Die venezolanische Literatur ist die Literatur Venezuelas in spanischer Sprache und als solche ein Bestandteil der hispanoamerikanischen Literatur. Sie wurde in Europa allerdings nicht in dem Umfang rezipiert wie etwa die mexikanische oder kolumbianische Literatur, die auch weitaus umfangreicher sind. Das liegt an der relativ schmalen Schicht des gebildeten bürgerlichen Lesepublikums in Venezuela, an der sozialen Abscheidung der Eliten, aber auch an langen Phasen der Diktatur im 20. Jahrhundert, die die intellektuelle Produktion behinderten und viele Autoren in die Emigration zwangen.

Mündliche Überlieferung der indigenen Völker mini|El Orinoco ilustrado y defendido von Joseph Gumilla (2. Auflage 1741) Die erste Quelle über die Bräuche der indigenen Völker am mittleren Orinoco bildet das Werk El Orinoco ilustrado des Jesuiten Joseph Gumilla. Später sammelte der aus Italien stammende Missionar Felipe Salvador Gilii (1721–1789) Informationen über Sprachen und Mythen dieser heute meist nicht mehr existierenden Völker und über die frühe Kolonialgeschichte und publizierte sie 1780–1784 in vier Bänden in Rom.Neuauflage: Filippo S. Gilij: Sagio di storia americana; o sia, storia naturale, civile e sacra de regni, e delle provincie spagnuole di Terra-Ferma nell' America Meridionale descritto dall' abate F. S. Gilij. Band 1–4. Rome: Perigio 1964. In den Überlieferungen der Indigenen am Golf von Maracaibo werden immer wieder das Petroleum (mene) und das Teer, das man zum Abdichten der Boote benutzte, erwähnt – das sich später als petróleo perverso, als Ressourcenfluch entpuppte.

Die mündlichen Überlieferungen und religiösen Traditionen vieler schriftloser indigener Völker, deren Sprachen vielleicht noch von einem Prozent der Bevölkerung Venezuelas gesprochen werden, sind zum großen Teil noch zu entdecken und zu dokumentieren, wenn es dafür nicht schon zu spät ist. Beispiele werden in verschiedenen Blogs und Veranstaltungen präsentiert, die von dem Lyriker Isaías Medina López (* 1958) koordiniert werden.Beispiele unter sowie auf Twitter:

Kolonialzeit Im 16. und 17. Jahrhundert entstanden die frühesten Chroniken Venezuelas, das damals zum Vizekönigreich Neugranada und seit der Unabhängigkeit von 1819 bis 1830 zu Großkolumbien gehörte. Die erste Chronik eines kreolischen Historikers in barockem Stil war die Historia de la conquista y población de la provincia de Venezuela von José de Oviedo y Baños (1671–1738). In der Folge formte sich unter dem Einfluss der Aufklärung eine publizistische Kritik an der Kolonialherrschaft. Jedoch traten nur wenige bedeutende Autoren hervor. Die literarisch herausragende Gestalt der Zeit der Freiheitskämpfe ist der in Venezuela geborene, vom Klassizismus geprägte Andrés Bello (1781–1865). Bello, ein Humanist und Verfasser von Lehrgedichten („La agricultura de la zona torrida“, 1826), Publizist, Philosoph, Pädagoge, Philologe und Übersetzer von Plautus, Lord Byron und Victor Hugo, Völkerrechtler und Freund Alexander von Humboldts, hielt sich seit 1810 als Exilant, Diplomat und Hochschullehrer ständig im Ausland auf und eignete sich mehrere Sprachen autodidaktisch an. Er hinterließ ein fast unüberschaubares Gesamtwerk und verfasste als Erster eine Grammatik über den Gebrauch der spanischen Sprache in Lateinamerika. Seine Texte vermittelten erstmals ein fundiertes Wissen über die von den Kolonialherren nicht genutzten Ressourcen der neuen Welt, beschrieben freilich mit dem „ästhetischen Gestus der Alten Welt“. Seine Gedichte waren als Bestandteile eines nie zustande gekommenen Epos América konzipiert. In seiner Wahlheimat Chile polemisierte er gegen die heraufziehende Romantik.Michael Rössner (Hrsg.): Lateinamerikanische Literaturgeschichte. Stuttgart, Weimar, 2. Auflage 2002, S. 160 ff.

Romantik und Costumbrismo Die Französische Revolution befreite das Denken Lateinamerikas aus den engen klerikalen Fesseln. Simón Bolívar, der Neugranada von der spanischen Herrschaft befreite, stand unter dem Einfluss der französischen Aufklärung. Seine Schriften und seine Gedichte erfuhren auch Anregungen von den Gedanken und Werken Alexander von Humboldts, dessen Beschreibungen der herrlichen Natur Südamerikas das kreolische Selbstbewusstsein enorm steigerte. Unter dem Einfluss Frankreichs wandten sich kreolische Autoren dem Klassizismus zu, der das Werk mehrerer Lyriker der Zeit prägte, so die Gedichte von Rafael María Baralt (1810–1860), der als erster Lateinamerikaner Mitglied der Real Academia Española wurde, von Fermín Toro (1807–1865), der als Diplomat Europa bereiste,Venezolanische Literatur, in: Der Literatur-Brockhaus. Mannheim 1988, Bd. 3, S. 600. und von José Antonio Maitín (1804–1874), einem von der kubanischen Unabhängigkeitsbewegung beeinflussten venezolanischen Lyriker, der durch seine Naturschilderungen den Übergang zur Romantik markierte. Juan Vicente González (1810?–1866), der als Jugendlicher durch den Einzug Bolívar in Caracas zutiefst bewegt wurde, war zunächst Theologiestudent, dann Schriftsteller, Biograph, Historiker und Zeitungsherausgeber (Revista literaria, 1865). Er rezipierte die französische Literatur und wird oft als erster Romantiker in Venezuela charakterisiert.

Zu den spätromantisch-costumbristischen Prosaautoren zählte Gonzalo Picón Febres (1860–1918). Eduardo Blanco (1838–1912), Romancier, epischer Dichter und kurzzeitig Außenminister, verfasste das bekannte Heldenepos des Unabhängigkeitskrieges (Venezuela heroica, 1881), das in fünf Bildern die großen Schlachten des Krieges zeichnet. In seinem historischen Roman Zárate (1882) beschreibt er die politische und soziale Bewegung der Kreolen, die nach der Revolution den Rückhalt aus dem Mutterland verloren, zum Teil verarmten und sich gegen Zuwanderer und Mulatten behaupten mussten.

Modernismo Als Vorläufer des Modernismo kann Juan Antonio Pérez Bonalde (1846–1892), ein bedeutender spätromantischer, von französischen Vorbildern wie auch von brasilianischen Zeitgenossen beeinflusster Dichter, Schriftsteller und Übersetzer gelten, der u. a. Werke Heinrich Heines Buch der Lieder erstmals ins Spanische übertrug und 1885 in New York veröffentlichte. Dorthin hatte er sich 1870 als Gegner des diktatorisch regierenden Präsidenten Antonio Guzmán Blanco begeben, und von New York aus bereiste der polyglotte Schriftsteller die halbe Welt. Hier übersetzte er auch Werke von Edgar Allan Poe ins Spanische und veröffentlichte seine eigene Gedichtsammlung Ritmos mit 35 Gedichten, von denen El canto al Niágara (1882) das bekannteste wurde. José Martí, der in dem Gedicht und in der modernistischen Bewegung einen Beitrag zur amerikanischen Identitätsbildung sah, verfasste dazu einen Prolog. mini|hochkant|Manuel Vicente Romero García (Karikatur, 1890er Jahre) Manuel Vicente Romero García (1865–1917) verfasste mit Peonía (1890) den ersten „kreolischen“ Roman, der die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung Venezuelas spiegelte. Der Autor spielte eine militärische Rolle in der Revolution von 1899, blieb aber der Nachwelt meist als Politiker in Erinnerung – wie die meisten venezolanischen Autoren, die sich als Diplomaten, Juristen, Militärs, Unternehmer oder Beamte einen Namen machten und ihre schriftstellerischen Tätigkeit davon trennten. Der Criollismo spielte in Venezuela eine geringere Rolle als etwa in Argentinien oder Chile. Realismus und Naturalismus konnten sich in Venezuela gegen Ende des 19. Jahrhunderts nur zögerlich durchsetzen.

Andrés Mata (1870–1931), Dichter, Schriftsteller und Journalist, steht mit seiner tragischen Liebesaffäre „Idilio Trágico“ zwischen Romantik und Modernismo. Zeitweise lebte er im Exil in Curacao und der Dominikanischen Republik bis 1895. Später wurde er Parlamentarier und war als Diplomat in Europa tätig, wo er in Paris starb. Der Erzähler Pedro Emilio Coll (1872–1947) gilt neben Mata als wichtigster Begründer und Förderer des Modernismo in Venezuela, der sich in der Gruppe der sogenannten Generación del 98 sammelte. Als Diplomat und Politiker lernte er die europäischen Kulturen kennen. Zu dieser Gruppe, einer Parallelentwicklung zur spanischen Generation von 1898, zählten auch Luis Manuel Urbaneja Achelpohl (1873–1937) und Manuel Díaz Rodríguez (1871–1927). In seinem Künstlerroman Idolos rotos (1901) spricht Rodríguez die Bedrohung Lateinamerikas durch die USA an und klagt über die versiegende Schaffenskraft in einer teils dekadenten, teils barbarischen hispanoamerikanischen Welt. In Sangre patricia (1902) erzählt er vom Erlöschen einer kreolischen Aristokratenfamilie und kritisiert implizit die Orientierung der lateinamerikanischen Eliten an französischen und nordamerikanischen Vorbildern.Michael Rössner (Hrsg.): Lateinamerikanische Literatur. 2., erw. Auflage, Stuttgart, Weimar 2002, S. 218.

Das frühe 20. Jahrhundert Die Diktatur des Juan Vicente Gómez (1908–1935) verschärfte einerseits die geistige und politische Unterdrückung; andererseits stieg Venezuela zum erdölexportierenden Staat auf. So kam es zu einer gewissen wirtschaftlichen Blüte, von der freilich die Masse der in der Landwirtschaft Beschäftigten nicht profitierte, neben harter Unterdrückung der Opposition. 1928 kam es zu massiven Studentenunruhen. Einige Autoren wie Manuel Díaz Rodríguez kooperierten mit dem Regime, andere wie José Antonio Ramos Sucre (1890–1930), Diplomat, Erziehungstheoretiker und Lyriker, flüchteten sich in die Hermetik der Lyrik. Ramos Sucre geißelte das intellektuelle Leben Venezuelas in seinen Schriften als mittelmäßig und konformistisch; er selbst legte an seine introvertierten Gedichte strenge Formmaßstäbe an. mini|hochkant|Rufino Blanco Fombona, Herausgeber der Werke Simón Bolívars Der Literaturhistoriker und Diplomat Rufino Blanco Fombona (1874–1944) trug durch sein wissenschaftliches, essayistisches und erzählerisches Werk, das sich auch an Balzac und Maupassant orientierte, sowie durch seine (post-)modernistische Lyrik wesentlich zur internationalen Bekanntheit der venezolanischen und lateinamerikanischen Literatur bei. Durch sein Projekt des panhispanismo – von 1914 bis 1936 lebte er in Madrid – grenzte er sich scharf von US-amerikanischen Vorbildern und dem panamericanismo ab. Sechsmal wurde er für den Literaturnobelpreis nominiert.Nomination Archive auf nobelprize.org

Generación del 18 Die Nachkriegs-Generación del 1918 wandte sich vom Modernismo ab; sie verband Einflüsse der spanischen Klassik und aus Frankreich mit aktuellen nationalen Themen. Ihre Arbeiten sind durch einen nüchternen Ton und die Vermeidung von Sentimentalität und Metaphern gekennzeichnet. In der Lyrik hielten sie am Metrum fest und verwendeten eine bildreiche sensualistische Sprache – philosophisch waren einige ihrer Vertreter von Theorien Henri Bergsons geprägt.Julio E. Miranda: Antología histórica de la poesía venezolana del siglo XX, 1907-1996. Universität von Puerto Rico, 2001, S. 75 ff. mini|hochkant|Teresa de la Parra