauer (Hrsg.): Die Auschwitzleugner. „Revisionistische“ Geschichtslüge und historische Wahrheit. Elefanten Press, Berlin 1996, S. 237–251, zit. S. 240. Auch der Historiker Alexander Ruoff betrachtet den Sammelband als Teil einer Diskursstrategie der Neuen Rechten, die eine Änderung des Geschichtsbewusstseins und der politischen Kultur der Bundesrepublik beabsichtige. Ziel sei dabei ein „Richtungswechsel von einer offen revisionistischen und apologetischen Linie zu einer Historisierung und Einordnung des Nationalsozialismus – Termini, mit denen Auschwitz nicht mehr geleugnet, wohl aber der Versuch unternommen wird, die Verantwortung für die deutsche Nation abzuschwächen oder ganz von ihr zu weisen.“Alexander Ruoff: Verbiegen, Verdrängen, Beschweigen. Die Nationalgeschichte der „Jungen Freiheit“. Unrast Verlag, Münster 2001, ISBN 3-89771-406-X, S. 45. Klaus-Dietmar Henke stellt in seinem Aufsatz Erkenntnis und Interesse fest, der Sammelband sei „der Versuch, die von Martin Broszat geforderte Historisierung der NS-Zeit für eine Normalisierung des Nationalsozialismus zu nutzen.“Klaus-Dietmar Henke: Interesse und Erkenntnis. Ein Lehrstück konzertierter Krisenregulierung in den Geisteswissenschaften am Beispiel des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts 1999–2002. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 51 (2003), S. 205–236, zit. S. 215.
Kritik der Westbindung