mini|Carl Stülpner nach einem Stich von 1835 Karl Stülpner, eigentlich Carl Heinrich Stilpner, (* 30. September 1762 in Scharfenstein; † 24. September 1841 ebenda) war ein erzgebirgischer Soldat, Wilderer, Schmuggler, Fabrikant und Lebenskünstler.
Literarisch ausgeschmückte zeitgenössische Biographien und nachfolgend noch freiere Darstellungen seiner Lebensgeschichte in Erzählungen, Romanen, volkstümlichen Theaterstücken und schließlich Verfilmungen haben zu einer umfangreichen Legendenbildung geführt und dazu beigetragen, dass Stülpner in seiner Heimatregion noch heute als Volksheld angesehen und gelegentlich als „sächsischer Robin Hood“ bezeichnet wird.
Geschichtlicher Hintergrund Sachsen Während des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) hatte das Kurfürstentum Sachsen erhebliche Schäden erlitten und war am Ende hoch verschuldet. Im Zuge des Rétablissements leiteten Kurfürst Friedrich Christian († 1763) und Prinz Xaver (Regent von 1763 bis 1768) eine Reihe von Reformen ein, die u. a. die beginnende Industrialisierung förderten. Eine ebenfalls geplante Neuordnung der Wald- und Wildbewirtschaftung gelangte dagegen nicht zur Ausführung. Auch an der Situation der bäuerlichen Bevölkerung änderte sich wenig. Wirtschaftliche Notlagen und andere Missstände führten zum Bauernaufstand von 1790, der mit Militärgewalt niedergeschlagen wurde. Zwischen 1805 und 1814 verursachten die Napoleonischen Kriege erneut materielle Belastungen sowie politische Unsicherheit.
Erzgebirge Im Gefolge des jahrhundertelangen Bergbaues war das Erzgebirge relativ dicht besiedelt und wurde bis an die Grenze des damals Möglichen ackerbaulich genutzt. Die von den Grund- und Landesherren betriebene Überhege der Wildbestände schmälerte die im rauen Klima ohnehin bescheidenen und unsicheren Erträge der Landwirtschaft zusätzlich. Nach Missernten und Teuerungen in den Jahren 1771 und 1772 kam es zu einer Hungersnot, die mehrere tausend Opfer forderte.
Grundherrschaft Scharfenstein Besitzer des Rittergutes Scharfenstein waren um 1800 verschiedene Angehörige der Familie von Einsiedel, die Grund- und Gerichtsherren von Scharfenstein und Gütern in Dittersdorf bei Zschopau, Grießbach, Großolbersdorf, Grünau bei Wolkenstein, Hohndorf bei Zschopau, Hopfgarten bei Wolkenstein, Kemtau, Scharfenstein, Weida bei Scharfenstein und Weißbach bei Zschopau waren. Die Bewirtschaftung des Gutes Scharfenstein war einem Pächter und die Wahrnehmung des Patrimonialgerichtes einem in Thum ansässigen Gerichtsverwalter übertragen worden. Eine permanente Gendarmerie oder Polizei stand dieser Herrschafts- und Justizstruktur noch nicht zur Verfügung. Die Auseinandersetzung mit Wilderern blieb weitgehend den Jagd- und Forstangestellten vor Ort überlassen.
Biographische Quellen mini|Stülpnerberg, Heimatberg über das Leben von Karl Stülpner in Zwickau-Planitz Nur wenige Details aus Karl Stülpners Lebenslauf sind urkundlich belegbar. Ein großer Teil der überlieferten Geschichten basiert allein auf den eher literarischen als dokumentarischen Werken seiner Zeitgenossen Friedrich von Sydow und Carl Heinrich Wilhelm Schönberg. Systematische Recherchen in amtlichen Unterlagen wurden erst ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unternommen, insbesondere durch den Lehrer und Heimatforscher Johannes Pietzonka. Dabei traten viele Differenzen zwischen der tradierten Überlieferung und der Aktenlage zutage. Die meisten der Abenteuer und Anekdoten, die das Charakterbild Stülpners und seine langanhaltende Popularität prägten, sind aber ohnehin so beschaffen, dass sie sich jeder Überprüfung entziehen.
Friedrich von Sydow verbrachte seine Kindheit in Thum, trat 1794 als Dreizehnjähriger in das Infanterieregiment „Prinz Maximilian“ ein, in dem 1779–1785 und 1800–1807 auch Stülpner diente, und war anfangs wie dieser im Erzgebirge stationiert. Nach einer wechselvollen Militärkarriere erschien v. Sydow im März 1812 im Rang eines Premierlieutenants als PlatzkommandantFreyberger gemeinnützige Nachrichten. Jahrgang 1812, No. 12 vom 19. März 1812, S. 94, Absatz Bekanntmachungen an die Bewohner Freybergs: Friedrich von Sydow kündigt seinen Dienstantritt als Platzkommandant an in Freiberg und veröffentlichte dort im Juni und Juli desselben Jahres unter dem Autorenkürzel F. v. S. in den Nummern 23 bis 29 der Wochenzeitung „Freyberger gemeinnützige Nachrichten“ eine Fortsetzungsgeschichte mit dem Titel Carl Stülpner, ein berüchtigter Wildschütz im sächsischen Erzgebirge. Wann und wie die darin beschriebenen Begebenheiten zu seiner Kenntnis gelangt waren, legte er darin jedoch nicht dar.
Zwanzig Jahre später publizierte v. Sydow, nunmehr im Ruhestand in Sondershausen lebend, das Material erneut und erweitert unter dem Titel Der berüchtigte Wildschütz des Erzgebirges Carl Stülpner – Ein biographisches Gemählde, der Wahrheit treu angelegt und mit romantischen Farben ausgemahlt. In diesem Werk ist die Ausschmückung mit fiktiven Elementen offensichtlich.
Weitere drei Jahre später erschien Carl Stülpner’s merkwürdiges Leben und Abenteuer als Wildschütz im sächs. Hochgebirge, sowie dessen erlittene Schicksale während seines unter verschiedenen Kriegsperioden und Nationen gethanen 25jährigen Militairdienstes. Von ihm selbst der Wahrheit treu mitgetheilt, und herausgegeben von Carl Heinrich Wilh. Schönberg. Wann, wo und in welcher Weise Schönberg mit Stülpner in Kontakt stand, ist bislang nicht bekannt. Zu v. Sydows Stülpner-Biographie von 1832 bemerkt Schönberg, diese sei […] weder mit Wissen, noch mit Bewilligung Stülpners […] herausgegeben […] worden und enthalte übertriebene und falsche Angaben. Soweit inhaltliche Übereinstimmung besteht, ähnelt Schönbergs Text aber oft nahezu wörtlich dem seines Vorgängers.
Die Historie von Karl Stülpner, dem kühnen Wildschützen des sächsisch-böhmischen Erzgebirges, in poetischem Gewande geschildert und nach Stülpners eigener Ueberlieferung mitgetheilt von Paul Haar 1888 ist eine Bearbeitung der Schönbergschen Biographie. Im Unterschied zu anderen literarischen Nachverwertern betrieb Haar aber selbst Nachforschungen vor Ort und präsentierte einige bis dato unveröffentlichte Episoden und Daten in Form von Fußnoten. Als Gewährsmann nennt er den Scharfensteiner Ortsvorsteher Wilhelm Gottschalk, dessen Hausgenosse Stülpner zeitweise war.
Die Zusammenschau dieser Quellen ergibt folgende
Kompilierte Biographie 1762 bis 1779, Kindheit und Jugend mini|Karl-Stülpner-Gedenkstein am Standort des Geburtshauses in Scharfenstein Carl Heinrich Stilpner kam am 30. September 1762 (laut Schönberg am 20. September 1761) als letztes von acht Kindern des Johann Christoph Stilpner zur Welt. Die Familie besaß seit 1745 in Scharfenstein ein Häusleranwesen mit Garten und einem Stück Hochwald, den Lebensunterhalt erwarb Karls Vater hauptsächlich als Mühlknappe und Schuster. Karls Mutter Marie Sophie war eine Tochter des Häuslers und Schützen Melchior Schubarth (laut Schönberg: […] des herrschaftl. Försters in Scharfenstein, eines gewissen Mälcher […]).
Schönberg: Nachdem er schulfähig geworden, wurde er […] in die eine halbe Stunde entfernte Schule in Großolbersdorf geschickt. Pietzonka: Der Heimatforscher R. Höfer weiß aus alten Schulakten zu berichten, daß Karl in den Jahren 1771 bis 1774 zu Rektor Johann Gotthelf Gläser in die Knabenschule gegangen sei […].
Schönberg: Als Karl […] das achte Jahr erreicht hatte, starb sein Vater […] an den Folgen einer Brustentzündung. Pietzonka: Im zuständigen Totenregister zu Großolbersdorf findet sich kein entsprechender Vermerk, es weist allerdings eine von 1771 bis 1774 reichende Eintragungslücke auf.
1772 verzeichnet das Gerichtsrepertorium Scharfenstein einen Bericht über die auf dem hiesigen Schlosse von Marien Sophien Stilpnerin, ihrem Söhnchen und Schwiegersohn Gottfried Mehnern begangene Fleisch- und Getreidedeube (Deube = Diebstahl). Dies ist lediglich ein Registriervermerk, der nicht verrät, ob es nachfolgend zu einer Anklage und Verurteilung gekommen ist. Der Bericht selbst ist verschollen, der Name des „Söhnchens“ bleibt somit ungenannt. Karl war zu dieser Zeit etwa zehn, die beiden anderen Söhne der Stilpnerin etwa 16 bzw. 21 Jahre alt. Schönberg und von Sydow erwähnen den Vorfall nicht.
Schönberg: Mit dem Eintritte seines 10. Jahres nahm ihn ein Anverwandter, der Förster Müller aus Ehrenfriedersdorf, zu sich […]. Dort wurde Karl mit dem Jägerhandwerk vertraut gemacht. Pietzonka: Nachweisbar ist die Existenz eines Forstadjunktes C. C. Müller in Ehrenfriedersdorf, das Verwandtschaftsverhältnis dagegen bisher nicht.
Schönberg: Hier in Ehrenfriedersdorf blieb Carl bis zu seinem 12ten Jahre, wo er dann auf dringendes Verlangen seiner Mutter wieder zu ihr nach Scharfenstein zurück kehrte. Haar: 1774 wurde das Haus der Stilpners wegen aufgelaufener Schulden zwangsversteigert. Marie Sophie Stilpner behielt jedoch das Recht auf freie Wohnung im Hause bis zu ihrem Tode. Schönberg: Karl nahm Gelegenheitsarbeiten an, um zum Lebensunterhalt beizutragen. Auch als er nach zurückgelegtem 14ten Jahre in Großolbersdorf von dem würdigen Pastor Portius confirmiert worden war, blieb er noch in der Behausung seiner Mutter, und suchte durch allerlei für ihn passende Handarbeiten für sich und seine Mutter […] die nothwendigsten Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Wegen seiner Jagdkenntnisse wurde er auch zu herrschaftlichen Jagden herangezogen.
Laut Schönberg wurde Karl Stülpner bereits im Alter von weniger als 16 Jahren erstmals zum Militärdienst einberufen. Er habe im Bayerischen Erbfolgekrieg (1778/79) zwei Jahre als Trainsoldat gedient und sei schließlich nur auf energisches Betreiben seiner Mutter entlassen worden und nach Scharfenstein zurückgekehrt. Von Sydow berichtet von dieser Episode nichts. Pietzonka erwähnt sie mit Verweis auf Schönberg, fand aber selbst keine bestätigenden Dokumente und vermutet eher nur einen Hilfsdienst als „Troßbube“.
Haar: Mit etwa 18 Jahren soll Stülpner von einem Förster beim Wildern ertappt und durch einen Schrotschuss an der Stirn verletzt worden sein.
1779 bis 1785, Militärdienst Historische Mannschaftslisten belegen, dass sich Carl Heinrich Stilpner im November 1779 gegen ein Handgeld von 2 Talern 18 Groschen, d. h. freiwillig, zu einer achtjährigen Dienstzeit beim sächsischen Infanterieregiment „Prinz Maximilian“ verpflichtete und im Januar beim Regiment in Chemnitz in Zuwachs genommen wurde. Von Sydow erwähnt 1812 diesen Militäreintritt Stülpners ohne weitere Einzelheiten. Erst in seinem Roman von 1832 fügte er die Geschichte ein, Stülpner sei zwangsweise rekrutiert worden, dem Rekrutierungskommando aber entwischt und nach Chemnitz vorausgeeilt, um sich dort durch scheinbar freiwilligen Eintritt wenigstens noch das Handgeld zu verschaffen. Schönberg beschreibt ebenfalls eine Zwangsrekrutierung, jedoch ohne die Fluchtepisode.
Karl Sewart weist darauf hin, dass Stülpners Eintritt in Chemnitz tatsächlich ungewöhnlich war, denn nach Maßgabe der seinerzeit festgelegten Rekrutierungsbezirke gehörte er eigentlich dem Einzugsgebiet des Zschopauer Truppenteils an. Durch eine im November 1784 beurkundete Versetzung Stülpners nach Zschopau war diese Unregelmäßigkeit wieder beseitigt. Schönbergs Angabe, dass Stülpner drei Jahre in Zschopau gedient habe, passt nicht zur Datierung des Versetzungsvermerkes. Letzterem zufolge dürfte er nur wenige Wochen dort gewesen sein. Schönberg nennt explizit als Grund für die Versetzung, dass gegen Stülpner zunehmend Beschwerden wegen Wilderei eingegangen seien. Stülpner sei zwar im Rahmen seines Dienstes ganz offiziell mit Jagdaufgaben in den von seinen Vorgesetzten gepachteten Revieren betraut gewesen, habe dabei jedoch oft und mit stillschweigender Billigung seiner Auftraggeber die Reviergrenzen überschritten. Auch v. Sydow vermeldet illegale Jagdaktivitäten Stülpners, jedoch nur auf eigene Hand während der Heimaturlaube in Scharfenstein.