Als Holländische Radikalkritik (auch Holländische radikale Kritik, Holländische radikale Schule oder Radikale holländische Schule; englisch: Dutch radical School) bezeichnet man die These einiger niederländischer Neutestamentler und anderer Akademiker, keiner der Paulusbriefe stamme von Paulus von Tarsus, alle seien erst im 2. Jahrhundert entstanden.

Die Vertreter dieser These bildeten seit 1878 eine kleine Minderheit in der Forschung zum Neuen Testament (NT). Einige von ihnen bestritten auch die historische Existenz des Jesus von Nazaret und vertraten die These eines Jesus-Mythos. Damit griffen sie das Selbstverständnis und die Legitimationsbasis der christlichen Kirchen an.

Die NT-Forschung hat diese Thesen seit Albert Schweitzers Werken zur Paulusforschung (1911) und zur Leben-Jesu-Forschung (1913) ausführlich geprüft und zurückgewiesen. Sie misst ihnen keine aktuelle Bedeutung mehr zu.

Vorläufer Die holländische Radikalkritik baute auf der sogenannten Tendenzkritik an NT-Schriften auf. Als ihr früher Vorläufer gilt der englische Deist Edward Evanson. Er bezweifelte schon 1792 aus tendenzkritischen Erwägungen als erster und lange Zeit einziger Autor die Echtheit einiger Paulusbriefe, darunter die des Römerbriefs (Röm).E. Earle Ellis: The Making of the New Testament Documents. Brill, Leiden 2002, ISBN 0-391-04168-1, S. 440 und Fn. 31 Willem Christiaan van Manen (1891) und Gustaaf Adolf van den Bergh van Eysinga (1912) machten sein vergessenes Werk als Vorläufer ihrer noch radikaleren Position bekannt.Albert Schweitzer: Geschichte der Paulinischen Forschung von der Reformation bis auf die Gegenwart. (1911) Hildesheim 2004, S. 94f.; Georg Schwaiger: Historische Kritik in der Theologie: Beiträge zu ihrer Geschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1980, ISBN 3-525-87492-8, S. 105 und Fn. 24

Ferdinand Christian Baur, Gründer der Tübinger Schule, hielt nur vier von 13 Paulusbriefen für echte Werke des Paulus: den Röm, den 1. Brief des Paulus an die Korinther (1Kor), den 2. Brief des Paulus an die Korinther (2Kor) und den Brief des Paulus an die Galater (Gal). Er begründete dies ab 1831 mit der von Georg Wilhelm Friedrich Hegel angeregten Annahme, das Urchristentum habe sich durch den theologischen Gegensatz zwischen dem Judenchristentum um Simon Petrus auf der einen und dem Heidenchristentum um Paulus auf der anderen Seite zur Synthese des frühen Katholizismus entwickelt. Darum hielt er nur jene Paulusbriefe für echt, die für ihn heidenchristliche gegen judenchristliche Positionen vertraten. Die Angaben der Apostelgeschichte des Lukas (Apg) hielt er historisch für unzuverlässig, weil sie die Gegensätze zwischen beiden Richtungen im 2. Jahrhundert fast verschwiegen und auszugleichen versucht habe.Eckhard Schnabel, Heinz-Werner Neudorfer: Das Studium des NT. 2. Auflage, SCM R. Brockhaus, Wuppertal 2011, ISBN 3-417-29430-4, S. 224f.

Albert Schwegler wandte Baurs Grundannahme in seinem Hauptwerk Das Urchristentum (1846) auf die ganze urchristliche Literatur an. Auch er wies nur jene vier Paulusbriefe dem apostolischen Zeitalter zu. Alle Angaben der Apg dazu hielt er für ahistorisch. Jene ihrer Passagen, die Paulus als judenfreundlich und Petrus als heidenfreundlich darstellen, hielt er für willkürlich vom Autor erfunden. An dieses Urteil knüpften Bruno Bauer und die radikale holländische Schule an.W. Ward Gasque: A History of the Interpretation of the Acts of the Apostles. Wipf & Stock, Eugene 2000, ISBN 1-57910-449-5, S. 41–43

Bruno Bauer hatte in Studien zu den vier kanonischen Evangelien (1839–1842) die Kritik von David Friedrich Strauß am historischen Wert auch der Synoptiker verschärft und Jesu Historizität bestritten. In seiner Studie zum Paulusbild der Apg (1850) beurteilte er auch die für echt gehaltenen Paulusbriefe als ahistorische Tendenzschriften. Der Autor der Apg habe die Konflikte zwischen Juden- und Heidenchristen nicht fiktiv harmonisiert, sondern drücke eine schon entspannte, von Heidenchristen dominierte Lage aus. Um diesen das jüdische Erbe zu erklären, habe er eine Verbindung zum Judentum konstruiert. Ein Judenchristentum, dass den nichtjüdischen Christen die Tora zu halten aufzwingen wollte, habe historisch nicht existiert.W. Ward Gasque: A History of the Interpretation of the Acts of the Apostles. Eugene 2000, S. 74–77 und 86–88 In einer weiteren Studie von 1850 stufte Bauer den Gal ebenso wie die übrigen Hauptbriefe als unecht und erst nach der Apg entstandene Zusammenstellung judenfeindlicher Passagen aus Röm und 1/2 Kor ein.Thomas Johann Bauer: Paulus und die kaiserzeitliche Epistolographie: Kontextualisierung und Analyse der Briefe an Philemon und an die Galater. Mohr Siebeck, Tübingen 2011, ISBN 3-16-150977-3, S. 10, Fn. 49 In weiteren Bänden seiner Kritik der paulinischen Briefe datierte Bauer alle Paulusbriefe in das 2. Jahrhundert. Mit diesen exegetischen Studien wollte er ab etwa 1840 immer stärker das Christentum zerstören. Darum würdigten deutschsprachige Neutestamentler wie William Wrede und Albert Schweitzer seine historisch-kritischen Einsichten erst nach 1900 stärker.Joachim Mehlhausen: Vestigia Verbi: Aufsätze zur Geschichte der evangelischen Theologie. (1999) Nachdruck: De Gruyter, Berlin 2010, ISBN 3-11-015053-0, S. 188–220, besonders S. 188 und S. 215

Ab 1878 griffen einige holländische Neutestamentler Bauers Thesen zu den Paulusbriefen und zur Apg auf. Sie vertraten die bis dahin extremste Skepsis gegen den historischen Wert des NT an Universitäten und ließen die bereits weitgehende historische Kritik der Tübinger Schule somit moderat erscheinen. Darum bezeichneten deutsche Autoren ihre Position später als „radikale holländische Schule“.Robert E. Van Voorst: Jesus Outside the New Testament: An Introduction to the Ancient Evidence. William B. Eerdmans, Grand Rapids 2000, ISBN 0-8028-4368-9, S. 10 Van Eysinga etablierte die Bezeichnung „holländische radikale Kritik“ 1912 mit dem Titel seines Werks darüber.Harald Specht: Das Erbe des Heidentums. Antike Quellen des christlichen Abendlands. Tectum, Marburg 2015, S. 800, Fn. 555; Eduard Verhoef: Die holländische radikale Kritik. In: Reimund Bieringer: The Corinthian correspondence. Peeters, Leuven 1996, ISBN 90-6831-774-1, S. 427–432, hier S. 427

Vertreter Allard Pierson und Samuel Naber Der promovierte evangelische Theologe Allard Pierson hatte 1865 sein Predigeramt niedergelegt und trat ab 1876 mit scharfer Kritik am Christentum und an der akademischen Theologie in den Niederlanden hervor.Arie L. Molendijk: ”Non-binding Talk”: The Fate of Friedrich Schleiermacher's Concept of Historical-Empirical Dogmatics. In: Brent W. Sockness, Wilhelm Gräb (Hrsg.): Schleiermacher, the Study of Religion, and the Future of Theology: A Transatlantic Dialogue. De Gruyter, Berlin / New York 2010, ISBN 3-11-021633-7, S. 203 Seine historisch-kritische Untersuchung der Bergpredigt von 1878 gilt als Beginn der holländischen Radikalkritik.Hermann Detering: Paulusbriefe ohne Paulus? Frankfurt am Main 1992, S. 304

Darin bestritt er die etablierte Meinung deutscher Neutestamentler, dass die Paulusbriefe als Belege für Aussagen Jesu herangezogen werden könnten. Dies begründete er mit dem Gal, den er als unechte Komposition von zwei gegensätzlichen Paulusbildern beurteilte: Der Paulus, der ein exklusives, von den Jerusalemer Aposteln unabhängiges Evangelium gegen Judenchristen verkünde und Petrus scharf verurteile, sei unvereinbar mit dem Paulus, der nur die Beschlüsse des Apostelkonzils vertreten habe. Der kompromisslose Paulus sei „Fiktion eines ultrapaulinischen Christen“, in dessen Brief später versöhnliche Passagen eingefügt worden seien.Andreas Wechsler: Geschichtsbild und Apostelstreit, Berlin 2018, S. 107–109

In ihrem Werk Verisimilia von 1886 führten Pierson und Samuel Adrianus Naber diese These aus: Ein kirchlichen Autoritäten gefälliger Überarbeiter habe die schroff abgrenzenden Aussagen des Gal abzumildern versucht und dazu Gal 2,11–14 (Antiochenischer Zwischenfall) umgedeutet. Damit datierten sie den Gal hinter die Apg ins zweite Jahrhundert. Damals hätten nur jüdische Sekten um Tora und Beschneidung gestritten, während jüdische und nichtjüdische Christen in der Kirche friedlich zusammengelebt hätten. Piersons und Nabers eigenwillige literarkritische Thesen zu den Paulusbriefen sollten also einem harmonisierenden Geschichtsbild zum frühen Christentum dienen.Andreas Wechsler: Geschichtsbild und Apostelstreit, Berlin 2018, S. 110–112

Abraham Dirk Loman Abraham Dirk Loman, Dozent an der theologischen Fakultät der Universiteit van Amsterdam, rezensierte Piersons Untersuchung zur Bergpredigt 1879 zunächst kritisch und warf ihm methodische Fehler und eine karikierende Darstellung des Gal vor. Bald darauf führte Loman Piersons Überlegungen jedoch in seiner eigenen Forschung weiter.

Am 31. Dezember 1881 in Amsterdam vertrat er in einem Vortrag Thesen, die er dann in seinen Quaestionis Paulinae (einer Artikelserie von 1882 bis 1886 in der von ihm mitgegründeten Theologisch Tijdschrift) ausführte: Die Apg widerlege das aus den vier Hauptbriefen gewonnene Paulusbild der Tübinger Schule. Das in diesen gezeigte vielfältige Gemeindeleben und komplexe theologische Denken könne nur in einem längeren Entwicklungsprozess entstanden sein. Der Paulus, der im Gal sogar Petrus als verachtenswerten Heuchler darstelle, sei ein fiktives, später konstruiertes Paulusbild. Ein historischer Paulus hätte diese antijüdische Position nicht so kurz nach Jesus vertreten können. Daher sei das älteste Christentum eventuell nur eine Messiasbewegung im Judentum gewesen. Da die synoptischen Evangelien kein eindeutiges historisches Jesusbild ergäben, habe Jesus eventuell gar nicht gelebt, sondern sei nur eine Symbolfigur für viele ursprünglich jüdische Ideen. Auch der Paulus des NT (inklusive der Apg) sei eine legendarische Figur; nur einzelne historische Details seiner Biografie seien bewahrt worden. Die Pauluslegende sei „im Interesse der wahren Gnosis, d.h. im Interesse der Verbreitung eines universalistischen Christenthums“ geschaffen worden. Auch das Lukasevangelium und die Apg seien Produkte der nachapostolischen Gnosis des 2. Jahrhunderts. Deren Grundgedanke sei gewesen, den „jüdischen Nomismus“ (das Festhalten an der Tora) zu neutralisieren und das „nationale Element“ auszustoßen, das „ursprünglich von der Messiasidee untrennbar“ gewesen sei.Andreas Wechsler: Geschichtsbild und Apostelstreit, Berlin 2018, S. 113f. sowie Fn. 70 und 79 Folglich datierte Loman die vier Hauptbriefe in umgekehrter Abfolge zur Tübinger Schule: Vom indifferenten Röm habe sich über 1 und 2 Kor bis zum Gal immer radikaler der antijüdische Paulinismus entwickelt. Die Entwicklung des Urchristentums sei von innerjüdischer Harmonie der Jerusalemer Urgemeinde zur scharfen Abgrenzung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Christen im Zeitalter der Gnosis verlaufen. Parallel dazu, nämlich von 70 bis ~150, habe sich die nationale jüdische Messiasidee zur Christusidee des universalen gnostischen Erlösers entwickelt. Da die Paulusbriefe und der Streit zwischen Paulus und Petrus in Antiochia (Gal 2,11-14) in der Apg nicht vorkommen, seien sie erst nach der Apg entstanden, oder deren Autor sei ihre Unechtheit bekannt gewesen.Andreas Wechsler: Geschichtsbild und Apostelstreit, Berlin 2018, S. 115

Diese These stützte Loman auf die mangelnde äußere Bezeugung: Die vier Hauptbriefe ließen sich vor Marcion nicht belegen. Selbst Justin der Märtyrer habe um 150 nichts von ihnen gewusst oder wissen wollen. Damit etablierte Loman das Bestreiten der Echtheit aller 13 Paulusbriefe als Minderheitsmeinung in der damaligen NT-Forschung. Damit wurde er Hauptvertreter der holländischen Radikalkritik.Hermann Detering: Paulusbriefe ohne Paulus? Frankfurt am Main 1992