Der 1996 erschienene Roman Finks Krieg von Martin Walser schildert den mehr als sechsjährigen vergeblichen Kampf des Beamten Stefan Fink um die Wiederherstellung seiner Ehre. Mit allen juristischen und publizistischen Anstrengungen kann er „dem System“ aus Hessischer Staatskanzlei, Kirchenvertretern, der FAZ und anderen Medien die Rücknahme einer ehrabschneidenden Behauptung nicht abtrotzen. Erschöpft und verbittert geht er schließlich in den Vorruhestand und zieht sich in ein Kloster zurück.
Da der Roman tatsächliche Ereignisse literarisch verarbeitet und mehrere Figuren sogar Realnamen tragen (siehe Abschnitt zu den Figuren) gilt der Roman als Schlüsselroman. Er basiert auf der Affäre Gauland aus den 1980/90er Jahren in Hessen.Martin Walser: Finks Krieg. In: Norbert Bachleitner: Kleine Geschichte des deutschen Feuilletonromans (= Narr-Studienbücher). Narr, Tübingen 1999, ISBN 3-8233-4972-4, S. 173 ff. Der Schriftsteller, der sechs Jahre der Ausarbeitung des Romans widmete, war mit dem Ministerialbeamten Rudolf Wirtz bekannt, der für Walser in ca. 50 Aktenordnern das Material zu seinem Fall gesammelt hatte.Verena Auffermann: Dicke, fiese Suppe. In: Süddeutsche Zeitung, 4. März 1996, S. 12.
Der Roman wurde später ins Französische, Spanische und Türkische übersetzt.
Inhalt Der in seinem Referat für Kirchenangelegenheiten Leitende Ministerialrat Stefan Fink, der der SPD angehört, soll seinen Posten in Wiesbaden räumen, damit nach dem Sieg einer neuen CDU-FDP-Regierung ein Assistent der CDU-Landtagsfraktion für seine langjährigen Dienste im Parlament mit der sogar aufgewerteten Leitungsfunktion in Finks Abteilung belohnt werden kann. Fink hat sein Referat vor 18 Jahren aufzubauen begonnen, das die Verbindung zwischen der Kanzlei des hessischen Ministerpräsidenten und den kirchlichen Gemeinschaften organisiert und moderiert – Themen sind beispielsweise Fragen des Religionsunterrichts und des allgemeinen Säkularisierungsdrucks.
Fink ist seiner Funktion eigentlich überdrüssig: „Zu oft hatte ich in diesen Jahren vor mich hingemurmelt: Nie mehr was mit Kirchen!“Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, S. 62 f. Aber Fink beginnt sich zu wehren: Zunächst mit einer Klage für die Möglichkeit der gleichberechtigten Bewerbung um die höher dotierte Stelle (Konkurrentenklage), dann mit einer Klage gegen die ihn zur Strafe auf eine Nebenstelle versetzende Änderung des Organisationsplans. Mit diesen Klagen gegen seinen vorgesetzten Staatssekretär bzw. die zeitweilig CDU-geführte Staatskanzlei in Wiesbaden wird er Thema unter den Kollegen und in der Öffentlichkeit – noch mehr, als er in beiden Fällen erste Erfolge hat.
Doch die Staatskanzlei wehrt sich gegen Fink in der nächsthöheren Instanz mit einer verhängnisvollen eidesstattlichen Erklärung: Die Umsetzung des Beamten sei notwendig geworden, weil sich Vertreter von Religionsgemeinschaften, die nicht genannt werden dürften, über den Beamten Fink zunehmend beschwert hätten. Mit dieser Notlüge ist die Ehrabschneidung und damit der eigentliche Casus Belli in der Welt, der, grob gezählt, an die dreißig juristische und publizistische Aktionen im zunehmend unübersichtlichen Hin und Her zwischen Fink und der Staatskanzlei auslöst.
Fink, selber Jurist, bedient sich im Angriff des ihm aus seiner Arbeit bekannten Arsenals: Umfangreiche Schriftsätze wollen die Fakten immer wieder besser erklären und seinem Anwalt oder seinen Unterstützern damit helfen, ihre Eingaben oder Artikel der Fachzeitschriften vorzubereiten – schließlich sind mehr als neunzig Ordner gefüllt.Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, S. 169, 213. Im kleinen Stellungskrieg der täglichen beruflichen Kontakte erscheint er nie mehr ohne Papier und Bleistift für seine Protokollnotizen und schon die Sitzordnung, die Begrüßung und seine verbalen Zwischentöne werden Funktionen seines Kampfes.Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, S. 38, 43 f., 70, 87, 91, 128; 9 f., 19, 23, 54, 101 ff.
Dieser Krieg verändert Fink: „Dass das Gesundheit und Leben kosten kann, in einem Rechtsstaat sein Recht zu wollen, dämmerte ihm allmählich.“Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, S. 90; 92 f., 130; 32, 37, 69, 125 f., 219. Nach Rückschlägen verliert er seine Luft zum Atmen und seine Stimme, Haare und Zähne, nimmt an Gewicht und Empfindlichkeiten zu, wird im übertragenen Sinn „taub durch Feindseligkeit“ und misstrauisch auch gegenüber seinen wichtigsten Unterstützern. Sein Umfeld listet er in drei Spalten: Abgefallene, Feiglinge und Verräter. Als seine Beschwerde gegen die Einstellung seines Verfahrens zurückgewiesen wird, kann er nur noch mit Rotwein und Tabletten einschlafen; wenn das nicht funktioniert, studiert er im Beamtenversorgungsgesetz die Passagen über den Freitod: „Die Welt ist alles, was mein Fall ist,“ wandelt er ein Zitat von Ludwig Wittgenstein ab.Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, S. 138. Ludwig Wittgenstein, Traktats logico-philosophicus: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“, in: Ludwig Wittgenstein. Ein Reader, Reclam 9470, Frankfurt: Suhrkamp 1989, S. 9 ISBN 3-15-009470-4
Dieser Krieg verändert auch Finks soziales Umfeld: Er wird zur „Unperson“. Seine Familie und auch seine Kollegen haben bald genug von ihm. Auch die zur Richtigstellung gedrängten Kirchenvertreter, die es sich nicht mit der für ihre Lobbyarbeit wichtigen Staatskanzlei verderben wollen, ziehen sich von ihm zurück. Nach einem erneuten Regierungswechsel drängt selbst der neue SPD-Staatssekretär auf eine gütliche Einigung, da er seinem Vorgänger, der den Konflikt ausgelöst hat, zu einem Gefallen verpflichtet ist.Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, S. 49. So kämpft Fink den Krieg um sein Leben letztlich mit einem „Ein-Mann-Heer“: „Jemand, der um sein Leben kämpft, [kann] nicht aufhören, um sein Leben zu kämpfen.“Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, 192. Aber als schließlich die Witwe seines längsten und angeblich besten Freundes ihm eröffnet, der habe sich aus Gründen der eigenen Karriere gegenüber den Machthabern immer wieder von ihm, Fink, distanziert, begreift er, dass sein Kampf nicht zu gewinnen ist. Er kündigt seinen Vorruhestand an und zieht sich ins Kloster Melchtal in die Schweiz zurück.
Komposition und Erzählweise Der Text ist in vier größere Abschnitte mit inhaltsumreißenden Überschriften gegliedert: Der Rausschmiss (47 Seiten), Unperson (135 Seiten), Distelblüten (72) und Höhengewinn (54 Seiten). Nach den Eröffnungszügen des Rausschmisses schildert der Abschnitt Unperson in zweiundzwanzig wie mit Registerkarten aus Finks riesiger Dokumentation getrennten Unterkapiteln zwischen zwei und vierzehneinhalb Seiten Umfang den Schlagabtausch zwischen Fink und der Staatskanzlei. In der erzählten Zeit von rund sechseinhalb Jahre vom November 1988 bis zum März 1994 bekommt Fink zwar seine Stelle zurück, aber seinem Ziel der Rehabilitierung nicht näher.Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, S. 185. Diese von Siegeszuversichten zu tiefen Enttäuschungen wechselnde Erzählung bildet den Kern der Unrechtsgeschichte. Die folgenden Distelblüten schildern die sich im Nachhinein auflösenden kleinen Erfolge und der Höhengewinn schließlich die Flucht in die Berge und die Suche nach einem Standpunkt mit neuer Übersicht.
Walser erzählt, der Arbeitsweise der Hauptfigur angepasst, überwiegend in wenig komplizierten Hauptsatzreihen eines parataktischen Stils, der die nüchterne Faktenorientierung unterstreicht. Auffälliger als die für das Thema erforderliche juristische Terminologie ist die Selbstreflexion Finks in militärischen Begriffen von Angriff, Schlachtordnung, Hauptkampftag, Winteroffensive usw. – obwohl nur mit wenigen „Hilfstruppen“, imaginiert sich Fink als Feldherr im Krieg gegen einen Unrechtsstaat.Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, S. 18, 64, 71, …, 179, 183, 192, …, 275.
Während zunächst der Erzähler die Entwicklungen in der Ich-Form aus der Perspektive Finks schildert, wird die Erzählstimme mehrmals und am Ende fast ausschließlich von Finks Alter Ego übernommen, der „uns“ zu Mäßigung und Gelassenheit zu bewegen versucht, während „der Beamte Fink“ sich aus Verzweiflung in Maßlosigkeit und unflätige Beschimpfungen steigert.
Die anfängliche Notlüge des Staatssekretärs, die Feigheit der Kirchenvertreter, diese richtigzustellen, die Unmöglichkeit, die Legitimität der Staatskanzlei in Frage zu stellen, und ganz allgemein die Kumpanei der Mächtigen verleiten den Beamten Fink dazu, eine partielle Kontinuität von Nationalsozialismus und „dem System“Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, S. 99 f., 121, 129 f., 143, 303, 308. der Bundesrepublik zu behaupten: „In den Jahrzehnten nach 1945 verlor der deutsche Soldat diesen Krieg zum zweiten, dritten, vierten … Mal. (…) [Wir verlieren] diesen Krieg seitdem immer aufs Neue und immer noch furchtbarer.“Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, S. 292, 294. Als der Bischof von Limburg eine „großartige Erklärung zum Asylrecht“, aber nicht zu Finks Ehrenrettung veröffentlicht, kommentiert Finks Ich-Stimme: „Jeder hat seine Autobahnen gebaut.“Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, S. 203. Fink beschließt am Ende, seine Lebensgeschichte als „Tractatus skatologikus“, etwa: Traktat mit oder über Obszönitäten, zu veröffentlichen: „Inzwischen weiß ich, warum Scheiße das Hauptwort unserer Sprache ist.“Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, S. 270 ff., 288.
Sein Alter Ego, bisher nur Finks interner und meist überhörter Kritiker, gewinnt allmählich die Oberhand. Er sympathisiert zwar mit der „Arschloch-Drecksack-Sprache des Beamten Fink“: „Ich entdeckte in dieser Drecks-Sprache meine Geschichte.“Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, S. 273. Aber sein Gegenprojekt ist die Verwandlung der maßlosen Wut in Höhengewinn,Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, Titel des letzten Abschnitts S. 253. Kursiv im Original. in eine Haltung der bitteren Ironie und des Humors. Das Projekt nennt er „Lobe deine Feinde“Kursiv im Original. Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, S. 275. und will „Minen der Erleuchtung“ auf Finks Lebensweg auslegen – schon erste Schritte würden mit mehr Gelassenheit belohnt werden. Erst durch seine Feinde sei Fink schließlich von seiner ungeliebten Stelle erlöst worden, habe den „Mäusepfaden aller Ministerialräte als eine weitere graue Maus“ entsagen und dadurch ein Jemand werden können: „Nichts ist günstiger für einen bis dahin eher unscheinbar gebliebenen Mann, als dass ihm Unrecht widerfährt.“Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, S. 274, 304, 307 f.
Der Roman klingt aus, indem Finks anfängliches Sträuben gegen die neue Haltung in einen Ansatz der Zustimmung übergeht: „Wieder so eine Kopfreaktion, die kein Nicken ist, aber doch eher ein Nicken als ein Kopfschütteln. […] Oh, schön, er nickt.“Walser, Finks Krieg, Suhrkamp 1996, S. 309 f.
Figuren Nachfolgend die wichtigsten Figuren des Romans, hinter denen sich zum Teil reale Personen verbergen:Adolf Kühn: Wer ist wer bei Walser?. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 3. März 1996, Nr. 9, S. 3. Romanfigur Realname Funktion Stefan Fink Rudolf Wirtz Leitender Ministerialrat Tronkenburg Alexander Gauland Chef der hessischen Staatskanzlei Schmetternich Hans Joachim Suchan Chef der hessischen Staatskanzlei (Nachfolge) Franz Kamphaus Franz Kamphaus Bischof von Limburg Joseph Fischer Joseph Fischer Grünen-Politiker Werner Böckenförde Werner Böckenförde Limburger Domkapitular, Kirchenrechtler Ignatz Bubis Ignatz Bubis Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt Max Willner Max Willner Vorsitzender der Jüdischen Gemeinden in Hessen Franz Karl Moor – Bester Freund Finks
Bezüge in der Literatur