mini|Der Anfang des Jüdischen Kriegs in lateinischer Übersetzung in der Handschrift Köln, Dombibliothek, 163, fol. 101r (12. Jahrhundert) Jüdischer Krieg oder Geschichte des jüdischen Krieges ( oder , , in diesem Artikel zitiert als Bellum) ist ein Werk des jüdisch-hellenistischen Historikers Flavius Josephus. Es behandelt den Aufstand der Juden gegen die Römer in den Jahren 66 bis 74 sowie vorangegangene Ereignisse, die zum Krieg führten.

Gliederung des Werks Wie Josephus im Vorwort selbst erklärte, hatte er sein Werk in sieben „Bücher“ eingeteilt. Buch 1 ist bei weitem das längste; die ersten beiden Bücher machen zusammen 42 % des gesamten Textes aus.Steve Mason: Josephus’s Judean War. In: Honora Howell Chapman, Zuleika Rodgers (Hrsg.): A Companion to Josephus. Wiley, Chichester 2016, S. 18. Auf diese Weise wird die im vierten Buch berichtete Ermordung der Hohenpriester Ananus und Jesus als Wendepunkt der Handlung betont: von nun an erscheint der Untergang Jerusalems und des Tempels unvermeidlich.Steve Mason: Josephus’s Judean War In: Honora Howell Chapman, Zuleika Rodgers (Hrsg.): A Companion to Josephus. Wiley, Chichester 2016, S. 22f. Josephus ging weit in die Vergangenheit zurück, um an eine Zeit der Kooperation zwischen Römern und Judäern zu erinnern, die bereits gestört, in der Ära Nero aber endgültig erschüttert worden sei. Denn Nero ernannte den Prokurator Gessius Florus. Dessen Unfähigkeit und Parteilichkeit zugunsten der Samaritaner ließ die Judäer zur Selbsthilfe greifen. Bürgerkrieg sei die Folge gewesen, „Tyrannen“ hätten an Zulauf gewonnen, die dann Jerusalem ins Verderben geführt hätten. Mit Vespasian und Titus seien in Rom aber nun moralisch integre Männer an der Macht, die die moralische Integrität der Judäer anerkannten. „Man kann das jämmerliche Erbe Neros in Rom wie in Judäa nur beklagen, dann aber einen Schlussstrich darunter ziehen, da Männer mit Charakter im Aufstieg begriffen sind.“Steve Mason: Josephus’s Judean War, In: Honora Howell Chapman, Zuleika Rodgers (Hrsg.): A Companion to Josephus. Wiley, Chichester 2016, S. 22f.: One can only lament the whole miserable legacy of Nero, in Rome as in Judea, and draw a line under it now, with men of character ascendant. (Steve Mason)

Inhaltsangabe mini|Antiochos IV. erobert Jerusalem, seine Soldaten töten die Bevölkerung; im Hintergrund werden Geräte aus dem Tempel herausgetragen (Buchmalerei von Jean Bourdichon, in einer französischen Ausgabe von Antiquitates und Bellum, um 1470. Bibliothèque nationale de France, NAF 21013, fol. 123r)BNF, Gallica: Flavius Josèphe, Antiquités judaïques (Livres XV-XX) ; Guerre des Juifs (Livres XXI-XXVII) Buch 1 Unter der Regierung des Seleukidenherrschers Antiochos IV. kommt es zu einem Konflikt zwischen Oniaden und Tobiaden in Jerusalem; der Hohepriester Onias flieht ins Ptolemäerreich und gründet einen Tempel nach dem Muster des Jerusalemer Tempels in Heliopolis. In Judäa erhebt sich die Bevölkerung unter Führung der Makkabäer erfolgreich gegen die seleukidische Oberherrschaft. Dadurch entsteht ein unabhängiger jüdischer Staat. Das priesterlich-königliche Geschlecht der Hasmonäer regiert in Jerusalem und erweitert das Territorium Judäas durch Eroberungen. Herodes entmachtet die Hasmonäer und ist hier im Bellum als tragische Gestalt gezeichnet: außenpolitisch als Verbündeter Roms erfolgreich, scheitert er innenpolitisch durch Unbeherrschtheit und Intrigen in seiner Familie. Das Buch endet mit dem Tod des Herodes.

Buch 2 Um Herodes’ Nachfolge kommt es zu Konflikten. Rom versucht, von Jerusalem und Caesarea Maritima aus seine Herrschaft über Judäa zu festigen. Das Unvermögen des Prokurators Gessius Florus, den Konflikt zwischen Judäern und Samaritanern zu schlichten (bzw. im Sinne des Josephus: zugunsten der Judäer zu entscheiden), führt dazu, dass sich militante Gruppen, sogenannte „Räuber“, bilden. Jüdische und nichtjüdische Einwohner Caesareas ringen um die Dominanz in der von Herodes gegründeten Stadt; dieser Konflikt destabilisiert die Region. Eine Strafexpedition des Statthalters von Syrien, Gaius Cestius Gallus, endet mit einer römischen Niederlage bei Bet-Ḥoron. Widerstrebend bereiten sich die führenden Kreise in Jerusalem auf den danach zu erwartenden Krieg mit Rom vor. Josephus bekommt die Verteidigung Galiläas übertragen.

Buch 3 Kaiser Nero beauftragt Vespasian mit der Rückeroberung Judäas. Eine gewaltige römische Armee nähert sich Galiläa, doch Josephus kann sie durch kluge Kriegführung eine Weile aufhalten. Er hält Jotapata 47 Tage gegen die römische Belagerung und gerät unter dramatischen Umständen in Gefangenschaft. Er sagt Vespasian das Kaisertum voraus. Ansonsten fällt Galiläa der römischen Armee leicht zu, da die zentrale Stadt Sepphoris in dem gesamten Konflikt pro-römisch ist.

Buch 4 Vespasian und sein Sohn Titus schlagen den letzten jüdischen Widerstand in Gamla, auf dem Tabor und in Gischala nieder, danach ist Galiläa in römischer Hand. Der Milizenführer Yochanan ben Levi (Johannes von Gischala) zieht sich mit seinen Kämpfern nach Jerusalem zurück und entwickelt sich dort zum „Tyrannen“. Er holt Idumäer in die Stadt, die populäre Angehörige der Priesteraristokratie ermorden. Die noch verbliebenen Angehörigen der Oberschicht holen Schimon bar Giora mit seinen Leuten in die Stadt, den Gegenspieler des Johannes von Gischala. Während in Jerusalem der Bürgerkrieg eskaliert, richtet sich der Blick am Ende des 4. Buchs auf eine andere vom Bürgerkrieg zerrissene Stadt: Rom. Nach der Ausrufung des Vespasian zum Kaiser wird Titus mit der Beendigung des Feldzugs beauftragt – der Eroberung Jerusalems.

Buch 5 In Jerusalem tobt der Bürgerkrieg, die Bevölkerung leidet. Aber die ersten Maßnahmen der anrückenden römischen Armee werden erfolgreich abgewehrt. Der Erzähler schiebt nun eine Beschreibung der militärisch relevanten Topografie Jerusalems ein, wodurch die starke Befestigung der Stadt ins rechte Licht gerückt wird. Abschließend wird der Tempel beschrieben. Der Kampf wogt zwischen Juden und Römern hin und her, wobei sich einzelne Kämpfer auf beiden Seiten auszeichnen. Josephus hält den Belagerten eine große Rede, in der er das Geschehen geschichtstheologisch deutet. „Im Hintergrund steht das allmähliche Härterwerden des Titus, nachdem seine vielen Versuche, mit Zuckerbrot und Peitsche eine frühe Übergabe der Stadt zu erreichen, zurückgewiesen wurden.“Steve Mason: Josephus’s Judean War. In: Honora Howell Chapman, Zuleika Rodgers (Hrsg.): A Companion to Josephus. Wiley, Chichester 2016, S. 20.

Buch 6 Die vom bisherigen Misserfolg erbitterte römische Armee setzt die Belagerung mit ihrer charakteristischen Technik fort. In der Stadt wird das Elend immer größer. Maria, eine aristokratische Jerusalemerin, schlachtet ihr Kind und isst es. Als Titus von diesem Akt des Kannibalismus erfährt, gelobt er, Jerusalem zu zerstören. Allerdings will er den Tempel erhalten. Die Kriegsereignisse gehen darüber hinweg: nachdem die römische Armee in die Stadt und auf das Tempelgelände vordringt, legt ein einzelner Soldat dort Feuer, und dem Feldherrn gelingt es nicht, eine Löschaktion zu veranlassen. Da der Tempel also verloren ist, sieht sich Titus dort alles selbst genau an. Die Zerstörung des Tempels ist unvermeidlich; da er durch die Frevel der „Tyrannen“ besudelt wurde, ist dies Gottes Wille.

Buch 7 Für die jüdische Bevölkerung in Syrien und Ägypten hat die Niederlage im Krieg weiteres Leiden zur Folge. In Rom feiern die Flavier ihren Triumph über Judäa; die erbeuteten Tempelgeräte werden dabei mitgeführt und später im Templum Pacis aufgestellt. In Judäa fallen die letzten Festungen in römische Hand. Die Verteidiger von Machaerus beeindrucken durch ihren heroischen Kampf und erreichen in Verhandlungen freien Abzug (was aber nicht für die Zivilbevölkerung gilt). Die Verteidiger von Masada begehen kollektiven Selbstmord. Das Buch endet mit der Zerstörung des Oniastempels in Ägypten und mit der Entlastung des Josephus von Vorwürfen antirömischer Aktivitäten.

Kriegsgeschichte eines Besiegten für die Sieger Erzählhaltung Josephus betonte, dass er als Augenzeuge allen Historikern überlegen sei, die sich mit Kenntnissen aus zweiter Hand daranmachten, diesen Krieg zu beschreiben.Dieses Motiv begegnet auch bei Thukydides. Da von konkurrierenden Geschichtswerken nichts erhalten ist, kann es sich um einen literarischen Topos handeln. Vgl. Louis H. Feldman: Flavius Josephus Revisited: The Man, His Writings, and His Significance, Berlin / Boston 1984, S. 838. Außerdem wolle er beide Seiten gerecht darstellen. Wer dem Kriegsgegner, den Judäern, Respekt verweigere, setze auch die Leistung von Vespasian und Titus herab.Flavius Josephus: Jüdischer Krieg 1, 8. In seinem Vorwort stellte sich Josephus in die Tradition griechischer Geschichtsschreibung. Die Forschung ist geteilter Meinung, wie stark Josephus von Thukydides beeinflusst war oder nur stereotype Versatzstücke von ihm übernahm.Vgl. Gottfried Mader: Josephus and the politics of historiography: apologetic and impression management in the Bellum Judaicum. Brill, Leiden 2000, S. 6. Ausführlich zu diesem Thema Vassiliki Pothou: Thukydides second-hand bei Flavius Josephus. Zur Rezeption thukydideischer Motive im Bellum Judaicum (= Mnemosyne supplements. Band 473). Brill, Leiden/Boston 2023, ISBN 978-90-04-54586-1. Jedenfalls verstieß er explizit gegen dessen Norm der Objektivität, indem er ankündigte, über das Unglück seiner Heimat und seiner Stadt klagen zu wollen. Angesichts des Leidens im belagerten Jerusalem bricht der Erzähler im 5. Buch dann wirklich in Klage aus und ruft sich zur Ordnung:

Jonathan Price fragt, warum Josephus mit Problemen ringe, die er selbst geschaffen habe: der Widerspruch zwischen Objektivität und Parteilichkeit sei für den antiken Leser geradezu schmerzhaft, und Josephus hätte sein explizites Klagen ebenso gut unterlassen können.Jonathan J. Price: The Provincial Historian in Rome. In: Joseph Sievers, Gaia Lembi (Hrsg.): Josephus and Jewish History in Flavian Rome and Beyond, Leiden 2005, S. 101–120, hier S. 111: Better to avoid laments and patent partisanship, better yet to avoid admission of bias and the need to excuse and explain ist.