Jean Froissart (* um 1337 in Valenciennes; † um 1405 vermutlich in Chimay/Belgien) war ein spätmittelalterlicher französischsprachiger Dichter und Chronist. Sein Hauptwerk ist eine umfangreiche Chronik der ersten Hälfte des Hundertjährigen Krieges (1337–1453) zwischen den Kronen Englands und Frankreich.

Leben und Schaffen mini|Place Froissart, Chimay, Belgien mini|Edward III. belagert Reims. Illustration in einer Ausgabe des 15. Jhs. der Chroniques de Jean Froissart, Bibliothèque Nationale de France mini|Die Schlacht von Beverhoutsveld, um 1468 lluminiert in den Chroniques de Jean Froissart (Berlin Staatsbibliothek: Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz, ms. Rehdiger 3 (Depot Breslau, 1, Bd. 3) mini|Einzug der Isabella von Bayern in Paris. Buchillustration in Chroniques, London, British Library, ms. 4379, um 1470/72 Frühes Leben; Aufenthalt in England Über Froissarts Leben ist relativ wenig bekannt. Die meisten Fakten zu seiner Biographie liefern die autobiographischen Anspielungen in seinen historischen Werken. Außerdem erwähnen archivalische Quellen manche Angaben zu seinen Diensten für Adlige sowie Geschenke, die er von seinen Patronen erhielt. Dagegen sind die pseudo-autobiographischen Angaben in Froissarts Gedichten unzuverlässig. Sein eigenes Zeugnis, dass er 1390 ein Alter von 57 Jahren erreicht habe, ist widersprüchlich; meist wird heute sein Geburtsjahr mit etwa 1337 angenommen. Er wurde in Valenciennes in der damaligen Grafschaft Hennegau geboren und war eventuell der Sohn eines Wappenmalers, wie er in einer dem Grafen von Foix dargebrachten Pastourelle anzudeuten scheint, doch ist dies unsicher. Er dürfte zunächst für eine geistliche Laufbahn bestimmt gewesen sein und die für angehende Kleriker vorgesehene Erziehung erhalten haben. Doch verspürte der literarisch sehr interessierte junge Mann, der allerlei Romane las, offenbar keine besondere Neigung für diesen Beruf und wandte sich bald von einem geistlichen Leben ab.R. Barton Palmer, in: Dictionary of Literary Biography, Bd. 208 (1999), S. 120.

Schon früh genoss Froissart die Förderung durch die Familie des Grafen von Hennegau. Auch begann er bereits in jungen Jahren, Reime zu dichten und sich für die zeitgenössische Geschichte zu interessieren. Im Auftrag von Robert de Namur schrieb er einen Bericht über erst vor kurzem ausgetragene kriegerische Konflikte zwischen England und Frankreich, insbesondere die Schlachten von Crécy (1346) und Poitiers (1356). Wohl auf die Empfehlung von Johann von Beaumont, einem Sohn des Grafen Johann II. von Hennegau und Holland, fand Froissart Anschluss an Philippa von Hennegau, die Gemahlin von König Edward III. von England. Daher ging er 1361 als etwa 24-Jähriger zu ihr an den Londoner Königshof. Nach einer kurzen Rückkehr in seine Heimat begab er sich wieder an ihren Hof und wurde zu ihrem Sekretär ernannt, eine Position, die er bis zu ihrem Tod behielt. Aufgrund dieser Stellung lernte er bedeutende Persönlichkeiten wie den in die Gefangenschaft nach London zurückgekehrten französischen König Johann II. den Guten und Edward, den Schwarzen Prinzen sowie Militärführer der Frühphase des Hundertjährigen Kriegs kennen.Jean-Charles Roman d’Amat, in: Dictionnaire de Biographie française. Bd. 14 (1979), Sp. 1338.

Am englischen Hof verfasste Froissart höfische Lyrik und andere Versdichtungen im Stile Guillaumes de Machaut. In London begann er auch, sich als Chronist der jüngsten Vergangenheit zu betätigen. Eine erste Chronik, die die Kriegstaten der Engländer feierte und Philippa gewidmet war, ist jedoch nicht erhalten. Waren Chronisten bis dahin in der Regel Personen, die an dem von ihnen geschilderten Geschehen selbst beteiligt gewesen waren und dieses aus ihrer Sicht rückblickend darstellten, so entwickelte Froissart die neuartige Methode, sich historische Ereignisse von verschiedenen Zeugen berichten zu lassen und aus den unterschiedlichen Perspektiven ein quasi objektives Bild zusammenzusetzen. Um Informationen zu gewinnen, nutzte er nicht nur seine lokalen (zum Beispiel anfangs meist Londoner) Bekanntschaften, sondern unternahm auch Reisen in England, Frankreich und den Niederlanden zu potenziellen Augenzeugen.

Das Bild des Hundertjährigen Krieges, das er entwirft, ist allerdings in erster Linie das von ruhmsüchtigen Fürsten und Rittern, die sich eindrucksvolle Kämpfe und Schlachten liefern. Hierbei sympathisiert Froissart anfangs eher mit den Engländern. Später werden ihm zumindest ansatzweise auch die Leiden des Volkes in Frankreich bewusst sowie die Tatsache, dass die englischen Feldzüge auf französischem Boden Raubzüge waren, bei denen englische Könige und Heerführer die Schwäche ausnutzten, in die Frankreich nach 1314 durch eine Serie rascher Thronwechsel verfiel.

Während seines Aufenthalts in England reiste Froissart u. a. 1365 zu König David II. nach Schottland. Wohl 14 Tage verweilte er auf dieser Tour bei William Douglas, 1. Earl of Douglas in Dalkeith. Auf Anregung Königin Philippas wollte er den Schwarzen Prinzen begleiten, als dieser sich nach Kastilien begab, um Peter den Grausamen zu unterstützen. Im Frühjahr 1366 verließ er London und reiste über Brüssel nach Bordeaux (Januar 1367). Einen Monat später kam er in Dax an, wurde aber vom Schwarzen Prinzen mit Briefen, die er dessen Mutter Philippa überbringen sollte, nach England zurückgeschickt.

Dienst für mehrere Patrone; Reisen; literarische Tätigkeit Im Frühjahr 1368 begleitete Froissart einen anderen Sohn Philippas, Lionel of Antwerp, 1. Duke of Clarence, zu dessen Hochzeit mit Violante Visconti nach Mailand. An den Vermählungsfeierlichkeiten des jungen Prinzen nahmen auch die bedeutenden Literaten Geoffrey Chaucer und Francesco Petrarca teil. Froissart geht in seinen Werken kaum auf diese Reise ein. Der Duke of Clarence starb bereits am 17. Oktober 1368 in Asti. Froissart blieb zunächst noch in Italien und machte von Mailand aus einen Abstecher nach Savoyen, dann besuchte er Bologna, Ferrara und Rom. Als er auf der Rückreise in Brüssel vom Tod seiner Gönnerin, Königin Philippa († 15. August 1369) erfuhr, kehrte er nicht nach England zurück, sondern ging wieder nach Valenciennes, wo er kurzzeitig als Händler arbeitete. Bereits 1370 aber lebte er in Brüssel, wo er in Robert de Namur seinen neuen Mäzen fand.

Um 1370 begann Froissart mit der Arbeit an seinen vierteiligen Chroniques de France, d’Angleterre, d’Ecosse, de Bretagne, de Gascogne, de Flandre et lieux circonvoisins (Chroniken Frankreichs, Englands, Schottlands, der Bretagne, der Gascogne, Flanderns und der benachbarten Örtlichkeiten), deren erstes Buch er Robert de Namur widmete. An dieser Chronik schrieb er unermüdlich bis fast an sein Lebensende. Sie erfuhr im 15. Jahrhundert eine so beachtliche Verbreitung, dass sich mehr als 100, zum Teil reich illustrierte, Manuskripte erhalten haben.

1372 feierte Froissart die Rückkehr des Herzogs Wenzel von Brabant nach Brüssel in einer Pastourelle; der Herzog war nämlich 1371 in der Schlacht bei Baesweiler in Gefangenschaft geraten und nun erst freigelassen worden. In der Folge konnte sich Froissart auch der Patronage Wenzels erfreuen. Im September 1373 wurde ihm nach Empfang der niederen Weihen die Pfarre zu Lestines-au-Mont verliehen, die damals zum Bistum Cambrai gehörte. Unterdessen schuf er neben der Arbeit an seiner Chronik auch andere Werke. So arbeitete er am Meliador, dem letzten in Versen verfassten und zum Artus-Stoff gehörigen Ritterroman in französischer Sprache, in den auch Gedichte Herzog Wenzels eingestreut sind. 1381 wurde er Sekretär des Herzogs.Jean-Charles Roman d’Amat, in: Dictionnaire de Biographie française. Bd. 14 (1979), Sp. 1339.

Nach Wenzels Tod im Dezember 1383 trat Froissart in die Dienste des Grafen Guy de Blois, dessen Kaplan er bald wurde. Sein neuer Mäzen versorgte ihn mit einer einträglichen Pfründe, indem er 1384 die Stelle eines Kanonikus von Chimay erhielt. 1385 begleitete er seinen Patron in den heimatlichen Hennegau. Im nächsten Jahr kehrte er nach Blois zurück, um an der Hochzeit von Guys Sohn Louis mit Marie de Berry teilzunehmen. Damals machte er sich an die Ausarbeitung des zweiten Buchs seiner Chronik. Guy scheint ihn auch zu deren Weiterführung ermuntert zu haben. Jedenfalls finanzierte er ihm eine Reise zu Graf Gaston III. von Foix-Béarn, nahe der spanischen Grenze. Froissart hoffte, an Gastons Hof Informationen zu den in Südfrankreich und Spanien ausgetragenen Kämpfen für seine Chroniques zu erhalten. So schickte Guy ihn Anfang 1388 als seinen Gesandten zu Gaston, um diesem vier ausgezeichnete Jagdhunde zu präsentieren. Die Reise ging über Carcassonne (14. November 1388) nach Pamiers, wo Froissart den Ritter Espaing de Lyon traf, der ihm auf der weiteren Route Aufschneidereien seiner Heldentaten erzählte. Am folgenden 25. November gelangte die kleine Gesellschaft nach Orthez, wo Espaing de Lyon zur Burg aufstieg und dem Grafen von Foix Froissarts Besuch ankündigte. In der Folge stand der Chronist etwa zwölf Wochen lang in Verbindung mit Gaston und suchte regelmäßig dessen Schloss zur Erlangung der gewünschten Informationen auf. Diese Treffen fanden in den späten Nachtstunden statt, und Froissart trug hierbei auch seinen Meliador vor. Seine Gespräche mit dort anwesenden Rittern fanden Eingang in seine Chronik. Im März 1389 verließ er den Hof Gastons wieder und schloss sich dem Gefolge der erst elfjährigen Adligen Jeanne de Boulogne an, die sich damals auf den Weg zur Hochzeit mit Herzog Jean de Berry machte. Die Reise führte sie u. a. nach Avignon, und in Riom wurde sie von ihrem Bräutigam empfangen, wobei Froissart die Vermählung Jeannes (Juni 1389) in einer Pastourelle feierte. Dann begab sich der Chronist heimwärts, traf aber noch unterwegs in Paris einen alten Gönner, den Grafen Enguerrand VII. de Coucy, dem er das Kanonikat zu Lille verdankte und der ihn nun drei Tage auf der nahe Cambrai gelegenen Burg Crevecœur bewirtete. Nach 14-tägigem Aufenthalt im heimatlichen Valenciennes kehrte er wieder zu seinem Patron Guy de Blois zurück, den er in Schoonhoven traf.

Spätere Jahre und Tod Guy de Blois war mittlerweile stark verschuldet und Froissart verließ ihn bald und eilte wieder nach Paris, wo er den am 22. August 1389 erfolgten Einzug Isabeaus, der Gattin des Königs Karl VI., in die französische Hauptstadt miterlebte. Dieses Ereignis feierte er durch eine Ballade. Er hatte sich bereits an die Ausarbeitung des dritten Buchs seiner Chronik gemacht und begann 1390 mit der Abfassung des vierten und letzten Buchs. Um weitere Nachrichten über die Kriege in Kastilien und Portugal zu erhalten, begab er sich 1390 nach Brügge und von da weiter nach Middelburg, um bei in diesen Städten anwesenden portugiesischen Rittern entsprechende Informationen einzuziehen. Insbesondere war ihm hierbei der Ritter Joam Fernand Pacheco behilflich. Dann zog er sich einige Zeit zur Fertigstellung seiner Chronik nach Valenciennes zurück. Hier wurde er unter dem Einfluss Wilhelms von Oostervant, Statthalter des Hennegau, für die burgundische Partei gewonnen. 1391 begleitete er Guy de Blois, der den Tod seines Sohns Louis zu beklagen hatte, nach Château-Renault ans Ufer der Loire. Hier veränderte sich sein politischer Standpunkt erneut.Jean-Charles Roman d’Amat, in: Dictionnaire de Biographie française. Bd. 14 (1979), Sp. 1339–1340.