mini|Rolf von Hoerschelmann, Selbstporträts als 18- und 50-Jähriger Rolf Erik von Hoerschelmann (* 28. Februar 1885 in Dorpat, Gouvernement Livland, Russisches Kaiserreich; † 12. März 1947 in Feldafing) war ein deutschbaltischer Illustrator, Sammler, Schriftsteller und Bohemien.
Leben Hoerschelmann wurde als dritter von vier Söhnen des Hochschullehrers und Altphilologen Wilhelm von Hoerschelmann und seiner Frau Alexandrine, geborene von Bosse, Tochter des russischen Hofarchitekten Harald Julius von Bosse, in Dorpat, dem heutigen Tartu (Estland), geboren. Ein älterer Bruder war der Physiker Harald Wilhelm Tacitus von Hoerschelmann (1878–1941).Paul Peter Ewald: Erinnerungen an die Anfänge des Münchener Physikalischen Kolloquiums. In: Physikalische Blätter. Band 24, 1968, S. 540 (PDF); Rolf von Hoerschelmann war infolge einer Wachstumsstörung, die in der Pubertät auftrat, gesundheitlich labil und kleinwüchsig, weshalb seine Freunde ihm später den Spitznamen „der kleine Hoerschel“ gaben. In seiner Vaterstadt besuchte er das Privatgymnasium Rudolf von Zeddelmanns. Ersten Zeichenunterricht erhielt er von Susa Walter. mini|Rolf von Hoerschelmann (unten) in der Debschitz-Schule, München, Frühjahr 1903 Um die Jahrhundertwende, wohl 1903, zog er nach München, wo er mit seiner verwitweten Mutter, genannt „Sascha“, in der Schwabinger Gedonstraße 8 viele Jahre gemeinsam wohnte. Als leidenschaftlicher Sammler hortete er dort in seinem „Fuchsbau“ alles, was mit Papier zu tun hatte und ihm kulturgeschichtlich interessant erschien, vornehmlich aber Grafiken. Trotz begrenzter finanzieller Mittel legte Hoerschelmann im Laufe seines Lebens eine beträchtliche Sammlung an. Hierzu pflegte er die Antiquariate Münchens zu durchstreifen, wobei er scherzhaft bedauerte, dass er von deren Beständen „nur die unteren anderthalb Meter kenne, da er nicht höher hinaufreiche.“ mini|Weihnachtsmärchen, Illustration in der Zeitschrift Jugend, 1924 mini|Böser Leumund, Federzeichnung von 1929 (Privatbesitz) Bei Hermann Obrist und Wilhelm von Debschitz absolvierte er in den Lehr- und Versuch-Ateliers für angewandte und freie Kunst eine reformorientierte künstlerische Ausbildung. Einen Namen machte Hoerschelmann sich dann als Entwerfer von Exlibris. Einige Jahre arbeitete er als Silhouetten-Schneider bei den Schwabinger Schattenspielen, die 1907 von Alexander von Bernus gegründet worden waren.Frieder Paasche: Schattentheater in Deutschland. Webseite (o. D.) im Portal vagantei-erhardt.de, abgerufen am 31. Dezember 2014. Bei Karl Wolfskehl und Emil Preetorius lernte er bald den Zeichner Alfred Kubin kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Als Bücherfreund war er Mitglied der Gesellschaft der Münchner Bibliophilen (1908–1913) und der Gesellschaft der Münchner Bücherfreunde (1923–1931). In diesen geselligen Zirkeln lernte er viele Antiquare, Buchhändler, Verleger, Illustratoren, Schrift- und Buchgestalter kennen. Durch die Mitarbeit in den Schwabinger Schattenspielen und bei der Zeitschrift Simplicissimus kam er außerdem in Kontakt mit der „Crème der Boheme von Schwabing“, unter ihnen Friedrich und Ricarda Huch, Heinrich und Thomas Mann, Richard Dehmel, Hermann Hesse sowie Stefan George. Als Stammgast der Künstlerlokale Simpl und Café Stefanie traf Hoerschelmann auf weitere Protagonisten der Münchener Kunstszene, so Franziska Gräfin zu Reventlow, Carl Georg von Maassen, Joachim Ringelnatz, Max Halbe und Erich Mühsam. Aus der Zeit stammt auch die satirische Zeichnung Böser Leumund. Der Maler Max Unold meinte über die Vita seines Freundes Hoerschelmann, ihm gelinge „wie selten einem das Wunder, das Leben zu vervielfachen.“ Im Laufe seines Lebens unternahm er mehrere Studienreisen, nach Italien und Frankreich. Dort entstanden Aquarelle mit Ansichten von Paris, der Provence, Rom, Umbrien und der Toskana.
In der Zeit des Nationalsozialismus war Hörschelmann Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste. Für diese Zeit ist seine Teilnahme an elf großen Ausstellung sicher belegt.Martin Papenbrock, Gabriele Saure (Hrsg.): Kunst des frühen 20. Jahrhunderts in deutschen Ausstellungen. Teil 1. Ausstellungen deutsche Gegenwartskunst in der NS-Zeit. VDG, Weimar, 2000; S. 456 und passim
Im September 1934 unternahm er mit Hans Purrmann und Hugo Troendle eine Fahrt zur Corot-Ausstellung nach Zürich.H. Purrmann – Leben, Webseite im Portal purrmann.com, abgerufen am 1. Januar 2015. Im Herbst 1943 zerstörte ein Luftangriff seine Schwabinger Wohnung. Danach lebte er in Feldafing am Starnberger See, wo er starb und begraben wurde.
Eine engere Beziehung zu einer Frau hatte Hoerschelmann erst in späteren Lebensjahren, zu Elisabeth Bachmair, geborene Zeller, genannt „Lisel“, der zweiten Frau des Verlegers Heinrich Franz Seraph Bachmair. Sie nannte ihn „Pappilein“ und pflegte „den kranken Hoerschel“ bis zum Tode und erledigte die Trauerkorrespondenz. 1945, wenige Monate vor seinem Tode, lebte der Schaffensdrang Hoerschelmanns noch einmal auf, als er gleichzeitig mit dem Untergang des Nationalsozialismus als Illustrator und Sammler wieder gefragt war. Aus dieser Zeit stammt seine Veröffentlichung Leben ohne Alltag (1947), in der er Lebenserinnerungen und Aufsätze zusammenfasste.Eberhard Köstler: Bücher Bücher Bücher Bücher. Aus der Blütezeit der Münchner Bibliophilie. Festvortrag vom 25. Mai 2008, München, veröffentlicht in: Ute Schneider (Hrsg.): Imprimatur. (Inhaltsverzeichnisse), NF XXI, 2009, S. 259 ff., 273 (PDF) Unter dem Titel Allerlei Papier gedachte die Neue Sammlung in München des Verstorbenen durch eine Ausstellung aus seinem Nachlass in den Jahren 1947/1948.Annette Doms: Neue Wege. Über die Situation und Rezeption moderner Malerei in der Münchener Nachkriegszeit. Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München, München 2004, S. 185 f. (PDF)
Nachlass Dirk Heißerer monierte im Jahr 2000, dass der Nachlass von Hoerschelmann im Münchener Stadtmuseum „weder katalogisiert noch der Öffentlichkeit zugänglich“ sei.Dirk Heißerer: Sammelsurius oder Petervaters Kleines Welttheater. Zu einer Sammlung von Werken Rolf von Hoerschelmanns. In: Buch- und Kunstauktionshaus F. Zisska & R. Kistner, Katalog zur Auktion 36/II vom 20. Oktober 2000, Einleitung o. S. Der Nachlass befand sich lange Zeit in seinem letzten Wohnort Feldafing, wo er von Eva-Maria Herbertz katalogisiert wurde. Im Oktober 2024 wurde er an die Monacensia in München übertragen. Der Nachlass umfasst über 1000 Briefe, 150 Fotos, kistenweise Rezeption und 500 Arbeiten.
Werke (Auswahl) Hoerschelmann schuf als Schriftsteller, Zeichner, Karikaturist und Grafiker ein vielseitiges Werk, Illustrationen für etwa 40 Bücher und die Zeitschriften Simplicissimus, Jugend und Fliegende Blätter, zahlreiche Holz- und Scherenschnitte, Aquarelle und Exlibris sowie Plakatentwürfe.Verein der Plakatfreunde (Ortsgruppe München): Das Plakat. Katalog der Ausstellung Münchner Reklamekunst, Juli/August 1914, mit einem Einleitungstext von Georg Jakob Wolf (PDF) Seine Zeichnungen kennzeichnet ein flotter, impressionistischer Strich. Die bis dahin vernachlässigte Kunstform der Silhouette bekam durch Hoerschelmann einen neuen Stellenwert in der Buchillustration.Dirk Heisserer: Der Maler und Zeichner Rolf von Hoerschelmann. In: Librarium. Zeitschrift der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft (= revue de la Société Suisse des Bibliophiles). Band 43, 3/2000, S. 201. Die Buchillustrationen Hoerschelmanns sind von unterschiedlichen Schaffensperioden des Grafikers Alfred Kubin beeinflusst,Beate Schlöglhofer: Der Graphiker Alfred Kubin als Impulsgeber der Illustrationskunst des 20. Jahrhunderts. Diplomarbeit Universität Wien, Wien 2011, S. 70 (PDF) auch von Max Slevogt. Mit Kubin teilte Hoerschelmann einen Hang zur Phantastik.
Illustrationen (Auswahl) mini|Federzeichnung aus dem Buch Drei Märchen von Theodor Storm von 1925, dargestellt ist der „Feuermann“ im Märchen Die Regentrude
Diverse Zeichnungen im Gästebuch von Carl Georg Maassen Pfau, „dekorative Zeichnung“ im Jahrbuch für bildende Kunst in den Ostseeprovinzen, IV. Jahrgang, 1910Jahrbuch für bildende Kunst in den Ostseeprovinzen, IV. Jahrgang, 1910 (JPG) Selbstbildnis, 1916, Feder- und Tuschzeichnung Abendfriede, 1919,Abendfriede, 1919, Abbildung im Portal tumblr.com, abgerufen am 30. Dezember 2014. Illustration in der Zeitschrift Der Orchideengarten Der Säulenheilige, 1919, Illustration in der Zeitschrift Der Orchideengarten Goethe. Empfindsame Geschichten, 1921 (zehn Illustrationen) Jean Paul: Vergessene Schriften, 1921 (acht ganzseitige Illustrationen & diverse Vignetten) Selbstporträt 1903–1935, 1935Selbstporträt 1903–1935, JPG im Portal stadtmuseum.bayerische-landesbibliothek-online.de, abgerufen am 1. Januar 2015. Selbstporträt als „Sammelsurius“ in seiner Schwabinger Wohnung, Federlithografie Straßenszene, Federzeichnung, Webseite im Portal de.zisska.de, abgerufen am 1. Januar 2015. Verfallene Hütte, Federzeichnung, Webseite im Portal de.zisska.de, abgerufen am 1. Januar 2015. Begegnung mit dem Tod, Lithografie Das Einhorn, Federlithografie Wolkenwanderer, Federzeichnung
Schriften (Auswahl) Adressbuch, ab 1907, umfangreiche, historisch bedeutsame private Adressensammlung Hoerschelmanns Mit Franz Blei, Carl Georg von Maassen, Carl Graf von Klinckowström und Ernst Schulte Strathaus: Ueber den Lyrismus bei Max Halbe in seinen Beziehungen zur Anacreontik der Spätromantiker. Fingierte Inaugural-Dissertation, 1911 Mit Carl Georg von Maassen, Reinhard Koester und Max Unold: Irma. Ein Fragment. Parodistisches Drama, 1913 Leben ohne Alltag. Sammlung von Aufsätzen, Wedding-Verlag, Berlin 1947.
Rezeption Im „Schwabingroman“ Jossa und die Junggesellen karikierte der Schriftsteller Willy Seidel Hoerschelmann als die Figur des zwergenhaften Künstlers „Hasso von Klösterlein“, als Antipoden der hünenhaften Figur des „Schweickhardt-Gundermann“, womit er den Schriftsteller Karl Wolfskehl überzeichnete. Den zwergenhaften Künstler beschrieb Seidel wie folgt:Dirk Heißerer: Wo die Geister wandern. München 1996, S. 169.
Der Schriftsteller Thomas Mann nannte Hoerschelmann „Herrn vom Hoerselberg“, eine Anspielung auf die Hörselberg- und die Tannhäuser-Sage.Dirk Heißerer, S. 9.Peter de Mendelssohn: Der Zauberer. Das Leben des deutschen Dichters Thomas Mann. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 1996, Band 3, Teil 2, S. 154 f.
Der Schriftsteller Hermann Hesse schrieb am 2. April 1947 als Nachruf:Zitiert nach Eberhard Köstler, S. 276.
Literatur Eva-Maria Herbertz: „Der heimliche König von Schwabylon“. Der Graphiker und Sammler Rolf von Hoerschelmann in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Allitera Verlag, München 2005, ISBN 3-86520-137-7. (Leseprobe)
Kuno Hagen: Lexikon deutschbaltischer bildender Künstler. 20. Jahrhundert. Köln 1983. Ludwig Hollweck: Deutsch-Balten in München. München 1974.
Buch- und Kunstauktionshaus F. Zisska & R. Kistner: Rolf von Hoerschelmann. Auktionskatalog, Auktion 36/II vom 20. Oktober 2000.
Weblinks
Dirk Heisserer: Der Maler und Zeichner Rolf von Hoerschelmann. In: Librarium. Zeitschrift der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft (= revue de la Société Suisse des Bibliophiles). Band 43, Heft 3/2000, doi:10.5169/seals-388696, S. 201 ff. Hoerschelmann, Rolf Erik von, Biografie im Portal kulturportal-west-ost.eu Biografie in Eberhard Köstler: Bücher Bücher Bücher Bücher. Aus der Blütezeit der Münchner Bibliophilie. Festvortrag vom 25. Mai 2008, München, veröffentlicht in: Ute Schneider (Hrsg.): Imprimatur. (Inhaltsverzeichnisse), NF XXI, 2009, S. 259 ff., 273 (PDF) Rolf von Hoerschelmann, Webseite im Portal literaturportal-bayern.de Rolf von Hoerschelmann-Archiv in der Gemeinde Feldafing, Webseite im Portal feldafing.de Rolf von Hoerschelmann, Auktionsresultate im Portal artnet.de
Einzelnachweise
Kategorie:Illustrator (Deutschland) Kategorie:Papierkünstler Kategorie:Graphiksammler Kategorie:Bibliophiler Kategorie:Kunstsammler Kategorie:Autor