mini|Sogenannte kleine Schlangengöttin aus dem Palast von Knossos in Kreta, um 1600 v. Chr.Emile Gilliéron und sein Sohn wirkten bei der Rekonstruktion von der Funde von Knossos entscheidend mit. Die Echtheit etwa der minoischen Schlangengöttin von Knossos (Minoische Religion) wird anhand der Ergebnisse der Radiokarbonmethode (14C-Datierung) ernsthaft angezweifelt.Kenneth D.S. Lapatin: Snake Goddesses, Fake Goddesses. How forgers on Crete met the demand for Minoan antiquities. Archaeology (A publication of the Archaeological Institute of America) Volume 54 Number 1, January/February 2001Kenneth D.S. Lapatin: Mysteries Of The Snake Goddess: Art, Desire, And The Forging Of History Paperback. Da Capo Press, 2003, ISBN 0-30681-328-9 mini|Sumerische Göttin, Fragment einer Stele von 2120 v. Chr. mini| Hinduistische Göttin Sarasvati, Göttin der Kunst, Wissenschaft und Weisheit, in Kolkata für das Fest Vasant Panchami hergerichtet
Eine Göttin ist eine weibliche Gottheit. In vielen Religionen wurden und in einigen werden gegenwärtig Göttinnen verehrt, deren Vorstellungen und Wirkungsbereiche oft mit Fruchtbarkeit, Mutterschaft, dem Werden und Vergehen allgemein und der Erotik verbunden sind, aber ebenso gibt es beispielsweise Kriegsgöttinnen, Meeresgöttinnen und Göttinnen des Wissens und der Weisheit.
Bedeutung Göttinnen stehen, wie männliche Götter im Hinblick auf ihre Zeugungskraft, oft in Zusammenhang mit Weltschöpfungsmythen. Das weibliche Prinzip wird mit der Geburt, also auch mit der Geburt des Kosmos, assoziiert. Hieraus resultieren die möglicherweise weit in die Vorgeschichte der Menschheit weisenden Vorstellungen einer Muttergöttin, auch Erdgöttin, die sich etwa durch die 100 bis 200 Venusstatuetten aus dem Jungpaläolithikum (ab 40.000 Jahre vor heute, wie der jüngste Fund mit der Venus vom Hohlen Fels) historisch zu bestätigen scheinen, alles kleine figürliche Darstellungen nackter Frauenkörper unter besonderer Betonung der Geschlechtsmerkmale.Vgl. Franz Sirocko (Hrsg.): Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2009, ISBN 978-3-534-22237-7, S. 79, Karte Verbreitung der Fundstellen von Venusstatuetten 34.000 -24.000 BP; Siegmar von Schnurbein (Hrsg.): Atlas der Vorgeschichte. Stuttgart 2009, S. 28–29; vgl. auch Projekt Hypersoil Universität Münster, Mutter Erde in der Altsteinzeit Diese Interpretation wird jedoch von der Archäologie mehrheitlich zurückgewiesen.Russell Dale Guthrie: The nature of Paleolithic art. University of Chicago Press, London 2005, S. 368. Guthrie bezieht sich hier auf Martha Ann, Dorothy Myers Imel: Goddesses in world mythology. ABC-CLIO, Santa Barbara, Calif. 1993 / New York 1995. Vgl. zur Einordnung und Bewertung ferner (von Guthrie rezipiert) Lynn Meskell: Goddesses, Gimbutas and ‚New Age’ archaeology. In: Antiquity. 69/262, 1995, S. 74–86.
Die Göttin erscheint in vielen Mythen auch als Gestalt, die dem heute geläufigen Bild des Weiblichen nicht zu entsprechen scheint. So wird sie auch mit scheinbar männlichen Attributen in Zusammenhang gebracht: mit Krieg, Jagd, Herrschaft, Gewalt und Macht, vollkommenem Geist und autonomer Sexualität, wie er dem bis heute historisch immer noch nicht geklärten Mythos von den Amazonen zugrunde liegt. Darüber hinaus stellt sie auch das Prinzip des Todes dar, wobei das Leben gebende das Leben auch nimmt, wenn dies auch im Zusammenhang mit dem Glauben an einer hierdurch ermöglichten Wiedergeburt steht.Harald Haarmann: Die Madonna und Ihre Töchter, Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie. Georg Olms, Hildesheim / Zürich / New York 1996, ISBN 3-487-10163-7, S. 34 ff. In der Rolle als Lebens- und Todesgöttin wird das Weibliche mit dem menschlichen Schicksal in Verbindung gebracht. Durch die gegensätzlichen Eigenschaften, die Göttinnen zugeschrieben werden, erscheinen viele (wie auch maskuline Götter) als Verkörperung der Vereinigung der komplementären Gegensätze wie Schöpfung/Zerstörung, Leben/Tod, Liebe/Hass, Gut/Böse, Geist/Materie, Licht/Dunkel.
Göttinnen in der Entwicklung der Zivilisation Im Übergang von kleineren sozialen Organisationen zu Zivilisationen hatten Göttinnen-Kulte weltweit eine Bedeutung, so z. B. in Indien, Ägypten, Mesopotamien, China, Japan, Griechenland und Rom. Göttinnen waren in diesen komplexen Agrargesellschaften u. a. zuständig für fruchtbaren Ackerbau, das Königtum, Schutz der religiösen Zentren und siegreiche Kriege.Mircea Eliade (Hrsg.): The Encyclopedia of Religion. Band 6, New York 1987, S. 37.
In den verschiedenen Kulturen hatten Göttinnen eine Vielzahl wichtiger Funktionen inne, einen universalen Kult der 'Großen Mutter' kann man jedoch nicht feststellen. In einigen Kulturen waren die Göttinnen eng verbunden mit dem Aufkommen größerer Städte sowie dem Königtum und galten als Ursprung komplexer sozialer Organisationen. Oftmals waren sie für soziale Einrichtungen wie Steuererhebung und Verteilung von Ressourcen zuständig, während in anderen Kulturen Göttinnen lediglich Gefährtinnen von männlichen Göttern darstellten oder aus älteren schamanistischen Kulten in Mysterienkulte übernommen wurden.Mircea Eliade (Hrsg.): The Encyclopedia of Religion. Band 6, New York 1987, S. 40.
Historische Religionen Im mesopotamischen Raum gehören die Göttinnen mit zu den ältesten Gottheiten und einige Forscher vermuten, dass eine Präsenz weiblicher Gottheiten bis in die Vorgeschichte zurückreicht, da ein Großteil der gefundenen Skulpturen weiblich ist und männliche Skulpturen eher die Ausnahme bilden.
Umstritten ist, ob ein Primat von Göttinnen mit einem sozialen Matriarchat zusammenhing. Ein Vergleich mit heutigen Kulturen, die viele Göttinnen kennen oder bei denen die Verehrung von Göttinnen prominent ist, zeigt, dass dies „nicht zwingend Gesellschaften [sind], in denen Frauen geschätzt werden und ihnen Chancen offenstehen.“Meret Fehlmann: Die Rede vom Matriarchat. Chronos Verlag, Zürich 2011, S, 105
Mit Ausnahme der hethitischen Sonnengöttin von Arinna stehen in den meisten Religionen des Altertums keine Göttinnen an der Spitze einer Götterhierarchie. Sie fungieren oft als Fruchtbarkeits-, Mutter- oder Erdgöttinnen, oder auch nur „als spekulative Ergänzungen ihres Gatten ohne eigenen Tempel.“K. H. Bernhardt: Göttin. In: Biblisch-Historisches Handwörterbuch. (BHH), Band 1, S. 600.
Die akkadische Ischtar – der sumerischen Inanna und der westsemitischen Astarte entsprechend – war eine Kriegs-, Mutter- und Liebesgöttin. Als dominierende Göttin konnte ihr Name auch gleichbedeutend für Göttinnen überhaupt verwendet werden.R. Border, Art. Ischtar. In: BHH 2, 778
Erd-, Fruchtbarkeits- und andere Göttinnen wurden auch in Regionen verehrt, in denen Ackerbauern lebten, von Ägypten über den Orient und Kleinasien bis zu den Kelten, Germanen und Slawen. Auch die Hochkulturen der Azteken, Mayas und Inkas verehrten Göttinnen.
Ägypten Im alten Ägypten gab es eine Vielzahl bedeutender Göttinnen. Beispielsweise die Himmelsgöttin Nut, die auch die Ehefrau des Erdgottes Geb war, Neith, die Göttin des Webens und der siegreichen Waffen und Hathor, die als Himmelsgöttin in unterschiedlichen Formen vorkommt.Mircea Eliade (Hrsg.): The Encyclopedia of Religion. Band 6, New York 1987, S. 38. Andere wichtige Göttinnen in Ägypten waren z. B. Maat, Bastet und Mut.
Eine der bekanntesten ägyptischen Göttinnen ist Isis. Der Pharao wurde als Sohn der Isis angesehen und ihr Name ist linguistisch dem Wort für Thron verwandt, so dass sie auch als der heilige Sitz des Pharao galt. Später war Isis die Gattin des Osiris und Mutter des Horus und wurde schließlich zu einer universalen Göttin, deren Kult sich auch nach Griechenland und Rom ausbreitete.
Griechenland und Rom Die vorolympischen Göttinnen Griechenlands waren normalerweise in Vegetations-Rituale eingebunden, wie z. B. die Erdmutter und chthonische Mutter der Götter, Gaia. Bevor das Orakel von Delphi dem Apollon gewidmet war, stand es mit Gaia in Verbindung. In Ausübung des Gaia-Kultes wurden Opfer von Tieren, Getreide und Früchten dargebracht und Besessenheitstrance praktiziert.Mircea Eliade (Hrsg.): The Encyclopedia of Religion. Band 6, New York 1987, S. 39.
Im Mysterienkult von Eleusis wurde die Erdgöttin Demeter verehrt. In diesem Kult erscheint das Thema der Wiedergeburt an Demeters Tochter, Persephone, die von Hades in die Unterwelt entführt wurde.
Spätere griechische Göttinnen stammten häufig von prähellenischen Göttinnen der Erde ab. Olympische Göttinnen waren Hera, Athene, Artemis, Demeter, Hestia und Aphrodite. Diese Göttinnen hatten unterschiedliche Rollen und Funktionen, die auch noch die früheren Einflusssphären zeigten. Die griechischen Göttinnen verloren teilweise frühere chthonische Aspekte nach der Einordnung in eine Hierarchie, deren oberster Gott Zeus war. Sie zeigten nun häufig keine Verbindung mehr zu den Kräften des Lebens und des Todes. Anstelle der Erdgöttinnen traten nun im männlich ausgerichteten Pantheon Göttinnen hervor, die Teilaspekte der Göttinnenidee verkörperten. In der Entwicklung der griechischen Kultur stellte diese „Aufspaltung der Göttin in Einzelteile“ eine Transformation der Göttinnen-Verehrung dar.
In der römischen Kultur liegt eine starke Identifikation von römischen und griechischen Gottheiten vor, die meisten römischen Götter hatten eine griechische Entsprechung. Göttinnen, die den griechischen entsprechen sind z. B. Juno, Diana, Minerva, Venus, Vesta, Ceres und Proserpina.
In der Antike galten neben den Parzen (Schicksalsgöttinnen) Artemis, Eileithyia (in Verbindung mit Hera), Juno und Lucina u. a. als Geburtsgöttinnen.
In Rom wurden auch Göttinnen anderer Völker und Kulturen übernommen, so die anatolische Kybele und die ägyptische Isis.
Celticum mini|Epona
Im Celticum, dem von den Kelten besiedelten Gebieten Europas und Kleinasiens, sind Göttinnen insbesondere als Mutter- und Landesgöttin verehrt worden. Sie spielten von Anfang an in der Keltischen Religion eine bedeutende Rolle, was auch dadurch bezeugt ist, dass das indogermanische *deivā („Göttin“, daraus auch lateinisch dea) in allen keltischen Sprachen in der häufigsten Variante Deva gut belegt ist. Diese Landesgöttinnen gehen oft noch auf vorkeltische, manchmal sogar vorindogermanische Lokalgottheiten zurück.
Die Vorstellung der Kelten von ihren Göttinnen und deren Mythen ist kaum belegt, da es fast keine Schriftquellen dazu gibt. Von antiken griechischen und römischen Autoren sind wenige Namen überliefert, wie Andraste und Epona. In Weihe- und anderen Inschriften sind oft durch die Interpretatio Romana alte keltische mit römischen Gottheiten in Verbindung gebracht worden (Beispiel Abnoba – Diana). Einige dieser Göttinnen sind nach der Christianisierung euhemeristisch zu weltlichen, wenn auch oft zauberkundigen Heroinnen umgedeutet worden (Epona – Rhiannon im Pwyll Pendefig Dyfed, „Pwyll, Fürst von Dyfed“). Ihre ehemalige göttliche Funktion ist lediglich in einzelnen Zügen der späteren Überlieferungen noch zu erkennen.
Die Muttergöttinnen zeigen sich in der Verehrung der meist in Triaden auftretenden Matronen, einzeln personifiziert in der Göttin Dea Matrona. Als Landesgöttinnen sind sie eng mit dem Brauch des Hieros gamos („Heilige Hochzeit“) verbunden. Hiemit ist die – oft real mit einer Priesterin – vollzogene Geschlechtsverbindung mit der Göttin des Landes gemeint, da nur durch diesen Weiheakt der König als solcher anerkannt wurde. Ein Beispiel aus der irischen Mythologie ist die Sage Baile in Scáil („Die Weissagung des Phantoms“, „Die Vision des Gespenstes“) über die Inthronisation Conn Cétchathachs.