Jürgen Lenz (* 22. November 1916 in Königsberg; † 31. August 1990 in Heide) war ein deutscher Schriftsteller und Journalist.
Leben und Wirken Jürgen Lenz war der Sohn eines Arztes. Nach dem Abgang vom Humanistischen Gymnasium war er sechs Jahre lang bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges Seefahrer bei der Handelsmarine. Er diente als Soldat in der Wehrmacht und geriet in Kriegsgefangenschaft.
Nach seiner Entlassung in die amerikanische Besatzungszone arbeitete er als Journalist in Hamburg vornehmlich für Zeitschriften der jungen Generation, wie Der Ruf, Die Zukunft und Die Umschau. Internationale Revue. Er schrieb Kurzgeschichten und Essays, außerdem für den Rundfunk in Hamburg Hörspiele. 1948 erschien sein erstes Buch, der Kriegsroman g.v. garnisonsverwendungsfähig Heimat.
Insbesondere in der Sendeanstalt hatte er einen schweren Stand, weil er Mitglied der KPD war. Deshalb wechselte er noch im selben Jahr als Redakteur zum Berliner Rundfunk. Nach zusammengenommen vier Jahren Rundfunktätigkeit begann seine Karriere als freischaffender Schriftsteller in Ost-Berlin. Bis 1983 wohnte er in Eichwalde bei Berlin. Er und seine Frau Ursula kehrten 1984 von einem Besuch in Meldorf, dem Wohnort der 85-jährigen Mutter von Ursula Lenz, nicht mehr zurück und nahmen 1986 ihren Wohnsitz in Heide (Schleswig-Holstein). Als Rentner der Seekasse verspürte er keinen Drang zum Schreiben, jedoch zum Reisen in die Mittelmeerregion, vor allem die Ägäis. Er pflegte regen Gedankenaustausch unter anderem mit den befreundeten Schriftstellern und Schriftstellerinnen Max Brod, Herbert Ziergiebel, Gerhard Stübe, Ralph Giordano, Fred Wander und Maxi Wander, Berta Waterstradt, Elisabeth Shaw, Walter Kaufmann.
g.v. Heimat nannte der Verlag „eine Landser-Biografie“. Jürgen Lenz selbst schrieb dazu: „[...] Aber das Leben ist seltsam. Nach der Kapitulation erholte es sich rasch. Es ist vergesslich. Und die Vergesslichkeit ist eine Todsünde, die deutsche Erbsünde. Darum schrieb ich nieder, was wir an Niederträchtigkeiten, Würdelosigkeiten und Grausamkeiten vollzogen und ertrugen. Ich musste nichts erfinden, denn das, was mit uns und in uns geschah, ist schlimmer gewesen als jede Phantasie ersinnen konnte. So entstand mein Landser-Bericht. Ich wählte den Titel gvH, weil sich in den Kasernen unter dieser Formel unsere fragwürdige Hoffnung auf das Leben verbarg. „Kv“ war das Todersurteil. [...] Das Buch soll zeigen, wie es in Zukunft niemals mehr sein darf. [...]“ Ein Ausschnitt aus einer Besprechung zu g.v. Heimat von Manfred Hausmann im Radio Bremen am 5. Mai 1948: „So ist das Buch nützlich und gefährlich zugleich. Nützlich, weil es darlegt, in welches Dickicht menschlicher Verwirrung die Verherrlichung des Krieges führt. Gefährlich, weil es im letzten Grund kein Buch gegen den Krieg an sich ist, sondern ein Buch der Enttäuschung über die Niederlage, daher hat es mehr einen dokumentarischen als eigenschöpferischen Wert.“ Das 1953er Nachfolgewerk Am Kai von Bahia wurde auch als Fortsetzungsroman gedruckt und so angekündigt: „Der Roman erhebt nicht den Anspruch, zu den Gipfeln der Literatur gezählt zu werden. Aber es ist ein fesselnd geschriebener Unterhaltungsroman […].“
Weithin bekannt wurden seine in packendem Reporterstil geschriebenen Romane, in denen sich farbige Exotik mit der Schilderung gesellschaftlicher Vorgänge verbindet. Für seine Reportage Die See kommt dwars (1954), die Schilderung einer Nordmeerfahrt, erhielt er 1956 den Literaturpreis des FDGB. Es handelte sich dabei um die Kategorie „Die kleine Form“. Nach der Veröffentlichung begab sich Lenz auf ausgedehnte Lesereise durch den Bezirk Rostock. Er las nicht nur in Bibliotheken, sondern auch vor Oberschülern sowie vor Seefahrtschülern und angehenden Kapitänen.
In dem Roman Kapitäne bleiben an Bord (1956, als Film 1958 unter der Regie von Martin Hellberg) werden die dramatischen Folgen aus dem Handeln eines ehrgeizigen Kapitäns dargestellt. In Kein Pass für Rio (1966) schildert er die Abenteuer eines westdeutschen Seemannes, der in dunkle Geschäfte (Menschenhandel) verwickelt wird.
Lenz war zweimal verheiratet und Vater von vier Kindern.
Aus Anlass des 100. Geburtstags des Rostocker Schriftstellers Gerhard Stübe wurde im Schifffahrtsmuseum auf dem Traditionsschiff vom 14. Juli bis zum 9. Oktober 2022 die Kabinett-Ausstellung Kapitäne bleiben an Bord. Die Schriftsteller Gerhard Stübe und Jürgen Lenz! gezeigt.
Veröffentlichungen 1948: g.v. [garnisonsverwendungsfähig] Heimat. Phönix-Verlag Christen & Co., Hamburg (Roman) 1952: Am Kai von Bahia…. Ein Seefahrtsroman. Sachsenverlag, Dresden (Roman; 2. Auflage 1954 bei: Verlag Neues Leben, Berlin; neue Fassung 1956 in der Reihe Abenteuer aus weiter Welt, Band 9; 3. Auflage 1963 bei: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)) 1954: Die See kommt dwars. Fahrt ins Nordmeer. Sachsenverlag, Dresden (Reportage) 1955: Ein Schiff lief aus. Verlag Neues Leben, Berlin (Roman; Neuauflage 1960 bei: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) in der Reihe Neue Unterhaltungsreihe) 1956: Kapitäne bleiben an Bord. Verlag Neues Leben, Berlin (Roman) 1956: Ostseestrand. Wanderungen zwischen Usedom und Schleswig-Holstein. Sachsenverlag, Dresden (Bildband-Text, Fotografien von Heinz und Angela Unzner) 1959: Reise, reise, Seemann. Geschichte einer Mittelmeerfahrt. Verlag Neues Leben, Berlin (Reportage) 1961: Der Atlantik schweigt nicht. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) (Roman über den Untergang der „Pamir“; 1962 Lizenzausgabe bei: Die Buchgemeinde, Wien; ab 4. Auflage 1963 im Mitteldeutschen Verlag, Halle (Saale), in der Reihe Kleine Roman-Reihe; ab 1966 bei: Verlag Neues Leben, Berlin, in der Reihe Kompassbücherei, Band 98) 1962: Ungarn. (Reportage, mit Fotos) 1964: Michi geht an Bord. Kinderbuchverlag, Berlin (Jugendschrift) 1966: Kein Pass für Rio. Abenteuerroman. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) (Roman; 1966 auch in der DDR-Buchgemeinschaft „Buchclub 65“; 1966 Lizenzausgabe bei: Röderberg-Verlag, Frankfurt am Main; 1977 Übersetzung Bez pasu do Ria bei Svoboda, Prag)
Literatur
Lenz, Jürgen. In: Kurt Böttcher (Gesamtredaktion): Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller von den Anfängen bis zur Gegenwart. VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1975; Band 2, S. 32.
Weblinks
Literatur von und über Jürgen Lenz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek Literatur von und über Jürgen Lenz im Katalog des Deutschen Literaturarchivs Marbach
Einzelnachweise
Kategorie:Journalist (Deutschland) Kategorie:Autor Kategorie:Roman, Epik Kategorie:Essay Kategorie:Hörspielautor Kategorie:Kinder- und Jugendliteratur Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:DDR-Literatur Kategorie:KPD-Mitglied Kategorie:DDR-Bürger Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1916 Kategorie:Gestorben 1990 Kategorie:Mann