Die Hermeneutik (, ‚auslegen‘, ‚übersetzen‘) ist die Theorie der Interpretation von Texten und des Verstehens. Beim Verstehen verwendet der Mensch Symbole. Er ist in eine Welt von Zeichen und in eine Gemeinschaft eingebunden, die eine gemeinsame Sprache verwendet. Nicht nur in Texten, sondern in allen menschlichen Schöpfungen ist Sinn. Diesen zu erschließen, ist eine hermeneutische Aufgabe.

In der Antike und im Mittelalter diente die Hermeneutik als Wissenschaft und Kunst der Auslegung (Exegese) grundlegender Texte, besonders der Bibel und von Gesetzen. In der Neuzeit weitete sich ihr Anwendungsbereich aus. Sie entwickelte sich zu einer allgemeinen Lehre von den Voraussetzungen und Methoden sachgerechter Interpretation und zu einer Philosophie des Verstehens.Vgl. Winfried Nöth: Handbuch der Semiotik. 2. Auflage, Metzler, Stuttgart [u. a.] 2000, ISBN 978-3-476-01226-5. Mit der von Immanuel Kant entscheidend beförderten Einsicht in die Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit stellte sich für die Hermeneutik seit dem 19. Jahrhundert unter anderem das Problem der geschichtlichen Gebundenheit menschlichen Denkens und Verstehens. Als einflussreichster Vertreter der philosophischen Hermeneutik im 20. Jahrhundert wendete Hans-Georg Gadamer diese Beschränkung ins Positive und stellte das Verstehen in den Zusammenhang eines prinzipiell nicht zu beendenden Gesprächs über die Deutung wichtiger Zeugnisse der geschichtlichen und kulturellen Überlieferung.

Der Begriff Hermeneutik ist als solcher erst in der Neuzeit entstanden und wurde als Buchtitel im 17. Jahrhundert erstmals vom Straßburger Philosophen und Theologen Johann Conrad Dannhauer verwendet. Die allgemeine Hermeneutik beschäftigt sich mit der Auslegung von Texten oder von Zeichen im Allgemeinen. Die besondere Hermeneutik behandelt die mit der Auslegung von Texten verbundenen Probleme, wie sie sich aus den einzelnen Fächern der Rechtswissenschaft, Theologie, Literaturwissenschaft, Geschichtswissenschaft oder Kunstgeschichte ergeben. Sie hat traditionsgemäß einen stärkeren Bezug zu den Geisteswissenschaften und diente bei Wilhelm Dilthey zu deren methodologischer Begründung. Auch die Reflexion der Bedingungen des Auslegens, Deutens und Verstehens nicht-textgebundener Werke der Musik und ihrer Interpretation oder der Werke der Bildenden Kunst wird Hermeneutik genannt. Nach idealistischer Auffassung ist Verstehen ein Sein, in dem die Welt sich selbst auslegt. Ein intuitiver Ansatz begreift Verstehen als etwas Unmittelbares, das aller Reflexion vorausgeht und aller Erkenntnis und dem diskursiven Denken zugrunde liegt.

Begriffliche Herkunft mini|Hermes, der Götterbote

Im antiken Griechenland gab das Orakel von Delphi weder konkrete Anweisungen noch verbarg es seinen Sinn völlig, vielmehr deutete es an. Die hermeneutische Kunst sollte die Sprache der Götter und ihre verschlossene, schwer zugängliche (hermetische) Lehre erhellen.Vgl. Ineichen, S. 21. Die Hermetik ist eine esoterisch-okkulte Geheimwissenschaft. Sie bezieht sich auf die mythische Gestalt des Hermes Trismegistos („der dreimal größte Hermes“).

Zum selben Wortstamm gehört der ἑρμηνεύς (Hermeneus), der bei Platon (5.−4. Jahrhundert v. Chr.) in zweierlei Gestalt vorkommt: als Dichter, der die Botschaft der Götter vermittelt, und als Rhapsode, der die Werke der Dichter interpretiert. Als ἑρμηνευτικὴ τέχνη (hermeneutikè téchne, téchne: altgr.: Fähigkeit, Kunstfertigkeit, Handwerk) ist der Begriff ἑρμηνευτική zuerst bei Platon im Zusammenhang mit religiöser Weissagung überliefert.Vgl. dazu Grondin, S. 37 f. mit weiteren Nachweisen auf den platonischen Corpus: Politikos 260d, Epinomis 975c, Definitiones 414d. So lautet beispielsweise Politikos 260d f.: τί οὖν; εἰς ταὐτὸν μείξομεν βασιλικὴν ἑρμηνευτικῇ, κελευστικῇ, μαντικῇ, κηρυκικῇ, καὶ πολλαῖς ἑτέραις τούτων τέχναις συγγενέσιν, αἳ σύμπασαι τό γ᾽ ἐπιτάττειν ἔχουσιν […] (Übers.: Wie also? Wollen wir die Herrscherkunst in Eins vermengen mit der deutenden, Befehle ausrufenden, oder mit der Wahrsagekunst und Heroldskunst und vielen andern verwandten Künsten, denen ebenfalls ein Gebieten zukommt?)

Die etymologische Ableitung von Hermeneus, Hermeneutik und Hermetik von dem Götterboten Hermes ist umstritten,„Der Zusammenhang ist wohl zu offensichtlich, um auch wahr zu sein. So wurde er in der neueren Philologie fast allenthalben mit überlegener Skepsis betrachtet. Indessen hat es noch keine bessere Deutung vermocht, sich allgemein durchzusetzen, so dass die Frage um die Herkunft des Wortfeldes ἑρμηνεύειν hier offen bleiben muß.“ Grondin, S. 39. eine gemeinsame Wurzel aber anzunehmen.Seiffert, S. 9. In der griechischen Mythologie war Hermes nicht nur der Überbringer von Nachrichten der Götter, sondern auch der Übersetzer dieser Botschaften. Ohne seine Interpretation blieben sie kryptisch. Hermes gilt in dieser Mythologie zudem als der Erfinder der Schrift und der Sprache.Gerhard Ebeling: Hermeneutik. In: Kurt Galling: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Bd. 3, 3. Auflage, Tübingen 1959. „Hermessen“ ist eine analogisierende Bezeichnung für den Vorgang des Interpretierens. Herodot schreibt im 5. Jahrhundert v. Chr., dass „fast alle Götternamen aus Ägypten nach Griechenland gekommen sind“.Historien 2, 51. Die Gleichstellung des ägyptischen Gottes Thot mit dem griechischen Gott Hermes findet sich zuerst bei Manetho, einem ägyptischen Priester aus dem 3. Jahrhundert v. Chr.

Geschichtliche Entwicklung Obgleich die begriffliche Fixierung der Hermeneutik und ihre systematische Entwicklung zu einem eigenen wissenschaftstheoretischen Bereich erst in die frühe Neuzeit fallen, reichen ihre historischen Wurzeln sehr viel weiter zurück. Hermeneutik als Kunst der Interpretation hat ihren Ursprung in der antiken Exegese, der jüdischen Auslegung des TanachJosé Faur: Golden Doves with Silver Dots: Semiotics and Textuality in Rabbinic Tradition. Bloomington 1986. und in altindischen Lehren.Tzvetan Todorov: Théories du symbole. Paris 1977. Tzvetan Todorov Symbolism and Interpretation. London 1983. Die Interpretation biblischer Texte wurde dann zum eigentlichen Motor der Entwicklung einer ausdifferenzierten Hermeneutik als wissenschaftlicher Disziplin.Vgl. die Sammlungen von Quellentexten in H.-G. Gadamer/G. Boehm (Hg.), Seminar: Philosophische Hermeneutik, stw 144, Frankfurt a. M. 1976 und neuerdings S. Luther/R. Zimmermann (Hg.), Studienbuch Hermeneutik. Bibelauslegung durch die Jahrhunderte als Lernfeld der Textinterpretation. Portraits – Modelle – Quellentexte (mit CD-Rom), Gütersloh 2014.

Antike Hermeneutik Erkundung der Bedeutung Hermeneutik hatte in der griechischen Religion, Mythologie und in der antiken Philosophie frühe Anwendungsbereiche. Die Kunst der Weissagung erkundete die verborgene Bedeutung eines Objektes und wurde Mantik (μαντεία) genannt.Tzvetan Todorov 1997 und 1983. Die Interpretationslehre beschäftigte sich mit der Bedeutung hinter den offensichtlichen Bedeutungen. So wurde bei der Exegese (exégesis = Auslegung, Erläuterung) der Werke Homers zunächst die Bedeutung der Wörter und der Sätze kommentiert. Erst auf einer tieferen Ebene ging es darum, die allegorische (αλληγορειν – etwas anders ausdrücken) Bedeutung zu diskutieren und auszulegen.Vgl. Winfried Nöth: Handbuch der Semiotik. 2. Auflage, Metzler, Stuttgart [u. a.] 2000. Sokrates provozierte seine Mitbürger mit der Frage, wie es in Wahrheit um ihr künftiges Schicksal und ihre Seele stehe. Er unterzog ihre Antworten einer scharfen Bedeutungskritik und versuchte zu zeigen, dass alles hinterfragt werden muss, um einen festen Ausgangsboden zu gewinnen.

Platon Nach Platon sind die zwei Seiten des Seins, die es zu verstehen gilt, die sinnlich wahrnehmbare Beschaffenheit und das nicht sinnlich wahrnehmbare wesenhafte Sein. Die Seele strebe nicht nach der sinnlich wahrnehmbaren Beschaffenheit, sondern nach dem wesenhaften Sein.Platon, Siebter Brief 343b f. Bei jedem der Dinge komme die vollständige geistige Erkenntnis in fünf Schritten zustande: der Name (den wir laut aussprechen), die sprachlich ausgedrückte Begriffsbestimmung (aus Nenn- und Aussagewörtern zusammengesetzt, z. B. „der Kreis ist das von seinem Mittelpunkt überall gleich weit Entfernte“), das durch die fünf Sinne Wahrnehmbare (z. B. vom Zeichner oder vom Drechsler angefertigt), die begriffliche Erkenntnis (Begreifen durch den vernünftig denkenden Geist, kognitive Vorstellung von solchen Dingen), dasjenige, was sich nur durch Vertiefung in der Vernunft erkennen lässt und das wahre Urbild, die Idee des Dinges ist (ideelle oder intelligible Realität oder Wesenheit, die reine, nicht sinnliche Wahrheit, das ursprünglich vollkommen Wesenhafte).Platon, Siebter Brief 342a ff.

Die Annäherung an das innere Wesen der Dinge könne nur frei von verfälschenden Leidenschaften erfolgen:

Aristoteles Bei Aristoteles steht neben der Aussage als Ausdruck und als elementare Grundlage des logischen Denkens jegliche Aussage auch immer in dem Fragebezug zu dem, was mit ihr gemeint ist. Bereits das Aussagen selbst wurde im klassischen Griechenland als ein Interpretieren (ἑρμηνεύειν) verstanden.„So konnte Aristoteles’ logisch-semantische Schrift >Peri Hermeneias<, die vom wahr oder falsch sein könnenden Aussagesatz […] handelt, durchweg durch >De interpretatione< auf Latein wiedergegeben werden.“ Grondin, S. 37. Die Aussage wandelt ein innerlich Gedachtes in geäußerte Sprache um. Die Auslegung des Gesprochenen erfordert den umgekehrten Weg von der Äußerung zur gedachten Aussageabsicht: „Das ἑρμηνεύειν erweist sich also durchaus als ein Vorgang der Sinnvermittlung, die vom Äußeren auf ein Inneres von Sinn zurückgeht.“Grondin, S. 37.

Die Allegorese Bei der antiken Auslegung von Texten sowohl in Griechenland als auch im Judentum war die Allegorese von Bedeutung. Dabei geht es um die Ermittlung eines verborgenen Sinns der Texte, der sich von dem wörtlichen Sinn unterscheidet. Einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung allegorischer Auslegungsmethoden leistete die Stoa, die ihrerseits die jüdische Bibelinterpretation insbesondere des Philon von Alexandria beeinflusste. Auch Origenes als frühchristlicher Kommentator der Bibel ging davon aus, dass neben dem wörtlichen Sinn in der Heiligen Schrift vor allem ein höherer geistiger und seelischer Sinn präsent ist. Die frühchristliche Dogmatik musste sich mit dem Bedeutungskonflikt zwischen der besonderen Heilsgeschichte des jüdischen Volkes, wie sie das Alte Testament enthält, und der universalistischen Verkündigung Jesu im Neuen Testament auseinandersetzen. Beeinflusst von neuplatonischen Vorstellungen lehrte Augustinus den Aufstieg des Geistes über den wörtlichen und den moralischen zum geistlichen Sinn.Augustinus, De doctrina christiana Nach seiner Auffassung sind die Dinge auch als Zeichen zu verstehen (res et signa). Selbst das Gebiet der Dinge verlangt demnach eine Erschließung des Sinns der Schöpfung.

Mittelalterliche Exegese