mini|Unterschrift in einem Brief an Heinrich Bullinger mini|Pietro Paolo Vergerio mini|Vergerio in einem Kirchenfenster der reformierten Kirche San Niculò (Pontresina) Pietro Paolo Vergerio, auch Pier Paolo Vergerio (* 1498 in Capodistria; † 4. Oktober 1565 in Tübingen) war ein italienischer Advokat, Geistlicher und bis 1549 römisch-katholischer Priester und Bischof in Koper, dann ein lutherischer Theologe, Reformator und Pfarrer im bündnerischen Vicosoprano, Autor, Bibelübersetzer und Diplomat des württembergischen Herzogs Christoph in Tübingen.
Leben und Wirken Ausbildung und Tätigkeit als Nuntius Vergerio wurde im damals zur Republik Venedig gehörenden Ort Capodistria (heute Koper in Slowenien) geboren. In Padua studierte er Jurisprudenz und wurde 1518 zum Doktor der Jurisprudenz promoviert. Nach praktischen Tätigkeiten als Jurist in Verona und Padua ließ er sich 1524 als Advokat in Venedig nieder.Irene Dingel: Vergerio, Pietro Paolo, in: Controversia et Confessio. Quellenedition zur Bekenntnisbildung und Konfessionalisierung (1548-1580) (abgerufen am 19. November 2025) 1529 ging er nach Rom, wo sein Bruder Aurel päpstlicher Sekretär war, und wurde Papst Clemens VII. bekannt gemacht. Dieser sandte ihn mit dem Legaten Campeggi 1530 nach Augsburg zum Reichstag. 1533 wurde er zum Nuntius bei König Ferdinand I. ernannt. Papst Paul III. sandte ihn 1535 abermals in die deutschen Lande, wo er viele Städte wie Wien, Salzburg, München, Heidelberg, Augsburg, Regensburg, Mainz, Köln, Trier, Berlin, Halle, Dresden und Prag besuchte, um die deutschen Fürsten zur Teilnahme an einem Konzil in Mantova zu bewegen. Dabei lernte er am 6. November in Wittenberg Martin Luther persönlich kennen.Theodor Elze: Vergerius, Peter Paul in: Allgemeine Deutsche Biographie 39 (1895), S. 617–621 (abgerufen am 13. November 2025) Er studierte, nachdem er in seine Heimat zurückgekehrt war, dessen Schriften, um sie zu widerlegen.
Bischof in Modrus und Koper Am 5. Mai 1536 wurde er zum Bischof von Modrus bestimmt. Bereits am 6. September 1536 wurde er Bischof in seiner Geburtsstadt Koper. Nach und nach wurde er ein überzeugter Anhänger der Reformation. In seiner Entwicklung, bei der er zunächst die Bibel las, um die reformatorischen Schriften zu widerlegen, und dadurch selbst zu reformatorischem Denken und Glauben geführt wurde, ähnelte Pietro Paolo Vergerio Giovanni Mollio.Ludwig Theodor Elze: Primus Trubers Briefe, Literarischer Verein in Stuttgart, Tübingen 1897, S. 28. Vergerio begann sein Bistum nach den humanistischen und reformatorischen Erkenntnissen neu zu ordnen, indem er Missbräuche im Kult und Korruption in Kirchenämtern zu unterbinden suchte. So schränkte er die weit verbreitete und überbordende Heiligenverehrung ein. Um 1540 besuchte er auf einer längerer Reise Frankreich, wo er insbesondere Margarethe von Navarra traf. Als französischer Delegierter nahm er vom 25. November 1540 bis am 17. Januar 1541 am Religionsgespräch zu Worms und an dessen Fortsetzung vom 5. April bis am 22. Mai 1541 zu Regensburg teil.Theodor Elze: Vergerius, Peter Paul in: Allgemeine Deutsche Biographie 39 (1895), S. 617–621 (abgerufen am 13. November 2025)
1546 verließ er sein Bistum in Istrien, nachdem er am 13. Dezember 1544 durch Frà Bonaventura aus Zara an die Inquisition in Venedig gemeldet, der Ketzerei verdächtigt und als Lutheraner angeklagt wurde. Er kam zwar frei, aber er wurde nicht vollständig rehabilitiert.Irene Dingel: Vergerio, Pietro Paolo, in: Controversia et Confessio. Quellenedition zur Bekenntnisbildung und Konfessionalisierung (1548-1580) (abgerufen am 19. November 2025) Mit seinem ebenfalls evangelisch gesinnten Bruder Giovanni Battista Vergerio (1497–1548), dem Bischof von Pola, der bald darauf in Italien wahrscheinlich durch Vergiftung starb, begaben sie sich nach Mantua zum reformorientierten Kardinal Ercole Gonzaga. Sie wollten sich durch ihn von den Vorwürfen entlasten lassen.Theodor Elze: Vergerius, Peter Paul in: Allgemeine Deutsche Biographie 39 (1895), S. 617–621 (abgerufen am 13. November 2025)
Evangelisches Bekenntnis und Flucht nach Graubünden 1548 erklärte Vergerio schließlich, durch den Widerruf, die nachfolgende Reue und das traurige Ende von Francesco Spiera gewarnt, in einer Schrift seine Übereinstimmung mit der evangelischen Lehre. Am 13. Dezember sandte er eine Abschieds- und Verteidigungsschrift an den Weihbischof von Padua. Er resignierte am 3. Juli 1549 als Bischof von Koper und wurde von der katholischen Kirche exkommuniziert. Bereits zwei Monate zuvor war er über Bergamo nach Chiavenna ins tolerantere Bündnerland geflüchtet, wo er vorerst vom Reformator Agostino Mainardi aufgenommen wurde., Biografie auf flacius.net.Silvana Seidel Menchi: Häretiker im Italien des 16. Jahrhunderts. In: Uwe Israel; Michael Matheus: Protestanten zwischen Venedig und Rom in der Frühen Neuzeit, Studien der Schriftenreihe des Deutschen Studienzentrums in Venedig, Walter de Gruyter, 2013, ISBN 978-3-05006-326-3, S. 25–46.Silvana Seidel Menchi: Erasmus als Ketzer: Reformation und Inquisition im Italien des 16. Jahrhunderts, Studies in medieval and reformation thought, Band 49, Brill 1993, ISBN 978-9-00409-474-1, S. 67–72: Vergleich zwischen dem Fall Vergerio und dem Fall Nacchianti. Ende Mai reiste er weiter nach Chur, Poschiavo, St. Gallen nach Basel.Irene Dingel: Vergerio, Pietro Paolo, in: Controversia et Confessio. Quellenedition zur Bekenntnisbildung und Konfessionalisierung (1548-1580) (abgerufen am 19. November 2025) In Poschiavo half er mit, die neue Buchdruckerei von Dolfino Landolfi zu betreiben, und er predigte dort die Bibel auf evangelische Art und Weise.Theodor Elze: Vergerius, Peter Paul in: Allgemeine Deutsche Biographie 39 (1895), S. 617–621 (abgerufen am 13. November 2025)
1550 nach der Aufnahme in die Bündner Synode wurde er evangelischer Pfarrer von Vicosoprano im bündnerischen Bergell, wo er die Reformation im italienischsprachigen Raum stärkte und etablieren half. So traten innert zwei Jahren die Dörfer Soglio, Stampa und Bondo zum reformierten Glauben über. Aufgrund seiner Zustimmung entweihte ein Mob 1551 die Kirche San Gaudenzio in Casaccia und warf die katholischen Kultgegenstände in den Bach Orlegna.James Blake Wiener: Die Reformation im Bergell, Website blog.nationalmuseum.ch (26. Februar 2026, abgerufen am 23. Juli 2026) Zudem predigte er in vielen Dörfern des Engadins, des Puschlavs und im Veltlin und besuchte auch unerkannt Norditalien. Er schrieb evangelische Traktate und übersetzte einige deutsche reformatorische Schriften ins Italienische, die ab 1549 bei Landolfis Druckerei in Poschiavo verlegt wurden.
Er nahm auch Kontakt mit den Reformatoren in Basel, Bern, Genf und Zürich auf, besonders hervorzuheben ist der Schriftwechsel mit Heinrich Bullinger und Rudolf Gwalther. Aber er fand keine passende Stelle in diesen Städten.Paolo Tognina: . In: „Voce Evangelica“.Simona Rauch: La Riforma in Bregaglia. In: „Vicosoprano“, 5 ottobre 2014.Erich Wenneker: Heinrich Bullinger und die Reformation im Engadin. In: „Bündner Monatsblatt. Zeitschrift für Bündner Geschichte, Landeskunde und Baukultur“, Heft 4, Chur 2004. In den Jahren 1551 bis 1552 reiste er im Kanton Graubünden umher, predigte und mischte sich in die kirchliche Verwaltung ein. Acht politische Gemeinden konnte er für die Reformation gewinnen, so 1551 Samedan. Er wollte die italienischen evangelischen Gemeinden Graubündens in einer eigenen Synode zusammenführen und Kirchenvisitator werden, beides jedoch misslang ihm.Theodor Elze: Vergerius, Peter Paul in: Allgemeine Deutsche Biographie 39 (1895), S. 617–621 (abgerufen am 13. November 2025) Mit dem Reformator Chiavennas, Agostino Mainardi, geriet er in Streit wegen des Verständnisses des Abendmahls und auch über die Führung der Reformierten im Veltlin.
Rat, Reisediplomat und Schriftsteller in Tübingen Im April 1553 folgte er erstmals dem Ruf des württembergischen Herzogs Christoph nach Tübingen. Der Kontakt war durch Bonifacius Amerbach in Basel vermittelt worden.Federico Zuliani: Pier Paolo Vergerio: ministre ou évêque de Vicosoprano? Des modèles pastoraux et ecclésiastiques concurrents dans les Grisons italianophones (1549-1553), Presses universitaires de Rennes, S. 277–293 (abgerufen am 28. August 2026) Er übersetzte die Bekenntnisschriften des Reformators Johannes Brenz ins Italienische. Eher calvinistisch gesinnt, verweigerte er das zwinglianisch geprägte Bekenntnis der reformierten Bündnerkirche, und er musste austreten. Daher bat er im September 1553 den Herzog Christoph um Aufnahme und Arbeit, die ihm gewährt wurden. Anfang November dieses Jahres traf er in Tübingen ein und wurde ab 16. November 1553 vom Herzog zu seinem Rat bestimmt. Er übernahm für ihn diplomatische Aufträge im deutschen Reich, in den Drei Bünden und in Polen. Anfang 1554 widmete ihm der Reformator Matthias Flacius die Schrift De vocabulo fidei et aliis quibusdam vocabulis explicatio.> De vocabulo fidei et aliis quibusdam vocabulis explicatio, in: Controversia et Confessio Digital. Herausgegeben von Irene Dingel (Zugriff am 19. November 2025) Im gleichen Jahr besuchte Vergerio den Juristen und Diplomaten Johannes Sleidanus in Straßburg und gab ihm Beiträge zu seinem kirchengeschichtlichen Werk.Theodor Elze: Vergerius, Peter Paul in: Allgemeine Deutsche Biographie 39 (1895), S. 617–621 (abgerufen am 13. November 2025) Im Januar 1555 traf er in Ulm den slowenischen Reformator Primož Trubar (dt.: Primus Truber) und half ihm bei dessen Bemühungen um eine Übersetzung des Neuen Testaments in die slowenische Sprache.Rudolf Pfister: Um des Glaubens willen. Die evangelischen Flüchtlinge von Locarno und ihre Aufnahme zu Zürich im Jahre 1555. Evangelischer Verlag, Zollikon 1955, S. 52–53.
Im Frühling 1555 reiste er durch die Schweiz, um den Juristen Matteo Gribaldi für die Universität Tübingen zu gewinnen. Im Juni 1556 führte ihn eine größere Reise nach Frankfurt am Main, Jena und Wittenberg, wo er Philipp Melanchthon und Matthias Flacius traf und sich in den Adiaphoristischen Streit einmischte. Danach reiste er zu Herzog Albrecht von Preußen in Königsberg, wo er sich in den Osiandrischen Streit verwickeln ließ. Weiter ging er nach Polen, zu Fürst Radzivil in Wilna und zum Reichstag nach Warschau, wo er gegenüber dem päpstlichen Nuntius Lipomani das calvinistische Bekenntnis verteidigte. In Soldau lernte er die böhmischen Brüder kennen und schätzen, in Leipzig traf er den ausgewanderten Freiherrn Hans Ungnad und kehrte im Frühjahr 1557 nach Tübingen zurück. Noch im gleichen Jahr traf er Theodor Beza und Wilhelm Farel in Göppingen, reiste weiter nach Basel, Genf, Graubünden und kehrte am 17. Juni wieder heim.
Vergerio wandte er sich nun dem Augsburgischen Bekenntnis zu. Ende 1557 und am Anfang des Jahres 1558 reiste er nach Wien zu König Maximilian, um bei diesem eine Zustimmung zu einer Gesandtschaft nach Polen in Religionsangelegenheiten zu erhalten, um die dortigen evangelischen Kirchen zu stärken und zu fördern, was jedoch trotz dessen offener Haltung in Glaubensfragen nicht gelang.Irene Dingel: Vergerio, Pietro Paolo, in: Controversia et Confessio. Quellenedition zur Bekenntnisbildung und Konfessionalisierung (1548-1580) (abgerufen am 19. November 2025) Er verließ Wien mit dem Abenteurer Pavao Skalić und reiste heimlich durch die Steiermark, Krain, Istrien, Görz, Gradisca und Kärnten, und er kam am 19. April 1558 nach Tübingen zurück.