mini|Friedrich von Hellwaldmini|Friedrich von Hellwald Friedrich Anton Heller von Hellwald (* 29. März 1842 in Padua; † 1. November 1892 in Cannstatt) war ein österreichischer Kulturhistoriker, Publizist und Redakteur.
Leben und Werk Friedrich von Hellwald war der Sohn des österreichischen Militärhistorikers Friedrich Jakob Heller; seine Mutter war Polin. Mit 16 Jahren (1858) trat er als Kadett ins Militär ein. Trotz der Aussicht auf eine Karriere quittierte er bereits 1864, um sich ganz seinen Studien widmen zu können.
Nachdem er am Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 teilgenommen hatte, war er als Sekretär des Österreichischen Alpenvereins tätig und erhielt in Wien zunächst eine Anstellung als Redakteur bei Streufflers Österreichischer militärischer Zeitschrift. Diese Tätigkeit endete zwar schon 1868, aber Hellwald veröffentlichte noch später im Literatur-Blatt (Anzeige von Neuerscheinungen) der Zeitschrift (1871). Zu diesem Zeitpunkt arbeitete er im Büro des österreichischen Kriegsministers Franz Kuhn von Kuhnenfeld.
Zum 1. Januar 1872 berief man Hellwald als Chefredakteur nach Stuttgart-Cannstatt in die Redaktion der von der renommierten Cotta’schen Verlagsbuchhandlung herausgegebenen Wochenzeitung Das Ausland. Nach seinem Weggang aus Wien blieb er der dortigen k.k. geographischen Gesellschaft verbunden und hielt dort weiterhin Vorträge; ab 1880 gab er auch Hölders Geografische Jugend- und Volksbibliothek heraus, die in Wien erschien. Außerdem publizierte er regelmäßig in österreichischen Zeitungen und Zeitschriften, insbesondere in der Wiener Zeitung und der Oesterreichischen Monatsschrift für den Orient. Allerdings brachten auch die Leipziger Zeitschrift Unsere Zeit und die Berliner Deutsche Rundschau regelmäßig Aufsätze Hellwalds.
mini|Friedrich von Hellwald (Mitte oben) im Darwin-Album von 1877 (Blatt 14)
Er bekannte sich zum Darwinismus und beteiligte sich am Ehrengeschenk der deutschen Anhänger zu Darwins 69. Geburtstag, einem vom Rechnungsrat und Naturforscher Emil Rade (1832–1931) initiierten, von Ernst Haeckel geförderten und im Wesentlichen von Arthur Fitger mit insgesamt 21 Blättern gestalteten mit Silber-(und Gold-)beschlägen reich verzierten 50 cm hohen und 43 cm breiten Album (Darwin-Album von 1877),Das Album enthält insgesamt 165 Porträts und befindet sich heute noch in der Darwin Collection im Down House, London, Luxted Road, Downe, Orpington, BR6 7JT in dem ab Blatt 3 zahlreiche Fotografien seiner Anhänger in je ein bis zehn passepartoutartig geschnittenen Feldern eingefügt sind. Als Friedrich von Hellwald zu Cannstadt wurde er auf Blatt 14 in diesem Album, das Darwin im Februar 1877 überreicht wurde, aufgenommen.Brunhild Gries: Emil Rade (1832–1931), sein Anteil an der naturkundlichen Erforschung Westfalens und das Darwin-Album von 1877. Abhandlungen aus dem Westfälischen Museum für Naturkunde, 68, 2, Münster 2006 (PDF)
In Stuttgart machte sich Hellwald als vehementer Vertreter der Evolutionstheorie von Charles Darwin bald unbeliebt und musste Ende 1881 sein Amt als Chefredakteur des Auslands niederlegen. Noch während seiner Zeit als Redakteur kam es am 31. August 1880 in Stuttgart zu einem kuriosen Vorfall, der in der deutschen Presse berichtet wurde. Der dänische Hypnotiseur Carl Hansen besuchte die Stadt und probierte seine Kunst an mehreren Personen aus, hatte aber nur mit Friedrich von Hellwald Erfolg.Siehe den Bericht in Das Vaterland. Zeitung für die österreichische Monarchie, Nr. 248 (7. September 1880), S. 5ː
Nach 1882 lebte Hellwald vor allem vom Verkauf seiner Bücher, und der Ethnologe Richard Andree bemerkte später, man müsse Hellwald vor negativen und einseitigen Urteilen in Schutz nehmen, weil er "auf den Ertrag seiner Feder angewiesen" war, und "da hat er manche Arbeit um des Brotes willen thun müssen, die er ohne solchen Zwang sicher unterlassen hätte."Andree 1892 (Nachruf), S. 350
Überregional wurde Friedrich von Hellwald, neben seinem Eintreten für Charles Darwin und dessen deutschen Anhänger Ernst Haeckel, vor allem durch seine Länderbeschreibungen und seine Culturgeschichte (1875) bekannt. In seinen populärwissenschaftlichen Büchern vertrat er vehement die rassendarwinistische Richtung der Anthropologie, nach welcher es Völker gebe, die aussterben würden, zum Beispiel die amerikanischen Ureinwohner, die südafrikanischen Khoisan und die australischen Aborigines. Im Vergleich mit anderen Rassenideologen seiner Epoche nimmt er eine Extremposition ein, was der Beliebtheit und der Verbreitung seiner Bücher im deutschsprachigen Bildungsbürgertum allerdings keinen Abbruch getan zu haben scheint. Die Werke – vor allem die Culturgeschichte und Die Erde und ihre Völker – erreichten mehrere Auflagen in wenigen Jahren. In wissenschaftlichen Kreisen, besonders unter Universitäts-Geographen und Völkerkundlern, hat Hellwald keine ungeteilte Anerkennung erhalten. Viele seiner Ansichten waren umstritten, viele seiner Schriften muteten zu populärwissenschaftlich, impressionistisch oder oberflächlich an; allenfalls seine positive Rolle bei der Vermittlung von Wissen in die Gesellschaft wusste man allgemein zu würdigen. In einem Aufsatz über die Entwicklung der ethnographischen Forschung während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der 1898 in den Mittheilungen der k.k. geographischen Gesellschaft in Wien erschien, war über Hellwald nicht mehr zu lesen, als dass er "durch seine mehr populären [!] Werke viel für die Verbreitung ethnographischer Kenntnisse gethan" habe.
Bereits in den 1880er Jahren hatte Hellwald mit Krankheit zu kämpfen und musste Vorträge absagen. Sein ein Jahr jüngerer Bruder Ferdinand (1843–1884), Feuilletonist und zuletzt Sekretär des Malteser-Ordens in Rom, starb im Juni 1884 an einem Lungenleiden. Friedrich selbst lebte ab 1887 in Tölz. Dort starb er im Alter von nur 50 Jahren am 1. November 1892 an einem Rückenmarksleiden.
Mitgliedschaften
K. K. zoologisch botanische Gesellschaft (Wien) K. K. geographische Gesellschaft (Wien) Österreichischer Alpenverein (u. a. Schriftführer 1867–1868) Sociedad Mexicana de geografía y estadística (SMGE) (korrespondierendes Ehrenmitglied)
Schriften Aufsätze 1869ː "Die Moor- und Waldbrände im nördlichen Europa". Inː Mittheilungen der k.k. geographischen Gesellschaft in Wien. Band XII (NF 2), Nr. 3 (1869), S. 182–184 1870ː "Rezension vonː Tunis. Ein Bild aus dem nordafricanischen Leben. Prag 1870", Inː Mittheilungen der k.k. geographischen Gesellschaft in Wien. Band XIII (NF 3) (1870), S. 271 f. 1871ː "Ueber Colonien und die niederländischen Colonien in Ostindien insbesondere". Inː Mittheilungen der k.k. geographischen Gesellschaft in Wien. Band XIV (NF 4) (1870), S. 113–131; 209–244 1871ː "Schweden's Heerwesen und Reformproject". Inː Streffleur's Österreichische Militärische Zeitschrift, Jg. 12, Band II (1871), S. 227–240; Band III (1871), S. 133–142 1873ː "Der Streit über die race prussienne. Ethnologische Studien über das nördliche Europa". Inː Das Ausland. , Nr. 5 (3. Februar 1875), S. 88–94; Nr. 6, 105–109; Nr. 8, S. 152–158 1873ː "Das Colonialsystem der Niederländer in Ostindien", Inː Das Ausland. Nr. 7 (17. Februar 1873), S. 124–129 1873ː "Unter den Singsu". Inː Wiener Abendpost. Beilage zur Wiener Zeitung. Nr. 167 (22. Juli 1873), S. 1333 f. 1873ː "Die neuesten Forschungen der Russen in der Mongolei". InːWiener Abendpost. Beilage zur Wiener Zeitung. Nr. 196 (26. August 1873), S. 1564–1566; Nr. 97, S. 1572 f. 1874ː "Die Polarforschung der Gegenwart". Inː Deutsche Rundschau, Band I (1874), S. 263–286 1875ː "Der internationale Congreß für geographische Wissenschaften in Paris". Inː Wiener Abendpost. Beilage zur Wiener Zeitung. Nr. 203 (4. September 1875), S. 4 f. 1875ː "Neue Schriften über die Türkei". Inː Deutsche Rundschau, Band V (1875), S. 310–314 1876ː "Das moderne Japan. III. IV.". Inː Unsere Zeit. Deutsche Revue der Gegenwart. NF 12. Jg. (Leipzig 1876), S. 96–114; S. 284–302 1876ː "Ein Blick auf Kaschmir". Inː Oesterreichische Monatsschrift für den Orient, Band I, Nr. 7 (15. Juli 1876), S. 100–103 1876ː "Eines Spaniers Studien über die geistige Bewegung in Deutschland". Inː Deutsche Rundschau, Band VI (1876), S. 135 1876ː "Neue Schriften zur Kunde von Afrika". Inː Deutsche Rundschau, Band VI (1876), S. 140–147 1876ː "Der Stand der jüngsten Ausgrabungen in Rom". Inː Deutsche Rundschau, Band VIII (1876), S. 357–374 1878ː "Ein Blick auf Ostturkestan". Inː Oesterreichische Monatsschrift für den Orient, Band IV, Nr. 10 (15. Oktober 1878), S. 85–90 1878ː "Die Afrikaforschung der Gegenwart". Inː Unsere Zeit. Deutsche Revue der Gegenwart. NF 14. Jg. (Leipzig 1878), S. 15–37; 269–295 1878ː "Variationen des Themasː „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist freiǃ“". Inː Kosmos, 1. Jg. Band II (Leipzig 1878), S. 172–180 ThULB Jena 1880ː "Ethnographisches aus der Südsee". Inː Wiener Abendpost. Beilage zur Wiener Zeitung. Nr. 243 (21. Oktober 1880), S. 1 f.; Nr. 244, S. 2 f. 1881ː "Das Volk der Giljaken in Ost-Sibirien". Inː Oesterreichische Monatsschrift für den Orient, Band VII, Nr. 11 (15. November 1881), S. 171–173 1883ː "Zur Tonkin-Frage". Inː Oesterreichische Monatsschrift für den Orient, Band IX, Nr. 8 (15. August 1883), S. 133–139 1884ː "Der gegenwärtige Stand der Tonkinfrage". Inː Oesterreichische Monatsschrift für den Orient, Band X, Nr. 1 (15. Januar 1884), S. 11–18 1890ː "Die Alterthümer der Khmer in Kambodscha". Inː Oesterreichische Monatsschrift für den Orient, Band XVI, Nr. 8 (August 1890), S. 116–119 1891ː "Im Lande der Laoten"ː Inː Oesterreichische Monatsschrift für den Orient, Band XVII, Nr. 1 (Januar 1891), S. 33–36 1891ː "Land und Volk der Kurden"ː Inː Oesterreichische Monatsschrift für den Orient, Band XVII, Nr. 1 (Januar 1891), S. 119–122 1892ː "Dr. Höflers Forschungen über Volksmedizin und Aberglauben im Isarwinkel". Inː Globus, Band 61 (1892), S. 221–223 digi-hub Berlin
Monografien 1866 Die americanische Völkerwanderung. Eine Studie. Wienː A. Holzhausen 1869ː Maximilian I. Kaiser von Mexico. Sein Leben, Wirken und sein Tod, mit einem Abriß der Geschichte des Kaiserreichs. 2 Teile. Wienː Wilhelm Braumüller (in der deutschsprachigen Presse schon als erhältlich angezeigt ab Oktober 1868) 1871ː Sebastian Cabot. Vortrag, gehalten am 17. Mai 1870 in der k.k. geografischen Gesellschaft zu Wien. Berlinː C.G. Lüderitz 1872ː Ueber Colonien und über die holländischen Niederlassungen in Ostindien insbesondere. Ein Beitrag zur niederländischen Colonialfrage. Wienː L.W. Seidel – Amsterdamː Fred. Muller 1873ː Die Russen in Centralasien. Eine Studie über die neueste Geographie und Geschichte Centralasiens. Augsburg: A.F. Butsch Englische Ausgabeː The Russians in Central Asia. A Critical Examination down to the Present Time of the Geography and History of Central Asia. Übers. von Theodore Wirgman. Londonː Henry S. King & Co. 1874 1875ː Centralasien. Landschaften und Völker in Kaschgar, Turkestan, Kaschmir und Tibet. Leipzig: Spamer, 1875. Zweite, vermehrte und verbesserte Ausgabe 1880. Digitalisat. 1875ː Culturgeschichte in ihrer natürlichen Entwicklung bis zur Gegenwart. Augsburg: Lampart & Comp. Zweite neu bearbeitete und sehr vermehrte Auflage 1876 udT Culturgeschichte in ihrer natürlichen Entwicklung bis zur Gegenwart. 2 Bände. Augsburgː Lampart & Comp. Vierte Auflage udT Kulturgeschichte in ihrer natürlichen Entwickelung bis zur Gegenwartː Leipzigː P. Friesenhain 1896 1876 Oscar Peschel. Sein Leben und Schaffen. Augsburgː Lampart & Comp. Zweite Ausgabe 1880 (Hellwald hielt am 23. Oktober 1875 die Gedenkrede auf einer Gedächtnisfeier für den zwei Monate verstorbenen Geographen Oscar Peschel) 1876ː Die Erde und ihre Völker. Ein geographisches Hausbuch. Stuttgart: Francke 1876. Zweite, unveränderte Auflage 1878; vierte Aufl. 1893; dazu Übersetzungen in andere Sprachen.