Als Riesenvirus (, GV, oder kurz ) werden sehr große Viren bezeichnet. Zwar variieren die genauen Kriterien in der wissenschaftlichen Literatur, im Allgemeinen werden als Riesenviren aber Viren mit einem großen Kapsid von mindestens 200 bis 400 nm bezeichnet, typischerweise umgeben von einer dicken Schicht Proteinfasern (Stärke ca. 100 nm). Damit sind viele Riesenviren größer als durchschnittliche Bakterien. (via Web-Archiv vom 19. März 2014)
mini|Elektronenmikroskopische Aufnahme eines Virusteilchens von Mimivirus (en. ) mit deutlich sichtbarer filamentöser Hülle und „Haaren“ mini| Größenvergleich einiger Riesenviren mit HIV und einem Bakterium (E. Coli) mini|Fundorte von Riesenviren am Beispiel Brasiliens: Mimivirus, Tupanvirus, Marseillevirus, „Pandoravirus“, Alphacedratvirus, „Faustovirus“, Yaravirus, Virophagen.
Als Untergrenze für die Genomgröße werden meist 300 kbp (Kilobasenpaare; alle bekannten Riesenviren haben ein Doppelstrang-DNA-Genom) festgesetzt. Yutin und Koonin (2019) setzten allerdings eine etwas höhere Grenze von 500 kbp an,Eugene V. Koonin, Natalya Yutin: Evolution of the Large Nucleocytoplasmatic DNA Viruses of Eukaryotes and Convergent Origins of Viral Gigantism. In: Advances in Virus research. Band 103, AP 21. Januar 2019, doi:10.1016/bs.aivir.2018.09.002, S. 167–202. Die Klosneuviren sind teilweise als Klosneviren fehlgeschrieben. (sciencedirect.com) ebenso Brandes und Linial (2019).Nadav Brandes, Michal Linial: Giant Viruses – Big Surprises. In: Viruses. Band 11, Nr. 5, 30. April 2019, S. 404. doi:10.3390/v11050404, . PMID 31052218
Am oberen Ende wurden Genome mit 1000 kbp und mehr gefunden, etwa bei „Tupanvirus“ mit 1.516 kbp.
Das Genom der Riesenviren umfasst dabei eine Größenordnung von etwa 1000 kodierenden Genen (statt sonst kaum ein Dutzend). Dies ist extrem umfangreich im Vergleich zu anderen Virus-Genomen. (via Web-Archiv vom 11. Juni 2011)
Zur späten Entdeckung der meisten Riesenviren (zahlreich erst ab etwa 2003) trug bei, dass sie bei der Suche nach Viren in den Filtern (mit typischer Porengröße von 0,2 μm) hängen blieben, die Bakterien und Protisten von Viren abtrennen sollten, langsamer zu leicht sichtbaren Klumpen aggregieren und sich auch langsamer vermehren.James L. Van Etten, Leslie C. Lane, David D. Dunigan: DNA Viruses: The Really Big Ones (Giruses). In: Annu. Rev. Microbiol. Band 64, 2010, S. 83–99, doi:10.1146/annurev.micro.112408.134338 (Volltext frei zum persönlichen Gebrauch).
Nucleocytoviricota (NCLDV) Die bekannten Riesenviren gehören dem dsDNA-Virus-Phylum Nucleocytoviricota (veraltet , NCLDV) an, und zwar den Klassen Megaviricetes (u. a. mit den Familien Mimiviridae und Phycodnaviridae) oder der Ordnung Asfuvirales aus der Klasse Pokkesviricetes (mit der Gattung Asfivirus, dem Erreger der Afrikanischen Schweinepest). Die Wirte der Riesenviren sind komplex-zelluläre Organismen (Eukaryonten).
Eine grafische Darstellung der Größenverhältnisse hat Laurie O’Keefe gegeben.Laurie O’Keefe: Sizing Up Viruses, auf: The Scientist. Illustration zu Didier Raoult: Viruses Reconsidered, ebenda vom 28. Februar 2014. Der Größenrekrd sequenzierter Viren liegt (Stand 15. Mai 2026) mit bis zu 2,3 µm bei dem 2024 beschriebenen und noch nicht offiziell bestätigten „Pelagodinium virus 1“ (PelV-1, Mesomimiviridae).
Ähnlich wie Retroviren sind manche Vertreter der NCLDV in der Lage, sich in das Genom ihrer Wirtszellen zu integrieren (, EVE).Mohammad Moniruzzaman, Alaina R. Weinheimer, Carolina A. Martinez-Gutierrez, Frank O. Aylward: Widespread endogenization of giant viruses shapes genomes of green algae. In: nature. 18. November 2020, doi:10.1038/s41586-020-2924-2, dazu:Kendall Daniels: Lurking in genomic shadows: How giant viruses fuel the evolution of algae. vtnews.vt.edu, scitechdaily.com, Quelle: Virginia Tech, 18. November 2020.
Replikation der NCLDV
(A) Die Ausbreitung von „Faustovirus“ kann von ihren Amöbenwirten dadurch unterbunden werden, dass die virale Nachkommenschaft innerhalb der Wirtszysten eingeschlossen wird; (B) Alphaorpheovirus-Partikel werden durch Exozytose oder Zelllyse aus dem Wirt freigesetzt; (C) Die Morphogenese von Alphacedratvirus-Partikeln folgt einer einzigartigen und komplexen sequenziellen Abfolge: hufeisen- und rechteckförmige Kompartimente, Einbau eines zweiten „Korkens“ sowie eine Verdickung der Kapsidwand und schließlich die Bildung des eiförmigen Virions; (D) Mit Tupanvirus infizierte Amöben werden dazu angeregt, sich mit nicht infizierten Zellen zusammenzulagern, wodurch riesige Wirtszellcluster entstehen; (E) Mimivirus-Partikel sind in der Lage, Amöben-Trophozoiten zu infizieren und deren Enzystierung zu verhindern (die Zysten sind dagegen resistent gegen eine Infektion); (F) Marseillevirus-Partikel sind fähig, riesige Vesikel zu bilden, sie aus dem endoplasmatischen Retikulum der Amöbe hervorgehen zahlreiche Viruspartikel enthalten.
„Mirusviricota“ (MR) Wenwen Liu et al. bezeichnen die Mitglieder des vorgeschlagenen Duplodnaviria-Phylums „Mirusviricota“ (MR) ebenfalls als Riesenviren ().
Riesenphagen Für große Viren von Prokaryonten (Bakterien oder Archaeen: Phagen) hat man eigene Größenkriterien geschaffen, da ihre Wirte naturgemäß nicht so viel Platz bieten. Auch hier sind alle bekannten Vertreter dsDNA-Viren. Näheres siehe Riesenphagen, Megaphagen und Jumbo-Phagen.
Einzelnachweise Nazeefa Ahmed; Andrian P. Gajigan & Grieg F. Steward (Foto): Giant virus with record-long tail discovered in Pacific Ocean. Infecting marine plankton, the pathogen may use its extreme appendage to enter host cells. In: Science, 29. Juli 2035; (). Dazu: Im Meer gefunden: Neues Riesenvirus stellt Rekord auf. Auf: watson.ch vom 20. September 2025. Kim von Harling: Neues Riesenvirus bricht Rekord. Auf: ruhr24.de mit Stand 20. September 2025. Bruno Bucis: Cientistas encontram vírus com a cauda mais longa já observada. Auf: Metropoles (metropoles.com, ) vom 22. August 2025, mit annotiertem Bild. Wenwen Liu, Komei Nagasaka, Junyi Wu, Hiroki Ban, Ethan Mimick, Lingjie Meng, Russell Y. Neches, Mohammad Moniruzzaman, Takashi Yoshida, Yosuke Nishimura, Hisashi Endo, Yusuke Okazaki, Hiroyuki Ogata: Giant viruses specific to deep oceans show persistent presence and activity. In: mSystems, Band 10, 12. November 2025, S. e00932-25; (). Dazu: msystems.00932-25-s0001.docx (Supplementary Figures).
Weblinks
Jason R. Schrad, Jônatas S. Abrahão, Juliana R. Cortines, Kristin N. Parent: Structural and Proteomic Characterization of the Initiation of Giant Virus Infection. In: Cell. 8. Mai 2020, doi:10.1016/j.cell.2020.04.032 Jason R. Schrad, Jônatas S. Abrahão, Juliana R. Cortines, Kristin N. Parent: Boiling Acid Mimics Intracellular Giant Virus Genome Release. auf: bioRxiv vom 20. September 2019, doi:10.1101/777854 (Preprint) Mysterious Giant Viruses: Gargantuan in Size and Complexity, auf: SciTechDaily vom 9. Mai 2020, Quelle: Michigan State University Adrian De Novato: New study shines light on mysterious giant viruses, auf: phys.org vom 8. Mai 2020; die Abbildung zeigt offenbar einen typischen Vertreter der Gattung Mimivirus mit Stargate (Öffnung für DNA) und Tegument (Hülle aus Fibrillen). Masaharu Takemura: Medusavirus Ancestor in a Proto-Eukaryotic Cell: Updating the Hypothesis for the Viral Origin of the Nucleus. In: Front. Microbiol. Band 11, 3. September 2020, S. 571831. doi:10.3389/fmicb.2020.571831 Nicoletta Lanese: Giant viruses spew their DNA through a 'stargate.' Now, scientists know what triggers them, auf: LiveScience vom 26. Mai 2020 GiantVirus.org: The largest known viral genomes (completely sequenced, > 170 kB) – Klasse Caudoviricetes alt als Ordnung Caudovirales und teilweise auch fehlerhaft als Familie Caudoviridae bezeichnet. Viral Dark Matter: Giant Viruses Have Metabolic Genes – Even Though Viruses Don’t Have a Metabolism. Auf: SciTechDaily vom 6. April 2020. Quelle: Virginia Tech. Giant Virus db. Auf GitHub. Dagmar Röhrlich: Im Reich der Riesenviren. In: Deutschlandfunk.de (DLF) vom 27. Dezember 2015, Serie: Es lebt! Thomas Köhler: Das Erfolgsmodell der Riesenviren (PDF; 0,3 MB). Auf: wissenschaft.de. bild der wissenschaft (bdw), November 2021, S. 26–27. Matthias G. Fischer, Ulrike Mersdorf, Jeffrey L. Blanchard: Amazing structural diversity of giant virus-like particles in forest soil. Auf: CSH bioRxiv, 30. Juni 2023, doi:10.1101/2023.06.30.546935 (Preprint, ). Dazu: Felicity Nelson: Freakishly Large Viruses With Arms And Tails Found in Massachusetts. Auf: sciencealert vom 31. Juli 2023.
Kategorie:Nicht-taxonomische Virusgruppe