Emil Brass (* 21. September 1856 in Berlin; † März 1938 ebenda), auch Emil Braß, war ein Berliner Rauchwarenhändler und Autor von Fachliteratur und Herausgeber einer Pelz-Fachzeitschrift. Seine wichtigste Arbeit war das Standardwerk Aus dem Reiche der Pelze. Es beschrieb, erstmals und in diesem Umfang bis heute einmalig, die Geschichte des Pelzhandels sowie die vom Fellhandel genutzten Tierarten. Trotz seines Seiteneinstiegs in die Wissenschaft galt er unter Zoologen, Geographen und Anthropologen als ebenbürtiger Fachmann.
Leben Emil Brass, Sohn eines Kürschners und Rauchwarenhändlers, besuchte in Berlin das Köllnische Gymnasium bis zur Obertertia und dann das königliche Realgymnasium bis zur Prima. 1886 heiratete er, seine erste Frau verließ ihn und sein einziger Sohn, Oberarzt und stellvertretender Regimentsarzt, fiel im Ersten Weltkrieg. Über seine zweite Ehe ist offenbar nichts überliefert. In seiner Freizeit betrieb er Sport, vor allem Wassersport in allen Formen, bei seinem Überseeaufenthalt auch Reiten und Jagen.
Über Brass in seinen letzten Lebensjahren schrieb Philipp Manes, der von den Nationalsozialisten ermordete Journalist der Pelzbranche: „Unsere Generation hat nur den ‚alten Brass‘ gekannt, mit seinem grauen, leicht verwilderten Vollbart, der nicht sehr gepflegten Kleidung (wie sollte sie auch ein Junggeselle peinlich sauber halten?) und der ewigen Zigarette im Mundwinkel, […] Mit dem alten Berlin war und blieb Brass eng verwachsen, er kannte alles und jeden. Seine Liebe zu allem, was altes Berlin hieß, war riesengroß, die Schnurren und Geschichten, wenn er zu erzählen begann, endlos. Sein phänomenales Gedächtnis verließ ihn selten und täuschte ihn nie. Auf dem Gebiet der Felltierkunde gab es in der europäischen Welt keinen größeren Kenner als Emil Brass. Wissenschaftliche Abhandlungen schüttelte er nur so aus den Ärmeln“.
In der Zeit des Nationalsozialismus flaggte er weiterhin nur Schwarz-Weiß-Rot. Als die körperlichen Kräfte versagten, halfen ihm Kollegen aus Berlin und Leipzig. Seine letzte große Freude war die Anteilnahme der Branche an seinem 80. Geburtstag. Manes schrieb abschließend: „Am 12. März 1938 brachten wir ihn zur letzten Ruhe. Zu dreien folgten wir dem Sarg. Mehr waren es nicht, die um seinen Tod wußten“.
Bildmaterial Trotz der zahlreichen Veröffentlichungen und Fotografien vor allem innerhalb der deutschen Pelzbranche scheint bislang kein Porträt bekannt, das Emil Brass zweifelsfrei als abgebildete Person ausweist. Auch in den von Brass selbst herausgegebenen bzw. verfassten, reich bebilderten Veröffentlichungen sowie in zeitgenössischen Fachpublikationen konnte wohl bislang keine entsprechend bezeichnete Aufnahme nachgewiesen werden. Einzelne Fotografien aus dem Umfeld der Berliner und Leipziger Rauchwarenbranche werden gelegentlich mit Brass in Verbindung gebracht, eine sichere Identifizierung scheint jedoch nicht belegt.
Rauchwarenhandel mini|Links, 1. Etage, Rauchwarenhandlung M. Brass (1912) Der Vater, Kürschnermeister Michael Brass (* 16. Juni 1813), eröffnete im Jahr 1836 in Berlin einen Kürschnerbetrieb. Er erkannte die seinerzeitigen Probleme der Materialbeschaffung für den Einzelhandel. Die Fahrt mit der Post von Berlin zum Pelzhandelszentrum Leipziger Brühl dauerte damals zwei Tage, wobei unterwegs übernachtet wurde. Die Waren wurden mit dem Frachtwagen befördert, was mehrere Wochen in Anspruch nahm. Eine große Erleichterung war es, als die Anhalter Vorortbahn fertiggestellt war. Aber auch sie fuhr anfangs nur bis Dessau, ab dort musste immer noch die Postkutsche benutzt werden. Brass brachte deshalb für seine Kürschnerkollegen Felle vom Brühl mit, er war damit der erste Pelzgroßhändler Berlins. Bereits 1840 lautete das Ladenschild „Kürschnerei und Rauchwarenhandel“. Schon zwei Jahre später erwarb er in Leipzig das Grundstück Brühl 19, allerdings unter dem Namen J. Freystadt, jüdischen Händlern war es um diese Zeit noch nicht gestattet, in Leipzig Grund und Boden zu besitzen. Durch den Leipziger Firmensitz gewann auch das Unternehmen auf der Berliner Königstraße an Bedeutung. Die 1842 gegründete Leipziger Firma wurde später unter dem Namen B. Freystadt & Co. (Bernhard Freystadt † 1921) vom Neffen des Inhabers weitergeführt und bestand noch 1940.Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900–1940, Versuch einer Geschichte. Berlin 1941 Band 1. Durchschrift des Originalmanuskripts, S. 7–8, 77. (Kollektion G. & C. Franke). Für 1856, dem Geburtsjahr von Emil Brass, führte eine Inventuraufstellung des Michael Brass auf: 65.000 Taler, fertige Waren ca. 20.000 Taler, Kassa und Wechsel 18.000 Taler, außenstehende Forderungen 10.000 Taler, Passiva 18.500 Taler. Zu seiner Kundschaft gehörten die Fürsten Radziwiłł, die Heckmanns und viele Namen der Berliner Gesellschaft. Eine Mietsteigerung von 2500 auf 18.000 Taler veranlasste ihn, das Detailgeschäft aufzugeben und sich ganz dem Rauchwarenhandel in Berlin und Leipzig zu widmen.
Ostern 1876 hatte Sohn Emil seine Lehrzeit beendet. Sein anschließendes Volontariat bei der Leipziger Filiale der amerikanischen Firma Ullmann gab er wieder auf, weil er fand, dass er dort nicht genug Gelegenheit hatte, sich die gewünschten Kenntnisse über Rauchwaren-Rohware aneignen zu können. Am 1. April 1877 trat er bei der Firma D. J. Lehmann (später Anton und Alfred Lehmann) den Beruf des Rauchwarenkaufmanns an. Anschließend war er einige Monate als Volontär in der Londoner Filiale der Rauchwarenfirma Josef Ullmann, Leipzig tätig und danach ein Jahr lang in gleicher Stellung bei N. Händler & Son, ebenfalls London. Während dieser Londoner Zeit erwarb er die Grundlage seiner umfangreichen Warenkenntnisse. Mr. Stamp, der Seniorchef der Firma Blatspiel, Stamp & Heacock, nahm ihn zur Warenbesichtigung mit und brachte ihm, zusammen mit seinem Bruder und Neffen, die Unterschiede der einzelnen Fellsorten, die Fellmerkmale der Herkunftsorte usw. bei, ein Unterricht, wie er nur wenigen Mitgliedern der Branche zuteilwurde.
Zur weiteren Ausbildung ging er nach Paris, ein Staatsstreich ließ ihn dort, selbst ohne Gehalt, trotz vorzüglicher Empfehlungen keine Stellung finden, weder in der Pelzbranche, noch bei Bankhäusern, Getreidegeschäften sowie Exportfirmen. Er beendete seinen Aufenthalt nach einem halben Jahr, das er mit Studien verbrachte, kehrte nach Berlin zurück und trat im Januar 1878 in den väterlichen Betrieb ein, eines der ältesten Pelzwarenhäuser mit Detail- und Engrosgeschäft in Berlin und Rauchwarenhandel im eigenen Hause am Brühl in Leipzig. Das Geschäft hatte sich gut entwickelt. Der Vater eröffnete in Berlin wieder ein Detailgeschäft und übertrug die Leitung an seinen Sohn, der sofort versuchte, die Engrosproduktion damit zu verbinden und den Export zu steigern. Er begann mit Pelzhüten und Kindergarderobe, die er gut nach London verkaufte. Bis dahin hatte die Firma nur Fuchsschweif- und Fehboas nach England ausgeführt. Fuchsschweifboas waren in dieser Zeit ein bevorzugter Modeartikel, Emil Brass rühmte seinen Vater, dass der 1874 der Erste war, der sie produzieren ließ. Fuchs- und Fehschweife waren es auch, die Emil Brass nach seiner Aussage sein gesamtes Vermögen verlieren ließ. Nachdem ein Konkurrent aufgetreten war und die Rohware aufgekauft hatte, konnte Brass die zugesagte halbe Million Stück nicht mehr zu den vereinbarten Preisen liefern. Er sah sich genötigt, mit seinen „englischen Freunden zu verhandeln“ und einigte sich auf sehr große Entschädigungszahlungen. Erst aber erweiterte er die Produktion auf alle Arten der Pelzkonfektion, die sowohl im Einzelhandel als auch im Großhandel in viele Länder vertrieben wurden, wobei das Hauptexportgeschäft weiterhin England blieb. Nach Brass’ Angabe waren er und die Firma A. B. Citroen in Berlin auch die Ersten, die Pelzmäntel als Konfektion herstellen ließen und am Lager vorrätig hielten, während die anderen Kürschner nur auf Bestellung arbeiteten. Außer der Filiale im Londoner Pelzhandelsviertel um Garlick Hill kamen Agenturen in Hamburg, Kopenhagen, Stockholm, Paris, Wien, Mailand, Wien, Triest, Manchester und Glasgow hinzu. Um 1860 erfolgten die ersten Exporte chinesischer Felle nach Europa überhaupt.Aladar Kölner: Chinesische, mandschurische und japanische Pelzfelle. In: Rauchwarenkunde. Elf Vorträge aus der Warenkunde des Pelzhandels, S. 92. Auch bei Brass nahm das Importgeschäft zu, als Erster führte er 1887 chinesische Felle, japanische Marderfelle, japanische Seefuchsfelle, Tibetlammröcke und -felle und anderes nach Deutschland ein.
Im Jahr 1882 wurde er Prokurist der Firma, 1884 wurde er Teilhaber, die Adresse war 1985 in dem historischen viergeschossigen Wohn- und Geschäftshaus An der Stechbahn 2. 1886, im Jahr seiner Heirat, übernahm er die Firma als Alleininhaber. In Zeiten ungünstiger Konjunkturen musste er später die Konfektionsproduktion wieder aufgeben. Bei allen seinen Talenten fehlte Emil Brass leider die Geschäftstüchtigkeit seines Vaters Michael: „Er war ein Gelehrter, der sich völlig in seine Gedankenwelt einspann, Zeit und Wirklichkeit vergaß.“
Da es mit dem bedeutenden Exportgeschäft vorbei war und der Umsatz sehr geschrumpft war, unternahm er mit Musterkollektionen deutscher Fabrikanten im April 1891 zur Gewinnung neuer Geschäftsverbindungen eine ausgedehnte Weltreise. Dabei kam er durch einen Teil der USA und durch Kanada. In Kanada trafen zu der Zeit erst nur spärlich Einwanderer ein, in den weiten Prärien sah er oft tagelang nur Antilopenrudel, aber auch noch die Knochen der massenhaft hingeschlachteten Büffel, die auf der noch einzigen Eisenbahnlinie waggonweise in die Knochenmühlen Chikagos gebracht wurden. Von British Columbia ging es weiter nach Alaska, durch ganz Japan, China, die Mandschurei, Korea (er war nach seiner Aussage, zusammen mit seinem Begleiter, der erste Europäer, der das heilige Kŭmgangsan-Gebirge besuchte), Saigon, Singapur, Penang, Birma, Vorderindien und zuletzt Ceylon.14 Monate nach seiner Abfahrt trat er von dort die Heimreise an.
„Unangenehme Familienverhältnisse“ veranlassten ihn jedoch schon bald dazu, Berlin wieder zu verlassen und sich dauerhaft in Shanghai niederzulassen. Von dort aus unternahm er regelmäßige Reisen nach Nord und Mittelchina, Japan (hier war er siebenmal) sowie Ostsibirien. Er betrieb in China ein allgemeines Import- und Exportgeschäft und ließ einige Zeit sogar Dampfer in der Küstenschifffahrt laufen. Während des Boxeraufstandes wurde er Mitglied der „Shanghai-Freiwilligen“ und erhielt nach der Beendigung der Feindseligkeiten die China-Medaille.
Im Jahr 1902 kehrte er nach Deutschland zurück und unterhielt hier ein Kommissions- und Importgeschäft vor allem mit der Einfuhr von Rauchwaren und Schmuckfedern aus China, Japan und später auch aus Argentinien. Mit der Einfuhr von Pahmifellen und anderen chinesischen Pelzsorten nach Deutschland, und damit teilweise damit auch nach Europa, war er auch hier der Pionier. Sein Titel als Konsul, auf den er sehr stolz war, stammte aus dieser chinesischen Zeit.
Während eines zehn Wochen andauernden Streiks in der Berliner Pelzbranche zog sich Generalsekretär Brass als Redakteur der „Neuen Pelzwarenzeitung“ den Zorn der Arbeitnehmerorganisation zu: „Er sparte nicht mit Verleumdungen, um die gewünschte Mißstimmung der Arbeiterschaft herbeizuführen“.Heinrich Lange, Albert Regge: Geschichte der Zurichter, Kürschner und Mützenmacher Deutschlands. Deutscher Bekleidungsarbeiter-Verband (Hrsg.), Berlin 1930, S. 175. Als die Schmuckfederindustrie „schwerbedroht“ war, organisierte er unter Mithilfe der Kolonialgesellschaft den Kampf gegen die „extremen Forderungen der Tierschützer“. 1920 war er an der Gründung des „Verbandes deutscher Rauchwarenfirmen“ beteiligt, einer Interessenvereinigung der Rauchwarenhändler und -vertreter.Philipp Manes: Die Pelzstadt Berlin vor 50 Jahren. In: Rund um den Pelz, Oktober 1975.