mini|Muhammad Sameer Murtaza (2022) Muhammad Sameer Murtaza (* 25. Oktober 1981 in Oberwesel) ist ein pakistanisch-deutscher Islam- und Politikwissenschaftler, islamischer Philosoph und Buchautor. Seit 2010 ist er als erster Muslim bei der Stiftung Weltethos als Islamwissenschaftler tätig. Zudem ist er Gutachter bei der in Pakistan herausgegebenen islamischen Fachzeitschrift Hamdard Islamicus und Herausgeber der Schriftenreihe Islamische Philosophie. Seit 2023 ist er wissenschaftlicher Referent bei dem jüdisch-muslimischen Bildungswerk Maimonides.
Leben Muhammad Sameer Murtaza wuchs in Deutschland in einem nicht religiös praktizierenden, jedoch kulturell muslimisch geprägten Elternhaus auf. Im Jugendalter begann er, sich intensiv mit religiösen Fragen auseinanderzusetzen, nachdem er erstmals versucht hatte, den Koran zu lesen. Diese frühe Phase war geprägt von persönlicher Sinnsuche und der Auseinandersetzung mit verschiedenen religiösen Traditionen, insbesondere den abrahamitischen Religionen.
Ein buddhistischer Mönch riet ihm schließlich, jene Religion zu wählen, die ihn den Glauben körperlich erfahren lässt. Für seine Wahl des Islam spielte eine Koranlesung eine entscheidende Rolle, bei der Murtaza eine körperliche Reaktion erlebte, die für ihn eine tiefere Erfahrung des Glaubens darstellte.
Mangels deutschsprachiger religiöser Bildungsangebote schloss er sich zeitweise einer islamischen Frömmigkeitsbewegung an, die religiöse Praxis, Spiritualität und ethische Lebensführung betonte. In dieser Phase lebte er über mehrere Jahre asketisch und besitzarm und beschäftigte sich intensiv mit Achtsamkeit, Selbstdisziplin und spiritueller Praxis. Diese Erfahrungen prägen nach eigenen Angaben bis heute sein Verständnis von Religion.
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erlebte Murtaza eine verstärkte gesellschaftliche Zuschreibung als Muslim und setzte sich intensiv mit den politischen Dimensionen des Glaubens sowie mit Fragen der Integration und Ausgrenzung auseinander. Da die von ihm zuvor praktizierte Frömmigkeitsbewegung politische Fragen weitgehend ausblendete, begann Murtaza eine erneute intellektuelle und religiöse Suchbewegung durch die Beschäftigung mit Persönlichkeiten wie Malcolm X, Murad Wilfried Hofmann und später Hans Küng.
Murtaza begann im Wintersemester 2004/2005 sein Studium der Islamkunde, der islamischen Philologie und der Politikwissenschaft in Mainz. Nach seiner Magisterarbeit über die ägyptische Muslimbruderschaft 2011 promovierte Murtaza 2016 mit einem Vergleich zwischen Nietzsches Übermenschen und Iqbals mard-e-momin und entwickelt dabei einen Ansatz einer islamischen Existenzialphilosophie.Promotion in Orientalistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz 2016, Thema der Dissertation Islamische Existenzialphilosophie: Muhammad Iqbal nietzscheanisch gelesen, 2016.
Daneben engagierte er sich intensiv in der muslimischen Jugendarbeit. Er unterhielt in Mainz und Frankfurt Jugendkreise, in denen er religiöses Wissen vermittelte und Jugendlichen half, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.
Eine entscheidende Wendung in Murtazas intellektueller und spiritueller Entwicklung kam durch den Kontakt mit Murad Wilfried Hofmann, einem ehemaligen deutschen Botschafter, der zum Islam konvertiert war. Hofmann, ein bedeutender islamischer Denker und Philosoph, beeinflusste Murtaza tief und wies ihn in die islamische Philosophie ein. Murtazas Begegnung und Verbundenheit mit dem renommierten Theologen Hans Küng prägten seinen Dialogansatz.
Von 2006 bis 2008 war Murtaza als wissenschaftliche Hilfskraft im Kompetenzzentrum Orient-Okzident (KOOM) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz tätig. Im Sommer 2007 übernahm er die Leitung des Seminars "Politische Strömungen im Islam" am Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung dieser Universität. 2010 wurde er externer Mitarbeiter der Stiftung Weltethos. Seit 2012 ist er zudem Gutachter für die islamische Fachzeitschrift Hamdard Islamicus – Quarterly Journal of Studies and Research in Islam. Vom WS 2016/17 bis zum SS 2017 lehrte er am Institut für islamische Theologie in Osnabrück islamische Philosophie und Mystik. Danach lehrte er am Institut für Islamische Theologie in Ludwigsburg im Sommersemester 2019 zu Salafismus und im Sommersemester 2020 über islamische Ethik. Seit 2023 ist er wissenschaftlicher Referent bei dem jüdisch-muslimischen Bildungswerk Maimonides.
Von 2010 bis 2013 gehörte er der Steuerungsgruppe des "Zukunftsforums Islam" an, das von der Bundeszentrale für politische Bildung ausgerichtet wurde. Von 2011 bis 2014 leitete er beim Zentralrat der Muslime in Deutschland das Demokratieprojekt: Das Grundgesetz im (Migrations)-Vordergrund.Das Grundgesetz im (Migrations)-Vordergrund, auf islam.de Von 2008 bis 2013 war er zudem SPD-Mitglied und übte die Funktionen des stellvertretenden Juso-Kreisvorsitzenden im Kreis Bad Kreuznach und des stellvertretenden Kassierers im geschäftsführenden Vorstand des SPD-Stadtverbandes Bad Kreuznach aus. 2013 verließ er die SPD im Zuge der Thilo-Sarrazin-Kontroverse und der mangelnden Positionierung der Parteiführung gegen die neue rechte Mitte in Deutschland.Muhammad Sameer Murtaza: in: Docplayer, abgerufen am 3. Mai 2023 (Transkript).
Forschungsschwerpunkte
Salafismus und Reformation im Islam Es lassen sich in Murtazas Forschen mehrere Schwerpunkte ausmachen. Zum einen erforscht er die gegenwärtigen Strömungen im sunnitischen Islam, insbesondere die Salafiyya. Hierzu entwickelte er eine differenzierte Typologie, in der die historischen Bedingungen für das Entstehen des Phänomens Salafiyya berücksichtigt werden. Murtaza vergleicht verschiedene Salafiyya-Bewegungen miteinander hinsichtlich ihres Entstehungskontextes, ihrer Genese und ihrer inhaltlichen Positionen. Demnach lassen sich unter dem Begriff Salafiyya vier Richtungen ausmachen:
die literalistische Salafiyya (Bsp. Wahhabismus), die reformistische Salafiyya (Bsp. Dschamal ad-Din al-Afghani und Muhammad Abduh), die ideologische Salafiyya (Bsp. Muslimbrüder) und die literalistisch-ideologische Salafiyya (Bsp. Hizb ut-Tahrir).
Murtaza kommt zu dem Schluss, dass sich durch eine solche Betrachtung der Salafiyya durchaus Parallelen zur Entstehung des Protestantismus ausmachen lassen. Murtaza stellte in seinem 2016 erschienenen Buch Die gescheiterte Reformation: Salafistisches Denken und die Erneuerung des Islam eine ausführliche Übersicht dieser vier Salafiyya-Strömungen vor, mit Schwerpunkt auf den Wahhabismus, zog Parallelen zur christlichen Reformation und legte dar, weshalb eine Reformation strukturell im Islam nicht gelingen und historisch im Vergleich zum Christentum nicht wünschenswert sein kann. Zuvor hatte er sich in seinen Büchern Die ägyptische Muslimbruderschaft – Geschichte und Ideologie und Die Reformer im Islam: Jamal Al-Din Al-Afghani – Muhammad Abduh – Qasim Amin – Muhammad Raschid Rida ausführlich mit der Geschichte, dem Denken und Innenleben der ideologischen und reformistischen Salafiyya befasst.
Das Scheitern der Salafiyya-Bewegungen, so Murtaza, habe zur Entstehung eines neuen Phänomens geführt: einem islamischen Nihilismus, der die Ideologie von Terrororganisationen wie der Al-Qaida oder dem IS sei.
Murtaza ist ein Kritiker von Befürwortern eines Islamischen Staates, insbesondere der Hizb ut-Tahrir. Er bemängelt, dass Apologeten eines Islamischen Staates ignorieren, dass sämtliche Versuche seit dem 20. Jahrhundert, einen solchen zu gründen, in Diktaturen gemündet haben. Mit dieser Tatsache und dem damit verbundenen Leid setzen sich diese Aktivisten nicht auseinander.
Weiter kritisiert er, dass die Befürworter eines Islamischen Staates sich überhaupt nicht bewusst seien, dass der moderne Staatsbegriff ein gänzlich anderer sei als der vormoderne. Welches Modell wird also angestrebt?
Die Hinwendung zum totalitären und unterdrückerischen Regime wurzle bereits in der Ideologie der Befürworter eines Islamischen Staates, da diese Gesellschaft stets monolithisch denken. Dabei zeige die Alltagswirklichkeit, dass eine Gesellschaft plural ist, da sie sich aus verschiedenen Gruppen zusammensetzt, die unterschiedliche Interessen haben. Aufgabe der Politik sei es, einen Konsens zwischen diesen Lagern herbeizuführen, sodass man gemeinsam als Gesellschaft weiterschreiten kann. Da die Gesellschaft aber bei den Ideologen stets nur als „islamische Gesellschaft“ propagiert wird, grenze dies sofort Andersgläubige und Andersdenkende aus und mache sie zu reinen „Landbewohnern“, die geduldet werden.
Ebenso dekonstruiert er die Vorstellung, dass im Islamischen Staat der Souverän Gott sei.
Murtaza fragt weiter, was denn die oberste materielle Aufgabe des Islamischen Staates sei. Anhand der Texte der Ideologen schlussfolgert er, dass dies der Schutz der Religion sei, da sie den Staat trägt und legitimiert. Folglich könne ein solcher Staat mittels einer Schwert- und Schildfunktion alle Freiheitsrechte wie Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit unterbinden, was abermals belege, dass der Islamische Staat in eine Diktatur führe.
Gerade in dem Faktum, dass Vertreter eines Islamischen Staates aus den Glaubensquellen keine Blaupause für einen solchen ableiten können, ist nach Meinung Murtazas der stärkste Beleg dafür, dass er nicht Bestandteil des Islam ist, sondern ein modernes Phänomen im Denken von Muslimen.
Atheismus Wiederholt hat sich Murtaza mit dem Atheismus auseinandergesetzt. Zuletzt in seinem Werk Die Friedensmacher: Ethos und Ethik im Islam. In Murtazas Toleranzmodell stellt der Atheismus eine ebenso profunde Antwort auf die Fraglichkeit menschlicher Existenz dar wie der Gottesglaube. Weiter widerspricht Murtaza der weitläufigen Meinung religiöser Vertreter, Atheisten seien zugleich amoralische Menschen. Insofern sieht er die Religionsgemeinschaften für einen Dialog und eine Auseinandersetzung mit dem Atheismus schlecht aufgestellt, aber auch Atheisten würden sich ständig um dieselben Vorwürfe gegen die Religionen drehen und unfähig sein, diese zu überwinden und einen konstruktiven Dialog zu führen. Murtaza weist weiter darauf hin, dass auch der Atheismus eine Gewaltgeschichte besitzt, indem er auf die politischen Ideologien Kommunismus und Faschismus verweist. In einer Dekonstruktion atheistischer Argumente, die gegen den Gottesglauben sprechen, zeigt Murtaza auf, dass der Atheismus letztendlich auch nur eine Annahme und Glaubensvorstellung ist, die aber ebenso wenig beweisbar sei wie der Glaube an Gott. Wichtiger als Dialog wäre daher ein Wettstreit, welche von beiden Weltanschauungen in der Lage sei, einen Beitrag zu einer menschenwürdigen und menschenfreundlichen Welt zu entrichten. Dennoch sieht Murtaza gerade den Islam von allen Religionen am besten in der Lage, einen Dialog mit Atheisten zu führen, da es einige interessante Parallelen zwischen Atheismus und Islam gäbe.
Islamische Philosophie