Die nicht genau definierte Bezeichnung ethnisch-religiöse Gruppe (oder ethno-religiöse Gruppe sowie weitere Varianten) wird verwendet, um Gruppen zu bezeichnen, für deren Abgrenzung sowohl ethnische als auch religiöse Aspekte maßgeblich sind. Die ethnisch-religiöse Gruppe ist (wie die ethno-regionale oder ethno-linguistische Gruppe) eine Unterkategorie von Ethnizität, die auf dem kollektiven Glauben an eine gemeinsame Kultur und Abstammung basiert.
Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff Gruppen, deren religiöse und ethnische Traditionen historisch miteinander verbunden sind.
In der Soziologie wird diese Definition weiter präzisiert: Es ist entscheidend, dass sich der Einzelne – unabhängig von seinem persönlichen Glauben – insbesondere Symbolen, Objekten und gemeinsamen Handlungen der traditionellen Religionsgemeinschaft verpflichtet fühlt, um seine Zugehörigkeit zur Ethnie zum Ausdruck zu bringen. Dieses Verhalten dient dem Erhalt der ethnischen Identität sowie der Abgrenzung von anderen Gemeinschaften.Dorothea Lüddeckens, Rafael Walthert, Christoph Uehlinger (Hrsg.): Die Sichtbarkeit religiöser Identität. Repräsentation – Differenz – Konflikt (= CULTuREL. Band 4). Plane, Zürich 2013, ISBN 978-3-290-22022-8, S. ??.Christine Müller: Zur Bedeutung von Religion für jüdische Jugendliche in Deutschland (= Beiträge zu einer dialogischen Religionspädagogik. Band 11). Waxmann, Münster 2007, ISBN 978-3-8309-1763-2, S. 144/145 und 151–157.
Charakteristika Laut dem Historiker Robert P. Swierenga sind die Elemente, die als Merkmale einer ethno-religiösen Gruppe definiert werden, social character (Sozialcharakter), historical experience (historische Erfahrung) und theological beliefs (theologische Überzeugungen).
Identitätsbildung und -wahrung mini|Jesiden in traditioneller Kleidung in Baschiqa feiern das jesidische Fest Tawwaf. (2016)
Ethnisch-religiöse Gemeinschaften definieren ihre ethnische Identität über eine gemeinsame, regelmäßig durch Abstammung vermittelte Religion, zudem in der Regel durch eine gemeinsame Geschichte, eine eigene kulturelle Tradition mit gemeinsamer Sprache und Literatur, eine gemeinsame geografische Herkunft und/oder eine (erfundene) Abstammung von einem oder einer Vielzahl von gemeinsamen prominenten Vorfahren. Oft stellen ethnisch-religiöse Gruppen sowohl religiöse Minderheiten als auch ethnische Minderheiten innerhalb einer größeren Gemeinschaft dar, oder sie formieren sich in Reaktion auf die Unterdrückung durch eine dominante religiöse Gruppe oder durch eine Staatsreligion. So entstehen ethnisch-religiöse Gruppen immer wieder neu in der Diaspora;Marta Wozniak: From religious to ethno-religious: Identity change among Assyrians/Syriacs in Sweden. , 2013. insbesondere durch Migration und Flucht wie im Falle der Hugenotten lösen sie sich aber auch oft wieder auf.
Jonathan Fox, ein Erforscher religiöser Konflikte, schlägt als operationales Abgrenzungskriterium vor, dass 80 % der Mitglieder einer ethnischen Minderheitsgruppe einem von der in ihrem Staat vorherrschenden Religion abweichenden Glauben anhängen sollen, damit man sie als ethnisch-religiöse Minderheitsgruppe bezeichnen könne.Jonathan Fox: The Influence of Religious Legitimacy on Grievance Formation by Ethno-Religious Minorities. In: Journal of Peace Research. Jahrgang 36, Nr. 3, Mai 1999, S. 289–307. Oft wird jedoch wie z. B. in Kanada die individuelle Selbstzuordnung als Kriterium der Zugehörigkeit betrachtet, da objektive Daten über die Herkunft schwer zu ermitteln sind.
Symbolische Identitätsbildungsstrategien mini|hochkant|Amische in den USA tragen Kleidung, die sie von der Mehrheits-Bevölkerung abgrenzt (2007)
Charakteristisch für ethnisch-religiöse Gruppen ist, dass sie die symbolische Abgrenzung (durch Rituale, Kleidung, eigene Feiertage usw.) von der Umwelt zur Wahrung ihrer Identität mit teils hoher Energie betreiben. Diese Aktivitäten gehen über die Ausübung religiöser Kulte hinaus („symbolische Ethnizität/Religiosität“),Herbert J. Gans: Ethnic and Racial Studies Vol. 2 Nr. 1 (1979), S. 1–19.Herbert J. Gans: Symbolic ethnicity and symbolic religiosity: Towards a comparison of ethnic and religious acculturation. In: Ethnic and Racial Studies, Vol. 17, Nr. 4 (1994), S. 577–592. werden aber in Verfolgungssituationen natürlich kaum gezeigt. Herbert J. Gans unterscheidet dabei genauer zwischen symbolischen Identitätsbildungsstrategien von religiös-ethnischen (z. B. der Juden oder Parsen, sog. Sakralisierung der Ethnie) und ethnisch-religiösen Gruppen (z. B. der russisch-orthodoxen Christen in den USA, sog. Ethnisierung der Religion). Mit den Aktivitäten der Identitätswahrung gehen gelegentlich Strategien der strikten Kontaktvermeidung, hohes Misstrauen gegenüber der Umwelt und Fundamentalismus einher.Menandro Sarion Abanes: Ethno-religious Identification and Intergroup Contact Avoidance: An Empirical Study on Christian-Muslim Relations in the Philippines. Münster 2014, S. 7.Stuart Hall: Introduction: Who needs identity?, in: Stuart Hall, Paul du Gay (Hrsg.): Questions of Cultural Identity. London 1996.
In einer ethnisch-religiösen Gruppe wird besonderer Wert auf religiöse Eheschließung (Innenheirat, sog. religiöse Endogamie) als Mittel zur Erhaltung der Stabilität und historischen Langlebigkeit der Gemeinschaft und Kultur gelegt. Dieses Festhalten an religiöser Endogamie kann mit ethnischem Nationalismus verbunden sein. Donabed und Mako weisen in einer Studie über die syrisch-orthodoxen Christen darauf hin, dass Eliten eine Identität als ethnisch-religiöse Gruppe auch „erträumen“ und versuchen können, diese soziale Konstruktion mit politischen Mitteln durchzusetzen.Sargon Donabed, Shamiran Mako: Ethno-Cultural and Religious Identity of Syrian Orthodox Christians. In: Chronos, University of Balamand, Vol. 19, 2009. In Verfolgungssituationen kam es auch immer wieder vor, dass sich ethnisch-religiöse Gruppen aus Schutzgründen mit anderen Gruppen vermischen. Das gilt vor allem für Frauen. Einige ethnisch-religiöse Gruppen sind offenbar durch Fusion sehr heterogener ethnischer Gruppen entstanden, was DNA-Analysen z. B. für die Drusen ergeben, die eine Verwandtschaft mit nahöstlichen, türkischen und indoeuropäischen Bevölkerungsgruppen zeigen, was eher eine gemeinsame Herkunftsregion in der südöstlichen Türkei als eine ethnische Homogenität indiziert.S. Marshall, R. Das, M. Pirooznia u. a.: Reconstructing Druze population history. In: SciRep 6, 35837 (2016). DOI:10.1038/srep35837.
Während Tanja Wettach-Zeitz den Dogmatismus nationalistisch-klerikaler Eliten als Bedingung für die Stabilität vieler solcher Gruppen betont,Tanja Wettach-Zeitz: Ethnopolitische Konflikte und interreligiöser Dialog: die Effektivität interreligiöser Konfliktmediationsprojekte analysiert am Beispiel der World Conference on Religion and Peace Initiative in Bosnien-Herzegowina. München 2008, S. 46 f. sehen Dorothea Lüddeckens und Rafael Walthert die besondere Stabilität und den Konservatismus vieler ethnisch-religiöser Gruppen darin begründet, dass die Zugehörigkeit zu ihnen unabhängig von individuellen Entscheidungen ist und dass kollektive Akteure fehlen, die die Gemeinschaft durch Entscheidungen verändern könnten. Gekoppelt an Ethnizität könne die religiöse Gemeinschaft ihre traditionelle Praxis unabhängig von solchen Entscheidungen wahren.Dorothea Lüddeckens, Rafael Walthert: Religion als religiös-ethnische Gemeinschaft: Das Beispiel der Parsi Zoroastrier in Indien. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Volume 65 (2013), Zusatzband 1, S. 333–357.
Ethnisierung von Religion mini|Weltkonferenz der Mennoniten, Paraguay 1987
Der französische Anthropologe Emmanuel Todd weist 2017 darauf hin, dass der endogame Raum in vielen alten Kulturen primär durch die Religionszugehörigkeit bestimmt wurde (sogenannte religiöse Endogamie). Eine extreme Endogamie konnte zur Ethnisierung der Religion führen.Emmanuel Todd: Traurige Moderne. Eine Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zum Homo americanus. Beck, München 2018, ISBN 978-3-406-72475-6, S. 101 ff. (französisch: Triste modernité. 2017).
In der amerikanischen Gesellschaft gilt Religion auch heute noch geradezu als identity marker von Kultur oder Ethnizität. Von einer Ethnisierung der Religion spricht man, wenn sich Gemeinschaften von Migranten religiöse Traditionen verstärkt aneignen und pflegen, um ihre ethnische Identität zu reproduzieren, vor allem im Übergang von der ersten zur zweiten und den folgenden Generationen.H. R. Ebaugh, J. S. Chafetz: Religion and the new immigrants: Continuities and adaptations in immigrant congregations. Walnut Creek 2000. Von einer Ethnisierung der Religion kann man auch sprechen, wenn ethnische Gemeinschaften von Migranten im Zielland eine neue Religion annehmen, um sich von der Umwelt abzugrenzen und eine Assimilation z. B. an ein liberales Wertesystem zu vermeiden. Das gilt etwa für extrem konservative evangelikale Gruppen koreanischer Einwanderer in den USAF. Yang, H. R. Ebaugh: Transformations in new immigrant religions and their global implications. In: American Sociological Review 66 (2001) 2, S. 269–288. oder für freikirchliche Russlanddeutsche in Deutschland, die jedoch keine neue Religion annehmen, sondern ihre meist mennonitischen Wurzeln durch Bildung eigener Gemeinden bewahren wollen.Frederik Elwert: Religion als Ressource und Restriktion im Integrationsprozess: Eine Fallstudie zu Biographien freikirchlicher Russlanddeutscher. Berlin/Heidelberg 2015. In Paraguay sind Mennoniten verschiedener Herkunft zu einer deutschsprachigen („Plautdietsch“) ethnisch-religiösen Gruppe verschmolzen, die auch aus Sicht der Mehrheitsbevölkerung eine ethnische Gruppe darstellt.Tirza Mühlan-Meyer: Das ‚Mennonitendeutsch‘ in der Kolonie Fernheim in Paraguay. In: Christoph Purschke, Brigitte Ganswindt (Hrsg.): Variation und Wandel im Blickpunkt: Beiträge aus dem Forum Sprachvariation. Hildesheim 2018, S. 226.
Eine Ethnisierung der Religionszugehörigkeit kann auch der Vermeidung von religiöser Diskriminierung dienen, wenn in den betreffenden Ländern kein Diskriminierungsverbot aus religiösen Gründen gesetzlich festgeschrieben ist, wie es im angelsächsischen Recht teilweise der Fall ist. Sie kann auch der Entschärfung religiöser Konflikte dienen, die dann freilich die Tendenz haben, sich zu Nationalitätenkonflikten zu entwickeln. So waren die seit den 1970er Jahren verstärkten Versuche des jugoslawischen Staates, den bosnischen Muslimen (den Bosniaken) einen eigenständigen ethnischen Status zuzusprechen und damit eine säkulare bosniakische Identität zu fördern, langfristig nicht geeignet, den latenten Religionskonflikt aus der Welt zu schaffen und den Panislamismus einzudämmen.
Der Politikwissenschaftler Olivier Roy nutzt den Begriff Neo-Ethnizität für das Streben (zumeist junger) Angehöriger einer Religion (etwa Moslems oder Mormonen) nach einer „erneuerten, gemeinsamen Grundlage“. Dabei werden die Inhalte der Religion in einer eigenen Auslegung interpretiert, um damit eine neue ethnische Identität zu konstituieren.Olivier Roy: Holy Ignorance: When Religion and Culture Part Ways. Oxford University Press, 2014. ISBN 978-0-19-932802-4. S. 70, 73, 78–87, 165, 177, 180. In diesem Kontext steht auch die Ideologie der radikal-archaischen Auslegung des Islams im sogenannten Islamischen Staat.
Sakralisierung der Ethnie