mini|Maximilian Bircher-Benner

Maximilian Oskar Bircher-Benner, vor der Heirat 1893 Bircher (* 22. August 1867 in Aarau; † 24. Januar 1939 in Zürich) war ein Schweizer Arzt und Ernährungsreformer. Er entwickelte das Birchermüesli und prägte den Begriff der Vollwertkost.

Leben – Familie mini|Bronzebüste Bircher-Benners von Georg Krämer, Bad Homburg Maximilian Bircher wurde als zweiter Sohn des Notars Heinrich Bircher und dessen Ehefrau Berta, geb. Krüsi (1845–1928), in Aarau geboren. Er hatte vier Geschwister: Ernst Bircher (1866–1958). Rechtsanwalt. Berta Luise Brupbacher-Bircher (Aarau,1870–Zürich,1951). Von 1907 bis 1944 hauswirtschaftliche Leiterin im «Sanatorium Lebendige Kraft». Schrieb 1927 das Wendepunkt-Kochbuch. Emma Fanny Rieter-Bircher (22. Juni 1874 bis 1. Mai 1922)https://www.matrikel.uzh.ch/active/static/534.htm; https://images.findagrave.com/photos/2016/121/161995958_1462147564.jpg. Zahnärztin. Alice von Brasch-Bircher (Aarau,1879–Livland,1916). Mutter von Dagmar Liechti-von Brasch. 1897–1907 hauswirtschaftliche Leiterin im «Sanatorium Lebendige Kraft». 1906 veröffentlicht sie ein Kochbuch: Diätetische Speisezettel und fleischlose Kochrezepte.

Schon als Kind interessierte sich Bircher-Benner für Medizin. Er studierte nach Ablegung seiner Matura an der Alten Kantonsschule Aarau dieses Fach in Zürich und Berlin. 1891 schloss er das Studium in Zürich ab. 1897 promovierte er in Zürich mit einer Arbeit Über den Naevus pilosus. Schon während seines Studiums beschäftigte er sich mit Naturheilkunde, Hydrotherapie und Diätetik. Stark beeindruckt wurde er durch den Physiologen Justus Gaule (1849–1939) und durch den Psychiater und Abstinenten Auguste Forel.

1893 heiratete er Elisabeth Benner (1872–1945), Tochter eines Apothekers aus dem Elsass, die eine ansehnliche Mitgift in die Ehe brachte. Das Paar bekam im Laufe von zehn Jahren sieben Kinder: Max Edwin Bircher-Müller (1895–1977). Arzt. Nach Praxiszeiten in Amerika, u. a. am Battle Creek Sanatorium bei John Harvey Kellogg und in der Mayo-Klinik in Rochester (Minnesota) war er von 1922 bis 1929 Mitarbeiter im «Sanatorium Lebendige Kraft». 1929 eröffnete er eine eigene Praxis in Zürich und gründete später ein eigenes Sanatorium in Oberwil am Zugersee. Franklin Bircher-Rey (1896–1988). Arzt. Lehranalyse bei Paul Federn. Ab 1929 Mitarbeit im Sanatorium. 1935 bis 1939 Nationalrat des LDU. 1939 bis 1942 Chefarzt im Zürcher «Sanatorium Lebendige Kraft». Franklin war enger Mitarbeiter von Paul Niehans, der 1931 die «Frischzellentherapie» begründete. Willy Bircher-Schwarzenbach (1898–1970). Arzt. Psychotherapeutische Ausbildung bei Wilhelm Stekel in Wien. Ab 1924 Mitarbeit im «Sanatorium Lebendige Kraft», das er mehrere Jahre leitete. Ralph Bircher-Rauch (1899–1990). Volkswirt. Handelshochschule Strassburg, 1925–1931 Textilkaufmann in Iberien, in der Karibik und in Zentralamerika. Studium in Nationalökonomie, Dissertation über die Schweizerische Alpwirtschaft. Ab 1932 Redaktor der Hauszeitschrift Der Wendepunkt. Elisabeth Favaretto-Bircher (1901–1997). Im «Sanatorium Lebendige Kraft» Lehrerin für Tanzgymnastik und Leiterin einer kleinen Buchbinderwerkstatt. Ruth Kunz-Bircher (1902–1997). Konzertviolinistin. Von 1945 bis 1993 Direktion der Bircher-Benner-Privatklinik. Ihr Mann Alfred Kunz-Bircher, promovierter Chemiker, leitete ab 1931 das chemische und klinische Laboratorium der Klinik. Marguerite Bircher (1904–1994), wanderte 1939 nach Argentinien aus. Ab 1911 gehörte auch die Nichte Dagmar Liechti-von Brasch zur Familie, die 1939 zur Assistenzärztin und ab 1947 zur ärztlichen Leiterin und Chefärztin der Bircher-Benner-Privatklinik wurde.

Bircher-Benner war Mitglied der pennalen Verbindung Argovia Aarau.Acta Studentica, Zeitschrift des Vereins für österreichische Studentengeschichte, 33. Jahrgang, Ausgabe Juni 2002, S. 10.

Bircher-Benner war mit einem Herzfehler geboren und starb 1939 im Alter von 71 Jahren.

Sein Nachlass und alle Krankengeschichten befinden sich am Archiv für Medizingeschichte der Universität Zürich.

Praxis und Sanatorium mini|Abbild. zum Kapitel: Zweierlei Winter. In: Fritz Brupbacher und Max Tobler: ... Der tolle Hund. Ein Weihnachtsbuch. Verlag Arbeiterunion, Zürich 1909 mini|«Sanatorium Lebendige Kraft» = «Bircher-Benner-Privatklinik». Heute Zurich Development Center. Hauptgebäude. Eingang Nord-Ost-Seite mini|Hauptgebäude. Süd-West-Front mini|Drei Chalets: «Marguerite» (1906) – «Wilhelmina» (1926) – «Alice» (1906) und das gelbe «Privathaus» (1925/26). Blick vom Hauptgebäude aus

Am 1. Dezember 1891, direkt nach Abschluss des Studiums, ließ Bircher-Benner sich im Industriequartier Zürich-Aussersihl (Hafnerstrasse 60) als praktischer Arzt nieder. Im Spätherbst 1897 eröffnete er eine kleine Privatklinik am Zürichberg (Asylstrasse 35) und betrieb darüber hinaus ein «Centralbad» im Zürcher Stadtzentrum (Waldmannstrasse 9), das er zusammen mit seinem Kollegen Heinrich Hotz führte.Prospect des Centralbades, Institut für physikalische Therapie, Wasser- und Lichtheilanstalt, Elektrisches Lohtanninbad, Teslastrombehandlung. Zürich. Zürich 1901, S. 45 f. (Zentralbibliothek Zürich: Z DE 451)

«Sanatorium Lebendige Kraft» 1904 eröffnete Bircher-Benner am Zürichberg ein Sanatorium in bester Lage über dem See (Keltenstrasse 48), das er «Lebendige Kraft» nannte und das 1906 bis 1914 eine Erweiterung von 20 auf 80 Betten erfuhr.

1907 wurde innerhalb dieses Sanatoriums eine «Abteilung für Wenigerbemittelte» mit zwei großen Zimmern zu je drei Betten eingerichtet. Der Kurpreis wurde hier auf 35 bis 56 Franken pro Woche reduziert (normal 84 bis 112 Franken). Von den «Wenigerbemittelten» wurde Selbstbedienung und Mitarbeit in der Lingerie, bei der Zubereitung der Mahlzeiten sowie bei Haus- und Gartenarbeiten als Gegenleistung gefordert.Prospekt von Dr. Bircher-Benners «Sanatorium Lebendige Kraft». Heilanstalt für die Anwendung der Diätetik und der physikalischen Heilkräfte. Zürich o. J. [vor 1907], S. 35 f.Albert Wirz: Die Moral auf dem Teller. Zürich 1993, S. 126. Der Wochenlohn eines Industriearbeiters in der Deutschschweiz betrug damals 29 Franken.Hansjörg Siegenthaler, Heiner Ritzmann-Blickensdorfer: Statistique historique de la Suisse. Zürich 1996, S. 448. Zitiert nach Wolff, 2010, S. 94, Anm. 11.

Der Erste Weltkrieg ließ die Patientenzahl im Sanatorium stark sinken. In den 1920er Jahren kam es wieder zu einem Aufschwung.

Für den Zeitraum 1904 bis 1939 lassen sich die Patienten des «Sanatoriums Lebendige Kraft» nach Geschlecht, nach Landes-Herkunft und nach sozialer Herkunft unterteilen: Nach Geschlecht: Frauen 60 %, Männer 40 %. Nach Landesherkunft: Schweiz 32 %, Deutschland 30 %, Schweden 16 %Motzi Eklöf: Bircher-Benner und die schwedische Reformkostbewegung. In: Wolff, 2010, S. 151–165., Frankreich 5 %Olivier Faure: La méthode Bircher-Benner en France dans les années 1930. In: Wolff 2010, S. 96–108., Holland 4 %, Russland 4 %, Österreich 2 %, Grossbritannien 1 %, USA 1 %. Bei den Schweizern nochmals unterteilt nach Kantonsherkunft: Zürich 46 %, Bern 12 %, Basel-Landschaft / Basel-Stadt 10 %, Luzern 5 %, Sankt Gallen 4 %, Aargau 4 %, Genf 3 %, Waadt 3 %, Schaffhausen 2 %, Tessin 2 %, Solothurn 2 %, Graubünden 2 %. Nach Berufen bzw. nach sozialer Stellung: Hausfrauen / Ehefrauen 28 %, Lehrer / Professoren 11 %, Schüler / Studenten 10 %, Selbständige 8 %, Privatiers 5 %, Ingenieure / Wissenschaftler 8 %, Künstler 6 %, Angestellte 5 %, Ärzte / Krankenschwestern 5 %, öffentlicher Dienst 4 %, Handwerker 3 %, Hausangestellte 2 %, Geistliche 1 %, Militärs 1 %. Sozialarbeiter 1 %.Mariama Kaba: Les premières décennies du Sanatorium Bircher de Zurich à la lumière des dossiers de patients. In: Wolff 2010, S. 78–95.

Prominente als Patienten des «Sanatorium Lebendige Kraft» (Auswahl): Musiker: Wilhelm Furtwängler (1908), Elly Ney (1915, 1916, 1917, 1918 und 1934; 1934 nur 4 Tage – deckungsgleich mit dem Aufenthalt von Ludwig Hoelscher), Hermann von Glenck (1928), Bruno Walter (1931, 1932, 1933 und 1934), Carl Friedberg (1933), Otto Klemperer (1933 und 1934) (auf Empfehlung durch Georg Klemperer)Peter Heyworth: Otto Klemperer. Biography. New York, Band I, 1983, S. 417; Band II 1996, S. 1, S. 37., Ludwig Hoelscher (1934) und Pierre Maurice (1934).Bernhard Hangartner: Musikerinnen und Musiker als Patientinnen und Patienten der Bircher-Benner-Klinik. In: Wolff 2010, S. 109–120. „Um Kosten zu sparen“ mietete Otto Klemperer sich im nahegelegenen «Waldhaus Dolder» ein.Peter Heyworth: Otto Klemperer. Biography. New York, Band II 1996, S. 1. Schriftsteller: Romain Rolland, Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse und Thomas Mann (1909). Politik: König von Siam, Ministerpräsident von Russland (vor 1914).

Von 1911 bis 1919 war der Psychotherapeut Alphonse Maeder (1882–1971) Hausarzt an der Klinik.A. Maeder: Acht Jahre Hausarzt in der «Lebendigen Kraft». In: Max Edwin Bircher (Hrsg.): Max Bircher-Benner. Eine Festgabe zu seinem 70. Geburtstag. Zürich 1937. Die Söhne Bircher-Benners arbeiteten im Sanatorium mit und brachten ihre Spezialkenntnisse ein: Max Edwin (1922–1929), Willy (ab 1924), Franklin (ab 1929) und Ralph (ab 1932). Nach Bircher-Benners Tod 1939 wurde das «Sanatorium Lebendige Kraft» in «Bircher-Benner-Privatklinik» umbenannt.

«Volkssanatorium für Ordnungstherapie» Durch die Spende des Industriellen F. Allemann in der Höhe von einer Million Franken wurde die Gründung einer gemeinnützigen Stiftung und die Errichtung eines «Volkssanatoriums für Ordnungstherapie» ermöglicht. Die Planung begann 1937. Am 12. April 1938 wurde ein Grundstück am Zürichberg (Schreberweg 9) erworben und im Juni 1939, fünf Monate nach Bircher-Benners Tod, wurde das Sanatorium eröffnet. Es bot Platz für 45 bis 48 Kurgäste. Die Preise für den Klinikaufenthalt waren mit neun Franken pro Tag im Fünfer- und Sechserzimmer und zwölf Franken im Zweier- und Dreierzimmer deutlich tiefer als in der Privatklinik. Die Leitung des «Volkssanatoriums» übernahmen zunächst die Söhne Max Edwin, Franklin und Willy.Marina Widmer und Kathrin Barbara Zatti: Zwischen Birchermüesli und Lebensphilosophie. Dagmar Liechti-von Brasch, 1911–1993, Chefärztin der Bircher-Benner-Klinik. Limmat-Verlag, Zürich 2008, S. 107–108 Im Rechenschaftsbericht über das erste Betriebsjahr hob Franklin Bircher hervor, dass beim Personal des «Volkssanatoriums» bei 6205 Arbeitstagen null Tage Krankheit zu verzeichnen waren.Franklin Bircher-Rey. Bericht über das erste Jahr Bircher-Volkssanatorium. Separatabdruck aus: Der Wendepunkt, Jg. 16 (1940). Zitiert nach: Michael Eyl. M. O. Bircher-Benner. Ordnung und Hafermüesli. In: Soziale Medizin, 15. Jg. Basel 1988, S. 6.Michael Eyl. M. O. Bircher-Benner. Ordnung und Hafermüesli. In: Soziale Medizin. 15. Jg. Basel August 1988, S. 6.

«Bircher-Benner-Privatklinik» – «Zurich Development Center» Nach dem Tode Bircher-Benners übernahmen die Söhne Franklin und Willy die Leitung des Sanatoriums, welches in «Privatklinik Bircher-Benner» umbenannt wurde. Zwischen 1942 und 1973 wurde die Klinik von Bircher-Benners Nichte, Dagmar Liechti-von Brasch, geleitet. Am 1. Mai 1973 ging sie in den Besitz des Kantons Zürich über. 1994 wurde sie nach mehreren Chefarztwechseln infolge mangelnder Auslastung geschlossen und das Gebäude 1998 an die Zürich Versicherungs-Gesellschaft verkauft.Regierungsratsbeschluss vom 24. März 1999Marina Widmer und Kathrin Barbara Zatti: Zwischen Birchermüesli und Lebensphilosophie. Dagmar Liechti-von Brasch, 1911–1993, Chefärztin der Bircher-Benner-Klinik. Limmat-Verlag, Zürich 2008

«Medizinisches Zentrum Bircher-Benner»