Die Thailändische Kunst (Thai: ), also die Kunst Thailands, hat vielerlei charakteristische Eigenschaften, die sie leicht unterscheidbar machen von der Kunst der südostasiatischen Nachbarländer. Sie hat lange im Schatten der Meisterwerke Chinas, Indiens und später auch Kambodschas gestanden, und war selbst im 20. Jahrhundert in den großen Museen des Westens nur spärlich vertreten. Man war dort der Meinung, die thailändische Kunst sei eher von historischem als von künstlerischem Interesse. Erst den Bemühungen von Prinz Damrong und George Coedès, sowie von Kunsthistorikern wie A.B. Griswold und Jean Boisselier war es zu verdanken, dass sie ins rechte Licht gerückt wurde.Achille Clarac: Thailand, Kunst- und Reiseführer mit Landeskunde. Verlag W.Kohlhammer, Stuttgart 1979, ISBN 3-17-004689-6
Geschichte Anders als in westlichen Ländern war es früher nicht das Bestreben thailändischer Künstler, ein individuelles Kunstwerk zu erschaffen, sondern eher eine möglichst originalgetreue Kopie einer seit Generationen überlieferten Vorlage. Ursprünglich waren die Handwerker und Architekten ein dem Militär unterstellter Beruf, ihre Arbeit – die Herstellung von Waffen oder Festungen – etwa vergleichbar mit der der heutigen Ingenieure. Während der Regierungszeit von König Boromatrailokanat wurde das „Gesetz der Militärhierarchie“ erlassen.H.G. Quaritch Wales: Ancient Siamese Government and Administration. London 1934, Reprint by Paragon Book, New York 1965 (oh. ISBN) Hierin wurden die Künstler und Kunsthandwerker im „Ressort der Zehn Künste“ (Thai: - Krom Chang Sip MuKrom, – Ministerium, Department; Chang, – Handwerker, Mechaniker, Experte, Künstler; Sip, – zehn; Herkunft: Sippa (Pali, in thailändischer Schrift: ) Kunst, im Laufe der Zeit verkürzt zu Sip – zehn; Mu, – Klassifikator: Abteilung, Gruppe.) zusammengefasst. Wahrscheinlich gab es ursprünglich allerdings nicht zehn, sondern dreizehn Abteilungen: Maler, Papiermacher, Graveure, Puppenmacher, Modellierer, Stuckateure, Lackierer, Metallschläger, Dreher, Gussformer, Schnitzer, Bildhauer und Zimmerleute.The National Identity Office, Office of the Prime Minister (Hrsg.): Thailand in the 90s. Amarin Printing and Publishing, Bangkok 1995, Kapitel „From Classical to Popular Arts“, Online-Version bei Spätestens im siebzehnten oder achtzehnten Jahrhundert wurden die Künste jedoch der zivilen Seite der Verwaltung zugeordnet.
Heute ist der „Fachbereich der Zehn Künste“ dem Fine Arts Department untergeordnet. Es gibt, wie sein Titel andeutet, zehn Abteilungen: Maler und Zeichner () – Gemälde und Zeichnungen an Wänden, Manuskript-Illustrationen Graveure – Herstellen von Flach- und Hochreliefs aus Materialien wie Sandstein, Teakholz, Papier (Scherenschnitt) und Bananenstauden; Drechsler – Herstellen von Gegenständen auf der Drehbank (Drechseln), auch: Glasmosaik Former – Obst- und Gemüseschnitzereien, Lederfiguren des Schattentheaters Modellierer – Gussformer, auch Gold- und Silberschmiede Stuckateure – Verzieren von Innenräumen, Bauwerken und Giebeldreiecken, Lackierer – Schwarzgoldlack-Malerei, Perlmutt-Intarsien Masken- und Puppenmacher – Modelle aus Bienenwachs, Khon-Masken, Stabpuppen und Marionetten Metallhämmerer – Ziselieren und Veredelung von Metallgegenständen Metallgießer – Bronzegießerei von Buddha-Statuen
Bestimmte Künstler, wie Dichter, Maler, Tänzer, Architekten, Musiker und begabte (Kunst-)Handwerker standen bereits in der Ayutthaya-Periode unter dem Patronat des Königs und des Adels. Prinzessin Maha Chakri Sirindhorn setzt diese Tradition fort, indem sie auf dem Gelände des Großen Palastes in Bangkok das Ho-Uthet-Thaksina-Gebäude () zur Verfügung stellte, um dort im so genannten „Royal Craftsmen College“ (, auch „Universität im Palast“, genannt) die Bewahrung und Weitergabe der „Zehn Traditionellen Künste“ zu fördern. (auf Englisch)
Einflüsse Viele Inspirationen und Charakteristika der thailändischen Kunst wurden aus anderen asiatischen Ländern übernommen, insbesondere aus Indien und China, aber auch von den Mon, den Khmer oder von den Singhalesen. Traditionell ist die thailändische Kunst eine buddhistische Kunst, während des größten Teils der thailändischen Kunstgeschichte waren religiöse Motive vorherrschend.
Kunstschulen Aus historischen und geographischen Gründen haben sich in Thailand mehrere recht unterschiedliche Kunstschulen entwickelt. Eine historische Einordnung der einzelnen Schulen wird dadurch erschwert, dass sie sich teilweise zeitlich parallel zueinander entwickelt haben. Man unterscheidet heute diese Kunststile:Jean Boisselier et al.: Handbuch der Formen- und Stilkunde: Asien. Fourier Verlag GmbH, Wiesbaden 1988, ISBN 3-925037-21-7 Dvaravati (etwa 8.–13. Jahrhundert) Srivijaya (etwa 8.–13. Jahrhundert) Lopburi (etwa 7.–14. Jahrhundert) Sukhothai (etwa 13.–15. Jahrhundert) Lan Na (etwa 13.–20. Jahrhundert) Ayutthaya (etwa 14.–18. Jahrhundert) Rattanakosin (Ende des 18.–20. Jahrhundert)
Die traditionellen Künste Malerei mini|hochkant|Wandmalerei im Wat Suthat Die klassische thailändische Malerei beschränkte sich auf die Ausschmückung von Tempeln und Palästen und auf Manuskript-Illustrationen. Mit Malereien wurden die Wände von Tempeln und Palästen verziert, um die Schönheit der von ihnen umgebenen Objekte zu betonen. Im Unterschied zur westlichen Malerei kennt die traditionelle thailändische Malerei keine Perspektive. Alle Figuren wurden zweidimensional dargestellt und ihre Größe in der Darstellung hing von ihrer Bedeutung für das dargestellte Geschehen dar. Motive waren vor allem religiöser Art wie Szenen aus dem Leben Buddhas. Gemalt wurde mit Temperafarben, wobei anfänglich Pigmente in fünf Farben zur Verfügung standen. Die Wandmalereien in den Tempeln Wat Suthat (Bangkok) oder Wat Suwannaram (Thonburi) sind besonders bedeutend.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann man, Farbpigmente aus China zu importieren, später wurden chemische Pigmente verwendet. Die Malereien wurden nun farbenfroher. Gleichzeitig hielten westliche Konzepte wie Schatten und Perspektive in die thailändische Malerei Einzug.
Bedeutende Maler der traditionellen Technik sind Fua Hariphitak (), Chalerm Nakiraks () oder Sanit Ditthaphan (), die auch als Nationalkünstler () ausgezeichnet wurden. Zeitgenössische Maler Thailands sind etwa Chakrabhand Posayakrit () oder Thawan Duchanee ().The National Identity Office, Office of the Prime Minister (Hrsg.): Thailand in the 90s. Amarin Printing and Publishing, Bangkok 1995 (ohne ISBN), Kapitel „Painting“, Online-Version bei
Skulpturen mini|hochkant|Buddha-Statue im Wat Si Chum, Sukhothai In der Vergangenheit hatten sich thailändische Bildhauer fast ausnahmslos auf die Herstellung von Buddha-Statuen beschränkt. Diese hatten zum Teil riesige Ausmaße, wie zum Beispiel der sitzende Buddha des Wat Si Chum im Geschichtspark Sukhothai, der von Knie zu Knie 11 m misst; andere waren aber auch daumengroß, um sie als Amulett um den Hals tragen zu können. Etwa im Jahr 1933 gab der italienischstämmige Professor Silpa Bhirasri der thailändischen Bildhauerei einen neuen Aufschwung, als er die Schule der Schönen Künste gründete, die später Teil des Fine Arts Department wurde. Silpa Bhirasri schuf großartige Skulpturen mehrerer thailändischer Könige sowie eine etwa 16 m hohe stehende Buddha-Statue im Phutthamonthon-Park. Zahlreiche moderne Künstler finden in den Parks in Bangkok eine permanente Ausstellungsfläche, wie zum Beispiel Nonthivathn Chandhanaphalin ().
Literatur
Die frühe thailändische Literatur wurde sehr von der indischen Kultur geprägt. Sie war vor allem religiöser oder mythologischer Natur und wurde bis in zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Versform geschrieben. Bis dahin waren die Angehörigen der Aristokratie die einzigen, die sich mit Literatur beschäftigten. So gehört Chaofa Thammathibet, Sohn von König Borommakot, zu den bedeutendsten Dichtern in der Geschichte Thailands; seine Ruderlieder und Nirats gehören bis heute zur Standardlektüre in thailändischen Schulen.
Das bedeutendste Werk der traditionellen thailändischen Literatur ist das Epos Ramakian. Dieses Epos basiert auf dem indischen Nationalepos Ramayana und wurde am Ende des 18. Jahrhunderts durch König Phra Phutthayotfa Chulalok (Rama I.) erweitert. Es ist die wichtigste historische Quelle über die Sitten am Hofe des vormodernen Thailand. König Phra Phuttaloetla (Rama II.) schuf zwei klassische Dramen auf Basis von Ramakian-Episoden sowie des Inao, einer volkstümlich überlieferten Geschichte. Die Werke von Sunthon Phu hingegen bedienen sich einer Sprache, die jener des einfachen Volkes ähnelt.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Versform überwiegend verworfen und durch Prosa ersetzt. Viele bedeutende Schriftsteller und Autoren brachten in den 1950er Jahren zahlreiche bekannte Bücher heraus. Zu den bekanntesten Vertretern der modernen thailändischen Literatur zählen Phya Anuman Rajadhon, Dokmaisod, Malai Choopinit, Mai Muang Doem, Chot Praephan, Kulap Saipradit (auch bekannt unter seinem Pseudonym Siburapha), der Premierminister Kukrit Pramoj, Krisna Asokesin, Seni Saowaphong, Suwanee Sukhontha, Suwat Woradilok, Kampoon Boonthavi, Angkarn Kalayanapong und Pira Sudham.Assumption University . Besucht am 25. November 2009.Wenk, K.: Die Literatur, in: Hohnholz, Jürgen (Hrsg.): Thailand – Geographie – Geschichte – Kultur – Religion – Staat – Gesellschaft – Politik – Wirtschaft, Tübingen 1980, S. 160–187
Theater
Das traditionelle thailändische Theater unterscheidet sich grundlegend von westlichen Theater. Es besteht aus der Rezitation eines Textes durch einen Erzähler, meist von Musik untermalt, während auf der Bühne Pantomimen auftreten oder getanzt wird. Die Schauspieler führen zuweilen einen Sprechgesang auf. Der Stoff für die Stücke entstammt meist den thailändischen Epos Ramakian oder anderen märchenhaften oder fantastischen Legenden.
Von der traditionellen Theaterform Lakhon gibt es zwei Strömungen: Lakhon Nok ist das alte thailändische Volkstheater, während Lakhon Nai nur im königlichen Palast aufgeführt wurde. Die Schauspieler, die meist prachtvolle Kostüme und Masken tragen, stellen ihre Figur mit einer komplizierten Mimik und Tanzfiguren dar, die lange trainiert werden müssen. Eigentümlich ist, dass das Ideal von Weichheit und Geschmeidigkeit des Tanzes durch Überdehnung der Gliedmaßen entgegen den Gelenken erreicht wird. Typisch ist auch das Auftreten eines Spaßmachers, der meist derbe Scherze zur Belustigung des Publikums von sich gibt.
Das traditionelle thailändische Maskenspiel Khon ist bedeutend älter als Lakhon und wurde wahrscheinlich von den Khmer oder anderen indisierten Völkern übernommen. Auch hier wird Ramakian dargestellt und wurde in der Ayutthaya-Zeit ausschließlich von Männern aufgeführt.
Das höfische Schattentheater Nang yai wurde Mitte des 15. Jahrhunderts in die thailändische Kultur eingeführt. Hierbei werden große Platten aus getrockneter Tierhaut, die mehrere Figuren oder Szenen darstellen, von Akteuren vor einer durchscheinenden Leinwand, die von hinten beleuchtet wird, emporgehalten. Auch hier wird ein Text rezitiert und durch ein Orchester untermalt. Nang yai durfte früher nur am Königshof aufgeführt werden und ist heute äußerst selten. In Südthailand wird eine andere Form des Schattentheaters, die Nang talung genannt wird, als Volksunterhaltung gepflegt. Der Name ist aus nang, „Haut“, und talung, verkürzt aus der Herkunftsprovinz Phattalung, zusammengesetzt. Die Figuren sind wesentlich kleiner und werden – wie allgemein üblich – mit Haltestäben hinter der Leinwand geführt.