Der Baltische Lloyd (englisch: Baltic Lloyd), die Stettin-Amerikanische Dampfschiffahrts-Actien-Gesellschaft, war eine deutsche Reederei für die kombinierte Passagier- und Frachtschifffahrt. Die Gesellschaft wurde 1870 von Stettiner Kaufleuten gegründet und sollte sich am Wettbewerb beim Auswanderer-Transport auf der Nordatlantik-Route beteiligen.Vergleiche beispielhaft auch die Passagierlisten der SS „Humboldt“ vom 21. September 1872 (immigrantships.net), der SS „Franklin“ vom 2. Dezember 1871 (immigrantships.net) oder der SS „Ernst Moritz Arndt“ vom 10. November 1873 (immigrantships.net). Sie verfügte zeitweise über fünf Dampfschiffe, musste jedoch aus wirtschaftlichen Gründen den Liniendienst bereits im August 1874 wieder einstellen. Nach der Veräußerung ihrer Schiffe ging sie am 25. April 1876 in Liquidation.Angaben laut Webseite The Ships List.

Geschichte des Unternehmens Mit einem Kapital von 650.000 Thalern wurde die Gesellschaft 1870 in Stettin gegründet. Mitgründer und Aufsichtsräte waren u. a. der Unternehmer und Zoologe Heinrich Dohrn,Monica Cioli: Pragmatismus und Ideologie. Organisationsformen des deutschen Liberalismus zur Zeit der Zweiten Reichsgründung (1878–1884). Duncker & Humblot, Berlin 2000, S. 167 books.google.de der Kommerzien-Rath Johannes Quistorp, der Kaufmann Alexander Weylandt (Schwiegervater des Hygienikers Karl KißkaltManfred Stürzbecher: Kißkalt, Karl. In: Neue Deutsche Biographie. 11 (1977), (Onlinefassung)) und der Reeder Carl A. Domcke,Zeitschrift für Seewesen, Hamburg 1889, Nr. 5 (März), S. 33 der später auch Aufsichtsrat beim Germanischen Lloyd war.Hansa. Deutsche Nautische Zeitschrift, Hamburg 1927, Nr. 14 (April), S. 608 Dem Aufsichtsrat gehörte auch T.R. Oswald an, dessen Werft die Schiffe des Lloyds im englischen Sunderland baute.

Bereits Ende 1871 beschloss die Generalversammlung eine Kapitalerhöhung auf 2 Mio. Thaler, um die Anzahl der Schiffe von zwei auf fünf erhöhen zu können und so für einen 14-täglichen Fahrtrhythmus gerüstet zu sein.HANSA. Zeitschrift für Seewesen. Hamburg 1871, Nr. 25 (Dezember), S. 236; In diesem Zusammenhang warben die Ostsee-Zeitung und Börsen-Nachrichten der Ostsee in Stettin und andere Blätter für den Baltischen Lloyd, indem sie ihn "als ein im großen Aufschwunge begriffenes und sehr zukunftsreiches (Unternehmen)" empfahlen.Otto Glagau: Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Berlin. Paul Frohberg, Leipzig 1877, S. 405; .

1872 gehörte die Aktienmehrheit an der Reederei bereits der Berliner Unternehmensgruppe Heinrich Quistorps, dem Bruder von Johannes Quistorp.Heinrich Quistorp wollte über die "Westend-Gesellschaft Heinrich Quistorp & Co." in der Gründerzeit das Berliner Westend als Wohngebiet entwickeln und darüber hinaus seine geschäftlichen Aktivitäten diversifizieren. Nachdem das Unternehmen 1871 noch 10 % Dividende gezahlt hatte,Max Wirth: Geschichte der Handelskrisen. 4. Auflage. Sauerländer, Frankfurt am Main 1890, S. 568; digitalis.uni-koeln.de (PDF) erlitt sie jedoch 1872 und im Folgejahr Verluste, die seinen wirtschaftlichen Niedergang einleiteten. Nach einem erneuten großen Verlust im ersten Halbjahr 1874 nahm die Direktion des Lloyds die Schiffe aus der Fahrt und stellte sie ab August 1874 zum Verkauf; der Überseeverkehr von Stettin nach York mit Dampfschiffen war damit zunächst wieder beendet. Nach Abschluss des Schiffsverkaufs Anfang 1876 beschloss die Generalversammlung schließlich am 25. April 1876 die Liquidation, wobei die Gesellschaft davon ausging, noch eine Kapitalrückzahlung an die Gesellschafter von ca. 45–50 % leisten zu können.HANSA. Zeitschrift für Seewesen. Hamburg 1876, Heft Nr. 5 (Mai), S. 98

Die Reederei war bereits nach wenigen Jahren gescheitert, weil trotz zufriedenstellender Fahrgastzahlen die kalkulierten Frachtraten nicht realisiert werden konnten. Die in Stettin hauptsächlich umgeschlagenen Agrarprodukte fanden in den Vereinigten Staaten keine größere Nachfrage und das als Importprodukt in Betracht kommende Petroleum wurde aus Sicherheitsgründen damals üblicherweise von Segelschiffen transportiert.Forum Überseeische Auswanderung .E. Foerster: Praktischer Stahlschiffbau. Salzwasser Verlag, Paderborn 2012, ISBN 978-3-86444-800-3, S. 265 books.google.de

Routen und Ladung mini|550px|Inserat des Baltischen Lloyds in der Hamburgische[n] Börsenhalle vom 7. September 1871 mini|175px|Plakat für die New York City-Stettin-Passagen der Ernst Moritz Arndt vom 29. März 1873 und der Franklin am 19. April 1873 mini|175px|Plakat für die New York City-Stettin-Passagen der Ernst Moritz Arndt vom 29. März 1873 und der Franklin am 19. April 1873

Die Reederei bediente von Stettin aus den Nordamerika-Verkehr mit Fracht und Passagieren, vor allem Auswanderern, und lief New York über Kopenhagen und Christianssand oder über Le Havre an. Im Herbst 1873 wurde mit der belgischen White Cross-Linie ein Gemeinschaftsdienst von Antwerpen nach York vereinbart, um einen kürzeren Anfahrtsweg zu haben. Bis dahin war auch Le Havre der Abgangshafen für die vom Lloyd beförderten deutschen Auswanderer. Er wurde damit gestrichen.

Nach New York gingen als Ladung vor allem Blei, Zement und Eisenbahnschienen. In Gegenrichtung wurden Mais, Harz, Schmalz, Speck und Talg verfrachtet. Die im Hafen von Stettin ankommende Ladung aus York belief sich aber auf fast auf das Doppelte der dorthin abgehenden.Max Peters: Die Entwickelung der deutschen Rhederei seit Beginn des Jahrhunderts Band 1–2, Gustav Fischer, Jena 1899–1905, Band 2: Die Entwicklung der deutschen Reederei seit Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Begründung des Deutschen Reichs. S. 60 digitalis.uni-koeln.de (PDF) Es wurde auch Paketbeförderung und Frachtübernahme angeboten. Briefe nach New York „Via Stadt Stettin“ kosteten 2½ Silbergroschen.Zum Posttransport des Lloyds zwischen Stettin und New York, bei dem auch im Auftrag der US-Post Sendungen befördert wurden, vergleiche Walter Hubbard und Richard F. Winter. Herausgegeben von Susan M. McDonal: North Atlantic Mail Sailings 1840-75. U.S. Philatelic Classics Society, 1988, S. 317 ff. (PDF; 55 MB)

Die ersten beiden Schwesterschiffe, Franklin und Humboldt, boten Platz für einige Kajütpassagiere und etwa 600 Passagiere des Zwischendecks. Ausweislich einer Anzeige der Reederei in der hamburgischen Börsenhalle vom 7. September 1871 kostete die Passage mit der Franklin, die am 26. September 1871, mittags unter Kapitän F. Dreyer bzw. am 24. Oktober, mittags mit der Humboldt unter Kapitän P. Barandon abging, eine Kajüte 100 Taler preußisch courant, im Zwischendeck 55 Taler mit Beköstigung. Wie sich aus den amerikanischen Werbeplakaten der Reederei weiter ergibt, wurden für die Überfahrt zurück nach Stettin neben englisch- auch deutschsprachige Passagiere angesprochen. In Betracht kommen ehemalige Auswanderer, die ihre Heimat besuchen wollten, oder auch zurückkehrende gescheiterte Auswanderer. Die Passagepreise nach Europa lagen dann 1873 auf der Ernst Moritz Arndt für eine Kajüte der 1. Klasse bei 100 $, was etwa 4000 € entspricht, der 2. Klasse bei 72 und für das Zwischendeck immerhin noch bei 30 $. Allerdings wurde die Reederei 1871 von der New Yorker Handelszeitung für ihre vergleichsweise komfortablen Zwischendecks gelobt, die mit ihren Kammern für 8 bis 16 Personen eine getrennte Unterbringung von Männern und Frauen bzw. auch ganzen Auswandererfamilien gestatteten.HANSA. Zeitschrift für Seewesen. Hamburg 1871, Nr. 21 (Oktober), S. 187

Flotte Die Schiffe der Gesellschaft liefen bei der nordostenglischen Werft T. R. Oswald & Co. in Sunderland vom Stapel. Sie waren sämtlich als zweimastige Dampfschiffe mit zusätzlicher Besegelung in Eisenkonstruktion ausgeführt. Sie wurden jeweils von einer Schiffsschraube angetrieben und hatten als Reedereikennzeichen weiße Schornsteine mit einer schwarzen Spitze. Sämtliche Jungfernfahrten führten von Stettin nach New York.

Zu den Kapitänen der Schiffe sind nur bruchstückhaft Informationen verfügbar. Aus den abgebildeten Werbeplakaten für eine Schiffspassage gehen als Kapitäne F. Dreyer (Ernst Moritz Arndt, 1873), der 1868 und 1869 im Dienst des Norddeutschen Lloyds Auswandererschiffe gesteuert hatte und dort nach einem Schiffsunglück mit der Union entlassen worden war,Arnold Kludas: Die Geschichte der deutschen Passagierschiffahrt. Band 1: Die Pionierjahre von 1850 bis 1890. S. 34.Vergleiche die Abfahrtsdaten von Auswandererschiffen, Passagen der UNION, des Staatsarchivs Bremen (online) und E. Dehnicke (Franklin, 1873) hervor. Die Humboldt wurde 1871 von Kapitän P. Barandon und die Ernst Moritz Arndt am 3. Juli 1873 ab Stettin von Kapitän FelbergHANSA. Zeitschrift für Seewesen. 21. September 1873, . gesteuert. Auch der Pionier der deutschen Nordland- und Polartouristik, Wilhelm Bade, war als Schiffsführer für den Lloyd tätig, aber wohl nur im Zubringerverkehr mit dem Dampfschiff Der Kaiser zwischen Stettin und Swinemünde.Vergleiche die Website der privaten Zeitschrift FLUKE zu Kapitän Wilhelm Bade.

mini|250px|links|Gemälde mit dem Dampfschiff Humboldt, um 1871 (Heimatmuseum Schloss Schönebeck) Die Humboldt Die erste Fahrt der Humboldt für die Reederei dauerte vom 27. Juni, Abfahrt in Stettin via Kopenhagen und Christianssand, bis zum 16. Juli 1871, als sie in New York mit Fracht und 655 Passagieren ankam. Im Februar 1872 lief die Humboldt erstmals die Häfen London und Le Havre an, über die zunächst die Routen aller Schiffe des Lloyds geführt wurden. Am 9. Juli 1874 brach die Humboldt in Stettin zur letzten Fahrt der Gesellschaft überhaupt auf und erreichte am 3. August New York nach einem Zwischenstopp in Antwerpen. Die Rückfahrt begann am 13. August. Danach hat der Baltische Lloyd seine Schiffspassagen eingestellt.Noel Reginald Pixell Bonsor: North Atlantic Seaway. An Illustrated History of the Passenger Services Linking the Old World With the New. David & Charles, Newton Abbot 1978, Band 2, S. 773. Insgesamt 15 Passagen absolvierte das Schiff für den Lloyd. Es ging 1874 an Raffaele Rubattino. Die Franklin Von Stettin nach New York über Kopenhagen führte ab 8. August 1871 die erste Fahrt des Schwesterschiffs der Humboldt, nachdem sie im Juni 1871 fertig gestellt worden war. Bis 1874 stand sie in den Diensten des Lloyds, bevor sie ebenfalls nach Genua an Raffaele Rubattino verkauft und dann in Batavia umbenannt wurde. Sie ging dann 1881 an die Navigazione generale Italiana. Die Thorwaldsen Das erst im September 1872 beschaffte Schiff ist auf der Rückfahrt von New York nach Stettin am 4. April 1874 an der Südwestküste Schwedens, nahe der Insel Hallands Väderö, auf Grund gelaufen, nachdem es sich 50 Meilen vom offiziellen Kurs entfernt hatte; Menschenleben waren nicht zu beklagen. Die Thorwaldsen wurde dann bei Torekov abgewrackt.Artikel der New York Times vom 6. April 1873, in dem auch eine detaillierte Auflistung der verlorenen Fracht enthalten ist nytimes.com (PDF) Die Ernst Moritz Arndt