mini|Beispiel für Ironie: Gewarnt wird nicht nur vor einem bösen Hund, was normal wäre, sondern gleich vor einer ganzen bösen Familie, die hier wohnt. Gemeint ist wohl, dass die Familie gar nicht böse ist, sondern Humor hat.
Ironie (, wörtlich „Verstellung, Vortäuschung“) bezeichnet zunächst eine rhetorische Figur (auch als rhetorische Ironie oder instrumentelle Ironie bezeichnet).Norbert Groeben, Brigitte Schelen: Produktion und Rezeption von Ironie. Band 1, Narr, Tübingen 1984, ISBN 3-87808-863-9, S. 2. Dabei behauptet der Sprecher etwas, das seiner wahren Einstellung oder Überzeugung nicht entspricht, während er diese jedoch für ein bestimmtes Publikum ganz oder teilweise durchscheinen lässt. Sie kann dazu dienen, sich von den zitierten Haltungen zu distanzieren oder sie in polemischer Absicht gegen angesprochene Personen zu wenden.
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bezeichnet Ironie auch eine literarisch-philosophische Haltung (romantische Ironie), in der das Kunstwerk seinen eigenen Entstehungsprozess mit darzustellen scheint.
In Bezug auf Ereignisse wird der Begriff Ironie oft auf ein Handeln des – personifiziert gedachten – Schicksals bezogen, wenn Absicht und Zufall auf besondere, meist unvorhersehbare Weise aufeinander bezogen sind (entweder antizipatorisch oder antagonistisch). Dabei ist auch von „Ironie des Schicksals“, „Ironie der Geschichte“ oder „Ironie des Lebens“ die Rede (metaphysische Ironie).
Rhetorische Ironie Die einfachste Form der rhetorischen Ironie besteht darin, das Gegenteil dessen zu sagen, was man meint. Dabei appelliert der Sprecher an den Humor seiner Zuhörer, indem er ihnen zutraut, den Gegensinn zu durchschauen und die eigentlich gemeinte Aussage dahinter als solche zu erkennen, sei es, dass hier ein vermeintlich geteilter Sinn für Humor adressiert wird, um die Zuhörer für implizite Argumente zu gewinnen, oder auch nur um den Vortrag allgemein humoristisch aufzulockern. Jedenfalls dient ironischer Humor zur Erzeugung eines ‚Wir-Gefühls‘.
Um Missverständnissen vorzubeugen, kann Ironie dabei von Ironiesignalen (Mimik, Gestik, Betonung, Anführungszeichen usw.) begleitet sein, die den Rezipienten (Zuhörer oder Zuschauer) erkennen lassen, dass der Sprecher das Gesagte nicht wörtlich, sondern ironisch verstanden wissen will.
In der Regel beruht das Verstehen von Ironie darauf, dass Sprecher und Hörer wissen, dass der jeweils andere bestimmte Überzeugungen hat. Man spricht auch von „geteilten Wissensbeständen“ – hier bezüglich der Einstellungen zu einem Thema oder Gegenstand. Die ironische Äußerung verstößt scheinbar gegen das bekannte Wissen um die Überzeugungen des jeweils anderen: der Sprecher verletzt die Erwartung des Hörers, indem er eine andere als die Überzeugung zum Ausdruck bringt, die er dem geteilten Wissensbestand gemäß hat; oder er fordert den Hörer auf, einer Überzeugung zuzustimmen, von der er wissen müsste, dass der Hörer sie nicht hat. Als theoretisches Modell zur Erklärung der Entschlüsselung der ironischen Äußerung gilt die Theorie der konversationellen Implikaturen von Paul Grice. Diese Theorie liefert Kriterien zur Entdeckung, jedoch keinen Hinweis auf die Funktion der Ironie.
In der Linguistik wird diese Funktion als Bewertungskommunikation diskutiert.Helga Kotthoff: Spaß verstehen. Zur Pragmatik von konversationellem Humor. Niemeyer, Tübingen 1998, ISBN 3-484-31196-7, S. 334–337. Empirische Untersuchungen dazu Bestätigungen in Martin Hartung: Ironie in der Alltagssprache. Eine gesprächsanalytische Untersuchung. 1998. Die ironische Äußerung bringt indirekt Wertungen zur Sprache, die mit dem Gegenstand der geteilten Wissensbestände verbunden sind. Warum Ironie die gemeinte Bewertung nicht direkt, sondern indirekt ausdrückt, ist bisher nicht abschließend geklärt. Derzeit werden mehrere Ansätze parallel verfolgt: Die Anzeige einer „Bewertungskluft“ zwischen dem Geschehen und GemeintenHelga Kotthoff: Spaß verstehen. Zur Pragmatik von konversationellem Humor. Niemeyer, Tübingen 1998, ISBN 3-484-31196-7, S. 336. oder die Kommunikation zusätzlicher Beziehungsbotschaften. So kann die Verwendung einer ironischen Äußerung gegen die Kritik einer anderen Person äußern, dass trotz der Kritik affektive Einvernehmlichkeit besteht. Indem die Kritik ironisch verkehrt wird, zeigt der Sprecher eine Zurückhaltung im Vergleich zur unironischen Äußerung, die aussagt, dass die Beziehung zueinander positiv bewertet ist und zwar deutlich stärker als der negativ bewertete Gegenstand der Äußerung.Monika Schwarz-Friesel: Expressive Bedeutung und E-Implikaturen. Zur Relevanz konzeptueller Bewertungen bei indirekten Sprechakten: Das Streichbarkeitskriterium und seine kognitive Realität. In: W. Rudnitzky (Hrsg.): Kultura kak tekst. (deutsch „Kultur als Text“). SGT, 2010. (PDF; 314 kB)
Die erfolgreiche Verwendung von Ironie ist zudem eine bewusste oder unbewusste Zurschaustellung des eigenen Wissensstandes, auch um Wissens- und Überzeugzungsbestände des Gegenübers bzw. anwesender Dritter, und ist daher Ausdruck der Fähigkeit, die Gedanken anderer vorwegzunehmen und zu reflektieren. Im Diskurs wird dieses Ausdrücken von intellektueller Überlegenheit teilweise selbst wieder funktionalisiert. In hierarchischen Situationen, z. B. Dozent-Student, spricht man in diesem Zusammenhang auch vom „Ironierecht“, das in der Regel dem höher gestellten Kommunikationspartner zusteht.
Abgrenzung zur Lüge Die Ironie wird gelegentlich als verwandt mit der Lüge gesehen. Tatsächlich ist beiden gemeinsam, dass es sich um bewusste Falschaussagen handelt. Aber der ironische Sprecher setzt voraus und wünscht, dass seine Zuhörer um die Unwahrheit des Gesagten wissen, während ein Lügner wünscht, dass ihm seine Falschinformation geglaubt wird. Wie oben deutlich gemacht, geht es bei einer ironischen Äußerung überhaupt nicht um die Vermittlung einer Information (deren Vorhandensein beim Gegenüber bereits vorausgesetzt wird), sondern um deren Bewertung. Als Übergangsform zwischen Lüge und Ironie kann die Spaßlüge oder scherzhafte Lüge zählen, bei der zwar tatsächlich eine (neue) Falschinformation übermittelt wird, deren fehlender Wahrheitsgehalt jedoch gleich darauf offenbart wird.
Beispiele von Ironie A hat einen Stapel Geschirr fallen lassen. Daraufhin sagt B: „Prima machst du das!“ – Das geteilte Wissen besteht in diesem Fall darin, dass sowohl A als auch B wissen, dass es keineswegs lobenswert ist, einen Stapel Geschirr fallen zu lassen. Indem B ein vermeintliches Lob ausspricht, beachtet er dieses Wissen scheinbar nicht. Die Erkennung der Verstellung beruht darauf, dass der Hörer dies ebenfalls weiß und darüber hinaus auch weiß, dass der Sprecher dies weiß. Ein Familienvater rügt eine Geldausgabe mit der Äußerung: „Wir haben’s ja.“ – Der Vater geht hier davon aus, dass das Kind um die Beschränktheit der finanziellen Mittel der Familie weiß. Beide müssen über dieses gemeinsame Wissen verfügen. Eine häufige Definition besagt, Ironie sei das gegenteilige Meinen des Gesagten. Das fasst das Wesen der Ironie jedoch zu eng. Ein Beispiel ist ein gut gekleideter Politiker, der ironisch in einem Satz kommentiert wird: „Er ist stets außerordentlich gut gekleidet.“ Durch das Auslassen weiterer Bewertungen kommt die Frage auf, warum die politisch wichtigen Fähigkeiten nicht angesprochen werden. Gemeint sein kann eine wahrgenommene Unfähigkeit oder Profillosigkeit, jedenfalls nicht das direkte Gegenteil – der Politiker ist tatsächlich stets außerordentlich gut gekleidet.
Verstehensmodell Die ironische Äußerung verstößt gegen geteilte Wissensbestände, von deren Geteiltheit Sprecher und Adressat wissen. So müssen im zweiten obigen Beispiel Vater und Kind beide davon ausgehen, dass die finanziellen Mittel der Familie beschränkt sind. Die Äußerung des Vaters „Wir habens ja“ ist in ihren Augen falsch. Da das Kind weiß, dass dem Vater bekannt ist, dass es dies ebenfalls glaubt, kann es nicht annehmen, dass der Vater sich irrt oder lügt, sondern es muss glauben, dass er absichtlich etwas Falsches sagt, ohne täuschen zu wollen. Aus seiner Sicht verstößt das Gesagte gegen die Gricesche Konversationsmaxime der Qualität, „Versuche einen Gesprächsbeitrag zu liefern, der wahr ist“. Da nach dem Kooperationsprinzip das Kind davon ausgeht, dass der Vater ihm etwas mitteilen will und dabei an die Wissensbestände des Kindes anknüpft, versucht das Kind jetzt einen Sinn zu konstruieren. Dazu muss es eine Implikatur bilden, sodass mit diesem erschlossenen Gemeinten die Aussagen den Konversationsmaximen genügt. Nach dem Griceschen Kommunikationsmodell geschieht dies dadurch, dass der Hörer versucht, die mit der Äußerung verbundene Intention des Sprechers herauszufinden.
Welchen Zweck verfolgt der Vater gegenüber dem Kind, wenn er absichtlich etwas Falsches sagt? Indem erkannt wurde, dass die Äußerung unwahr ist, musste sich das Kind bewusst machen, dass die finanziellen Mittel der Familie beschränkt sind. Nun aktiviert das Kind weiteres Weltwissen, z. B. „Man darf keine unnützen Ausgaben machen“ oder „Väter erziehen ihre Kinder, u. a. zur Sparsamkeit“. Aus diesem Weltwissen heraus erkennt das Kind jetzt die Intention des Vaters, das Kind darauf hinzuweisen, dass man generell keine unnützen Ausgaben machen soll, auch wenn es in diesem Einzelfall geschehen ist. Es fühlt sich ermahnt, in Zukunft derartige Ausgaben zu vermeiden, und hat somit das ironisch Gemeinte erschlossen.
Misslingen der Ironie im Verstehensmodell Das Verstehensmodell ist mehrstufig und auf jeder Stufe gibt es mögliche Ursachen für das Misslingen der Ironie, das Missverstehen der ironischen Äußerung. Das Wissen ist doch nicht geteilt: Ginge das Kind fälschlicherweise davon aus, dass die Familie reich wäre, so misslänge die Kommunikation, da aus Sicht des Kindes der Vater gegen die Maxime der Quantität verstoßen hätte, dass also seine Äußerung („wir haben es ja“) keine neue Information enthielte. Das Kind würde also versuchen einen Sinn darin zu finden, dass der Vater etwas Selbstverständliches sagt. Dies wäre in jedem Fall nicht das ironisch Gemeinte, und dem Kind könnte die Konstruktion eines Sinnes auch völlig misslingen, und es verstünde gar nichts. Der Adressat weiß doch nicht um die Geteiltheit des Wissens: Wüsste das Kind zum Beispiel von der Mutter um die Beschränktheit der finanziellen Mittel, und dass der Vater häufig so tut, als wäre er reich, so könnte das Kind davon ausgehen, dass der Vater es anlügt, um vor dem Kind als reich dazustehen. Das Kind ist (noch) nicht in der Lage, die Intention des Vaters zu konstruieren: Hat das Kind erkannt, dass der Vater absichtlich etwas Falsches gesagt hat, so muss das Kind gemäß obigem Modell versuchen, die Intention hinter der Äußerung zu erkennen. Hat das Kind beispielsweise noch nicht ausreichendes Weltwissen, zum Beispiel bisher immer nur gesehen, dass das Geld aus dem Geldautomaten kommt, weiß es noch nicht, dass man keine unnützen Ausgaben tätigt und kann noch nicht die richtige Intention erschließen bzw. erkennen. Beispielsweise würde es stattdessen meinen, der Vater würde einen Scherz machen. Das Kind ist noch nicht ironiefähig, da es noch nicht in der Lage ist, komplexe Sprecherintentionen zu erkennen.Martin Hartung: Ironie in der Alltagssprache. Eine gesprächsanalytische Untersuchung. 1998, S. 41–44; Diskussion Grice’scher Konversationsmaximen, Gemeinsame Wissensbestände, S. 59 (auch Fußnoten), S. 61, S. 80, S. 150–152; Misslungene Ironie, S. 157.Helga Kotthoff: lronieentwicklung unter interaktionslinguistischer Perspektive. 2007.
Doppelte Ironie