Die Philosophie des Geistes ist ein Teilgebiet der Philosophie, das sich mit der Natur des Geistes und seiner Zustände, ihren Wirkungen und Ursachen beschäftigt. Zentral ist dabei die Frage nach dem Verhältnis von geistigen und körperlichen Zuständen. Neben diesen ontologischen Fragen befasst sich die Philosophie des Geistes auch mit den erkenntnistheoretischen Fragen nach der Erkennbarkeit des Geistes.
mini|350px|Schematische Übersicht zu grundlegenden Positionen, die hinsichtlich des Leib-Seele-Problems eingenommen werden (Beachte: In der philosophischen Theoriebildung kommt es regelmäßig zu Überschneidungen und Mischformen!)
In der modernen Fachsprache wird nicht zwischen „Geist“ und „Seele“ unterschieden. Vielmehr umfasst hier der Begriff Geist – wie englisch mind – sowohl Bewusstsein und Denken als auch emotionale und andere psychische Funktionen. Entsprechend sind die gleichbedeutenden Adjektive geistig und mental – wie englisch mental – nicht von seelisch (oder psychisch) zu trennen, sondern schließen dies mit ein.
Das Leib-Seele-Problem Der Kern der Philosophie des Geistes ist das Leib-Seele-Problem, das manchmal „Körper-Geist-Problem“ oder auch „Geist-Gehirn-Problem“ genannt wird. Es besteht in der Frage, wie sich mentale Zustände (oder der Geist, das Bewusstsein, das Psychische, die Seele) zu den physischen Zuständen (oder dem Körper, dem Gehirn, dem Materiellen, dem Leib) verhalten. Handelt es sich hier um zwei verschiedene Substanzen? Oder sind das Mentale und das Physische letztlich eins? Dies sind die zentralen Fragen der Philosophie des Geistes. Jede Antwort wirft jedoch zahlreiche neue Fragen auf, etwa: Sind wir in unserem Denken und Wollen frei? Könnten Computer auch einen Geist haben? Kann der Geist auch ohne den Körper existieren? Die Philosophie des Geistes ist daher mittlerweile ein enorm differenziertes Projekt. Bereits Platon hat dies in seinem Dialog Philebos (30a) thematisiert: „Sokrates: Unser Leib, wollen wir nicht sagen, der habe eine Seele? Protarchos: Offenbar wollen wir das. Sokrates: Woher aber, o lieber Protarchos, sollte er sie erhalten haben, wenn nicht auch des Ganzen Leib beseelt wäre, dasselbe habend wie er und noch in jeder Hinsicht trefflicher?“ Auch literarisch wurde das Thema behandelt, so zum Beispiel in einem mittelalterlichen, 1518 durch den Bieler Stadtschreiber Ludwig Sterner publizierten, deutschsprachigen (alemannischen) Gedicht des Hentz von den Eichen, das ein Streitgespräch zwischen Seele und Leib in der Tradition der Anima-Corpus-Altercationen (z. B. Visio Philiberti)Peter Kesting: Hentz von den Eichen. In: Burghart Wachinger u. a. (Hrsg.): Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2., völlig neu bearbeitete Auflage, ISBN 3-11-022248-5, Band 3: Gert van der Schüren – Hildegard von Bingen. Berlin / New York 1981, Sp. 1015 f. darstellt.
Die erste moderne Formulierung des Leib-Seele-Problems stammt von René Descartes. Als ihr klassischer Ursprung wird folgende Passage aus der 6. Meditation (Das Dasein, der Körper und der Wesensunterschied zwischen Leib und Seele) genommen,So etwa Abschnitt 3.4 (Mind-Body-Relation), insofern sie das Problem ohne weitere epistemologische oder ontologische Implikationen formuliert, allein anhand des Zukommens des Attributs »Ausgedehnt-sein« beschreibt.
Das Problematisieren des Zusammenhangs zwischen Körper und Geist geht allerdings bis in die Philosophie der Antike zurück. Platon etwa vertritt einen expliziten Dualismus, was sich in seiner Argumentation für die Seelenwanderung zeigt: Kann die Seele den Tod des Körpers überleben, so muss sie etwas anderes als der Körper sein.Platon: Phaidon. Bei Aristoteles sieht dies anders aus. Zwar postuliert Aristoteles ein „Pneuma“, das als Prinzip des Lebens allen Lebewesen eigen sei, doch das Pneuma wird der materiellen und körperlichen Welt nicht entgegengesetzt. Plotin, als Hauptvertreter des Neuplatonismus, geht von der Existenz des Einen aus, aus dem die menschlichen Seelen und alles andere entständen. Auch die Körper seien Ausfluss der Seelen, untergeordnet und von diesen weitgehend getrennt. Nach dem Tode trenne sich die Seele gänzlich vom Körper, und durch die moralische Wahlfreiheit vereinige sie sich mit dem Göttlichen oder entferne sich davon.
Im christlichen Mittelalter (Scholastik) ist die Unterscheidung zwischen Körper und immaterieller Seele wiederum Grundlage des Philosophierens. Der Einfluss der mittelalterlichen Philosophie ist in Descartes Formulierung des Dualismus unverkennbar.
Die meisten Menschen empfinden intuitiv eine Kluft zwischen mentalen und physischen Phänomenen. Dies hat dazu geführt, dass lange Zeit dualistische Standpunkte in der Philosophie des Geistes vorherrschend waren. Heute vertritt die Mehrheit der Philosophen materialistische Positionen. Auf dieser Basis muss jedoch die Frage beantwortet werden, wie das Bewusstsein materialistisch zu erklären ist.
Das Leib-Seele-Problem gilt heute als ein spezifisches Problem der europäischen Geistesgeschichte. Insbesondere die Philosophietraditionen in Asien (siehe Östliche Philosophie) gehen von grundsätzlich anderen metaphysischen Annahmen aus, wodurch diese Trennung in Geist und Körper als illusionär oder bedeutungslos erscheint.
An Stellungnahmen zum Leib-Seele-Problem kann man grundsätzlich „zwischen Dualisten und Monisten unterscheiden, wobei weiter drei Spielarten des Monismus unterschieden werden müssen: Der Materialismus oder Physikalismus mit seiner These, dass alles physischer Natur ist; der Idealismus mit der These, dass alles geistiger Natur ist; und schließlich der neutrale Monismus, der behauptet, dass alles von Natur aus gleich ist, daß diese Natur jedoch weder geistig noch physisch ist.“Enzyklopädie Philosophie. Hrsg. von Hans Jörg Sandkühler, 2 Bände. Hamburg: Meiner, 1999, S. 766. Abgerundet wird das Problemfeld von philosophischen Stellungnahmen, die sich entweder der Alternative von Monismus und Dualismus nicht einfügen bzw. sich gegen diese positionieren (wie etwa von Vertretern der sprachphilosophischen Kritik mit ihrem klassischen Autor Ludwig WittgensteinÄhnlich Gilbert Ryle. Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter et al. Basel-Stuttgart: Schwabe, 1971–2007, Bd. 5, Sp. 201–205., oder von solchen der Phänomenologie mit ihrem prominentesten Vertreter Martin Heidegger), oder welche diese Alternative auf verschiedene Weise reformulieren oder revidieren (z. B. Henri Bergson).
Dualistische Antworten auf das Leib-Seele-Problem
Der Dualismus reagiert auf die intuitive Kluft zwischen dem mentalen Innenleben und der physischen Realität wie folgt: Er behauptet, dass hier zwei grundsätzlich verschiedene Phänomene im Spiel seien – eben mentale und physische Entitäten. Je nachdem, wie die Entitäten weiter spezifiziert werden und wie man sich das Verhältnis von mentalen und physischen Entitäten vorstellt, kann man zu sehr verschiedenen Arten von Dualismen kommen.
Ruht der Dualismus allein auf der intuitiven Kluft zwischen Mentalem und Physischem? Oder gibt es konkrete Argumente für den Dualismus? Das wohl bekannteste Argument entwickelte René Descartes in seinen Meditationen.René Descartes, Meditationes de Prima Philosophia (1641). Deutsche Übersetzung von Ludwig Fischer (1926, zweite Ausgabe) online verfügbar unter gutenberg.org. Lateinische Fassung: Oeuvres de Descartes, Band 7, Hrsg. Ch. Adam, P. Tannery. (Cerf) Paris 1904. Online: archive.org. Es lässt sich wie folgt zusammenfassen: „Ich kann mir klar und deutlich vorstellen, dass Geist ohne Materie existiert. Was man sich klar und deutlich vorstellen kann, ist zumindest prinzipiell möglich. Also ist es zumindest prinzipiell möglich, dass Geist ohne Materie existiert. Wenn es prinzipiell möglich ist, dass Geist ohne Materie existiert, dann müssen Geist und Materie verschiedene Entitäten sein. Da also Geist und Materie verschiedene Entitäten sein müssen, ist der Dualismus folglich wahr.“
Die Prämissen dieses Argumentes können bezweifelt werden: Warum sollte zum Beispiel etwas möglich sein, nur weil es klar und deutlich vorgestellt werden kann? Trotz derartiger Probleme werden auch heutzutage noch Variationen von Descartes Argument verteidigt – etwa von Saul Kripke.Saul A. Kripke: Naming and Necessity. Blackwell Pub., Oxford 1981, ISBN 0-631-12801-8.
Substanzdualistischer Interaktionismus (Influxionismus)
mini|René Descartes, Porträt von Frans Hals (1648) mini|René Descartes’ Illustration der Interaktion zwischen Geist und Körper über die Epiphyse. (Dargestellt in Le Monde - L'homme 1664)Oeuvres de Descartes, Tomus 11 (Le Monde, Description du corps humain, Passions de l'âme, Anatomica, Varia), Hrsg. Ch. Adam, P. Tannery. (L. Cerf) Paris 1909. Online-Zugriff: archive.org
Die klassische Form des Dualismus ist der interaktionistische Substanzdualismus. Er wurde in maßgeblicher Weise von René Descartes formuliert, indem er darlegt, inwiefern das «geistige Ding» (res cogitans) nicht nur verschieden von allen körperlichen Dingen (res extensa) gedacht wird, sondern auch ontologisch verschieden sein dürfte. Die unteilbare Einheit des Geistes bleibt, so Descartes' Argument, auch ohne die Menge aller eingeborenen Vorstellungen unzerlegt bestehen, wohingegen die bloß gedankliche Teilbarkeit aller körperlichen Phänomene durchaus den ontologischen Unterschied aufzeigen soll. Folgende Passage illustriert dies eindrucksvoll:
Die Betonung der »gänzlichen« Verschiedenheit wird also vom Dualisten nunmehr ontologisch, als substanzieller Unterschied, gedeutet.Alwin Diemer, Materialismus, S. 175 in: Philosophie, hrsg. A. Diemer, Fischer, Frankfurt am Main 1958.
Karl Popper und John Eccles waren die bekanntesten interaktionistischen Dualisten des 20. Jahrhunderts.Karl Popper, John Carew Eccles: Das Ich und sein Gehirn. 8. Auflage. Piper, München u. a. 2002, ISBN 3-492-21096-1. Die grundlegenden Ideen lauten wie folgt: Geist und Materie sind verschiedene Substanzen und sie wirken aufeinander ein. Wenn ich mir mit der Nadel in den Finger steche, so werden von dort Signale in das Gehirn geleitet und dort muss es eine „Stelle“ geben, wo das Gehirn auf den immateriellen Geist wirkt. Genau so funktioniert es in die andere Richtung: Wenn ich Schmerzen habe, so wirkt der immaterielle Geist auf das Gehirn. Von da werden Signale ausgesendet und ich ziehe – beispielsweise – meine Hand zurück.
Ein derartiger Dualismus hat mit ernsten Problemen zu kämpfen: Wenn es einen Ort der Interaktion zwischen Geist und Gehirn gibt, so müsste dieser Ort auffindbar sein. Die Spekulationen von Descartes (er hoffte auf die Zirbeldrüse als Interaktionsort) wurden jedoch bald widerlegt. Auch sonst wurden nirgendwo sichtbare Stellen im Gehirn gefunden, an denen das Verhalten der Neuronen nur durch einen immateriellen Geist zu erklären wäre. Abgesehen davon, dass im Gehirn gar kein „Platz“ zu sein scheint für eine Interaktion, ist die Art der Wechselwirkung dabei eine offene Frage. In der jüngeren Zeit wurde dafür von einigen, zum Beispiel dem theoretischen Physiker und Mathematiker Roger Penrose, eine Interaktion durch Quanteneffekte vorgeschlagenRoger Penrose: Schatten des Geistes: Wege zu einer neuen Physik des Bewusstseins; aus dem Englischen übersetzt von Anita Ehlers. Heidelberg etc., Spektrum Akademischer Verlag, cop. 1995, ISBN 3-86025-260-7 – siehe insbesondere Kapitel 7: „Quantentheorie und Gehirn“., was aber von Kritikern wie dem Kosmologen und Wissenschaftsphilosoph Max Tegmark mit dem Argument zurückgewiesen wird, dass Dekohärenz von Quantenzuständen im Sub-Picosekundenbereich zu schnell eintritt, als dass diese für Hirnfunktionen relevant sein könnten.