mini|Emanuel Leutze: Storming of the Teocalli by Cortez and His Troops, 1848
Kolonialkrieg ist ein Sammelbegriff für die Kriegsführung der Kolonialmächte ab dem 16. Jahrhundert und der Sicherung ihrer eroberten Kolonialgebiete bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein. Die Kolonialkriege endeten 1974 mit dem Ende des Portugiesischen Kolonialkriegs aufgrund der Nelkenrevolution. Die in ihnen gewonnenen militärischen Erfahrungen werden vor allem in den angloamerikanischen Streitkräften im Kontext der so genannten neuen oder asymmetrischen Kriegen bis in die Gegenwart militärtheoretisch verarbeitet; insbesondere die im Algerienkrieg konzipierte Französische Doktrin. Hauptsächlich in Italien dienten die Kolonialkriege auch zur Ablenkung von innenpolitischen Konflikten.
Definition Der Duden definiert aktuell (2015) den Kolonialkrieg als „… zum Erwerb oder die Sicherung von Kolonien geführten Krieg“.
In dem im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Wehrpolitik und Wehrwissenschaften herausgegebenem Handbuch der neuzeitlichen Wehrwissenschaften von 1936 wurde der Begriff von dem Major der Wehrmacht Ludwig Freiherr Rüdt von Collenberg wie folgt definiert:
Der britische Militärhistoriker Ian F. W. Beckett (* 1950) definierte in seiner Encyclopedia of guerrilla warfare 1988 koloniale Kriegführung folgendermaßen:
Kolonialkriege vom Beginn des 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Die Kolonialkriege dieser Epoche dienten der Eroberung und der Konsolidierung folgender europäischer Imperien:
Italienisches Kolonialreich Portugiesisches Kolonialreich Spanisches Kolonialreich Niederländisches Kolonialreich Französisches Kolonialreich Britisches Weltreich
Am bekanntesten sind, bedingt durch den Kontext der Entdeckung Amerikas, die Spanische Eroberung Mexikos und Perus unter den Konquistadoren Hernán Cortés und Francisco Pizarro. Dabei trafen die Eroberer mit dem Aztekenreich und dem Inkareich auf Imperien, was den Spaniern die Gelegenheit bot, Gegensätze zwischen der imperialen Zentrale und tributpflichtigen Völkern der Peripherie wie zum Beispiel den Tlaxcalteken auszunutzen und letztere als Verbündete zu gewinnen.
mini|Frederic Remington: Coronado sets out to the north
Allerdings beschränkten sich die Spanier in ihrer Herrschaft nur auf ökonomisch wertvolle oder militärstrategisch bedeutsame Regionen. Territorien, die geographisch schwer zugänglich und/oder von einer kriegerischen Bevölkerung besiedelt wurden wie z. B. die Miskitoküste im heutigen Nicaragua verblieben bewusst außerhalb der spanischen Herrschaftssphäre, da ihre Eroberung und Sicherung zu aufwändig gewesen wäre (siehe auch Arauco-Krieg, Guaraní-Krieg).
Innereuropäische Konflikte wie der
Niederländisch-Portugiesische Krieg Spanische Erbfolgekrieg Siebenjährige Krieg Siebenjährige Krieg in Nordamerika (French and Indian War)
wirkten sich auch auf die überseeischen Kolonialgebiete aus (siehe auch Franzosen- und Indianerkriege von 1689 bis 1763), sei es durch wechselseitige Aneignung von kolonialen Territorien oder die Einbeziehung der indigenen Bevölkerung z. B. als Hilfstruppen der Kolonialmächte.
Der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg gilt als Kolonialkrieg, obwohl die indigene Bevölkerung politisch nicht beteiligt war. Dies gilt auch weitestgehend für die südamerikanischen Unabhängigkeitskriege, die in der Regel von Kreolen und Mestizen geführt wurden.
Sowohl in Nord- wie Mittel- und Südamerika war die Binnenkolonisation nach der Unabhängigkeit keineswegs abgeschlossen. Sie bewirkte in den USA die Fortführung der Indianerkriege der Kolonialzeit, während es in Mittelamerika zu indigenen Aufständen wie dem Kastenkrieg in Mexiko oder dem Cañadaaufstand 1881 in Nicaragua 1883. Große Teile Argentiniens wurden erst Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit in der so genannten Wüstenkampagne erobert.
Das 19. Jahrhundert. Unabhängigkeitskriege in Lateinamerika, Opiumkriege in China und der Wettlauf um Afrika Das Ende der Napoleonischen Kriege führte zu einem neuen europäischen Kolonisationsschub in Übersee. Außerdem ermöglichte das Dampfschiff eine geradezu explosionsartige Ausdehnung des Welthandels.
Die Folge war eine europäisch-nordamerikanische Expansion in Asien, so der Briten in Birma, Frankreichs in Indochina, der USA in Japan und praktisch aller europäischen Großmächte einschließlich Russlands und Japans in China. Die amerikanische Westexpansion fand im 19. Jahrhundert eine Entsprechung in der russischen Süd- und Ostexpansion in den Kaukasus und nach Mittelasien. Im Wettlauf um Afrika war dieser Expansionsprozeß um 1900 weitgehend abgeschlossen. Bis auf Liberia und Äthiopien gab es in Afrika kaum noch Territorien, die nicht direkt oder indirekt europäisch dominiert wurden. Beispiele:
mini|Aleksey Danilovich Kivshenko: Imam Shamil surrendered to Count Baryatinsky on August 25, 1859, 1880
Grenzkriege (1779–1879) Kaukasuskrieg (1817–1864) Erster und Zweiter Opiumkrieg Anglo-Afghanische Kriege Erster Sikh-Krieg 1845/46 Zweiter Anglo-Birmanischer Krieg 1852/53 Spanisch-Marokkanischer Krieg 1859/60 Indischer Aufstand von 1857 Britische Äthiopienexpedition von 1868
mini|Ashanti-Gefecht am 11. Juli 1824
Aschanti-Kriege Zulukrieg (1879) Urabi-Bewegung 1879–1887 in Ägypten Zulukrieg Erster und Zweiter Burenkrieg Mahdi-Aufstand
mini|Johannes Hermanus Barend Koekkoek: Boxer
Boxeraufstand Italienisch-Äthiopischer Krieg (1895–1896) Militärkampagnen im Nordwesten Britisch-Indiens Krieg von Canudos in Brasilien Wüstenkampagne in Argentinien William Walker in Zentralamerika 1855–1857 Zweiter Matabelekrieg Tonkin-Kampagne Rifkrieg (1893) Dahomey-Aufstand Französisch-Siamesischer Krieg Chinesisch-Französischer Krieg Britisch-Sansibarischer Krieg 1898 Aceh-Krieg 1873–1904 Spanisch-Amerikanischer Krieg 1898 Feldzüge in Somaliland 1900 bis 1905 Britischer Tibetfeldzug 1903/04 Rifkrieg (1909)
Vereinzelte Versuche Spaniens, im Schatten des amerikanischen Sezessionskriegs allein oder mit französischer Hilfe zumindest teilweise die Herrschaft über frühere lateinamerikanische Kolonien wieder zu gewinnen, scheiterten Anfang in der Mitte 1860er Jahre im Spanisch-Südamerikanischen Krieg 1864–1866. Lediglich in der Dominikanischen Republik gelang 1861–1865 unter Mitwirkung einheimischer Eliten eine kurzfristige Wiedererrichtung der spanischen Herrschaft, die logistisch von der spanischen Kolonie Kuba unterstützt wurde.
Als Ergebnis des Spanisch-Amerikanischen Kriegs 1898 löste sich das Spanische Kolonialreich de facto bis auf kleinere Besitzungen in Afrika auf; die Philippinen und Kuba wurden von den USA abhängige Protektorate; Puerto Rico wurde einer direkten US-Verwaltung unterstellt. Das deutsche Kaiserreich erwarb durch den Vertrag von 1899 die ehemals spanischen Karolinen-, Marianen- und Palau-Inseln im Pazifik (ohne Guam).
Frankreich eroberte im Laufe des 19. Jahrhunderts große Teile Nord- und Westafrikas, ab 1858 okkupierte es Hinterindien. Die Ergebnisse der französischen Expansion wurden im Chinesisch-Französischen Krieg von 1884 bis 1885 gesichert.
Japan betrieb ab den 1910er Jahren in Korea eine eigene Kolonialpolitik (Korea unter japanischer Herrschaft).
1900 bis 1939. Bananenkriege und Luftkrieg In diesem Zeitraum wurden kaum noch Kolonialkriege geführt, da die militärische Eroberung Afrikas und asiatischer Gebiete weitgehend abgeschlossen war. Ausnahmen bildeten im Deutschen Kolonialreich der Aufstand der Herero und Nama, den die Deutschen mittels eines Völkermords niederschlugen, und der Maji-Maji-Aufstand.
mini|Blériot-Eindecker der italienischen Armee während der Schlacht von Tripolis (1911) Italien okkupierte nach dem Italienisch-Türkischen Krieg 1911/12 große Teile des heutigen Libyen und die Dodekanes; in diesem Konflikt wurden erstmals Luftstreitkräfte zur Aufklärung und dem Abwurf einfacher Bomben eingesetzt.
In den Bananenkriegen der USA, in denen das United States Marine Corps praktisch die Funktion einer „colonial constabulary“ übernahm, wurden ab 1915 massiv Luftstreitkräfte eingesetzt, so in der Schlacht von Ocotal in Nicaragua am 16. Juli 1927 gegen die Truppen des aufständischen Generals Augusto César Sandino.
Neben ständigen Aufständen gegen die britische Herrschaft an der so genannten Nordwestgrenze Indiens war die Epoche zwischen den Weltkriegen von sechs größeren Aufständen bzw. Kolonialkriegen gekennzeichnet:
Revolution in Ägypten 1919 Irakischer Aufstand 1920 (Britisches Empire) Rifkrieg 1921–1926 (Frankreich, Spanien) Zweiter Italienisch-Libyscher Krieg 1923–1932 Syrische Revolution 1925–1927 (Frankreich) Abessinienkrieg 1935–1936/41 (Italien)
Die Arabische Revolte von 1916 stand im Kontext des Ersten Weltkriegs.
Die rasante technische Entwicklung während des Ersten Weltkriegs hatte auch Auswirkungen auf die Sicherung alter und die Eroberung neuer Kolonialgebiete. Kampfpanzer und Kampfflugzeuge ermöglichten mit geringem Personalaufwand die Kontrolle über weite und bislang auch unwegsame Gebiete.
Die Luftkriegstheorien des italienischen Generals Giulio Douhet schlugen sich auch in dem britischen Konzept des Imperial Policing nieder, das von Charles William Gwynn entwickelt worden war und im Empire den Status einer offiziellen militärischen Doktrin erhielt.
1945 bis 1974. Dekolonisationskriege mini|19. Dezember 1945. Panzerwagen des Royal Air Force Regiments patrouillieren in Batavia nach einer Zeit der Kämpfe zwischen indonesischen Nationalisten und den Kolonialbehörden
Das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Niederlage Japans führten in Indochina, Niederländisch-Ostindien und Malaya direkt zu militärisch organisierten Erhebungen von Befreiungsbewegungen mit dem Ziel der Unabhängigkeit dieser Kolonialgebiete.
Die Niederlande versuchten in Ostindien vergeblich, die militärische Aufstandsbewegung als innenpolitische Angelegenheit durch den Begriff „Polizeiaktionen“ („Politionele acties“) zu verschleiern, was von den Vereinten Nationen nicht akzeptiert wurde. Dabei wurden die Aufständischen zwar logistisch oftmals von der UdSSR und ab 1949 von der Volksrepublik China unterstützt, politisch aber auch von den USA, die im Kalten Krieg bewusst die Dekolonisation forderten.
Die Dekolonisierungskriege führten innerhalb der Kolonialmächte teilweise zu scharfen innenpolitischen Auseinandersetzungen, insbesondere in Frankreich und Portugal. Sowohl Gegner wie Befürworter der Dekolonisation griffen dabei zu terroristischen Methoden wie die französische OAS oder die Entführer des portugiesischen Fahrgastschiffs Santa Maria 1961 unter dem Kommando von Hauptmann der Reserve Henrique Galvão.
Als Symbol für die militärische Niederlage der europäischen Kolonialmächte wurde zeitgenössisch die Schlacht um Điện Biên Phủ 1954 in Indochina angesehen, die schon kurz darauf populär als das „Stalingrad des weißen Mannes“ charakterisiert wurde. Beispiele:
Indochinakrieg Madegassischer Aufstand 1947 Algerienkrieg Indonesischer Unabhängigkeitskrieg Mau-Mau-Krieg Malayan Emergency Zypernkonflikt Suez-Krieg Ifni-Krieg 1957/58 in Spanisch-Westsahara Dhofar-Aufstand Konfrontasi Rhodesischer Bürgerkrieg 1964–1979 Falklandkrieg 1982
Den langwierigsten und zur Größe des Landes relativ aufwändigsten Dekolonisationskrieg führte von 1961 bis 1974 an drei afrikanischen Fronten Portugal. Der Portugiesische Kolonialkrieg wurde durch junge Offiziere meist im Rang des Offiziers in einem linksgerichteten Militärputsch beendet (Nelkenrevolution). Selbst der konservative General António de Spínola, der bis heute als einer der erfolgreichsten westlichen Counterinsurgency-Strategen gilt, hatte bereits Jahre vorher öffentlich eine Beendigung des Krieges gefordert.
mini|Charles Edwin Fripp: Zulu régiment in attack formation at Isandlwana mini|Frederic Remington: A Map in the Sand, Cincinnati Art Museum
Charakter der Kriegführung