Der HCB-Skandal im Görtschitztal bezeichnet die Freisetzung und Anreicherung von Hexachlorbenzol (HCB) im Görtschitztal in Kärnten, die 2014 bekannt wurde.
Vorgeschichte In der Gemeinde Brückl im unteren Görtschitztal befindet sich seit 1926 die Altlast „Kalkdeponie Brückl I/II“, eine ehemalige Betriebsdeponie der Donau Chemie, in der ca. 230.000 m³ durch Chlorkohlenwasserstoffe (CKW), Hexachlorbenzol und Hexachlorbutadien belastetes Material gelagert wurde. Als Nebenprodukt der Acetylen-Herstellung entstandener Blaukalk wurde zwischen 1952 und 1981 gemeinsam mit CKW-haltigen Schlämmen in beiden Teilen der Deponie als Halde gelagert. Ab 1995 wurden CKW durch Bodenluftabsaugung aus der Deponie entfernt. Im Grundwasserkörper wurden hohe Werte an CKW nachgewiesen. Das Schadstoffpotenzial wurde daher 2003 vom Umweltbundesamt als „äußerst hoch“ eingestuft, die Priorität der Altlast wurde mit 1 (= höchste Dringlichkeit einer Sanierung) klassifiziert.Altlast K 20 Kalkdeponie I/II. In: Umweltbundesamt – Altlastenatlas – Kärnten, abgerufen am 16. Jänner 2015. In: gwu.at. 13. November 2013, abgerufen am 16. Jänner 2015.
Chronologie Im Rahmen der ab 2011 durchgeführten Sanierungsarbeiten erhielt das Zementwerk w&p Zement der Wietersdorfer-Gruppew&p im RegiowikiAT, abgerufen am 16. Jänner 2015. nach einer öffentlichen Ausschreibung den Auftrag einer thermischen Entsorgung des Materials, die nach Angaben der Donau Chemie bei hohen Temperaturen über 800 °C möglich ist.Pressemitteilung: Spatenstich für die Räumung der Deponie Brückl. Donau Chemie AG. 15. November 2011, abgerufen am 16. Jänner 2015.Donau Chemie saniert Großdeponie. In: derstandard.at. 15. November 2011, abgerufen am 16. Jänner 2015.. In: wirtschaftsblatt.at. 30. November 2014, abgerufen am 16. Jänner 2015. Nach Angaben von Greenpeace wurde der HCB-Gehalt der Emissionen des Werks nicht gemessen.Görtschitztal: Tests waren mangelhaft. In: oe1.orf.at. 28. November 2014, abgerufen am 16. Jänner 2015.
Im März 2014 stellte die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit in Lebensmitteln aus dem Görtschitztal Überschreitungen der HCB-Grenzwerte fest.HCB: Grenzwertüberschreitung seit März bekannt. In: kaernten.orf.at. 11. Dezember 2014, abgerufen am 16. Jänner 2015.
Obwohl seit Monaten amtsintern im Land Kärnten bekannt, gab erst am 26. November 2014 Landesrat Christian Benger in einer Pressekonferenz bekannt, dass in vier landwirtschaftlichen Betrieben der Milchproduktion der Region Belastungen von Milch und Futtermitteln (Gras und Heu) mit HCB ermittelt wurden, 35 Betriebe würden kontrolliert. Davon erhielt Landeshauptmann Peter Kaiser erst aus der Presse Kenntnis.Kärnten: Krebserregendes Gift in Milch gefunden. In: krone.at. 26. November 2014, abgerufen am 26. November 2018. Erst Anfang Dezember warnte Landesrat Rolf Holub von der Kärntner Landesregierung vor dem Verzehr von Lebensmitteln aus dem Görtschitztal.Belastungen weiten sich aus. In: kleinezeitung.at. 6. Dezember 2014, abgerufen am 26. November 2018. Gleichzeitig musste die Sonnenalm-Molkerei in Klein St. Paul wegen der Verunreinigungen in Rohmilch den Betrieb zunächst einstellen.Kärntner Sonnenalm-Molkerei stellt Produktion vorläufig ein. In: vol.at. 6. Dezember 2014, abgerufen am 16. Jänner 2015.
Am 16. Dezember 2014 wurde der Firma Wietersdorfer die Genehmigung der Landesregierung für die Verwertung von Blaukalk entzogen.Kärnten: Gift in Milch wohl aus Zementwerk. In: diepresse.com. 27. November 2014, abgerufen am 16. Jänner 2015.HCB: Genehmigung für Blaukalk entzogen. In: kaernten.orf.at. 16. Dezember 2014, abgerufen am 16. Jänner 2015. Die Firma kündigte an, Einspruch zu erheben, um eine rechtliche Klärung sicherzustellen.Kärntner HCB-Skandal: Zementwerk wehrt sich gegen Landesbescheid. In: derstandard.at. 17. Dezember 2014, abgerufen am 16. Jänner 2015. Am 22. Dezember kündigte Wietersdorfer den Vertrag mit Donau Chemie zur Verbrennung.w&p kündigt Vertrag mit Donau Chemie. In: kaernten.orf.at. 22. Dezember 2014, abgerufen am 16. Jänner 2015. Die Donau Chemie erklärte, die Kündigung nicht zu akzeptieren.HCB-Skandal: Donau Chemie akzeptiert Vertragskündigung nicht. In: derstandard.at. 23. Dezember 2014, abgerufen am 16. Jänner 2015. Die Zementherstellung wurde ohne Einsatz von Blaukalk am 13. Februar 2015 wieder aufgenommen.
Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt nahmen Ermittlungen auf.HCB-Skandal: 261 Bauernhöfe im Görtschitztal werden untersucht. In: sn.at. 7. Dezember 2014, abgerufen am 26. November 2018. Die Landesregierung gab am 18. Dezember 2014 die Einsetzung einer Untersuchungskommission unter Leitung von Bernd-Christian Funk bekannt.Presseaussendung: HCB Görtschitztal: Bernd-Christian Funk wird unabhängige Untersuchungskommission leiten. In: ots.at. 18. Dezember 2014, abgerufen am 16. Jänner 2015. Der Kärntner Landtag setzte einen Untersuchungsausschuss ein. Die ersten öffentlichen Sitzungen fanden ab 28. Jänner 2015 statt.HCB-U-Ausschuss: Erste öffentliche Sitzung. In: kaernten.orf.at. 28. Jänner 2015, abgerufen am 26. November 2018.HCB-U-Ausschuss: Experten am Wort. In: kaernten.orf.at. 4. Februar 2015, abgerufen am 25. März 2015.
Im Jänner 2015 wurde mit dem Abtransport von 20.000 Tonnen FuttermittelnHeereseinsatz abgesagt, U-Ausschuss verzögert sich. In: krone.at. 9. Jänner 2015, abgerufen am 16. Jänner 2015.HCB-Futter wird abtransportiert. In: kaernten.orf.at. 8. Jänner 2015, abgerufen am 16. Jänner 2015. sowie mit freiwilligen Tests der Bevölkerung auf HCB in Blut oder Muttermilch begonnen.HCB: Blut- und Muttermilchtests haben begonnen. In: diepresse.com. 12. Jänner 2015, abgerufen am 16. Jänner 2015. Am 12. März wurde bekanntgegeben, dass 21 der 131 durchgeführten Blutproben über dem Referenzwert (Belastung von 95 % der österreichischen Bevölkerung) lagen.21 von 131 Blutproben aus dem Görtschitztal liegen über Referenzwert. In: kleinezeitung.at. 12. März 2015, abgerufen am 26. November 2018.
Ein Teil der bis Ende des Jahres 2014 analysierten Lebensmittelproben war mit HCB belastet.Kärnten: Ein Viertel der Lebensmittelproben mit HCB belastet. In: derstandard.at. 30. Dezember 2014, abgerufen am 26. November 2018. Mitte Jänner 2015 war die Warnung vor bestimmten Lebensmittel wie Milch, Fleisch und Öl aufrecht.HCB: 40 Prozent der Fleischproben aus Görtschitztal belastet. In: derstandard.at. 14. Jänner 2015, abgerufen am 26. November 2018.
Wasseranalysen der Gurk zeigten laut Greenpeace im März 2015 deutliche Grenzwertüberschreitungen.HCB: Greenpeace warnt vor Wasser der Gurk. In: kaernten.orf.at. 11. März 2015, abgerufen am 26. November 2018.
Bis Ende März 2015 wurden 289 Rinder vernichtet, 800 Tonnen Milch entsorgt und verbrannt und kontaminierte Futtermittel von 332 Betrieben aus sechs Gemeinden abtransportiert. Ein Hilfsfonds der Landesregierung wurde auf sieben Mio. Euro aufgestockt.HCB-Fonds nun sieben Mio. Euro schwer. In. kaernten.orf.at. 24. März 2015, abgerufen am 26. November 2018.HCB-Skandal sprengt Landesbudget. In: kurier.at. 24. März 2015, abgerufen am 12. April 2015. Belastete Heuballen, die bis dahin in Wietersdorf gelagert waren, wurden ab Jänner 2018 ins Ausland abtransportiert. Ein Teil davon soll in Deutschland rückstandslos verbrannt werden.
Die Funk-Kommission beendete Ende April ihre Untersuchungen.Bericht der Funk-Kommission zu Umweltdebakel ist fertig. In: kleinezeitung.at. 23. April 2015, abgerufen am 26. November 2018. Eine Zusammenfassung des Berichtes wurde am 18. Mai 2015 der Öffentlichkeit präsentiert und zeigte grobe Mängel sowohl in der Arbeit der Behörden als auch des ZementwerksHCB: Scharfe Kritik der Experten an Land und Werk. In: derstandard.at. 18. Mai 2015, abgerufen am 19. Mai 2015. und Kommunikations- und Informationsdefizite aller Beteiligten auf.„HCB-Problem wurde völlig unterschätzt“. In: kleinezeitung.at. 19. Mai 2015, abgerufen am 19. Mai 2015. Der Prüfbericht wurde zunächst der Staatsanwaltschaft und dem U-Ausschuss übermittelt und ist mittlerweile auch veröffentlicht. In: ktn.gv.at. Abgerufen am 6. August 2015. In: ktn.gv.at. Abgerufen am 19. Mai 2015 (PDF; 75 kB).
Am 21. April 2016 wurde der Endbericht veröffentlicht, nach dem Futter und Milch nicht mehr belastet sind.
Die Deponie in Brückl wurde nach dem Scheitern von Sanierungsvorhaben versiegelt. Die Einhausung des Deponiekörpers wurde im September 2018 abgeschlossen. In diesem Rahmen wurde angekündigt, künftig alle fünf Jahre jeweils ein neues Sanierungskonzept nach Stand der Technik zu erstellen.
Von 2014 bis Juni 2018 wurden sieben Serien von Blutuntersuchungen bei der betroffenen Bevölkerung durchgeführt, weitere Nachuntersuchungen in Dreijahresintervallen sind geplant.
Die Verantwortlichen der Firma Wietersdorfer erhielten 2021 eine Diversion.
Im Juli 2022 wurde von der Kronen Zeitung veröffentlicht, dass sich die Gehalte von Hexachlorbuta-1,3-dien in Fischen unterhalb der Deponie Brückl von 2021 auf 2022 verzehnfacht hätten. Die zuständige Landesrätin Sara Schaar gab an, dass die Sanierungen der Deponien und kontaminierten Flächen im Plan lägen, Fische aus der Gurk jedoch weiterhin nicht verzehrt werden dürfen.
Einzelnachweise
Weblinks ORF.at: Umweltskandal HCB: Eine Chronologie Amt der Kärntner Landesregierung: Hexachlorbenzol-Belastung in der Region Görtschitztal Monatsmagazin DATUM: Gras, das nicht über die Sache wächst, Juli/August 2018
Kategorie:Umweltkatastrophe Kategorie:Umwelt- und Naturschutz (Österreich) Kategorie:Industriegeschichte (Österreich) Kategorie:Geschichte Kärntens