mini|Schild über dem Frauenbuchladen Lillemor’s in München Die Lillemor’s Frauenbuchladen GmbH (abgekürzt Lillemor’s) war von 1975 bis 2023 eine Buchhandlung und Galerie in München.Elisabeth Zellmer: Töchter der Revolte? Frauenbewegung und Feminismus der 1970er Jahre in München. Inhaltsverzeichnis Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2011, ISBN 978-3-486-70254-5, S. 173; Erster Frauenbuchladen in München eröffnet (mit Foto), europeana.eu, abgerufen am 13. Dezember 2014; (mit Foto), zu Lillemor’s: Abschnitt 3. November 1975, frauenmediaturm.de, abgerufen am 13. Dezember 2014. Lillemor’s war der erste Frauenbuchladen in Westdeutschland und erhielt 1987 den Förderpreis für Frauenforschung und Frauenkultur der Landeshauptstadt München. Seit 2015 wurde Lillemor’s viermal in Folge in der Kategorie Hervorragende Buchhandlungen mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet.

Geschichte Anfänge in der Arcisstraße Die Unternehmensgründung 1975 erfolgte im Zusammenhang mit der Frauenbewegung nach dem Vorbild der 1974 gegründeten Librairie des femmes in Paris.Christine Schäfer, Christiane Wilke: Die neue Frauenbewegung in München 1968–1985. Buchendorfer Verlag, München 2007, ISBN 978-3-934036-30-7, S. 27. In dieser Zeit entstanden in Deutschland zahlreiche Frauenprojekte wie etwa die Zeitschriften Courage und Emma, mit Frauenoffensive auch ein eigenständiger Verlag. alternativtext=Schaufenster und Eingang des Lillemor’s Frauenbuchladen in der Arcisstraße. Das Foto ist schwarz-weiß.|mini|Lillemor’s Frauenbuchladen in der Arcisstraße 57

Am 3. November 1975Richard Deiss: Kaufhaus der Worte. 222 Buchhandlungen, die man kennen sollte. 7. Auflage. Books on Demand, 2014, ISBN 978-3-8423-0056-9, S. 53. wurde Lillemor’s Frauenbuchladen in der Arcisstraße 57 in München-Maxvorstadt von sechs Feministinnen gegründet.Landeshauptstadt München, Kulturreferat (Hrsg.): ThemenGeschichtsPfad. Die Geschichte der Frauenbewegung in München. 3. Auflage. MDM Maristen Druck und Verlag, Furth 2014, S. 152–153. Die Gründerinnen waren Sabine Holm (Buchhändlerin), Mara Krauss (Lehrerin), Monika Neuser (Grafikerin), Susanne Aeckerle (kaufmännisch Angestellte), sowie die Studentinnen Ute Geissler und Gerlinde KowitzkeZara S. Pfeiffer: Die Geschichte der Frauenbewegung in München, Reihe: ThemenGeschichtsPfad, Landeshauptstadt München, 3. Aufl. 2014, S. 150 .Uwe Sonnenberg: Von Marx zum Maulwurf. Linker Buchhandel in Westdeutschland in den 1970er Jahren. Wallstein Verlag, Göttingen 2016, S. 339.

Um auch Frauen anzusprechen, die üblicherweise nicht in Buchhandlungen einkauften, wählten die Gründerinnen die Bezeichnung Frauenbuchladen statt Frauenbuchhandlung. Im Anklang an vertraute Orte wie den Milchladen oder Schreibwarenladen sollte damit die Hemmschwelle für den Zugang niedrig gehalten werden.Christine Schäfer, Christiane Wilke: Die Neue Frauenbewegung in München 1968–1985. Eine Dokumentation. Herausgegeben von der Frauenakademie München e. V., Buchendorfer Verlag, München 2000, ISBN 3-934036-30-9, S. 243. Bei der Eintragung ins Handelsregister wurde der von den Gründerinnen gewählte Firmenname „Frauenbuchladen“ von den Behörden nicht akzeptiert. „Es wurde ihnen gesagt, so etwas Merkwürdiges wie einen ‚Frauenbuchladen‘ gäbe es nicht, da müsste auf jeden Fall ‚ein g’scheiter Name her‘.“Katharina Reintjes: Bücher und Bilder beim ‚Mütterlein‘. In: Robert Gigler (Hrsg.): Seitenwege. 33 ungewöhnliche Buchhandlungen in München. München Verlag, München 2007, S. 92–93. Die spontane Entscheidung für den Zusatz Lillemor’s (dänisch, norwegisch, schwedisch für „kleine Mutter, Mütterlein“) erfolgte aus dieser Notwendigkeit heraus.

Lillemor’s versteht sich als Fachbuchhandlung für feministische Literatur, Lesbenliteratur und Sachbücher mit frauenspezifischem Inhalt.Gabriele Dennert, Christiane Leidinger und Franziska Rauchut; Mitarbeit von Stefanie Soine (Hrsg.): In Bewegung bleiben: 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben. Inhaltsverzeichnis (PDF; 226 kB) Querverlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-89656-148-0, S. 225. Damit sind Bücher gemeint, so die Formulierung in einer Pressemeldung 1975, „die den Lebensbereich der Frau zum Inhalt haben: sich mit Politik, Beruf, Gesundheit, Ernährung, Kindererziehung beschäftigen“.Ingeborg Münzing: Diese Eröffnung ist einmalig in Deutschland. Ein Buchladen von Frauen für Frauen. In: Abendzeitung. 3. November 1975, Nr. 255, S. 13. Kurz nach der Gründung übernahm Lillemor’s den Verkauf von Verena Stefans Buch Häutungen aus dem Verlag Frauenoffensive, der anfangs in anderen Buchhandlungen nicht erhältlich war und ein Bestseller wurde. Die Buchhandlung war von Anfang an jedoch nicht nur eine Verkaufsstelle, sondern auch ein Kommunikationszentrum für Frauen, die sich über Frauenkultur, die Frauenbewegung und Frauenpolitik austauschen wollen. So veranstaltete Lillemor’s Frauenbuchladen Lesungen und Diskussionen, unter anderem mit Verena Stefan, Karin Struck, Angelika Mechtel.

Zunächst waren die Räume von Lillemor’s auch für Männer zugänglich.Elisabeth Zellmer: Töchter der Revolte? Frauenbewegung und Feminismus der 1970er Jahre in München. Inhaltsverzeichnis Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2011, ISBN 978-3-486-70254-5, S. 197. Die Buchhandlung diente jedoch auch als Anlaufstelle für Frauen, die Opfer von männlicher Gewalt geworden waren. Daher wurde die Anwesenheit von Männern als problematisch empfunden, und sie hinderte den freien Austausch der Frauen miteinander.Hintergrundgespräch von Elisabeth Zellmer mit Ursula Neubauer vom 7. Oktober 2008, zitiert nach Elisabeth Zellmer: Töchter der Revolte? Frauenbewegung und Feminismus der 1970er Jahre in München. Inhaltsverzeichnis Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2011, ISBN 978-3-486-70254-5, S. 198. Auf Basis einer kollektiven Entscheidung der Buchhändlerinnen im Jahre 1978 wurde Männern daher das Betreten der Räume untersagt. Nach Meinung der Buchhändlerinnen gab es in München abgesehen vom Frauenzentrum und Lillemor’s keinen Platz, „wo Frauen wirklich mal ohne Männer“ sein konnten.Privatarchiv Lillemor’s Frauenbuchladen: Einzelblatt, auf dem die Entscheidung für ein Zutrittsverbot von Männern zum Buchladen zu lesen ist, 1978, zitiert nach Elisabeth Zellmer: Töchter der Revolte? Frauenbewegung und Feminismus der 1970er Jahre in München. Inhaltsverzeichnis Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2011, ISBN 978-3-486-70254-5, S. 198.

1995 schlug Lillemor’s den Weg ins elektronische Zeitalter ein und stellte die erste öffentliche Frauenmailbox zur Verfügung.20 Jahre Münchner Frauenbuchladen. Erste feministische westdeutsche Literaturhandlung behauptet sich als Institution. In: Süddeutsche Zeitung, 23. November 1995, S. 2 (München-Land).

Seit 1979 arbeitete Andrea Gollbach in dem Laden, seit 1996 war sie zusammen mit Ursula Neubauer gemeinsam für ihn verantwortlichZara S. Pfeiffer: Die Geschichte der Frauenbewegung in München, Reihe: ThemenGeschichtsPfad, Landeshauptstadt München, 3. Aufl. 2014, S. 151.

Ein Preis als Politikum (1987/88) Eine Jury aus Stadträtinnen, Journalistinnen und Frauen aus dem Bildungs- und Kulturbereich wählte Lillemor’s für den Förderpreis für Frauenforschung und Frauenkultur der Landeshauptstadt München aus. Der Stadtrat Peter Kripp argumentierte hingegen, dass der Frauenbuchladen den Preis nicht erhalten solle, denn durch das Zutrittsverbot für Männer werde das Miteinander der Menschen erschwert. Als die Versammlung des Münchner Stadtrats die Entscheidung der Jury bestätigen sollte, wurde die Ehrung vorläufig aufgehoben: „CSU, FDP und USD (eine Minifraktion zweier SPD-Aussteiger) behaupten, die Jury sei nicht korrekt zusammengesetzt gewesen. Außerdem handele es sich bei Lillemor’s um einen Gewerbebetrieb, dem ein städtischer Preis gar nicht zustehe.“Andrea Böhm: Das Reservat. In: Emma. Ausgabe März 1988, S. 8. Der Streit dauerte ein Jahr und wurde schließlich durch ein Rechtsgutachten zugunsten von Lillemor’s entschieden.kicks: 15 Jahre Lillemor’s Frauenbuchladen. In: Münchner Lokalberichte Nr. 24, vom 28. November 1990, 8, abgerufen am 13. Dezember 2014.

Vom Umzug im Jahr 2000 bis 2023 mini|Frauenbuchladen Lillemor’s in München, Barer Straße 70 Am 3. April 2000 zog der Laden innerhalb der Maxvorstadt in die Barer Straße um. Seitdem war die Buchhandlung für Personen aller Geschlechtsidentitäten zugänglich. Sowohl Kundenkreis als auch Sortiment wiesen im Gegensatz zu den stark politisch orientierten Gründungsjahren eine viel größere Bandbreite auf. Auch „hat sich der Schwerpunkt deutlich in Richtung anspruchsvoller Literatur verschoben.“Daniela Engels: Das Beste in München für Frauen. München Verlag in der Chr. Belser Gesellschaft für Verlagsgeschäfte, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-7630-4020-9, S. 88. Mehr als 4000 Titel zu frauenspezifischen Themen waren auf Lager. Präsentiert wurden außerdem Publikationen kleiner Verlage, die in großen Buchhandlungen kaum beachtet werden,Mitteilung von Lillemor’s Frauenbuchladen zum Selbstverständnis, frauenliteratur.de, abgerufen am 8. Januar 2015. dazu gehörten auch Publikationen mit dem Schwerpunkt weiblicher Neoschamanismus und feministische Spiritualität aus Kleinst- und Selbstverlagen von Frauen.

2016 und 2017 beteiligte sich Lillemor’s Frauenbuchladen an der bookuck!-Kampagne, einer Initiative des Kulturreferats der Landeshauptstadt München, des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und des Münchner Buchhandels, die von zahlreichen Künstlern unterstützt wurde.Antje Weber: Langer Kampf. Der erste deutsche Frauenbuchladen: Lillemor’s in Schwabing. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 130, 8. Juni 2016, Seite R2. Sie verfolgte das Ziel, „Vorteile und Stärken des lokalen Buchhandels“ zu zeigen. mini|Übergabe des Lillemor’s-Archivs an die Monacensia 2023, nach der Schließung der Buchhandlung aus Altersgründen, übergaben die Inhaberinnen Ursula Neubauer und Andrea Gollbach ihr umfangreiches Archiv dem Münchner Literaturarchiv Monacensia. Es enthält Unterlagen zur Gründung, Fotos, Korrespondenzen mit Autorinnen, Verlagen, Werbematerial und vieles mehr.

Galerie Die Buchhandlung ist zugleich Galerie und präsentierte über die Jahre eine Vielzahl von Ausstellungen aus den Bereichen Malerei, Fotografie und Skulptur, unter anderem von Ulrike Rosenbach, Inea Gukema und Cosy Pièro. Ziel ist es, Künstlerinnen außerhalb des kommerziellen Kunstbetriebs eine Möglichkeit zu geben, ihre Werke zu präsentieren. Die Kombination von Buchhandlung und Galerie schafft die „Verbindung von Wort- und Bildkunst, Lesen und Betrachten“.

Wirtschaftliche Aspekte Seit der Gründung stellte Lillemor’s Frauenbuchladen die finanzielle Basis für die dort tätigen Frauen dar und strebte ein alternatives Arbeitsmodell an, das ohne klassische Arbeitsteilung und Hierarchien auskommen sollte. Die zuletzt tätigen Geschäftsführerinnen Andrea Gollbach und Uschi Neubauer arbeiteten von 1979 bzw. 1982 bis 1996 im Team mit anderen Frauen und waren seither gemeinsam für Buchladen und Galerie verantwortlich.

Im Jahr 2023 charakterisierte die Süddeutsche Zeitung die wirtschaftliche Situation des Unternehmens rückblickend mit den Worten „meistens vom Pleitegeier im Tiefflug umkreist“.Jutta Czeguhn: Die nächste Generation, in: Süddeutsche Zeitung 1. August 2023, R 10.

Preise und Auszeichnungen

mini|hochkant|Urkunde Deutscher Buchhandlungspreis 2018 für Lillemor’s Frauenbuchladen München

2015, 2016, 2017 und 2018: Lillemor’s wurde in der Kategorie Hervorragende Buchhandlungen mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet, der von der Bundesregierung 2015 erstmals verliehen wurde, dotiert mit 7000 Euro.BLÖ: Preise für Münchner Buchhandlungen. In: Süddeutsche Zeitung, 1. September 2017, S. R14.