mini|hochkant=1.5|Eingangstor zur Gartenstadt aus den 1920er Jahren an der Manfred-von-Richthofen-Straße
Neu-Tempelhof, eigentlich Gartenstadt Neu-Tempelhof, seit der Zeit des Nationalsozialismus auch als Fliegerviertel bezeichnet, ist eine ab dem Jahr 1911 auf dem westlichen Tempelhofer Feld im Berliner Ortsteil Tempelhof entstandene Wohnsiedlung mit gut 16.000 Einwohnern. Die Bebauung wurde durch die Ereignisse des Ersten und Zweiten Weltkriegs unterbrochen und in deren Folge das städtebauliche Konzept vom bürgerlichen Mietshausbau vor 1914 über die dörfliche Gartenstadt der 1920er Jahre zur aufgelockerten Bebauung der 1950er Jahre mehrfach verändert. Die Bebauung konnte erst in den 1960er Jahren abgeschlossen werden. Mit 72 Millionen Mark (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund Millionen Euro) war es das seinerzeit größte Immobiliengeschäft im Deutschen Reich.
Geschichte
Verkauf durch den Militärfiskus Das Tempelhofer Feld, das das preußische Militär seit 1722 als Exerzier- und Übungsplatz genutzt hatte, wurde 1826/1827 von den Tempelhofer Bauern an den preußischen Staat verkauft, weil es durch die militärische Nutzung nur noch eingeschränkt für die Landwirtschaft geeignet war. Da das Gelände inzwischen für großräumige Militärübungen zu klein geworden war, erschloss das Militär neue Übungsflächen in Döberitz und Wünsdorf, sodass das Tempelhofer Feld nicht mehr benötigt wurde. Der Teil westlich des Tempelhofer Damms konnte deshalb verkauft werden, während der östliche Teil weiterhin als Übungs- und Aufmarschgebiet der in Berlin stationierten Truppen benutzt wurde, insbesondere auch für Flugversuche.
mini|Bereich A: Tempelhofer Feld, 1914
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigte die Stadt Berlin kein Interesse am Kauf des Geländes und lehnte 1902 eine Eingemeindung ab. Dies änderte sich, als das Kriegsministerium 1908 das Tempelhofer Feld verkaufen wollte – bereits 1907 war ein kleines, auf der Berliner Gemarkung liegendes Aufmarschfeld an die Stadt verkauft worden. Voraussetzung für ein derartiges Geschäft war die Umgemeindung des Tempelhofer Feldes nach Berlin. Da sich die Verhandlungen über diesen Verkauf längere Zeit hinzogen und auch der Militärfiskus den Verkauf bis 1908 ruhen ließ, glaubte der Magistrat, die Verhandlungen über den Verkauf des Geländes aufschieben zu können. Inzwischen waren aber die Verkaufspläne der Öffentlichkeit bekannt geworden, sodass sich nun auch der Landkreis Teltow, zu dem Tempelhof gehörte, und die Provinz Brandenburg einmischten. Die dortigen Beamten waren der Meinung, dass das Tempelhofer Feld in Tempelhof verbleiben müsste.
Die aufstrebende Stadt Schöneberg legte 1909 durch ihren Stadtbaurat Friedrich Gerlach im Auftrag des Kriegsministeriums einen Bebauungsplan vor, der ein abwechslungsreiches Straßenbild vorsah, das durch enge, gebogene Straßen, die sich zu unterschiedlich großen Plätzen aufweiteten, repräsentiert wurde. Der Entwurf entstand im Geiste des österreichischen Stadtplaners Camillo Sitte, der 1889 sein Buch Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen veröffentlicht hatte. Da das Kriegsministerium an einem möglichst hohen Verkaufspreis interessiert war, sah der Plan eine fünfgeschossige Blockrandbebauung vor, die zu einer hohen Bebauungsdichte geführt hätte.
Die Stadt Berlin trieb allerdings die Eingemeindung weiter voran und legte 1910 einen durch Hermann Jansen bearbeiteten Bebauungsplan vor, der ebenfalls gewundene Straßen sowie einen bis zu 180 Meter breiten Grünstreifen mit Parks, Sport- und Spielanlagen und einer Promenade vorsah. Der Grünstreifen sollte eine Verbindung zwischen dem Viktoriapark in Kreuzberg und den Parkanlagen in Tempelhof schaffen. Eine Blockrandbebauung ohne Seiten- und Quergebäude ergab eine verminderte Bebauungsdichte. Der Militärfiskus begrüßte diese Pläne, weil allein der Stadt Berlin eine derartig große Immobilientransaktion zugetraut wurde.
Der Militärfiskus, der zuvor bereits an anderen Spekulationsgeschäften beteiligt war, hatte sich unterdessen mit der Gemeinde Tempelhof über den Verkauf geeinigt. Entscheidend hierfür war, dass die Deutsche Bank mit der Gemeinde Tempelhof und Unterstützung des Landkreises Teltow einen Finanzierungsplan ausarbeitete. Es kam zur Gründung der Tempelhofer Feld Aktiengesellschaft für Grundstücksverwertung, an der sich auch die Dresdner Bank und später die Darmstädter Bank für Handel und Industrie beteiligte. Vorstand der Aktiengesellschaft wurde der Immobilienunternehmer Georg Haberland, der bereits mit der Berlinischen Boden-Gesellschaft bei der Entwicklung des Bayerischen Viertels in Schöneberg sowie des Rheingauviertels in Wilmersdorf und anderen Projekten im Südwesten Berlins eine wichtige Rolle gespielt hatte.
Erwerb durch die Gemeinde Tempelhof Noch kurz vor Abschluss des Kaufvertrages hatte das Armee-Verwaltungs-Departement durch Einschalten eines unbekannten privaten Konsortiums als Kaufinteressenten versucht, den Kaufpreis in die Höhe zu treiben. Letztendlich kaufte die Gemeinde Tempelhof am 31. August 1910 den westlichen Teil des Tempelhofer Feldes für 72 Millionen Mark zurück. Die Summe sollte in einzelnen Raten bis 1930 bezahlt werden. Da der Kaufpreis für die mittellose Gemeinde Tempelhof sehr hoch war, hatte der Militärfiskus dafür gesorgt, dass der polizeiliche Bebauungsplan geändert wurde, und das verkaufte Gebiet ab 1907 zu 70 % bebaut werden konnte. Durch die Interessenkollision beim Verkauf verlor Haberland sein Stadtverordnetenmandat. Werner Hegemann beschreibt in seinem Buch Das steinerne Berlin 1930 den Verkauf des Tempelhofer Feldes als „klassisches Beispiel engstirnigen fiskalischen Bodenwuchers“ und „amtlich legitimierter Korruption“. Die mit Haberland und anderen Spekulanten zusammenarbeitenden Behördenvertreter wurden nicht zur Rechenschaft gezogen.
Die Gemeinde Tempelhof war an einer wohlhabenden, mittelständischen Bevölkerung interessiert, weshalb das neue Viertel mit ausgedehnten Grünflächen, elektrischer Straßenbeleuchtung und einem U-Bahn-Anschluss großzügig geplant wurde. Zwei Kirchen, fünf Schulen und ein Verwaltungsgebäude wurden für die neuen Bewohner vorgesehen. Ein wichtiges Element war ein 80–120 Meter breiter Parkgürtel, der das Gebiet halbkreisförmig durchziehen sollte. Diese Vorgaben führten zu einem neuen Bebauungsplan-Wettbewerb, an dem sich Felix Genzmer, Theodor Goecke, Bruno Möhring, Josef Stübben und Friedrich Gerlach beteiligten. Die der Fachwelt im Jahr 1911 vorgelegten Entwürfe sorgten für großes Aufsehen.
Lage mini|Unterschiedliche Bauphasen
Die Siedlung Neu-Tempelhof liegt auf einem klar abgegrenzten 145 Hektar großen Gebiet zwischen der Dudenstraße im Norden, dem Tempelhofer Damm im Osten, der Ringbahn und der Stadtautobahn im Süden und der Bahnstrecke Berlin–Dresden im Westen. Im Norden grenzt das Gebiet an Kreuzberg, im Osten an den ehemaligen Flughafen Tempelhof, im Süden an Tempelhof und im Westen an den Ortsteil Schöneberg. Östlich der Dresdener Bahn entstanden ab den 1890er Jahren Kasernen für die hier stationierten Eisenbahnregimenter. Lediglich der Ballonfahrerweg und die Boelckestraße sowie der Tempelhofer Damm unterqueren diese Verkehrstrassen. Seit November 2012 ermöglicht der Alfred-Lion-Steg Fußgängern und Radfahrern die Überquerung der Bahntrasse zum Ortsteil Schöneberg. Die wichtigsten Straßen sind die Boelckestraße, die Manfred-von-Richthofen-Straße und der Werner-Voß-Damm sowie der begrenzende Tempelhofer Damm.
Bebauung Bedingt durch zwei Kriege erstreckte sich die Bebauung nicht ohne konzeptionelle Brüche über einen Zeitraum von 60 Jahren von 1909 bis in die späten 1960er Jahre. In Neu-Tempelhof lassen sich daher vier Bauabschnitte (entsprechend Bereiche A, B, C und D) voneinander unterscheiden, die nacheinander entstanden und auf unterschiedlichen Konzepten beruhen.
Bis 1914 – Bereich A mini|Bereich A: Eingangsgebäude zu Neu-Tempelhof
Im Nordosten zwischen Dudenstraße, Manfred-von-Richthofen-Straße, Kaiserkorso und Tempelhofer Damm entstanden 1912–1913 fünfgeschossige Mietshäuser in hochverdichteter Bebauung, die – entsprechend dem vom Militärfiskus durchgesetzten Bebauungsplan – für das gesamte Gebiet vorgesehen war. Die Planungen sahen Wohnungen für 70.000 Einwohner vor. Die Tempelhofer Feld Aktien-Gesellschaft für Grundstücksverwertung, seit 1911 mit der Erschließung Neu-Tempelhofs betraut, ließ die beiden halbrunden, geschwungenen Wohn- und Geschäftshäuser von Bruno Möhring und Hermann Speck errichten, um für das neue Wohngebiet zu werben. Die beiden imposanten Gebäude dienen als Tor zur Bebauung des Tempelhofer Feldes. Bis zum Jahr 1914 entstanden entlang der Burgherrenstraße, dem Kaiserkorso, der Manfred-von-Richthofen-Straße bis zum Wolffring mehrere Wohnblöcke, von denen aber der Block zwischen Bayernring und Badener Ring und das Eckgebäude am Wolffring im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Der Erste Weltkrieg und die ihm folgende Inflation verhinderten die weitere Umsetzung der dichten Wohnbebauung.
Gartenstadt Neu-Tempelhof – Bereich B mini|Bereich B: Gartenstadt Neu-Tempelhof mini|links|Bereich B: Dörflicher Platz in der Wiesenerstraße mini|Bereich B: Rosengarten am Rumeyplan
Von 1920 bis 1928 entstand die nach dem Vorbild englischer Gartenstädte in aufgelockerter Bauweise und mit Gärten durchsetzte vom damaligen Tempelhofer Bezirksstadtbaurat Fritz Bräuning errichtete Kleinhaussiedlung, die Gartenstadt Neu-Tempelhof. Sie ist nicht nur die größte derartige Anlage im Berliner Stadtgebiet, sondern auch das städtebaulich bedeutendste Ensemble dieser Epoche im Bezirk Tempelhof. Auf Grundlage des bestehenden Bebauungsplans entstand durch Bräuning ein neuer, denn die Erschließung und der Straßenbau sowie der Parkgürtel waren zu Beginn der Siedlungstätigkeit schon so weit fortgeschritten, dass die Linienführung des alten Bebauungsplans in wesentlichen Teilen beibehalten werden musste. In den Wohnstraßen wurden aber die Straßenbreite erheblich verringert, sodass hier die heute prägenden Vorgärten entstehen konnten. An mehreren Stellen (z. B. Wiesenerstraße) öffnen sich kleine Plätze, die eine dörfliche Atmosphäre schaffen. An der Ostseite, gegenüber dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, wurde die Siedlung durch mehrgeschossige Bauten abgeschlossen, die eine ähnliche Funktion wie eine Stadtmauer haben.
Die neu gegründete „Gemeinnützige Tempelhofer-Feld-Heimstätten GmbH“, an deren Grundkapital von fünf Millionen Mark die Stadt Berlin zu 70 Prozent beteiligt war, konnte auf Initiative des sozialdemokratischen Staatssekretärs im preußischen Wohlfahrtsministeriums Adolf Scheidt rund 100 Hektar Baugrund erwerben. Hier sollten ca. 2000 Wohnhäuser mit drei bis fünf Zimmern entstehen, um sie zunächst heimgekehrten Kriegsteilnehmern und ihren Familien anzubieten. Die Gartenstadt ist durch zweigeschossige Einfamilienhäuser mit Gartenland gekennzeichnet, wobei im Wesentlichen nur zwei Haustypen verwendet wurden, die in Gruppen zueinander angeordnet sind: ein zweiachsiger von ca. 5 m × 9 m Grundfläche mit Küche und drei Wohnräumen und ein dreiachsiger von ca. 7 m × 9 m Grundfläche mit Küche und fünf Wohnräumen. Bei allen Häusern ist die Möglichkeit des nachträglichen Einbaus einer Dachkammer vorgesehen worden, um nach Bedarf später noch weiteren Raum zu gewinnen.
Ein typisches Haus mit vier Zimmern, Küche, Bad, Toilette und Flur und 250 m² Garten kostete 20.000 Mark, wovon die Käufer ein Drittel selbst aufzubringen hatten und den Rest durch Darlehen finanzieren konnten. Von den geplanten 2000 Häusern wurden bis 1930 aus Kostengründen nur ca. 1000 realisiert.