mini|Mirzā Husain-ʿAli Nuri, genannt Bahāʾullāh, 1868

Bahāʾullāh (; auch Baháʾuʾlláh transkribiert) ist der religiöse Ehrentitel von Mirzā Husain-ʿAli Nuri (; geboren am 12. November 1817 in Teheran, Erhabener Staat Persien, heute Iran; gestorben am 29. Mai 1892 in Akkon, Osmanisches Reich, heute Israel), dem iranischen Religionsstifter des Bahaitums.

Mirzā Husain-ʿAli Nuri, meist Bahāʾullāh genannt, verkündete Mitte des 19. Jahrhunderts, ein Gottesgesandter zu sein. Durch seine Offenbarung gebe er einen Impuls für die Veredelung des menschlichen Charakters und für gesellschaftlichen Fortschritt.Moojan Momen: Bahá'u'lláh. A Short Biography. Oneworld Publications, New York 2014, ISBN 978-1-78074-668-5, S. 194–204.

Bahāʾullāh ist Autor tausender Verse, Briefe und Bücher. Seine Schriften beschreiben, dass die Menschheit an der Schwelle zu einer Epoche des weltweiten Friedens und der Einheit in Vielfalt stehe.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld Publications, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1, S. 323–324 Sie skizzieren einen Rahmen für die Entwicklung einer globalen Zivilisation, die sowohl die geistige als auch die materielle Dimension des menschlichen Lebens berücksichtigen solle.Robert H. Stockman: Oneness and Unity. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. London / New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 495–515. Einige seiner Lehren sind mystisch und befassen sich mit der Natur Gottes und dem Fortschritt der Seele, während andere die Bedürfnisse der Gesellschaft, die religiösen Verpflichtungen seiner Anhänger und die Grundlagen der Bahai-Verwaltungsordnung betreffen.

Bahāʾullāh wurde im Laufe seines Lebens mehrfach inhaftiert, verbannt und unter schwierigen Bedingungen festgehalten, insbesondere aufgrund seiner religiösen Aktivitäten im Kontext der politischen und religiösen Spannungen des damaligen Iran. Während dieser Zeit fanden seine Lehren unter Anhängerinnen und Anhängern zunehmende Verbreitung, zunächst in Iran und später in weiteren Teilen Asiens und darüber hinaus. Schätzungen zufolge gibt es heute weltweit zwischen 5 und 8 Millionen Bahāʾī, die in zahlreichen Ländern vertreten sind.

Leben Iran (1817–1853) mini|hochkant|„Mirzā Bozorg“, der Vater von Mirzā Husain-ʿAli

Jugend und Familie Mirzā Husain-ʿAli (später bekannt als Bahāʾullāh) wurde am 12. November 1817 in Teheran als Sohn von Mirzā Abbās Nuri (bekannt als Mirzā Bozorg), einem Minister am Hofe des Schahs und renommierten Kalligraphen, und dessen Frau Khadījih geboren.Moojan Momen: Bahá'u'lláh. In: Robert H. Stockman (Hrsg.). The World of the Bahá'í Faith. London / New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 107–130, hier: S. 107–109.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld Publications, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1. S. 73 Er wird in der Glaubenslehre der Bahai als Nachkomme Abrahams angesehen.Hatcher, William; Martin, Douglas (1984). The Baháʼí Faith: The Emerging Global Religion. San Francisco, CA: Harper and Row. ISBN 0-06-065441-4. S. 127–128 Über Details aus der Kindheit Bahāʾullāhs ist wenig dokumentiert. Er besuchte keine Schule, sondern wurde privat unter anderem in Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet. Es wird ihm zugeschrieben, bereits in sehr jungen Jahren durch Wissen und Weisheit aufgefallen zu sein und die Natur geliebt zu haben.Moojan Momen: Bahá'u'lláh. In: Robert H. Stockman (Hrsg.). The World of the Bahá'í Faith. London / New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 107–130. 107–109Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld Publications, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1. S. 73 Später berichtete Bahāʾullāh von einem prägenden Erlebnis aus seiner Kindheit – ein Puppenspiel über den königlichen Hof:Moojan Momen: Bahá'u'lláh. In: Robert H. Stockman (Hrsg.). The World of the Bahá'í Faith. London / New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 107–130. 107–108Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld Publications, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1, S. 73

mini|hochkant|Der persische Reisepass Bahāʾullāhs Eine Position am Hofe des Schahs, die Bahāʾullāh angeboten wurde, lehnte dieser ab.Moojan Momen: Baha'u'llah. A Short Biography. Oneworld Publications, New York 2014, ISBN 978-1-78074-668-5, S. 15Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld Publications, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1, S. 73Manfred Hutter: Handbuch Bahāʼī. Geschichte, Theologie, Gesellschaftsbezug. W. Kohlhammer, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-17-019421-2. S. 31 Stattdessen sorgte er sich um seine Ländereien und ging karitativen Tätigkeiten nach.Moojan Momen: Baha'u'llah. A Short Biography. Oneworld Publications, New York 2014, ISBN 978-1-78074-668-5. S. 16 Im Alter von 18 Jahren heiratete er seine erste Frau Āsīyih. Das Paar hatte sieben Kinder, von denen drei das Erwachsenenalter erreichten. Der älteste von ihnen, Abbas (bekannt als ʿAbdul-Bahāʾ), wurde 1844 geboren. Er sollte nach dem Tod seines Vaters als „Mittelpunkt des Bundes“ die Geschicke der Bahai-Religion innehalten. 1846 wurde seine Tochter Fatimih Sultān Khānum (bekannt als Bahīyyih Khānum oder das „Größte Heilige Blatt“) und 1850 sein Sohn Mirzā Mihdī geboren.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld Publications, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1, S. 73.Manfred Hutter: Handbuch Bahāʼī. Geschichte, Theologie, Gesellschaftsbezug. W. Kohlhammer, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-17-019421-2. S. 31.Moojan Momen: Bahá'u'lláh. In: Robert H. Stockman (Hrsg.). The World of the Bahá'í Faith. London / New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 107–130. 107–110. Über ihre Eltern berichtet Bahīyyih Khānum, dass sie „so wenig wie möglich an staatlichen Veranstaltungen, gesellschaftlichen Zeremonien und den luxuriösen Gewohnheiten der gewöhnlichen hochgestellten und wohlhabenden Familien“ teilnahmen und sich „lieber um die Armen und um alle“ kümmerten, „die unglücklich oder in Schwierigkeiten waren“.Sara Louisa Ryan Bloomfield: The chosen highway. George Ronald Publisher, Oxford 2007, ISBN 0-85398-509-X, S. 40.

Die Bābī-Bewegung In Iran verkündete ab 1844 ein junger Kaufmann, der unter dem Titel „der Bāb“ bekannt wurde, der Überbringer einer Botschaft Gottes zu sein. Er sprach vom Anbruch eines Zeitalters des weltweiten Friedens und der Gerechtigkeit, das durch das kurz bevorstehende Auftreten des „Verheißenen aller Religionen“ eingeleitet werde. Sein eigenes Wirken bereite den Weg für diesen Gottesboten.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A guide for the perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9. S. 71–87 Zu einer persönlichen Begegnung zwischen Bāb und Bahāʾullāh kam es zwar nicht. Doch Bahāʾullāh erklärte seinen Glauben an den Bāb, als er zum ersten Mal von seiner Botschaft erfuhr. Er begann unmittelbar, den Bābī-Glauben zu fördern und wurde zu einer der herausragenden Persönlichkeiten innerhalb der Gemeinde.Moojan Momen: Bahá'u'lláh. In: Robert H. Stockman (Hrsg.). The World of the Bahá'í Faith. London / New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 107–130. 110–114

Zu den zentralen Ereignissen für die Entwicklung der Bābī-Religion gehört die Versammlung einiger seiner bedeutendsten Anhänger im Juni und Juli 1848 im Dorf Badascht im Nordosten Irans. Bahāʾullāh war Gastgeber und spielte eine Schlüsselrolle dabei, den Charakter des Bābī-Glaubens als eigenständige Religion und dessen Unabhängigkeit von islamischen Traditionen zu etablieren. Die Annahme des Ehrentitels Bahāʾullāh geht auch auf diese Versammlung zurück.Omid Ghaemmaghami: The Life of the Báb. In: Robert H. Stockman (Hrsg.). The World of the Bahá'í Faith. London / New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 59–78. 73–74.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A guide for the perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9. S. 81–82.

Innerhalb weniger Jahre schlossen sich vor allem in Iran und im Irak bis zu 100.000 Personen der Bābī-Bewegung an,Peter Smith: The History of the Bábí and Bahá'í Faiths. In: Robert H. Stockman (Hrsg.). The World of the Bahá'í Faith. London / New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 1088–1114. 1104. die sich unter anderem der Stärkung der gesellschaftlichen Stellung von Frauen und der geistigen Ermächtigung benachteiligter Bevölkerungsgruppen widmete. Die religiöse und politische Führung in Iran ging gegen die Bābī mit brutaler Repression vor, im Zuge derer Tausende gefoltert und ermordet wurden. Der Bāb wurde am 9. Juli 1850 in Täbris von einem Soldatenregiment erschossen. Diese Entwicklungen ließen die Bābī überwiegend zerstreut und demoralisiert zurück.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A guide for the perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9, S. 77–87.

Die Bābī-Gemeinde wandte sich zunehmend Bahāʾullāh zu, der für ihre Entwicklung nun weitgehend Verantwortung trug. Sein jüngerer Halbbruder, Mirzā Yahyā (auch bekannt als Subh-i Azal), war vom Bāb eingesetzt worden, der Gemeinde bis zum kurz bevorstehenden Auftreten des Verheißenen nominell vorzustehen. Einer tatsächlichen Führungsrolle war er jedoch anscheinend nicht gewachsen.Nader Saiedi: The Writings and Teachings of the Báb. In: Robert H. Stockman (Hrsg.). The World of the Bahá'í Faith. London / New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 84–106, hier: S. 104. Später erkannte Yahya den Anspruch Bahāʾullāhs, dieser vom Bāb angekündigte Bote Gottes zu sein, nicht an, sondern wandte sich gegen seinen Bruder und dessen Anhänger.Moojan Momen: Bahá'u'lláh. In: Robert H. Stockman (Hrsg.). The World of the Bahá'í Faith. London / New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 107–130, hier: S. 112–120.mini|Teheran zum Zeitpunkt der Gefangennahme Bahāʾullāhs 1852

Einkerkerung und Berufungserlebnis (1852) mini|Der Korridor zum Eingang des Siyāh Tschāl

Im August 1852 versuchten drei junge Bābī, ein Attentat auf Nāser ad-Din Schāh auszuüben, was diesen veranlasste, ein allgemeines Massaker an den Bābī anzuordnen. Bahāʾullāh wurde fälschlicherweise der Mittäterschaft beschuldigt und ein Haftbefehl wurde ausgestellt. Bevor er daraufhin selbst das Hauptquartier der königlichen Armee in Niyāvarān erreichen konnte, wurde er verhaftet und zu einem unterirdischen Kerker in Teheran geführt, dem Siyāh Tschāl („Schwarzes Loch“). Dort wurde Bahāʾullāh gemeinsam mit anderen Bābī eingekerkert und in schwere Ketten gelegt.Moojan Momen: Bahá'u'lláh. A Short Biography. Oneworld Publications, New York 2014, ISBN 978-1-78074-668-5, S. 33 Später berichtete er, im Siyāh Tschāl den Beginn seiner göttlichen Offenbarung erfahren zu haben:

An anderer Stelle beschreibt er, dass ihm eine himmlische Jungfrau erschienen sei und ihm seine Mission verkündet habe. Die Bahai-Lehren sehen darin ein Symbol für den „Größten Geist“, vergleichbar mit dem brennenden Busch, dem Moses begegnete, der Taube, die auf Jesus herabkam, oder dem Engel Gabriel, der Muhammad erschien.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld Publications, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1. S. 230

Unter anderem da keine Beweise für die Anschuldigungen gegen Bahāʾullāh gefunden werden konnten, wurde er im Dezember 1852 nach vier Monaten aus dem Siyāh Tschāl mit der Bedingung entlassen, das Land zu verlassen.Moojan Momen: Bahá'u'lláh. In: Robert H. Stockman (Hrsg.). The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London / New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 107–130. 114

Bagdad und Kurdistan (1853–1863) mini|Bahāʾullāhs Verbannungsweg mini|Bagdad und Tigris im 19. Jahrhundert