Verbalperiphrase, perífrasis verbal, oder auch verbale Umschreibung ist allgemein ein Begriff aus der Sprachwissenschaft und bezeichnet die Verbindung von zwei oder, in Ausnahmefällen, mehr Verben, die eine einzige und semantisch (in der Bedeutung) einheitliche (nicht zusammengesetzte) Prädikationseinheit (Aussage) bilden. Es sind also Verbalkomplexe, die analytisch aus mehreren Wörtern gebildet werden.
Von allen romanischen Sprachen gilt das Spanische als die Sprache mit den meisten Verbalphrasen.Rena Torres Cacoullos: Grammaticization, synchronic variation, and language contact. John Benjamins, Amsterdam/Philadelphia 2000, ISBN 1-55619-938-4, S. 8 f. Die eine verbale Umschreibung generierenden Verben unterliegen gewissermaßen einem „Grammatikalisierungsprozess“. Das bedeutet, dass sie Teil eines Vorganges sind, bei dem gewisse lexikalische Einheiten eines Verbs ihre ursprüngliche Bedeutung verlieren, um anschließend grammatikalische Funktionen erfüllen zu können. Die lexikalisch-semantische Konstruktion zur Bildung der spanischen Verbalperiphrase erfolgt über mindestens ein finites Verb, das Hilfsverb, auxiliar, und eine Nominalform, auxiliado. Unter der Nominalform eines Verbs wird dessen substantivierte infinite Verbform verstanden. Die Anwendung von Verbalperiphrasen oder verbalen Umschreibungen, perífrasis verbales, ist im Spanischen häufig.Claudia Moriena, Karen Genschow: Große Lerngrammatik Spanisch: Regeln, Anwendungsbeispiele, Tests; [Niveau A1 – C1]. Hueber Verlag, 2010, ISBN 978-3-19-104145-8, S. 438.
Hierbei wird mindestens ein Verb zum Hilfsverb (Auxiliar) und hat in der Periphrase nur noch die Funktion, bestimmte grammatische Kategorien wie Zeitform oder Aspekt anzuzeigen. Der Begriff wurde insbesondere durch Georges Gougenheim für die französischen Periphrasen entwickelt.Georges Gougenheim: Étude sur les périphrases verbales de la langue française. Nizet, Paris 1971 Die Versprachlichung von Tempus, Aspekt und Modus vermittels umschreibender Verbalkonstruktionen ist ein Charakteristikum der romanischen Sprachen. Zur Bildung des Zeitbezugs wird in der spanischen Sprache das Tempus, tiempo gramatical, als grammatikalisches Mittel eingesetzt. Man unterscheidet zwischen syntaktisch einfachen (nur Vollverben, finite Verben) und syntaktisch komplexen oder periphrastischen Tempusformen (mit einer Auxiliar-Verb-Konstruktion, finites Verb in Verbindung mit einer Periphrase oder einem infiniten Verb). Das Auxiliar, verbo auxiliar, und Verb nehmen dabei eine morphologische definierte Form ein.Johannes Dölling: Temporale und modale Bedeutung. Semantik und Pragmatik. Institut für Linguistik, Universität Leipzig
In seiner grundlegenden Arbeit aus dem Jahre 1973Wolf Dietrich: Der periphrastische Verbalaspekt in den romanischen Sprachen. Untersuchungen zum heutigen romanischen Verbalsystem und zum Problem der Herkunft des periphrastischen Verbalaspekts. Niemeyer, Tübingen 1973 (Beiheft 140 zur ZRPh). beschreibt Wolf Dietrich fünf Kategorietypen der (romanischen) Verbalperiphrasen: die diathetische (so etwa die Passivierung, Kausativ), die temporale (so etwa Futurität), die aspektuellehier eher im Sinne von aktionell, also bezüglich Aktionsart. Sie wird gelegentlich synonym zum Aspekt wiedergegeben. (so etwa Schau, Beginn, Reiteration oder Wiederholung, Ablauf bzw. Verlauf, Beendigung einer Handlung), die situierende und die modale Form (so etwa Obligation, Möglichkeit, Notwendigkeit).Wolf Dietrich: Der periphrastische Verbalaspekt in den romanischen Sprachen: Untersuchungen zum heutigen romanischen Verbalsystem und zum Problem der Herkunft des periphrastischen Verbalaspekts. Band 140 Beihefte zur Zeitschrift für Romanische Philologie, Max Niemeyer Verlag, Imprint von de Gruyter, Berlin 1973, ISBN 3-484-52045-0.Reinhard Kiesler: Einführung in die Problematik des Vulgärlateins. Romanistische Arbeitshefte 48, Niemeyer, Tübingen 2006, ISBN 3-484-54048-6, S. 60.
Das Spanische gibt die Aktionsart, also die zeitliche Verlaufsweise des Ereignisses, mit verbalen Umschreibungen durch die perífrasis verbales wieder. Hierunter versteht man Verbalgruppen aus einem finiten Verb und einer (oder mehrerer) infinitiven Verbformen des Spanischen. Das finite Verb hat seine Eigenbedeutung hierbei weitgehend verloren und modifiziert nur noch die Aktionsart, oder es hat andere Bedeutungen, die mit der Struktur des Ereignisses zusammenhängen. Ein solcher Typ sind Konstruktionen mit Verben der Bewegung, die eine Verbindung mit einem Infinitiv, Gerundium oder Partizip bilden und Funktionen ähnlich einem Hilfsverb annehmen. Die periphrastischen Konstruktionen bezeichnen: Anfang, Wiederholung, Dauer, Ende der Handlung. Vorgang Deutsche präfigierte Formen Spanische Entsprechungen Anfang des Vorgangs Präfixe: ein-; ent-; auf-, z. B. eintreten; entschlafen; aufblühen I. Bezüglich Präfixe: keine Entsprechungen; II. inchoative Verbalperiphrasen: empezar a + infinitivo; comenzar a + infinitivo; III. se-Verbenformen, z. B. dormirse Ende, Abschluss des Vorgangs Präfixe: ab-; auf-; aus-; zer-, z. B. abbrennen; aufplatzen; zerreißen I. Präfixe: des-, en-; II. resultative Verbalperiphrasen: terminar + infinitivo; terminar + gerundio; III. Adverbien wie: por completo; totalmente Übergang in einen neuen Zielzustand Präfixe: ab-; er-; aus-; ver-, z. B. abkühlen; erstaunen; ausgießen; vergraben I. Präfixe: en-; em-; a-, z. B. enflaquecer; engordar; asustarse; III. Präfixe: des-; de-; re-, z. B. destacar; desteñir; rejuvenecer; IV. se-Verbformen: despertarse; V. inchoativ-ingressive Kopulaersatz: ponerseMeike Pöll, Bernhard Meliss: Aktuelle Perspektiven der kontrastiven Sprachwissenschaft Deutsch - Spanisch - Portugiesisch. Studien zur kontrastiven deutsch-iberoromanischen Sprachwissenschaft, BoD – Books on Demand, Norderstedt 2015, ISBN 3-8233-6954-7, S. 122–123
Das finite Verb, das Hilfsverb oder auxiliar, verliert in seiner Verbindung mit dem infiniten, nicht konjugierten Hauptverb, formas no personales del verbo, zumeist seine lexikalische Grundbedeutung. – Beispiel: Voy a escribir. wörtlich ich gehe zu schreiben in der Bedeutung von ich bin im Begriff zu schreiben oder ich werde (gleich) schreiben. Hingegen bringt das zweite Verb, das Hauptverb, seine lexikalische Bedeutung zur Geltung und bezeichnet damit die Verbalhandlung an und für sich. Durch seine jeweilige grammatische Form als infinites Verb wird zusätzlich etwas über den Verlauf der Handlung oder des Tatbestandes ausgesagt.Ulrike Schwall: Aspektualität. Eine semantisch-funktionelle Kategorie. Bd. 344 Tübinger Beiträge zur Linguistik, Gunter Narr, Tübingen 1991, ISBN 3-8233-4207-X, S. 140 f.
Während bei feststehenden Redewendungen die Bedeutung einzig in der gesamten Wortkonstruktion liegt, es kein Auxiliar und infinites Verb als solches gibt, ist eine Zergliederung der Redewendung ohne Bedeutungsverlust nicht möglich. – Beispiel: dar a conocer bekanntgeben, bekanntmachen, verkünden hacer llegar zukommen rüberbringen, schicken.Claudia Moriena, Karen Genschow: Große Lerngrammatik Spanisch: Regeln, Anwendungsbeispiele, Tests; [Niveau A1 – C1]. Hueber Verlag, München 2010, ISBN 978-3-19-104145-8, S. 438Wikibooks Spanisch / Redewendungen
Verbalperiphrasen oder verbale Umschreibungen bilden eine semantische und syntaktische Einheit aus, die von einem gemeinsamen Subjekt und den gleichen Objekten begleitet werden. Echte Verbalperiphrasen können durch einfache Verbformen, unter Verlust ihrer aspektuellen Aussagekraft, ersetzt werden. Ferner lassen sich die infiniten Verbformen nicht durch ein Pronomen austauschen, in einem solchen Fall handelte es sich um zwei unabhängige Verben in einem Haupt- und Nebensatz.
Juana va a hacer la canción del mundial. Verbstruktur ist nicht trennbar: echte verbale Umschreibung Juana la va a hacer.
Juana va a hacer la canción del mundial. Ersatz durch einfachere Verbformen möglich Juana hará la canción del mundial.
Juana ha dejado hecha la canción del mundial. Verbale Umschreibung lässt keine Pronomenplatzierung zu Juana la ha dejado hecha.
Juana necesita hacer violín. Pronomen lässt sich einfügen Juana lo necesita.Elena Santillán: Spanische Morphosyntax. Ein Studienbuch zum Lehren, Lernen un Üben. Narr, Tübingen 2015, ISBN 978-3-8233-6980-6, S. 55–58
Infinite Verbformen im Spanischen Den finiten Verben kann man die infiniten Verbformen gegenüberstellen, letztere sind nicht satzkonstituierend und bilden auch keine Tempusform im eigentlichen Sinne ab. Denn während die finite Verbform die Handlung, das Geschehen oder die Tatbestände, die sich auf die Zeit der Äußerung beziehen, d. h. sich (temporal)deiktisch auszudrücken in der Lage sind, können die infiniten Verbformen ein solches nur indirekt über ein oder im Zusammenwirken mit einem weiteren finiten Verb als sogenannte periphrastische Tempusform tun.Arnim von Stechow, Dieter Wunderlich: Semantik / Semantics: Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. An International Handbook of Contemporary Research. Bd. 6 Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft / Handbooks of Linguistics and Communication Science (HSK), Walter de Gruyter, Berlin 1991, ISBN 3-11-020336-7, S. 723. -
Infinite Verben, formas no personales del verbo, lassen weder die grammatische Person noch den Numerus erkennen. Hierzu zählen im Spanischen der Infinitiv, infinitivo, das Partizip, participio – eigentlich nur das Partizip, das mit haber zur Bildung der zusammengesetzten Zeiten und mit ser und estar für die Bildung des Passivs benötigt wird –, und das Gerundium, gerundio. Infinitiv, modo infinitivo. Beispiel: comprar Partizip, participio. Beispiel: comprado Gerundium, gerundio. Beispiel: comprando
Diese infiniten Verbformen werden zur Bildung der perífrasis verbales verwendet. Diese werden gebildet durch eine Verbindung aus einer finiten und einer infiniten Verbform, dabei übernimmt das finite Verb die Funktion eines Hilfsverbs, während das infinite Verb als Infinitiv, Partizip und Gerundium hinzutreten kann. Diese werden auch als hypotaktische Verbalphrasen bezeichnet,Tomo y me voy. Ein Problem vergleichender europäischer Syntax. S. 13–55 die sich dann von den parataktischen Verbalphrasen abgrenzen.
Die spanischen Verbalperiphrasen
Historische Voraussetzungen Die Verwendung der spanischen Verbalperiphrasen muss vor dem Hintergrund einer Veränderung des grammatischen Baus des Vulgär- oder Sprechlateins betrachtet werden. Es war der Wechsel von einem synthetischen zu einem analytischen Sprachbau. Diese Entwicklungstendenz im Vulgärlatein bestimmt letztlich die romanischen Sprachen und damit auch das Spanische.Harald Haarmann: Weltgeschichte der Sprachen. Von der Frühzeit des Menschen bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60802-5, S. 211–240. Da nicht nur die spanische Sprache Verbalperiphrasen aufweist, sondern sie in nahezu allen romanischen Sprachen zu finden sind, sie aber andererseits im Hochlateinischen fehlen, wurde die Vermutung geäußert, dass die Verbalperiphrasen eine Schöpfung des Vulgärlateins oder der vulgärlateinischen Sprachen waren.Eugenio Coseriu: Das romanische Verbalsystem. (= Tübinger Beiträge zur Linguistik. Band 66). Narr Verlag, Tübingen 1976, ISBN 3-87808-066-2, S. 119 f.Günter Holtus (Hrsg.): Lexikon der romanistischen Linguistik. III. Latein und Romanisch – IV. Historisch-vergleichende Grammatik der romanischen Sprachen. Walter de Gruyter, 1996, ISBN 3-11-093836-7, S. 223–235. Dem Aspekt, aspecto gramatical, verleiht man in den romanischen Sprachen und hier insbesondere im Spanischen durch die Verbalperiphrasen Ausdruck. Die romanischen Sprachen lassen sich vom Schriftlateinischen signifikant durch den periphrastischen Ausdruck in den Kategorien Tempus, Aspekt und Modus unterscheiden.
Funktionen der Verbalperiphrasen in der spanischen Sprache