mini|hochkant|Erich Weber (um 1915)
Erich Paul Weber (* 12. September 1860 in Kamen; † 29. Oktober 1933 in Berlin) war ein deutscher Pionier-Offizier, der im Ersten Weltkrieg zunächst bei der Osmanischen Armee eingesetzt wurde und am Ende seiner Militärkarriere den Rang eines Generals der Infanterie erreichte.
Leben Werdegang Weber trat 1878 in die Preußische Armee ein und verbrachte seine gesamte Vorkriegskarriere bei der Pioniertruppe.Philip Rance (Hrsg. u. Übers.), Erich Prigge: The Struggle for the Dardanelles. The Memoirs of a German Staff Officer in Ottoman Service. Pen & Sword, Barnsley 2017, ISBN 978-1-78303-045-3, S. 61 mit Anm. 166 (Inhaltsverzeichnis; )Preußisches Kriegsministerium (Hrsg.): Rangliste der Offiziere der Königlich Preußischen Armee und des XIII. (Königlich Württembergisches) Armeekorps 1917. E.S. Mittler & Sohn, Berlin 1917, S. 6. Nachdem er Kommandeur des Schleswig-Holsteinischen Pionier-Bataillons Nr. 9 in Harburg gewesen war, wurde er am 14. April 1907 als Major in die 4. Ingenieur-Inspektion nach Metz versetzt.Militär-Wochenblatt. Nr. 49 vom 16. April 1907, Sp. 1130. Hier wurde er als Ingenieuroffizier vom Platz des Festungsbereiches West eingesetzt und am 22. März 1910 zum Oberstleutnant befördert.Preußisches Kriegsministerium (Hrsg.): Rangliste der Königlich Preußischen Armee und des XIII. (Königlich Württembergischen) Armeekorps für 1911. E.S. Mittler & Sohn. Berlin 1911. S. 124. Als solcher erhielt er am 22. Mai 1912 die Ernennung zum Kommandeur der Pioniere des XV. Armee-Korps in Straßburg.Militär-Wochenblatt. Nr. 66 vom 24. Mai 1912, Sp. 1496. In dieser Stellung trug er die Uniform des in Straßburg garnisonierten 1. Elsässischen Pionier-Bataillons Nr. 15 und wurde am 19. November 1912 Oberst.
Türkeimission mini|Offiziere der deutschen Militärmission bei der Abreise in die Türkei im Dezember 1913. Weber (5. von rechts) neben Otto Liman von Sanders, dem Leiter der Mission. Weber, der als Spezialist im Festungswesen galt, gehörte zur Gruppe der ersten zehn Offiziere, die im Herbst 1913 für die Teilnahme an der deutschen Militärmission für die Türkei unter Otto Liman von Sanders ausgewählt wurden. Er wurde am 8. Dezember 1913 zur Disposition gestellt und trat nach der Ankunft in Istanbul am 14. Dezember in die Osmanische Armee über. Hier wurde er mit dem Rang eines türkischen Generalmajors (Mirliva) zum Generalinspekteur der türkischen Ingenieur- und Pioniertruppe (İstihkam Müfettişi) ernannt. Wenige Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs begann er im Auftrag des osmanischen Kriegsministers Enver Pascha angesichts der im Juli 1914 (unabhängig von der Julikrise) wachsenden griechisch-türkischen Kriegsgefahr mit der Verstärkung der Küstenbefestigungen an den Dardanellen. Ab September 1914 stieß der Küstenartillerie-Experte Admiral Guido von Usedom mit zahlreichen deutschen Spezialisten hinzu, der die maßgebliche Leitung des Ausbaus der Küstenstellungen gegen die Gefahr von Seeangriffen an sich zog.Edward J. Erickson: Gallipoli. Command under Fire. Osprey Publishing, Oxford/New York 2015, ISBN 978-1-4728-0669-7, S. 47 f.
Ende März/Anfang April 1915 übernahm Weber als Kommandierender General das neu gebildete XV. Armeekorps der Osmanischen Armee auf der asiatischen Seite der Meerenge. Sein provisorisches Hauptquartier bezog er am 1. April 1915 in einem Gehöft in unmittelbarer Nähe zum antiken Troja und schob an den folgenden Tagen eine Division an die mögliche Landungsstelle der Alliierten nach Kumkale am Kap Sigeion vor.Edward J. Erickson: Gallipoli. Oxford 2015, S. 120. Am 18. April 1915 wurde er zum preußischen Generalmajor befördert und stieg dementsprechend zum osmanischen Generalleutnant (Ferik) mit dem von Sultan Mehmed V. verliehenen Titel eines Paschas auf.
Schlacht von Gallipoli Am Tag der alliierten Landungen, dem 25. April 1915, wurde in Webers Abschnitt eine Anlandung französischer Kolonialtruppen südlich von Kumkale trotz beträchtlicher taktischer Unsicherheiten und Fehler aufseiten der Verteidiger in der Nacht zunächst abgewehrt.Mesut Uyur: The Ottoman Army and the First World War (= Routledge studies in First World War history). Routledge, New York 2021, ISBN 978-0-367-47177-4, S. 170 f. Zum Ärger von General Liman von Sanders, der als Oberbefehlshaber der Osmanischen 5. Armee die Verteidigung der Halbinsel Gallipoli leitete, kam es jedoch an diesem Tag beim XV. Armeekorps zu einer Kommunikationspanne, als Weber dem Befehl zur Entsendung von Verstärkungen an die Nordgruppe unter Esad Pascha wegen fehlerhafter und verzögerter telefonischer Nachrichtenübermittlung erst mit einem Tag Verspätung nachkam.Edward J. Erickson: Gallipoli. Oxford 2015, S. 133 f. Den von Weber am Morgen angeordneten Rückzug über den Kleinen Mäander konnten die Franzosen nicht mehr ausnutzen, weil das französische Landungsunternehmen vom alliierten Oberbefehlshaber Ian Hamilton abgebrochen wurde. Es hatte sich von vornherein um ein Ablenkungsmanöver gehandelt, um die Verteidiger durch möglichst viele gleichzeitige Angriffe im Unklaren über die Hauptstoßrichtung zu lassen. Während Briten und ANZAC-Truppen für ihre jeweiligen Landungsplätze im Süden und im Westen der Halbinsel Gallipoli klare Vorgaben für die zu erreichenden Landgewinne (Eroberung bestimmter Höhenzüge) erhalten hatten, hatte das Ziel des französischen Angriffs in der Ausschaltung der türkischen Küstenartillerie bestanden.Frank Jacob: Gallipoli 1915/16. Britanniens bitterste Niederlage. De Gruyter, Berlin/Boston 2020, ISBN 978-3-11-069467-3, S. 66. Keine der Landungsgruppen konnte ihre Ziele erreichen.
Im weiteren Verlauf des Gallipoli-FeldzugesCarl Mühlmann: Der Kampf um die Dardanellen 1915 (= Schlachten des Weltkrieges. Band 16). Verlag Gerhard Stalling. Oldenburg/Berlin 1927, S. 52. erhielt Weber Anfang Mai 1915, knapp zwei Wochen nach der britischen Landung, im Tausch mit dem überlasteten und wohl auch durch eine Verwundung am Bein geschwächtenPhilip Rance (Hrsg. u. Übers.), Erich Prigge: The Struggle for the Dardanelles. Barnsley 2017, S. 174 mit Anm. 36. Oberst Eduard von Sodenstern das Kommando über die Südgruppe der türkischen Verteidigungskräfte am Kap Helles.Edward J. Erickson: Gallipoli. Oxford 2015, S. 96. Dort waren die bisherigen Kämpfe wesentlich intensiver und blutiger gewesen als in Webers Verteidigungsbereich auf dem Festland, von dem er seinen gesamten Stab mitbrachte. Über zwei Monate befand sich Webers Gruppe danach im direkten Stellungskampf gegen die britischen Landungstruppen, deren Abwehr nur unter schweren Verlusten gelang. Zuletzt konnte Weber dabei nur noch langsame Fortschritte erzielen, was die Führungsebene der türkischen Heeresleitung beunruhigte. Diverse Rückschläge verstärkten die Vertrauenskrise und es kam zum Zerwürfnis mit Liman von Sanders, der Weber am 8. Juli 1915 als Befehlshaber der Südgruppe absetzte.Klaus Wolf: Gallipoli 1915. Das deutsch-türkische Militärbündnis im Ersten Weltkrieg. Report Verlag, Bonn 2008, ISBN 978-3-932385-29-2, S. 145. Die Entscheidung für seine Ablösung war im Einvernehmen mit der osmanischen Führung gefallen und bildete den Auftakt für eine umfassende operative Umstrukturierung der südlichen Verteidigungslinie, um dem zunehmenden Druck der alliierten Invasionskräfte standhalten und den Gegenangriff entschiedener führen zu können. Limans Stab, darunter sein Stabschef Oberstleutnant Kazim Bey, der die Jungtürken im Armeekommando repräsentierte und sich kontinuierlich mit seinem Schulfreund Enver Pascha über die Lage austauschte, beurteilte Weber als guten Soldaten, der aber mittlerweile zu defensiv agiere und zu erschöpft sei, nachdem er seit dem 6. Mai praktisch ununterbrochen an der kritischsten Front der Schlacht gestanden hatte. Webers Nachfolger als Kommandierender General der Südfront wurde auf unmittelbare Intervention Envers am 9. Juli 1915 Vehib Pascha, der bisherige Oberbefehlshaber der Osmanischen 2. Armee.Edward J. Erickson: Gallipoli. Oxford 2015, S. 184 f.
Einsatz an der Westfront Ausgezeichnet mit dem türkischen Osmanié-Orden II. KlasseMilitär-Wochenblatt. Band 100 (1915), Sp. 1245. kehrte Weber im Oktober 1915 nach Deutschland zurück. Er wurde mit dem Patent als Generalmajor vom 18. April 1915 wieder in der preußischen Armee angestellt und an der Westfront eingesetzt. Er befehligte vom 22. Oktober bis 16. November 1915 die 100. Infanterie-Brigade, mit der er an der Herbstschlacht in der Champagne teilnahm.Jakob Knab: Falsche Glorie. Das Traditionsverständnis der Bundeswehr. Ch. Links, Berlin 1995, ISBN 3-86153-089-9, S. 31 (online).Dermot Bradley (Hrsg.), Günter Wegner: Stellenbesetzung der Deutschen Heere 1815-1939. Band 1: Die Höheren Kommandostellen 1815-1939. Biblio Verlag. Osnabrück 1990. ISBN 3-7648-1780-1. S. 315. Anfang 1916 war er im Vorfeld der Schlacht um Verdun an den Planungen zur Eroberung der Festung Verdun beteiligt. Am 21. Dezember 1916 übernahm er die Führung der 9. Division an der Westfront und behielt dieses Kommando bis zum Waffenstillstand von Compiègne. Ende Februar 1918 wurde ihm der Königliche Kronenorden 2. Klasse mit Stern und Schwertern verliehen.Ordens-Verleihungen. Preußen. In: Militär-Wochenblatt. 102. Jg. (Teil 2), Nr. 104, 2. März 1918, Sp. 2544.
Zwischenkriegszeit Nach Kriegsende wurde Weber in die Vorläufige Reichswehr übernommen. 1919 kommandierte er die Reichswehr-Brigade 6 in Breslau und wurde im Herbst desselben Jahres zum Inspekteur der Pioniere und Festungen im Reichswehrministerium ernannt. In der angespannten Lage nach dem Kapp-Lüttwitz-Putsch im Frühjahr 1920 übernahm er in Güstrow das Kommando über die bis dahin von dem Generalmajor Paul von Lettow-Vorbeck befehligten Reichswehrtruppen in Mecklenburg und Pommern (Wehrkreis II),Neuer Streit um die Roßbacher. General Weber schränkt seine Erklärung ein. Abendausgabe der Dresdner Nachrichten vom 11. März 1929, S. 1. als dieser wegen seiner Zusammenarbeit mit den Putschisten nach dem Scheitern des Putsches entlassen wurde. Als Befehlshaber des WehrkreiskommandosReichswehrministerium (Hrsg.): Stellenbesetzung im neuen Heer vom 16. Mai 1920. Heft I. Reichsdruckerei, Berlin 1920, S. 8. wurde Weber am 16. Juni 1920 zum Generalleutnant befördert und nach der Bildung der Reichswehr am 1. Oktober 1920 zugleich zum Kommandeur der 2. Division in Stettin ernannt. Am 15. Juni 1921 wurde er unter Verleihung des Charakters als General der Infanterie aus den Stellungen verabschiedet und pensioniert.Militär-Wochenblatt. Nr. 52 vom 25. Juni 1921, Sp. 1141.
Nach seiner Pensionierung wurde Weber Vorsitzender des von Hermann Ehrhardt und Franz von Stephani gegründeten, republikfeindlichen „Verbands nationalgesinnter Soldaten“ (V.N.S.), der in der Weimarer Republik mehrfach aufgelöst und verboten wurde und sich zuletzt „Völkischer Soldatenbund“ nannte. Er stand in enger Verbindung mit dem Jungdeutschen Orden und anderen radikalen Organisationen wie dem Verein ehemaliger Baltenkämpfer oder dem ehemaligen Grenzschutz Ost.Jakob Knab: Falsche Glorie. Das Traditionsverständnis der Bundeswehr. Ch. Links, Berlin 1995, ISBN 3-86153-089-9, S. 46. Im V.N.S. sammelten sich desillusionierte jüngere Frontsoldaten aus der Gefolgschaft von Freikorpsführern wie Hermann Ehrhardt oder Gerhard Roßbach, die später vor allem maßgeblich zum Aufbau der SA beitrugen.Kai Umbach:
Um die Jahreswende 1923/24 verfasste Weber einen kurzen, nicht zur Veröffentlichung bestimmten Erfahrungsbericht auf 19 handgeschriebenen Seiten über seinen Einsatz während der Schlacht von Gallipoli, den er offenbar im Auftrag oder auf Wunsch von Carl Mühlmann anfertigte, der in der Südgruppe zu Webers Stab gehört hatte und jetzt im Reichsarchiv an der halboffiziösen kriegsgeschichtlichen Darstellung der Schlacht arbeitete.