mini|Binger Loch 2011. Das Fahrwasser ist links. Rechts, durch das Parallelwerk abgetrennt, liegt die Mäuseturminsel am Zweiten Fahrwasser. Links neben dem Parallelwerk die Lochsteine Binger Loch (auch Bingerloch) bezeichnet im ursprünglichen und engeren Sinne eine für die Rheinschifffahrt geschaffene schmale Lücke im Binger Riff, das unterhalb der namensgebenden Stadt den Rhein quert. Durch Ausbaumaßnahmen im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Engstelle im Felsriff, die zu erheblichen Behinderungen der Schifffahrt führte, aufgeweitet. Im weiteren Sinne steht Binger Loch für einen Abschnitt des Rheins, der im Oberen Mittelrheintal am Anfang des Durchbruchstals durch das Rheinische Schiefergebirge liegt.
Geographie Oberhalb des Binger Lochs fließt der Rhein ab Mainz in gestrecktem Lauf nach Westen zwischen dem Rheingau im Norden und Rheinhessen im Süden. Dieser als Inselrhein bezeichnete Stromabschnitt wird als seenartig charakterisiert; er zeichnet sich durch mehrere Stromspaltungen, eine außergewöhnliche Breite und ein sehr geringes Gefälle von 0,1 Promille aus. Namensgebend sind mehrere als Rheinauen bezeichnete Inseln.
Der Rhein hat oberhalb von Mainz eine Breite von 300 bis 400 Meter; unterhalb wird er bis zu 1000 Meter breit. Die große Breite erschwerte die Schifffahrt, so dass seit dem 19. Jahrhundert in mehreren Schritten vor allem Leitwerke gebaut wurden, durch die der Abfluss auf eine geringere Breite konzentriert wurde mit der Folge, dass durch die Räumkraft des Flusses eine größere Tiefe in der Fahrrinne entstand. Die Wasserflächen in den Nebenarmen und hinter den Leitwerken blieben weitgehend erhalten, da sie einen günstigen Einfluss auf das Klima haben, was dem Weinbau im Rheingau zugutekommt. Durch die Regulierungsarbeiten verringerte sich die Anzahl der Inseln.
Ab dem unteren Ende der Rüdesheimer Aue, der letzten Insel des Inselrheins, steht im Flussbett Fels an, der von einer geringmächtigen Kiesschicht überdeckt ist. Nur an einzelnen Stellen wie der Untiefe Krausaue ragen Felsen heraus. Am rechten Ufer nähert sich der Hohe Taunus mit seinem südwestlichsten Teil, dem Niederwald bei Rüdesheim, dem Flusslauf. Zwischen dem Gebirgszug und dem Rhein liegt der Rüdesheimer Berg mit mehreren der besten Weinlagen des Rheingaus. Am linken Ufer liegt der Rochusberg, ein durch das Durchbruchstal der Nahe abgetrennter Teil des Rheinischen Schiefergebirges. Die Nahe, ein geschiebereicher Fluss mit einem Gefälle von zuletzt 1,0 Promille, mündet zwischen Bingen und Bingerbrück in den Rhein. Das Geschiebe lagert sich an der Mündung im Nahegrund ab, eine fast bis zur Strommitte reichende, festgelagerte Kiesbank.
mini|Bingen mit der Nahemündung am Anfang des Durchbruchstals Unterhalb der Nahemündung wendet sich der Rhein in einem fast rechten Winkel nach Norden. Knapp oberhalb des Binger Riffs liegt die Burg Ehrenfels am rechtsrheinischen Hang und der Mäuseturm auf der Mäuseturminsel vor dem linken Ufer. Das Ensemble entspricht in seiner „wirkungsvollen Kontrastierung“ einem „Idealmotiv der Romantik“, weil es wie ein Torwächter „den Zugang von der hellen Weite des Rheingaus in die dunkel aufragende Enge des Mittelrheintals“ beherrsche, so die Burgenforscher Thomas Biller und Achim Wendt.
Das Binger Riff mit dem Binger Loch am rechten Ufer liegt bei Rheinkilometer 530,7 im heute rund 330 Meter breiten Flussbett. Hier durchzieht eine Quarzitbank den Rhein, die früher so hoch lag, dass bei niedrigen Wasserständen die Felsen an vielen Stellen zu Tage traten und an den anderen Stellen nur knapp unter dem Wasserspiegel lagen. Das Gestein gehört zum Taunusquarzit, der sich linksrheinisch im Binger Wald – einem Teil des zum Hunsrück gehörenden Soonwalds – fortsetzt. Durch Schichtenfaltung tritt der Quarzit in mehreren von Südwest nach Nordost verlaufenden Höhenzügen auf. Die große Härte des Gesteins zeigt sich auch in den Höhenunterschieden zwischen Rhein und den Bergen, die die größten im Rheinischen Schiefergebirge sind. So liegt rechtsrheinisch der Teufelskadrich () rund 350 Meter, der gegenüberliegende Franzosenkopf () mehr als 500 Meter über dem Wasserspiegel (circa ).
Durch Ausbauarbeiten ist das Binger Riff weitgehend abgetragen worden; heute noch sichtbar sind die Lochsteine. Sie liegen an dem Längswerk, das das heutige Fahrwasser am rechten Ufer vom früheren Zweiten Fahrwasser trennt. Im Umfeld des Riffs liegen noch weitere Felsen. Diese wurden teilweise weggesprengt, beispielsweise der Reiher, ein Riff, das in Höhe der Burg Ehrenfels den Fluss querte. Auch die Spitze der Mäuseturminsel besteht aus Fels.
Ab dem Binger Riff nimmt das Gefälle des Rheins deutlich zu. Für die gesamte Gebirgsstrecke bis Sankt Goar beträgt es – bei örtlich erheblichen Abweichungen – 0,4 Promille. Der früher am Riff vorhandene Gefällesprung wurde durch die Ausbaumaßnahmen wesentlich abgemildert.
Darstellungen aus dem 19. Jahrhundert schildern das Flussbett unterhalb des Binger Lochs als eine rasche Abfolge von Felsriffen, tiefen Kolken, Stromschnellen, scharfen Krümmungen, Stromspaltungen und Einengungen durch Schuttkegel von Zuflüssen wie der Morgenbach. Auch in diesem Flussabschnitt wurden im 19. Jahrhundert Felsen gesprengt und Buhnen gebaut, beispielsweise an einer Bucht oberhalb der Clemenskapelle, um Versandungen an der mittig liegenden Untiefe Clemensgrund vorzubeugen.
Das Tal ist durchgehend eng, die Ortschaften – Assmannshausen am rechten und Trechtingshausen am linken Ufer – haben nur wenig Raum zwischen Hang und Ufer. Die Hänge sind steil, senkrechte Abstürze an Felswänden sind häufig. Die Berge und der linksseitige Hang sind durchweg bewaldet, der rechtsseitige Hang wird zum Weinbau genutzt. Allerdings wurden seit Mitte des 19. Jahrhunderts Weinberge aufgegeben, da die Bewirtschaftung kleinteiliger Steillagen nicht mehr rentabel ist. Diese Flächen verbuschen und entwickeln sich wieder zu Wald.
Etwas flussabwärts von der Burg Sooneck quert der Rhein die Taunuskamm-Überschiebung, in der der Taunusquarzit auf den nächstjüngeren Hunsrückschiefer geschoben wurde. Im Schieferabschnitt werden Tal und Fluss breiter; das Gefälle des Rheins nimmt ab. Die direkt unterhalb der Überschiebung liegenden beiden Inseln des Lorcher Werths sind aus Geröllen des Taunusquarzits aufgebaut.
Im weiteren Verlauf der Gebirgsstrecke folgen noch mehrere, für die Schifffahrt schwierig zu passierende Stellen wie die Felsstrecke des Wilden Gefährs und die engen Kurven am Tauber Werth sowie am Loreley-Felsen.
Stromschnelle und Schifffahrt mini|Fahrwassertonne beim Binger Loch mit starker Strömung mini|Schlepper im Binger Loch Anfang der 1960er Jahre (Historisches Bildarchiv der Bundeswasserstraßen)
Da das Binger Riff kaum erodiert, hindert es den Rhein daran, durch Erosion und Sedimentation ein ideales Flusslängsprofil auszubilden, in dem das Sohlgefälle von der Quelle bis zur Mündung stetig abnimmt. Im Längsprofil des Flusses zeichnet sich das Binger Riff als deutlicher Knick ab, es wirkt somit als lokale Erosionsbasis für den Oberrhein.
Das Binger Riff gleicht einem natürlich entstandenen Wehr, das den Rhein oberhalb aufstaute. Es entsteht eine Stromschnelle mit einer markanten Fallstufe, die durch die Ausbauarbeiten nicht vollständig beseitigt wurde. Dabei stellt sich bei geringem Abfluss ein größeres Wasserspiegelgefälle ein. Nach Angaben von 1961, die sich nicht wesentlich von 1900 veröffentlichten Werten unterscheiden, betrug das Gefälle auf 17 Meter 8,3 Promille, auf weiteren 40 Meter 4,2 Promille und auf 110 Meter 3,1 Promille. Durch die Ausbauarbeiten nach 1961 wurde der Höhenunterschied von 80 auf 40 Zentimeter auf einer Länge von 300 Metern reduziert.
Durch das höhere Gefälle verdoppelt sich die Fließgeschwindigkeit in der Gebirgsstrecke gegenüber dem Inselrhein. 1961 wurde die Fließgeschwindigkeit im Binger Loch bei Gleichwertigem Wasserstand mit 3 Meter pro Sekunde angegeben.
Vor den menschlichen Eingriffen dürfte das Binger Riff bei Niedrigwasser nicht, bei höheren Wasserständen nur unter großen Gefahren und Schwierigkeiten passierbar gewesen sein. Viele Schiffer und Passagiere fürchteten das Binger Loch; bei der Durchfahrt zogen Schiffer den Hut und sprachen ein Gebet. Der Kirchenhistoriker Christoph Nebgen ordnet dies als Beispiel einer „speziellen Schifferfrömmigkeit“ ein, die sich „appellativ auch an das Kollektiv der Mitreisenden“ richtete. Diese mussten sich dann entscheiden, „diese Frömmigkeitsform mitzutragen oder aber den mitschwingenden sozialen Zwang schweigend auszuhalten.“ Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Gebete der Schiffer teilweise als antiquiert wahrgenommen; Nebgen führt unter anderem einen Reisebericht des Historikers Philipp Wilhelm Gercken von 1779 an, demzufolge die Reisenden überwiegend erheitert auf das Gebet der Schiffer reagierten. Der Historiker Thomas Etzemüller verweist auf zwei Veröffentlichungen des 18. Jahrhunderts, die die Gefahren des Binger Lochs als übertrieben dargestellt schildern: Laut Zedlers Universallexikon von 1742 erzeugt das Binger Loch zwar „gewaltige Wellen“ und ein „fürchterliches Geräusche“; bei der Talfahrt sei die Gefahr aber nicht so groß, da das Wasser den Weg von selbst weise. Der Historiker August Joseph Ludwig von Wackerbarth bestätigte dies 1794; wichtig sei, dass die Schiffer des Weges kundig und nüchtern seien; letzteres sei aber selten der Fall. Der Geologe Eduard Holzapfel schrieb 1893, Reisende, die zuvor viel vom Binger Loch gelesen und gehört hätten, seien bei der Durchfahrt vielfach enttäuscht, zumal bei mittleren Wasserständen die Felsen kaum zu sehen seien.
Bevor sich die Dampfschifffahrt durchsetzte, wurden bergfahrende Schiffe getreidelt; dabei wurden bis zu 40 Pferde eingesetzt. Schwächer motorisierte Schiffe nutzten vereinzelt noch Ende des 19. Jahrhunderts Pferde als Vorspann. Schleppzüge auf Bergfahrt näherten sich dem Binger Loch seitlich im Strömungsschatten des Riffs, durchfuhren das Loch und schwenkten oberhalb wieder zur Seite in das ruhigere Wasser im Staubereich des Riffs. Durch diese Fahrweise war nur ein Schiff des aus mehreren Kähnen bestehenden Schleppzugs der vollen Strömung ausgesetzt.
Geschichte Früher Ausbau und Rheinzoll mini|Lochsteine, im Hintergrund Burg Ehrenfels mini|Burg Ehrenfels, Zollhaus und Mäuseturm (Matthäus Merian, 1646) Über die ersten Ausbauten am Binger Loch liegen nur vage und kaum überprüfbare Angaben vor. Eine Veröffentlichung über den Mittelrhein von 1828 schreibt den Römern, Kaiser Karl dem Großen, den Erzbischöfen von Mainz, den Rheingrafen, französischen und schwedischen Truppen sowie Klöstern im Rheingau Arbeiten am Binger Loch zu. Die Klöster, insbesondere das Kloster Eberbach, transportierten Wein stromabwärts.
Die knapp oberhalb des Binger Riffs liegende Burg Ehrenfels gehörte den Erzbischöfen von Mainz. Sie wurde zwischen 1208 und 1222 erbaut. Da die Burg im Steilhang eher schwierig zu verteidigen war, wird angenommen, dass die Errichtung einer Zollstelle ausschlaggebend für die Wahl des Burgstandorts war, auch wenn ein Rheinzoll erst 1308 erwähnt wird. Am rechten Rheinufer wurde vermutlich zusammen mit der Burg ein Zollhaus errichtet, das im Dreißigjährigen Krieg schwer beschädigt wurde. 1795 stand noch eines von vormals mehreren Gebäuden; im 19. Jahrhundert wurden beim Bau der Straße und der Eisenbahn Reste beseitigt. Der Bau des Mäuseturms auf der linksseitigen Insel kann nur ungefähr auf den Zeitraum zwischen 1298 und 1371 datiert werden. Vom Turm aus konnte ein größerer Abschnitt des Rheins überblickt werden.
Widersprüchlich sind Informationen über einen Ausbau, der um 1700 von einem Frankfurter Handelshaus finanziert und von Niederländern durchgeführt worden sein soll. Die Kaufleute sollen im Holzhandel tätig gewesen sein, so dass die Baumaßnahme der damals wichtigen Flößerei zugutegekommen sein soll. Der Name des Handelshauses wird mit von Stockum, Herren von Stockheim oder Norkum angegeben.