Die gelbe Tapete ist eine autobiografisch geprägte Kurzgeschichte der US-amerikanischen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Charlotte Perkins Gilman, die erstmals im Januar 1892 im New England Magazine veröffentlicht wurde. Die Kurzgeschichte gilt als wichtiges Werk des frühen amerikanischen Feminismus;Lanser, Susan. Feminist Criticism,"The Yellow Wallpaper", and the Politics of Color in America. In: Feminist Studies 15.3, 1989. S. 415–441. sie handelt von einer jungen Frau, die durch die Behandlung ihrer Depression nicht geheilt wird, sondern in den Wahnsinn verfällt. Im Verlauf der Geschichte werden die zunehmend wirreren und von Wahnvorstellungen geprägten Beobachtungen, die die Protagonistin zum Muster der gelben Tapete in ihrem Krankenzimmer anstellt, zum Abbild ihres sich verschlechternden psychischen Zustandes.
Inhalt Eine junge Frau und Mutter berichtet in Tagebucheinträgen über die Behandlung ihrer „leicht hysterischen Tendenz“ nach der Geburt ihres ersten Kindes. Ihr Ehemann John, der ebenfalls ihr Arzt ist, hat ihr eine „Ruhekur“ verschrieben, eine Behandlung, bei der Anstrengungen physischer oder psychischer Art untersagt sind. Für die Dauer der Behandlung hat die Familie ein Sommerhaus gemietet, die Protagonistin bekommt von ihrem Ehemann einen Raum im obersten Stock zugewiesen. Die Protagonistin nimmt an, dass dieser Raum einmal ein Kinderzimmer war, da das Fenster vergittert ist, die Tapete an einigen Stellen von der Wand weghängt, das Bett am Boden festgenagelt und der Boden verkratzt ist. Von Anfang an findet die Protagonistin das Haus und vor allem ihr Zimmer „seltsam“, die gelbe Tapete „abstoßend“. Da die gelbe Tapete das Einzige ist, was der Frau abgesehen von ihren Tagebucheinträgen neue Reize liefert, befassen sich viele Tagebucheinträge mit der Tapete. Die Erwähnung der Tapete nimmt im Verlauf der Geschichte zu, zu Anfang teilt sie mit dem Leser auch Gedanken über ihre Familie oder ihren Wunsch zu schreiben, dies lässt aber im Verlauf der Geschichte nach und die Tapete übernimmt die Hauptrolle in den Tagebucheinträgen. Die Protagonistin befasst sich zu Anfang mit dem Muster, der Farbe und dem „gelben“ Geruch der Tapete, geht aber bald dazu über, zu beschreiben, wie das Muster der Tapete sich verändert, besonders wenn Mondlicht darauf fällt. Nach einiger Zeit ist die Protagonistin davon überzeugt, dass hinter dem Muster der Tapete eine Frau eingesperrt ist, die sich kriechend hinter dem Muster bewegt. Davon überzeugt, dass sie der Frau helfen muss aus der Tapete zu entkommen, fängt die Protagonistin an die Tapete von der Wand zu reißen. Um zu vermeiden, dass ihre Familie sie davon abhält, schließt sie sich dafür in ihrem Zimmer ein. Sie weigert sich sogar, ihren Mann hereinzulassen, als dieser heimkommt. Nachdem John den Schlüssel zum Zimmer besorgt und die Tür aufgeschlossen hat, sieht er seine Frau auf allen Vieren auf dem Boden an der Wand des Zimmers entlang durch die abgerissene Tapete kriechen. Sie teilt ihm mit, dass sie jetzt freigekommen sei und dass John sie auch nicht wieder hinter die Tapete zurückbringen könne. John fällt daraufhin in Ohnmacht und die Protagonistin kriecht weiter Runde um Runde an der Wand entlang, wobei sie über ihren ohnmächtigen Ehemann hinwegkriecht.
Autobiografischer Hintergrund mini| Charlotte Perkins Gilman um 1900 Die Kurzgeschichte zeigt starke Parallelen zum Leben der Autorin. Charlotte Perkins Gilman heiratete 1884 den Künstler Charles Walter Stetson (1858–1911) und wurde kurz nach der Hochzeit schwanger. Nach der Geburt ihrer Tochter Katherine litt Gilman an Depressionen, wobei im Rückblick nicht sicher geklärt ist, ob es sich um eine postpartale DepressionCharlotte Perkins Gilman’s “The Yellow Wall-paper” & the “New Woman”. Website der National Endowment for the Humanities. Abgerufen am 27. August 2019. oder eine andersgeartete psychische Krankheit handelte.Biografie von Charlotte Perkins Gilman. Website www.fembio.org. Abgerufen am 27. August 2019. Gilmans psychische Probleme besserten sich nicht und nach drei Jahren Krankheit entschloss sich Gilman zu einer ärztlichen Behandlung. Zu diesem Zweck suchte sie Dr. Silas Weir Mitchell auf, der ein renommierter Arzt für Nervenkrankheiten war.Bassuk, Ellen L. The Rest Cure: Repetition or Resolution of Victorian Women’s Conflicts? In: Poetics Today. Band 6, Nr. 1, 1985. S. 245. Dieser verschrieb Gilman seine „Ruhekur“, eine Behandlung, die viel Bettruhe beinhaltete und körperliche oder intellektuelle Stimulation untersagte. Da Gilman gut auf die Kur ansprach, wurde sie bald entlassen, erhielt aber die Anweisung, sich nicht mehr als zwei Stunden am Tag zu betätigen und . Gilman fügte sich diesen Anweisungen, gelangte dadurch aber laut eigener Aussage in ihrem Artikel , der im Oktober 1913 in ihrem Magazin The Forerunner veröffentlicht wurde, .Charlotte Perkins Gilman: Why I wrote the Yellow Wallpaper?. Website der US National Library of Medicine. (PDF; 331 kB) Abgerufen am 27. August 2019. Daraufhin ignorierte Gilman die ärztlichen Ratschläge und fing wieder an zu arbeiten, wodurch ihr Zustand sich deutlich verbesserte.
Gilman schrieb Die gelbe Tapete, um gegen die Unterdrückung der Frau durch Mediziner und die vorherrschende medizinische Meinung zu protestieren. Ihr Ziel war es, ihrem Arzt Dr. Mitchell nahezulegen, seine Behandlungsmethoden zu ändern, damit er nicht auch andere Frauen „fast bis in den Wahnsinn“ treiben würde. Frauen wurden als „schwach“ und weniger leistungsfähig als Männer dargestellt, ihre Beschwerden wurden oftmals nicht ernst genommen,Borst, Charlotte G. und Kathleen W. Jones. As Patients and Healers: The History of Women and Medicine. In: OAH Magazine of History 19.5, 2005. S. 24. sondern auf den „weiblichen Geist“ zurückgeführt. Dagegen protestierte Gilman, die der Auffassung war, dass es keinen Unterschied zwischen dem männlichen und weiblichen Geist gäbe.Jane Thrailkill: Doctoring "The Yellow Wallpaper". In: ELH. Band 69, Nr. 2, 2002. S. 528. Gilman war erfreut darüber, später von Bekannten ihres Arztes zu hören, dass dieser seine Behandlungsmethoden geändert habe, und schrieb: .
Rezeption Zunächst gestaltete es sich für Gilman schwierig, einen Verleger für die Kurzgeschichte zu finden. So erhielt Gilman als Reaktion des Verlegers Horace Elisha Scudder einen ablehnenden Brief, in dem er Gilman schrieb: . Nachdem das New England Magazine die Kurzgeschichte schließlich 1892 veröffentlicht hatte, waren die Reaktionen auf Die gelbe Tapete von gemischter Natur. Wie Gilman in ihrem Beitrag Warum ich die gelbe Tapete schrieb mitteilt, wurde ihr von einem Bostoner Arzt in der Zeitung The Transcript vorgeworfen, dass . Ein anderer Arzt schrieb Gilman, um ihr seinen Respekt auszusprechen, dass die Kurzgeschichte „die beste Beschreibung beginnenden Wahnsinns“ sei, die er je gelesen hätte. Die Kurzgeschichte wurde in William Dean Howells’ Sammelband „Great Modern American Stories“ (1920) aufgenommen, geriet dann aber für über 50 Jahre in Vergessenheit. Erst im Jahr 1973 wurde sie durch eine neue Auflage des Verlages The Feminist Press und die darauffolgenden kritischen, vor allem feministisch geprägten Diskussionen, wieder bekannt. Der Text erschien dann bereits 1978 in der feministischen Zeitung "COURAGE" in der Übersetzung von Adelheid und Christine Zöfel.vgl. Courage 3/78, S. 11–18, ISSN 0176-1102 (Courage - Online Edition)
In Deutschland wurde eine von Katie Mitchell adaptierte Version, die 2013 an der Schaubühne Berlin aufgeführt wurde, von Kritikern überwiegend positiv bewertet.Matthias Heine: Tapetenwechsel kann tödlich sein. In: Die Welt am 18. Februar 2013. Abgerufen am 27. August 2019.Andrea Gerk: Geschichte einer psychischen Krise. „Die gelbe Tapete“ an der Schaubühne Berlin. Deutschlandfunk Kultur, 15. Februar 2013. Abgerufen am 27. August 2019.
Analyse und Interpretation
Feministische Interpretation Vom feministischen Blickwinkel aus wird die Kurzgeschichte vor allem als ein Beispiel für die patriarchalisch geprägte Gesellschaft und die hauptsächlich auf die Behandlung von Männern ausgelegte medizinische Forschung im späten 19. Jahrhundert interpretiert. Die Protagonistin hat in der Originalfassung der Geschichte keinen Namen, ihr Ehemann John und seine Schwester Mary Namen mit Beispielcharakter und sind in der Geschichte als flache Stereotypen porträtiert. Die Situation der Protagonistin ist daher kein Einzelschicksal, sondern kann auch auf andere Frauen innerhalb der patriarchalischen Gesellschaft übertragen werden.Ford, Karen."The Yellow Wallpaper" and Women’s discourse. In: Tulsa Studies in Women's Literature 4.2, 1985. S. 309 Von besonderem Interesse für eine feministische Betrachtungsweise der Geschichte ist auch das Ende der Geschichte. Während einige Interpretationen am Ende die Protagonistin als befreit von den gesellschaftlichen und sozialen Zwängen sehen, verweisen andere Interpretationen wie zum Beispiel die von Paula A. Treichler in ihrem Artikel Escaping the Sentence: Diagnosis and Discourse in "The Yellow Wallpaper" darauf, dass die Protagonistin nur „zeitweise frei“ ist und nur . Treichler, Paula A. Escaping the Sentence: Diagnosis and Discourse in "The Yellow Wallpaper". In: Tulsa Studies in Women's Literature 3.1, 1984. S. 61–77 In der feministisch geprägten Sekundärliteratur finden sich darüber hinaus häufig Interpretationen zu folgenden Symbolen in der Kurzgeschichte:
Die gelbe Tapete Die gelbe Tapete wird zum einen als Symbol für den geistigen Zustand der Protagonistin gesehen, zum anderen aber auch als Symbol für sexuelle Unterdrückung und als Symbol für die Situation von Frauen in der patriarchalisch geprägten Gesellschaft im Amerika des 19. Jahrhunderts. Der Protagonistin ist es nicht erlaubt zu lesen oder zu schreiben, also fängt sie an, die Tapete zu „lesen“, und entziffert schlussendlich in dem Muster eine Frau hinter Gittern. Sie erkennt in der Frau sich selbst und stellt fest, dass sie in ihrer Ehe „gefangen“ ist.Hochman, Barbara. The Reading Habit and "The Yellow Wallpaper". Duke University Press, 2002. S. 89–110. Paula A. Treichler führt weiterhin in Escaping the Sentence: Diagnosis and Discourse in "The Yellow Wallpaper" an, dass die Tapete mit ihrem Muster zusätzlich ebenfalls für den männlichen Diskurs stehen könnte, der den weiblichen Diskurs dominiert und dabei Sprache nutzt, die "Frauen gegenüber unterdrückend ist". Treichler geht dann allerdings über den feministischen Standpunkt hinaus, indem sie die Tapete als weiblichen Diskurs und die Frau hinter der Tapete als „Repräsentation der Frauen“ sieht, „die erst dann möglich ist, wenn Frauen das Recht bekommen haben sich zu äußern“. Daher ergibt sich als neuer Kontrast in der Geschichte nicht mehr der männliche gegen den weiblichen Diskurs, sondern der zwischen „einer alten, traditionellen“ und „einer neuen, aufregenden“ weiblichen Art zu schreiben.
Das Kinderzimmer Das Zimmer, in dem die Protagonistin untergebracht ist und über das sie selbst feststellt, dass es „zuerst ein Kinderzimmer und dann ein Spielzimmer“ war, spiegelt den Status der Protagonistin in der Gesellschaft wider. Die Protagonistin ist in einem kindähnlichen Zustand gefangen, dies gilt für die legale Ebene genauso wie für den sozialen und ökonomischen Status. Als Ehefrau ist sie von ihrem Ehemann abhängig, der ihr in der Kurzgeschichte das Kinderzimmer zu- und ihre Bitte um ein anderes Zimmer abweist. Das Bett im Kinderzimmer, das am Fußboden festgenagelt ist, wird dabei mit der unterdrückten Sexualität der Protagonistin assoziiert.MacPike, Loralee. Environment as Psychopathological Symbolism in "The Yellow Wallpaper". In: American Literary Realism 8.3, 1975. S. 287.
Die vergitterten Fenster