Die ARD Degeto Film GmbH (kurz Degeto, auch ARD Degeto; Kunstwort aus Deutsche Gesellschaft für Ton und Bild) ist die gemeinsame Filmproduktions- und -einkaufsorganisation der ARD. Sie hat ihren Sitz in Frankfurt am Main auf dem Gelände des Hessischen Rundfunks (HR). Ihre Gesellschafter sind die Landesrundfunkanstalten der ARD bzw. deren Werbetöchter.
Aufsichtsratsvorsitzender ist seit September 2022 Florian Hager als Nachfolger von Patricia Schlesinger.
Aufgaben in der ARD Die ARD Degeto erwirbt fiktionale Programme für das ARD-Gemeinschaftsprogramm Das Erste, die Dritten Programme der Landesrundfunkanstalten (BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR), 3sat, Arte sowie für One und die weiteren ARD-Spartenkanäle. Die Programmbeschaffung erfolgt durch Auftrags- und Koproduktionen sowie Lizenzkäufe von Spiel- bzw. Fernsehfilmen und Serien in redaktioneller Verantwortung. Daneben leistet die Degeto vertragstechnische und administrative Dienstleistungen für ARD-Gemeinschaftsproduktionen und -Anstaltsbeschaffungen. Ihr obliegt auch die Verwaltung der Programmbestände und deren Bereitstellung für die ARD. 2021 lieferte die ARD Degeto an die Programme 733.774 Sendeminuten für 10.453 Sendetermine.
Geschichte Das Unternehmen wurde 1928 als Deutsche Gesellschaft für Ton und Film e. V. gegründet und produzierte und vertrieb in den 1930er und 1940er Jahren Propagandafilme für die Reichsregierung Hitlers.Unvollständige Liste der durch die Degeto Kulturfilm GmbH vertriebenen Filme in Internet Movie Database, abgerufen am 16. Mai 2016 Es firmierte seit 1937 als Degeto–Kulturfilm G.m.b.H., ab 1942 als Degeto Film GmbH. Nach der Reaktivierung 1952 durch das Land Nordrhein-Westfalen und den Hessischen Rundfunk war das Unternehmen ab 1954 zunächst im Besitz der Werbung im Rundfunk GmbH, einem Tochterunternehmen des hr, und wurde 1959 von den ARD-Anstalten gemeinschaftlich übernommen. Chronik der ARD, abgerufen am 16. Mai 2016
Die Degeto erwirbt für ihre Gesellschafter Lizenzen an Fernsehsendungen aller Art, insbesondere Spielfilmen und Serien. Dazu werden auch Sendungen kofinanziert, Produktionsbeteiligungen geleistet, Eigenproduktionen hergestellt und Synchronisationen ausländischer Produktionen in Auftrag gegeben. Hierfür steht der Degeto von ihren Gesellschaftern ein jährliches Budget von zurzeit (Stand 2017) rund 400 Millionen Euro zur Verfügung.Durchschnittliches Jahresbudget der ARD Degeto im Rahmen der mittelfristigen Finanzplanung, abgerufen am 12. Dezember 2017
Die Degeto war Vertragspartner und Auftraggeber für die Produktion der Sendungen Harald Schmidt ab 2004 im Ersten und Gottschalk Live im Jahr 2012.ARD: Eine Nase tankt Super in Zeit Online vom 22. März 2012, abgerufen am 16. Mai 2016
Seit Mai 2026 leitet Christoph Pellander als Geschäftsführer die Degeto Film GmbH. Frühere Geschäftsführer waren Thomas Schreiber (Mai 2021 bis April 2026), Christine Strobl (Juli 2012 bis April 2021),Neue Degeto-Chefin Fluch und Segen zeit.de, 12. August 2012 Gerhard Schneider (April 2016 bis März 2019), Bettina Reitz (Mai 2011 bis Mai 2012), Hans-Wolfgang Jurgan (Juli 2001 bis November 2011), Jörn Klamroth (Mai 2002 bis März 2011), Klaus Lackschéwitz (Juli 1994 bis Dezember 1999), Peter T. Heimes (Juli 1988 bis September 1994) und Hans-Joachim Wack (1954 bis Dezember 1988).
Der Jahresüberschuss des Unternehmens in den zurückliegenden Geschäftsjahren betrug in den JahrenJahresabschlüsse zum 31. Dezember eines jeden Jahres, veröffentlicht im elektronischen Bundesanzeiger
2011: 242.539 Euro Gewinn 2012: 765.506 Euro Verlust 2013: 1.249.074 Euro Gewinn 2014: 748.748 Euro Verlust 2015: 161.896 Euro Verlust 2016: 1.264.055 Euro Gewinn 2017: 200.587 Euro Gewinn 2018: 318.161 Euro Gewinn 2019: 323.533 Euro Gewinn 2020: 400.505 Euro Gewinn
Kritik In der Medienkritik wurde gelegentlich auch von einer Degetoisierung oder Degetosierung gesprochen. So beklagte 2006 der Bundesverband Regie (BVR) eine „Degetoisierung“ der Fernsehkultur beim Intendanten des MDR. Eigentlich sei die Degeto für den Einkauf von Filmlizenzen verantwortlich, wandte sich aber seit etwa dem Jahre 2000 zunehmend der Fernsehproduktion zu. Nach Ansicht des BVR sei „die allgemeine inhaltliche und ästhetische Verflachung des Programms mit den Interessen der Degeto verbunden, die mittelbar ein Interesse an einer allgemeinen Trivialisierung [hat] und [der] damit verbunden Depolitisierung des Programms zuarbeitet.“Degeotisierung in Lexikon der Filmbegriffe; abgerufen am 16. Februar 2019 Der Fernsehkritiker Torsten Körner sagte etwa anlässlich der Verleihung des Bert-Donnepp-Preis 2009: „Statt Menschen sehen wir viel zu oft brave Landschaften, pilcherisierte Täler und degetosierte Wälder“.Tanja Weber: Kultivierung in Serie: Kulturelle Adaptionsstrategien von fiktionalen Fernsehserien; Schüren Verlag 2015 S. 308; online in Google Bücher
Die FAZ nannte 2005 Degeto auch als „heimliche Supermacht des Kitschfilms“, die aufgrund des Quotendrucks durch die privaten Sender entstand. So ließ der ARD-Fernsehfilmkoordinator Jürgen Kellermeier „ein Manifest erarbeiten, das von den Programmdirektoren der anderen Anstalten im Jahr 2000 abgenickt wurde“. Eine Filmproduktion solle demnach „attraktiv, unterhaltsam und/oder interessant/relevant (möglichst generationenübergreifend)“ sein. Für Titel galt die Vorgabe „einladend, anziehend, mit attraktivem und interessantem Assoziationsfeld“. Wichtig seien „Emotionalität“ und eine Erzählweise, die „unkompliziert, einfach, klar, auf keinen Fall verwirrend“ sein dürfe. Außerdem seien „Hauptdarsteller mit möglichst hohem Bekanntheitsgrad“ einzusetzen, die sich in einem „attraktiven, zumindest interessanten, nicht abstoßenden Milieu“ zu bewegen haben. Als Negativbeispiel wird in der Kritik häufig die Serie Das Traumhotel (2004–2014) herangezogen.Jens Bergmann: Degeto Film – „Alles wird gut”; in: Brand eins 6/2012; abgerufen am 23. Februar 2019
Die Degeto kooperiert in jüngerer Zeit mit dem österreichischen Sender ServusTV, etwa bei den Serienproduktionen Das Netz und Die Augenzeugen.
Produktionen mit Degeto-Beteiligung (Auswahl) Titel Jahr14 Tage lebenslänglich 1997 Agathe kann’s nicht lassen 2005–2007 Alles Verbrecher – Eiskalte Liebe 2014 Alles was recht ist 2008 Aufbruch ins Ungewisse 2017 Babylon Berlin 2017 Berlin 36 2009 Berlin, Berlin 2002 Bis nichts mehr bleibt 2010 Die Bräuteschule 1958 2007 Der Buchspazierer 2024 Buddenbrooks 2008 Cloud Atlas 2012 Dämmerung über Burma 2015 Das Ende ist mein Anfang 2010 Das Haus der Lerchen 2007 Das Traumhotel 2003–2014 Das Verschwinden 2017 Der Baader Meinhof Komplex 2008 Der Besuch der alten Dame 2008 Der fast perfekte Mann 2013 Der Medicus 2013 Der Tote aus Nordermoor 2006 Der Untergang 2004 Der Wunschbaum 2004 Deutschland privat – Im Land der bunten Träume 2007 Die Alpenklinik 2005–2010 Die Bartholomäusnacht 1994 Die Flucht 2007 Die göttliche Sophie 2009 Die Inselärztin 2018–2020 Die kommenden Tage 2010 Die Landärztin 2005–2013 Die Päpstin 2009 Die Sache mit der Wahrheit 2014 Donna Leon 2000–2019 Familie Sonnenfeld 2005–2009 Gier 2010 Haltet die Welt an 2010 Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende 2004 Henri 4 2010 Ich trag dich bis ans Ende der Welt 2010 Im Angesicht des Verbrechens 2010 In aller Freundschaft 1998 Klimt 2006 Klinik unter Palmen 1996–2003 Kommissar LaBréa 2009–2010 Käpt’n Blaubär – Der Film 1999 Land and Freedom 1995 Liebe am Fjord – Das Meer der Frauen 2011Louis van Beethoven2020 Manderlay 2005 Mankells Wallander 2005–2013 Mein Sohn Helen 2015 Mein Weg zu Dir 2003 Mord in bester Gesellschaft 2007–2013 Mord mit Aussicht 2007–2014 Mr. Nobody 2009 Pfarrer Braun 2003–2013 Pik & Amadeus – Freunde wider Willen 2006 Plötzlich Opa 2006 Polizeiruf 110 (einige Folgen) Praxis mit Meerblick 2017–2020 Rumpelstilzchen 2009 Russisch Roulette 2012 Schicksalstage in Bangkok 2009 Schiller 2005 So ein Schlamassel 2009 Tatort (einige Folgen) Terror – Ihr Urteil2016 Tschick 2016 Unter weißen Segeln 2004–2005 Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen 2009 Von ganzem Herzen 2009 Wer zu lieben wagt 2010 Wüstenblume 2009
Literatur Rolf Aurich: Die Degeto und der Staat. Kulturfilm und Fernsehen zwischen Weimar und Bonn. edition text + kritik, München 2018. Nicolas Henning Bräuer: Von ersten Filmen zu Filmen im Ersten. Die Geschichte der Degeto und wie sie zur Spielfilmzentrale der ARD wurde. In: Rundfunk und Geschichte 47 (2021), 1–2, S. 68–83.
Weblinks
Website der ARD Degeto
Degeto: Eine Tragikomödie, noch ohne Happy End. In: brand eins, 6/2012
Einzelnachweise
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