Hildegard (* ca. 758; † 30. April 783 in ThionvilleReinhard Barth: Karl der Große. München 2000, S. 97. an der Mosel) war die dritte Frau Karls des Großen und Mutter Ludwigs des Frommen. Es lassen sich zu ihrem Leben nur wenige Informationen finden, denn wie alle Frauen Karls stand sie im politischen Hintergrund und fand nur bezüglich ihrer Hochzeit, ihres Ablebens und als Mutter Erwähnung.Ingrid Heidrich: Von Plectrud zu Hildegard. Beobachtungen zum Besitzrecht adliger Frauen im Frankenreich des 7. und 8. Jahrhunderts und zur politischen Rolle der Frauen. In: Rheinische Vierteljahresblätter. Band 52, 1988, S. 1–15, hier S. 10.
Herkunft Sie war die Tochter des fränkischen Grafen Gerold aus dem Geschlecht der Geroldonen und der Imma, Tochter des alemannischen Grafen Hnabi und Hereswintha vom Bodensee.Reinhard Barth: Karl der Große. München 2000, S. 97–98. Ihrem Vater gehörten weitläufige Besitztümer im Herrschaftsgebiet von Karls jüngerem Bruder Karlmann, was diese Ehe langfristig zur bedeutsamsten Beziehung Karls machtEs gibt in der Forschung eine Diskussion darüber, ob es sich bei der ersten Frau Karls des Großen, Himiltrud, möglicherweise nur um eine Konkubine gehandelt habe, wie Einhard und Notker behaupten. Es gibt verschiedene Punkte, die gegen diese These sprechen, so die Tatsache, dass der gemeinsame Sohn den Namen Pippin erhielt, den Namen des Vaters von Karl, sowie ein Brief von Papst Stephan III., in dem er gegen die Heirat Karls und einer langobardischen Prinzessin protestiert und sowohl Karl als auch Karlmann daran erinnert, dass sich beide bereits in festen Eheverhältnissen befinden. Zumindest nach Auffassung des Papstes war Karl also verheiratet. Siehe Silvia Konecny: Die Frauen des karolingischen Königshauses. Die politische Bedeutung der Ehe und die Stellung der Frau in der fränkischen Herrscherfamilie vom 7. bis zum 10. Jahrhundert. Wien 1976, S. 65 und Martina Hartmann: Die Königin im frühen Mittelalter. Stuttgart 2009, S. 90–91., da er so seine Position in den Gebieten östlich des Rheins stärken und den alemannischen Adel an sich binden konnte.Matthias Becher: Karl der Große. München 1999, S. 108. Unter den Geschwistern Hildegards ragt der Ratgeber Karls des Großen hervor, der Heerführer Gerold der Jüngere, der auch als Graf in der Baar und im Nagoldgau erwähnt wurde.
Leben Es ist nicht bekannt, ob die Eheschließung mit Hildegard von Karl bereits vor dem plötzlichen Tod Karlmanns geplant wurde oder Teil der zielstrebigen Einverleibung des Reiches seines jüngeren Bruders unter Übergehung etwaiger Ansprüche seiner Neffen war.Martina Hartmann: Die Königin im frühen Mittelalter. Stuttgart 2009, S. 97. Jedenfalls kam es Ende 770/Anfang 771 zur Trauung Karls und Hildegards. Zuvor hatte Karl seine bisherige Frau Desiderata verstoßen.
Da von Hildegard keine genauen Geburtsdaten überliefert sind,Es ist kein genaues Geburtsdatum überliefert. Dies ist für eine angeheiratete Königin zu diesem Zeitpunkt nicht ungewöhnlich, da sie bei der Geburt noch nicht Teil der Herrscherfamilie und somit für deren Chroniken unbedeutend war, siehe Achim Thomas Hack: Alter, Krankheit, Tod und Herrschaft im frühen Mittelalter. Stuttgart 2009, S. 42. ist davon auszugehen, dass sie zu dieser Zeit mindestens zwölf Jahre alt war, da im römischen Recht, das von der Kirche stark rezipiert wurde, das Mindestalter für eine Ehe bei Mädchen auf zwölf Jahre festgelegt war.Achim Thomas Hack: Alter, Krankheit, Tod und Herrschaft im frühen Mittelalter. Stuttgart 2009, S. 51.
Eine intensive sexuelle Beziehung der Ehepartner ist dadurch belegt, dass Hildegard in zwölf Ehejahren acht Schwangerschaften, darunter eine mit Zwillingen, erlebte, eventuelle Fehlgeburten nicht mit einbezogen. Sie begleitete Karl auf vielen seiner Feldzüge. So ließ er sie 773/774 hochschwanger nachkommen, während er die Hauptstadt des Langobardenreiches, Pavia, belagerte. Dort wurde seine erste Tochter Adelhaid geboren, die jedoch bereits auf dem Rückweg über die Alpen starb. 778 begleitete Hildegard den König bis nach Aquitanien, wo sie die Zwillinge Lothar und Ludwig zur Welt brachte.Martina Hartmann: Die Königin im frühen Mittelalter. Stuttgart 2009, S. 100. 780/781 reiste sie gemeinsam mit Karl und vier ihrer Kinder nach Rom. Dort wurden die Söhne Ludwig und Karlmann zu Unterkönigen über eigene Gebiete gesalbt. Ludwig erhielt Aquitanien und Karlmann wurde auf den Namen Pippin getauft und Unterkönig über Italien. Das trug zur Stärkung des Bündnisses zwischen den Karolingern und den Päpsten bei.Wilfried Hartmann: Karl der Große. Stuttgart 2010, S. 50–51. Wegen der häufigen Schwangerschaften kann vermutet werden, dass sie Karl auf weiteren Feldzügen zumindest zeitweise begleitete.
Hildegard starb am 30. April 783 kurz nach der Geburt ihrer letzten Tochter und wurde am 1. Mai in der Abtei Sankt Arnulf in Metz beigesetzt. Es war Karls Wunsch, dass an ihrem Grab immer Kerzen brennen und täglich Gebete für die Verstorbene gesprochen werden sollten.Klaus Schreiner: „Hildegardis regina“. Wirklichkeit und Legende einer karolingischen Herrscherin. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 57, 1975, S. 1–70, hier S. 10.
Wirken und Nachleben mini|Ausschnitt aus der Kemptener Klosterchronik von 1499: Hildegard ist zusammen mit Karl dem Großen ganz rechts abgebildet. mini|Der Hildegard-Brunnen an der Lindauer Straße in Kempten mini|Wandmalerei von Franz Weiß mit Hildegard, der Klosterstifterin, als Motiv auf dem Landhaus am Hildegardplatz, Kempten
Hildegard machte verschiedene Schenkungen an die Klöster St. Denis und St. Martin in Tours.Klaus Schreiner: „Hildegardis regina“. Wirklichkeit und Legende einer karolingischen Herrscherin. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 57, 1975, S. 1–70, hier S. 8. Sie war mit der heiligen Lioba befreundet, die für einige Zeit bei ihr am Hof gelebt haben soll, Hildegard religiöse Bildung vermittelte und ihr geistlichen Rat bot.Rosamond McKitterick: Karl der Große. Darmstadt 2008, S. 91. Gemeinsam mit ihrem Mann gab sie das Godescalc-Evangelistar in AuftragKlaus Schreiner: „Hildegardis regina“. Wirklichkeit und Legende einer karolingischen Herrscherin. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 57, 1975, S. 1–70, hier S. 9–10. und findet erstmals ausdrücklich Erwähnung als Königin – auch der Langobarden – durch das gemeinsame Unterzeichnen von Urkunden mit ihrem Gemahl.Silvia Konecny: Die Frauen des karolingischen Königshauses. Die politische Bedeutung der Ehe und die Stellung der Frau in der fränkischen Herrscherfamilie vom 7. bis zum 10. Jahrhundert. Wien 1976, S. 65.
Hildegard genoss bereits zu Lebzeiten hohes Ansehen und erfuhr in ihrem Nachruf von Paulus Diaconus verschiedene Würdigungen.Klaus Schreiner: „Hildegardis regina“. Wirklichkeit und Legende einer karolingischen Herrscherin. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 57, 1975, S. 1–70, hier S. 4–5. – Das „Epitaphium Hildegardis reginae“ ist abgedruckt in Monumenta Germaniae Historica. 5: Antiquitates. 1: Poetae Latini medii aevi. 1: Ernst Dümmler: Poetae Latini aevi Carolini. Band 1. Weismann, Berlin 1881, S. 58–59. Vgl. dazu Franz Bittner: Studien zum Herrscherlob in der mittelalterlichen Dichtung. Würzburg 1962, S. 43–44, (Würzburg, Universität, Dissertation, 1961). Diese sind jedoch mit gewisser Skepsis zu betrachten. In ihrem Epitaph sind unterschiedliche, zu dieser Zeit gängige Floskeln und Topoi enthalten, die möglicherweise eingebracht wurden, um Karl zu schmeicheln. So findet sich zum Beispiel der Verweis darauf, dass Hildegard der Inbegriff von Schönheit, Weisheit und Tugend gewesen sei. Es handelt sich hierbei um feststehende Redewendungen, die von mittelalterlichen Autoren verwendet wurden, um die Herrscherinnen standesgemäß zu beschreiben.Klaus Schreiner: „Hildegardis regina“. Wirklichkeit und Legende einer karolingischen Herrscherin. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 57, 1975, S. 1–70, hier S. 4–5. Papst Hadrian I. drückte in einem Brief an Karl sein Beileid über den frühen Tod Hildegards aus.
Hildegard nutzte ihre königliche Stellung und die damit verbundenen Möglichkeiten, um ihren Bruder von der Absetzung des Tassilo III. von Bayern profitieren zu lassen. Soweit bekannt, war sie die einzige von Karls Ehefrauen, der es gelang, einem Familienmitglied nach der Heirat ein Amt zu verschaffen.Rosamond McKitterick: Karl der Große. Darmstadt 2008, S. 91. Außerdem kann angenommen werden, dass sie wie andere frühmittelalterliche Königinnen verschiedene Aufgaben wahrnahm, zum Beispiel als Vorstand der königlichen Hofhaltung an unterschiedlichen Entscheidungen etwa über die Aufenthalte des Hofes beteiligt wurde, oder als Vertreterin des Herrschers bei dessen Abwesenheit. Dabei kann davon ausgegangen werden, dass sie bei allen Entscheidungen mit ihm in engem Kontakt stand.Matthias Becher: Karl der Große. München 1999, S. 111.
Zusammen mit ihrem Mann stattete sie das bereits seit 752 bestehende Kloster zu Kempten reich aus. Aus Italien brachte sie nach dem Langobardenfeldzug 773/774 die Reliquien der Märtyrer Gordianus und Epimachus nach Kempten, die seitdem die Patrone der Klosterkirche sind (zusammen mit der Gottesmutter Maria). Hildegard wurde in Kempten als Stifterin intensiv verehrt; ihre Bildnisbüste zierte das Stiftswappen und einige Münzen der Fürstabtei. Im Spätmittelalter wurde behauptet – und durch Chronikfälschungen untermauert, Hildegard sei in Kempten bestattet worden (ebenso wie ihr Sohn Ludwig der Fromme); man baute ihre angebliche Grabkapelle (Hildegardkapelle (Kempten)) zu einem Wallfahrtsort aus, für den auch Mirakellisten überliefert sind. Dadurch erklärt sich, dass die Königin Hildegard im Allgäu wie eine Heilige verehrt und auch stets mit Nimbus dargestellt wurde. Noch in der barocken Residenz wurde im 17. Jahrhundert in einem der Innenhöfe eine Grabkapelle für Hildegard errichtet, die nach der Säkularisation abgebrochen wurde. Auch im modernen Kempten sind Hildegard und ihre Bedeutung für die Stadtentwicklung immer noch stark wahrnehmbar: Der zentrale Platz vor der ehemaligen Klosterkirche Basilika St. Lorenz ist nach ihr Hildegardplatz genannt. 1862 wurde auf dem Platz der neugotische Hildegardsbrunnen aufgestellt, der in den 1950er Jahren abgebrochen wurde. An einigen Hausfassaden ist ihr Bild aufgemalt, z. B. am Landhaus vom Kunstmaler Franz Weiß. Das ursprünglich Mädchen vorbehaltene Hildegardis-Gymnasium ist ein weiterer Erinnerungsort in Kempten. An der Lindauer Straße in direkter Nähe zu der Schule steht der Hildegard-Brunnen. An den Fassaden einiger Häuser ist sie dargestellt. Am Rande des Kemptener Waldes stand die Hildegardseiche, die vor einigen Jahren durch eine Neupflanzung ersetzt wurde. Bis in die 1950er wurden viele in Kempten geborene Mädchen nach Hildegard benannt.
Kinder Obwohl Karl bereits von seiner ersten, 769 verstoßenen Frau Himiltrud den Sohn Pippin hatte, wurde das Reich im Testament von 806 (Divisio Regnorum) unter den drei Söhnen Hildegards aufgeteilt, die das Erwachsenenalter erreichten.Geburtsdaten wurden aus Rosamond McKitterick: Karl der Große. Darmstadt 2008, S. 92, entnommen. Weil ihr Sohn Ludwig der Fromme Karl als Kaiser nachfolgte, wurde Hildegard als „Mutter von Königen und Kaisern“ bezeichnet.
Karl der Jüngere (* 772/773, † 4. Dezember 812) erbte den Kernbereich Neustrien und war – lange Zeit gemeinsam mit seinem Halbbruder Pippin dem Buckligen (vor dessen Rebellion und Abschiebung ins Kloster) – als Haupterbe vorgesehen, starb jedoch vor seinem Vater.Silvia Konecny: Die Frauen des karolingischen Königshauses. Die politische Bedeutung der Ehe und die Stellung der Frau in der fränkischen Herrscherfamilie vom 7. bis zum 10. Jahrhundert. Wien 1976, S. 65. Adelhaid (* 773/774, † Juli/August 774) wurde nach einer früh verstorbenen Schwester Karls benannt.Wilfried Hartmann: Karl der Große. Stuttgart 2010, S. 50.