Die Typ 98 20-mm-Flugabwehr-Maschinenkanone () war eine Maschinenkanone für die Fliegerabwehr und für den Erdkampf, die vom Kaiserlich Japanischen Heer 1938 (Jahr 2598 nach dem Kōki-Kalender, daher die Jahreszahl der Benennung) aus einem Vorgängermodell entwickelt und von 1939 bis 1945 eingesetzt wurde. Auch das Seekommando des Heeres verwendete diese Waffe in größerem Umfang.
Hintergrund In den frühen 1930er Jahren nahmen aufgrund der japanischen Expansionsbestrebungen die Spannungen in Ostasien zwischen Japan und China, aber auch zwischen Japan und der Sowjetunion, immer weiter zu. Ein wesentlicher Teil der damaligen militärischen Entwicklungen wurden im Bereich Flugzeugbau und -einsatz gemacht. Die Flugabwehr wurde meist von schweren Waffen wie der Typ 11 7,5-cm-Flugabwehrkanone übernommen. Diese waren jedoch gegen tieffliegende Flugzeuge aufgrund der sehr kurzen, möglichen Einwirkzeit wenig effektiv. Daher wurde im Nahbereich meist mit Infanteriewaffen und vor allem leichten sowie schweren Maschinengewehren auf einfliegende Maschinen geschossen. Die verwendete Munition war jedoch für den Erdkampf konzipiert und mit immer schnelleren und gepanzerten Flugzeugen immer weniger wirksam auf diese. Zudem war die Reichweite begrenzt. Es gab daher eine Abwehrlücke im Bereich 250 m bis 2000 m Höhe. Das Heer suchte in Europa nach Lösungen und fand mit der französischen Mitrailleuse de 13,2 mm Hotchkiss mle 1929 eine mögliche Lösung. Allerdings erschien das Kaliber und damit die Zielwirkung als zu gering. Daher beschloss die japanische Heeresführung 1933, eine entsprechende Waffe im Kaliber 20 mm zu entwickeln.
Entwicklungsgeschichte
Vorläufer Folgenden Vorgaben wurden herausgegeben:
Gasdrucklader Hauptaufgaben Flugabwehr und Panzerabwehr Mündungsgeschwindigkeit 900 m/s Höhenrichtbereich −5° bis + 85° Seitenrichtbereich 360° Gewicht im Zugtierzug maximal 450 kg Gewicht im motorisierten Zug maximal 750 kg mit Protze Verwendung eines Dreibeins und demontierbarer Räder Effektive Schusshöhe bis 2000 m Verwendung optischer Richtgeräte an der Waffe Verwendung eines Trommelmagazins Mannschaftszug, Zugtierzug, motorisierter Zug und Verwendung auf Fahrzeugen sollten möglich sein
mini|Experimentelle Typ 94 20-mm-Flugabwehr-Maschinenkanone in Feuerposition. Aus dem als japanisierte Version der 13,2 mm Hotchkiss geplanten Experimentellen Typ 92 13,2-mm-Schweren-Maschinengewehr (Parallelentwicklung mit einer Lafette zum lafettenlosen Typ 92 13,2-mm-Schweren Maschinengewehr der Panzerwaffe) entstand 1934 eine erste Version der geforderten Maschinenkanone im Kaliber 20 mm unter der Bezeichnung Experimentelle Typ 94 20 mm-Flugabwehr-Maschinenkanone. Das Rohr hatte eine Länge von 1,4 m und war mit Spatengriffen um den Druckauslöser und einer Mündungsbremse zur Verringerung des für den Gasdrucklademechanismus zu hohen Drucks der neu entwickelten Munition ausgestattet. Die Patronen wurde über ein 8-Schuss-Trommelmagazin von oben zugeführt. Das Richten erfolgte optisch über Hebel durch einen durch Handräder bedienten Richtmechanismus. Für den Erdkampf war eine zusätzliche Richtoptik vorhanden. Die Oberlafette bestand aus einer nach hinten abgewinkelten, zweischenkeligen Gabel, in die die eigentliche Waffe mit dem Richtmechanismus vertikal beweglich eingelegt wurde. Ein zentraler Drehzapfen verband sie mit der Unterlafette. Diese verfügte über ein Pivot mit mittig eingebauter Achse zur Montage von Holzspeichenrädern und mehrere, teilweise klappbare Befestigungspunkte für die Holme. mini|Experimentelle Typ 94 20-mm-Flugabwehr-Maschinenkanone in Transportstellung, auf Anhänger für motorisierten Transport verladen. Die drei Holme waren in Feuerstellung in einem Winkel von jeweils 120° zueinander angeordneten. Sie bestanden jeweils aus vier in einer Dreiecksform verschweißten Stahlrohren. Alle drei waren nach außen abfallend an der Unterlafette montiert und hatten einen Auflageteller, auf dem sie auf dem Untergrund standen. Der vordere Holm war jedoch etwas kürzer ausgelegt. Beim Stellungswechsel musste das 376,7 kg schwere Geschütz zunächst angehoben werden, um die Räder auf die Achse zu stecken. Auf kurzen Strecken konnte es dann mit Zugstangen an den teilweise zusammengeklappten, hinteren Holmen im Mannschaftszug bewegt werden. Bei größeren Entfernungen wurde zudem der vordere Holm demontiert und auf den zusammengeklappten, hinteren Holmen, die auch als starre Deichsel dienten, befestigt. Das Geschütz konnte dann an der Protze eingehängt werden. So war ein Transport mit Zugtieren möglich. Für den motorisierten Transport musste die leicht gebaute Waffe im Transportzustand auf einen Spezialanhänger verladen werden. Die Bedienmannschaft bestand aus 5 Mann: Geschützführer, Richtschütze, Ladeschütze, 2 Munitionskanoniere. Die Magazine wurden neben dem Geschütz bereit gelegt und in Feuerpausen von der Mannschaft neu befüllt. Die Munition wurde vom Munitionszug, nach Art sortiert und lose in hölzernen Kisten verpackt, nachgeführt.
1934/35 wurden 15 leicht unterschiedliche Prototypen gefertigt, von denen in Tests bis 1937 jedoch keiner alle geforderten Leistungen erbrachte. Feldtests durch die Kavallerieschule führten zu der Forderung, auf die Fähigkeit zur Panzerabwehr zu verzichten. Zudem wurden eine mangelhafte Genauigkeit und das umständliche Instellunggehen bemängelt. Zudem wurde die Unterlafette als zu schwach für die Verwendung auf Lastkraftwagen befunden. Die Infanterieschule war ebenfalls der Meinung, dass neben dem neu| eingeführten Typ 94 37-mm-Flachfeuer-Infanteriegeschütz keine weitere Waffe zur Panzerabwehr benötigt wurde. Von dort wurde die Einführung mit kleineren Änderungen wie einer besseren Optik empfohlen. mini|Prototyp der Typ 98 Maschinenkanone mit noch fest eingebauter Radachse und ohne Handgriffe für den Mannschaftszug Die Artillerieschule bewertete die Wirkung gegen Flugzeuge als für die damalige Zeit als ausreichend, empfahl jedoch ein größeres Magazin. Alle bemängelten die schlechten Fahreigenschaften im motorisierten Zug auf unebenen Boden wegen des geringen Gewichts. Im Ergebnis wurde 1937 beschlossen, das Geschütz grundlegend zu überarbeiten, insbesondere im Hinblick auf die Stärkung der Struktur. Es erhielt zudem ein 10-Schuss-Trommelmagazin und einen Sitz an einem Stahlrohr hinter der Unterlafette. Die einzelnen Schulen des Heeres waren jedoch auch damit noch nicht zufrieden.
Nach der Erbeutung der ersten 2-cm-Flak 30 (japanische Bezeichnung Typ Ra 20-mm-Flugabwehr-Maschinenkanone) der chinesischen Nationalrevolutionären Armee 1937/38 im Raum Shanghai/Nanking kam es auf Basis dieser Kanonen zu weiteren Detailänderungen wie zum Beispiel der Verwendung eines gebogenen Kastenmagazins (Kapazität zunächst 15, später 20 Schuss), einer u-förmigen, drehbaren Achse an Stelle einer fest montierten sowie massiverer Holme. Die überarbeitete Version wurde intern als Experimentelle Typ 97 20-mm-Flugabwehr-Maschinenkanone bezeichnet. Diese führte nach weiteren Detailverbesserungen letztlich zur Typ 98 20-mm-Flugabwehr-Maschinenkanone in der finalen Form.
Technik Waffe Das Geschütz besteht aus drei Hauptteilen: Waffe mit auswechselbarem Lauf, Richtmechanismus und Mündungsbremse Oberlafette Unterlafette mit Pivot, Rädern und drei Holmen mini|Typ 98 Maschinenkanone in Fahrstellung mit Protze für den Zugtiertransport Das Rohr hatte eine Länge von 1400 mm (Kaliberlänge L/70). Der Gasabnehmer für den Lademechanismus nach dem System Hotchkiss setzte knapp vor der Hälfte des Laufes an. Der Richtmechanismus war auf der hinteren Hälfte des Gehäuses platziert. Der Lauf konnte bei Bedarf durch einen Bajonettverschluss am Gehäuse schnell ausgetauscht werden. Am hinteren Ende des Gehäuses waren zudem eine Schulterstütze und ein nach oben ragender Handgriff mit Druckknopf auf dem oberen Ende angebracht. So konnte die Waffe mit der Körperkraft des Schützen ausgerichtet und nachgeführt werden. Der Druckknopf diente als Abzug und wurde mit der linken Hand bedient. Ein u-förmiges Stahlblech diente als Wiege. Die Munitionszufuhr erfolgte durch ein nach vorn gebogenes Kastenmagazin für 20 Schuss in der Mitte des Gehäuses von oben.
Auf dem hinteren Teil des Gehäuses war an der zweiteilige Richtmechanismus rechts und links neben dem Magazin montiert. Zunächst kam der Typ 98 Richtmechanismus zum Einsatz. Dieser ermöglichte es, Flughöhe, Anflugwinkel, Geschwindigkeit und Entfernung auf die Waffe zu übertragen. Die Angaben wurden entweder per Ermittlung durch den Schützen mit einer Optik am vorderen Ende des Mechanismus und Zuruf weiterer Daten durch neben dem Geschütz postierte Messständen oder aber elektrisch vom Typ 94 Richtsystem auf Skalen mit zwei Zeigern an der Waffe übertragen. mini|Zweiseitenansicht der Typ 98 Maschinenkanone in Abstellposition Die Einrichtung des Geschützes erfolgte dann durch Handräder an der Oberlafette. Beim Richten ohne zentralem Befehlsgeber wurden die Zeiger der Anzeigen auf die zugerufenen und ermittelten Werte eingestellt. Bei Verwendung des zentralen Befehlsgebers wurden die Soll-Werte über einen der Zeiger der Skalen angegeben und der Schütze musste den zweiten Zeiger zur Deckung bringen. Die Basisdaten wurden mit dem Richtmechanismus über Hebel mechanisch an die betreffenden Bauteile der Waffe übertragen. Die Seitenrichtung und die Nachführung der Waffe erfolgte durch Muskelkraft des Schützen.
Das Typ 94 Richtsystem war eigentlich für die schwere Flugabwehr konzipiert. Es arbeitete in Höhenbereich von 250 m bis 8000 m und bestand aus mehreren Messstationen, die die nötigen Angaben elektrisch an ein Kommandogerät weiterleiteten. Die Richtdaten wurden dann per Kabel an die Geschütze weitergegeben. Die Typ 98 Maschinenkanone hatte dafür ein mehrpoliges Kabel an der linken Seite, das von einem Anschlusskasten am Pivot zu den Skalen am Richtmechanismus reichte.
Die Oberlafette bestand aus einer nach hinten ragenden, u-förmigen Gabel, an der mittig die Befestigungspunkte des Gehäuses vertikal beweglich angebracht waren. Die Gabel konnte an einem Gelenk am vorderen Ende vertikal bewegt werden, um die Abschusshöhe der Maschinenkanone zu variieren. So war ein Höhenrichtbereich von −5° bis +85° möglich. Die Seitenrichtung erfolgte über ein Handrad, das über Zahnräder auf einen an der Unterlafette geschweißten, gebogenen Zahnkranz wirkte. Das Handrad war an der rechten Seite der Oberlafette angebracht und wurde mit der rechten Hand bedient. Auf Höhe des vorderen Ende des Gehäuses war rechts und links der Waffe jeweils eine Spiralfeder in einem zylindrischen Gehäuse zur zusätzlichen Dämpfung des verbleibenden Rückstoßes montiert. An der Oberlafette waren zudem ein leicht gebogener, nach hinten ragende Stahlträger befestigt, an deren Ende eine Sitzschale für den Schützen angebracht war. Der untere Teil der Oberlafette war mit einem Drehzapfen, in der Unterlafette horizontal um 360° drehbar gelagert, befestigt.
Die Unterlafette bestand aus einem kurzen Pivot. In diesem war mittig die u-förmige, drehbar gelagerte Achse für die Holzspeichenräder eingebaut. Diese konnten mit den Naben auf je einen Zapfen am unteren Ende der Schenkel der Achse gesteckt werden. Bei einem Stellungswechsel wurde die Achse so arretiert, dass die Zapfen in der untersten Position waren. Das Geschütz stand dann auf seinen Rädern. In Feuerstellung wurde die Achse nach oben gedreht, so dass die Räder den Boden nicht mehr berührten. In dieser Stellung konnte sie ebenfalls arretiert werden. Oft wurden die Räder aber auch abgenommen und griffbereit in oder nahe der Stellung auf den Boden gelegt. mini|Detailansicht der Typ 98 Maschinenkanone in Feuerposition